Istanbul, 2015 (II)

Fortsetzung von Teil 1, dessen Einleitung auch hier zutrifft, nämlich: Die Türkei ist in diesen Zeiten ja ein ziemlich großes Gesprächsthema. Ich war vor zwei Jahren für längere Zeit dort, und im Rückblick habe ich den Eindruck, dass viele Entwicklungen, die das Land so kontrovers machen, damals entweder gerade ihren Anfang nahmen oder sich gerade an entscheidenden Wendepunkten befanden. Vielleicht ist das aber auch nur eine unbewusst-nostalgische Überhöhung des Erlebten meinerseits. Lest und entscheidet am besten selbst.

Das Derby fand in Fenerbahces Stadion in Kadiköy statt, also auf der asiatischen Seite. Für mich war das Neuland, denn bei meinen vorherigen Istanbul-Besuchen war ich stets in Europa geblieben, da alle meine Verwandten auf jener Seite wohnen. Als Galatasaray-Anhänger, der an diesem Abend in journalistischer Funktion unterwegs war, war die Hauptaufgabe klar: neutral bleiben.

Nach einigen Ausschreitungen in vergangenen Jahre waren bei solchen Derbys nur noch Anhänger der Heimmannschaft zugelassen. Deswegen wird die Gästemannschaft vor dem Derby immer am Vereinsgelände bejubelt und verabschiedet, solange der Mannschaftsbus die Brücke überquert, ist die Mannschaft dann allein auf sich gestellt. Ich fuhr auch mit dem Bus und war einer der wenigen, die kein gelb-blaues Fener-Trikot trugen. Endstation war eine dunkle Ecke hinter einer Autobahnbrücke. Ich stieg aus und sah nur Gestrüpp, schwach leuchtende Straßenlaternen, irgendwo dahinter das hell leuchtende, obere Drittel des Stadions. Da ich den Weg nicht kannte, lief ich den Fener-Fans hinterher. Keiner von ihnen sprach oder schrie oder sang, denn gegen den Lärm, der vom Stadion herüberdonnerte, hätte keiner eine Chance gehabt. Die Fans im Stadion stimmten gerade einen nicht jugendfreien Sprechchor an, dessen End- und Höhepunkt es war, der Mutter des Rivalen Galatasaray symbolisch den Paarungsakt anzudrohen. Ich war noch zwei, drei Kilometer entfernt, fühlte mich aber, als wäre ich mitten im Block. Und musste mich daran erinnern, dass ich nicht davon eingeschüchtert sein musste, denn ich war ja als Berichterstatter da. Trotzdem: Wie konnte ein Stadion aus dieser Entfernung nur so laut sein? Und wie musste sich das als Spieler des Gegners anfühlen? Ich hoffte, Podolski nach dem Spiel dazu befragen zu können.

Auf der Pressetribüne saß ich in der obersten Reihe, die einen guten Ausblick auf das Feld, aber auch auf die Kollegen von der Presse bot. Als das Spiel begann, fiel mir auf, dass einige von ihnen gar nicht erst versuchten, neutral zu wirken. Sie griffen sich an den Kopf, wenn eine der Mannschaften eine Chance vergab, gestikulierten nach Schiedsrichter-Entscheidungen, solche Sachen. Zwei Reihen vor mir saß einer mit Halbglatze und Brille, der ganz offensichtlich Gala-Anhänger war und voll mit ging. Das bekamen einige Fener-Fans mit, die nur einige Meter von ihm entfernt auf der anderen Seite der Absperrung standen. Sie beschimpften ihn eine Weile, verloren aber bald das Interesse und wandten sich wieder dem Spiel zu. Dann das 1:0, Diego, schönes Tor. Die Sache mit dem feindlich gesinnten Journalisten hatte sich im Block herumgesprochen, und das Tor und die entstehende Ekstase wollten sie dafür nutzen, es ihm heimzuzahlen. Ein Dutzend Fans trat sehr entschieden an die Absperrung zwischen Zuschauerplätzen und Pressetribüne, die nichts mehr als eine leicht zu überkletternde Metallbarriere war. Es entstand förmlich ein Wettkampf darum, wer ihn sich als Erster vorknöpfen durfte. Seltsamerweise blieb der Journalist sitzen und sah recht unberührt dabei zu. Zu seinem Glück schritten Ordner ein, hielten die Leute zurück und blieben für den Rest der Halbzeit zwischen Fans und Zaun stehen.

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In der Halbzeit ging ich mir ein Getränk holen und musste dafür an zwei Kollegen vorbei, die ganz außen saßen. „Istanbul, 2015 (II)“ weiterlesen

Istanbul, 2015

Die Türkei ist in diesen Zeiten ja ein ziemlich großes Gesprächsthema. Ich war vor zwei Jahren für längere Zeit dort, und im Rückblick habe ich den Eindruck, dass viele Entwicklungen, die das Land so kontrovers machen, damals entweder gerade ihren Anfang nahmen oder sich gerade an entscheidenden Wendepunkten befanden. Vielleicht ist das aber auch nur eine unbewusst-nostalgische Überhöhung des Erlebten meinerseits. Lest und entscheidet am besten selbst.

