Ayvacik

Was vorher geschah: Im Herbst 2015 war ich für eine journalistische Hospitanz in der Türkei. Die meiste Zeit davon arbeitete ich in Istanbul. Gegen Ende meines Aufenthalts fuhr ich für zwei Tage an den Küstenort Ayvacik, der nur wenige Kilometer von der griechischen Insel Lesbos entfernt liegt und deshalb zum Anlaufpunkt für Flüchtlinge und Schleuserbanden geworden war. Ich sollte dort für eine Reportage zum Thema recherchieren. Gleichzeitig war es auch eine Art beruflicher Selbstfindungstrip, denn damals war ich mir noch unschlüssig, ob ich das ganze Journalismusding durchziehen sollte oder nicht. Die Zeit in Istanbul wurde hier schon in drei Teilen behandelt (1,2,3). Im Folgenden geht es um meine Erlebnisse in Ayvacik.

Ich musste um sechs Uhr morgens am Sabiha-Gökcen-Flughafen sein. Der Flughafen liegt sehr weit auf der asiatischen Seite, und um die Uhrzeit fuhren selbst in Istanbul keine Busse oder Taxis. Verwandte hatten mir aber einen Fahrer vermittelt, der vor einer Weile seinen Job verloren und dann die Marktlücke für sich entdeckt hatte, in den frühen Morgenstunden Menschen durch die Gegend zu fahren.

Der Fahrer sprach gerne über die glorreiche Geschichte der Türkei und erzählte von seinem Besuch in der Stadt Canakkale, wo die Türken vor etwa hundert Jahren eine entscheidende Schlacht gewannen. Er zeigte Bilder von Denkmälern auf seinem Handy, und als sich herausstellte, dass ich nicht nur nie dort gewesen war, sondern auch eher wenig über die Schlacht wusste, war er überrascht. Er bat mich, irgendwann einmal dringend hinzugehen, ich versprach aber nur vage: Ja, mal sehen.

Der Flug bis nach Balikesir dauerte nur eine Stunde. Nach der Ankunft stand ich am Kofferband mit den wenigen Mitreisenden, und als alle ihr Gepäck schon entnommen hatten und gegangen waren, stand ich noch immer am Band. Das blieb dann nach einer Weile stehen, ohne dass mein Koffer in Sicht war. Ich fand ein Servicebüro und klagte einer Mitarbeitern mein Leid. Sie meinte, dass der Koffer falsch verladen worden sein musste, und dass es bei der Fluggesellschaft, mit der ich geflogen war, häufiger vorkomme. Ein bis zwei Wochen würde es dauern, bis ich den Koffer am Flughafen in Istanbul abholen könnte, sagte sie.

Als ich danach vor dem Ausgang unter die Vormittagssonne trat, hatte ich so also nur noch meinen Rucksack bei mir. Ich sah, dass der Flughafen außerhalb der Stadt lag, in der mittelbaren Umgebung sah ich eine Landstraße, die vorbeizog, ansonsten nur Felder. Ich lief los in Richtung Landstraße und kam an einer Schranke vorbei, die von zwei Polizisten bewacht wurde. Ich fragte sie schon von weitem, wie ich am besten in die Stadt komme. Der Ältere gab dem Jüngeren ein Zeichen und kam auf mich zu. Er fragte, woher ich gekommen sei und warum, und obwohl ich es besser wusste, bekam ich das spontane Gefühl, etwas Verwerfliches vorzuhaben. Ich erzählte ihm, dass ich aus Deutschland angereist war, und log hinzu, dass ich nach langer Zeit mal wieder meinen Großvater in Balikesir besuchen wollte. Sein Gesichtsausdruck entspannte sich, er lobte mich dafür, auch im Ausland die Heimat und die Familie nicht vergessen zu haben, ich tat ganz bescheiden und hoffte, nicht noch allzu lange schauspielern zu müssen. Ein Wagen fuhr an die Schranke, der jüngere Polizist ließ ihn nach kurzer Nachfrage beim Fahrer durch. Der Ältere schien plötzlich eine Idee zu haben, er drehte sich schnell um, begann zu rennen und rief und pfiff und winkte dem Wagen hinterher, bis der Fahrer anhielt. „Ayvacik“ weiterlesen