Im Herbst 2015 ging ich also für einige Zeit nach Istanbul, um am dortigen Standort eines großen deutschen Medienunternehmens zu arbeiten. Sie hatten dort ein kleines Team, das täglich Nachrichten aus der Türkei nach Deutschland lieferte, und für eine begrenzte Zeit sollte ich dabei als Hospitant mithelfen. Damals spielte ich noch mit dem Gedanken, Journalist zu werden, da war ein Auslandspraktikum eine hilfreiche Erfahrung, die sich auch, wie sagt man so schön, gut im Lebenslauf macht.

Vor meiner Abreise sah ich ein letztes Mal auf meinem Handy nach, was an jenem Tag so los war in der Welt. Die Welt sprach über einen Terroranschlag in der Türkei, wieder einmal. 102 Tote in Ankara. Ich war seit meiner Kindheit schon sehr häufig in der Türkei, doch als ich in den Flieger stieg, wusste ich nicht so recht, auf was für ein Land ich mich einstellen sollte.

Von weitem hatte ich jedenfalls schon gemerkt, dass die Türkei im Ausland mit steigender Aufmerksamkeit beobachtet wurde, auch mit viel Sorge. Im Bahnhofskiosk meines Vertrauens wurde ich schon länger von immer gleichen Titelblättern begrüßt: roter Hintergrund, dunkle Wolken, bedrohlich große Moscheen, darüber ein Halbmond mit Stern, davor ein sonnenbebrillter Erdogan mit grimmiger Miene, darunter ein Titel wie: „Der Ein-Mann-Staat Erdogan“, „Krawallmacher vom Bosporus“ oder einfach nur ein verzweifeltes „Wer kann ihn stoppen?“

Doch es war ja nicht nur Erdogan, die Türkei hatte mit zahlreichen innenpolitischen Konflikten zu tun: AKP gegen den Rest, Militär gegen PKK, IS-Attentäter gegen alle. Dann gab es aber noch ein ganz anderes, großes Problemthema, das auch Europa direkt betraf, nämlich die Flüchtlingskrise. Es waren also brisante Zeiten für das Land, und auch wenn es zynisch klingt, so dachte ich im Flieger sitzend doch, dass es für Nachrichtenmacher ja auch ziemlich aufregende Zeiten sein mussten. Lehrreiche sowieso. Kurz vor der Landung in Istanbul wählte die Zufallsauswahl meines Handys einen Song aus, der „The World Is Yours“ hieß. Das verlieh der Ankunft irgendwie etwas Filmisches, das Gefühl eines beginnenden Abenteuers.

Als ich an meinem ersten Arbeitstag mit dem Bus losfuhr, gab es auf dem Weg so gut wie keine Straße, in der nicht eine überdimensionale türkische Fahne hing, oder ein Spruchband, auf dem die nationale Einigkeit betont und der Terror verdammt wurde. Die Redaktion lag sehr zentral, direkt an der endlos langen Istiklal-Einkaufsstraße in der Stadtmitte. Nach kurzer Begrüßung und Einarbeitung wurde ich auch schon losgeschickt zur ersten Aufgabe. Mit einer Kollegin fuhren wir in einer Fähre über den Bosporus, um eine Trauerveranstaltung der oppositionellen Partei HDP zu besuchen. Sie hatte die Friedensdemonstration in Ankara ausgerichtet, bei der es zum Bombenanschlag kam.

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Wir kamen in einem Vereinshaus an und wurden in den zweiten Stock gebeten. Männer und Frauen waren von einer aufgerichteten Wand getrennt, an den Tischreihen waren die meisten Plätze besetzt. Wir bekamen etwas Warmes zu essen und kamen mit einem älteren Mann ins Gespräch, der uns gegenübersaß. Ein freundlicher Mann mit weichen Gesichtszügen und langsamen Gesten. Er erzählte, dass er Alevite sei und früher selbst einige Zeit in Deutschland gelebt habe. Nach kurzem Smalltalk lenkten wir das Gespräch pflichtbewusst in Richtung der Themen Attentat und Politik. Der Mann beschwerte sich im leisen Ton über die politische Entwicklung des Landes, er sprach immer wieder davon, dass er in einer Diktatur lebe und sich verfolgt fühle. Ich schrieb alles mit, meine Kollegin ging auf der Frauenseite des Raums auf Zitatjagd. Nach einigen Minuten kam sie aber zurück, weil die Frauen nicht in der Stimmung gewesen waren, mit einer Journalistin zu reden. Dann kam Bewegung und Aufregung in den Raum, der Star kam an. Selahattin Demirtas, HDP-Vorsitzender, kam mit viel Begleitpersonal in den Raum, schüttelte den Organisatoren die Hand, nahm an einem vorbereiteten Tisch Platz und gab vor laufender Kamera ein Statement ab, in dem er den Terroranschlag verurteilte. Als Demirtas aufstand und nach draußen ging, liefen ihm alle nach, also taten wir das auch. „Istanbul, 2015“ weiterlesen