Istanbul, 2015

Die Türkei ist in diesen Zeiten ja ein ziemlich großes Gesprächsthema. Ich war vor zwei Jahren für längere Zeit dort, und im Rückblick habe ich den Eindruck, dass viele Entwicklungen, die das Land so kontrovers machen, damals entweder gerade ihren Anfang nahmen oder sich gerade an entscheidenden Wendepunkten befanden. Vielleicht ist das aber auch nur eine unbewusst-nostalgische Überhöhung des Erlebten meinerseits. Lest und entscheidet am besten selbst.

Im Herbst 2015 ging ich also für einige Zeit nach Istanbul, um am dortigen Standort eines großen deutschen Medienunternehmens zu arbeiten. Sie hatten dort ein kleines Team, das täglich Nachrichten aus der Türkei nach Deutschland lieferte, und für eine begrenzte Zeit sollte ich dabei als Hospitant mithelfen. Damals spielte ich noch mit dem Gedanken, Journalist zu werden, da war ein Auslandspraktikum eine hilfreiche Erfahrung, die sich auch, wie sagt man so schön, gut im Lebenslauf macht.

Vor meiner Abreise sah ich ein letztes Mal auf meinem Handy nach, was an jenem Tag so los war in der Welt. Die Welt sprach über einen Terroranschlag in der Türkei, wieder einmal. 102 Tote in Ankara. Ich war seit meiner Kindheit schon sehr häufig in der Türkei, doch als ich in den Flieger stieg, wusste ich nicht so recht, auf was für ein Land ich mich einstellen sollte.

Von weitem hatte ich jedenfalls schon gemerkt, dass die Türkei im Ausland mit steigender Aufmerksamkeit beobachtet wurde, auch mit viel Sorge. Im Bahnhofskiosk meines Vertrauens wurde ich schon länger von immer gleichen Titelblättern begrüßt: roter Hintergrund, dunkle Wolken, bedrohlich große Moscheen, darüber ein Halbmond mit Stern, davor ein sonnenbebrillter Erdogan mit grimmiger Miene, darunter ein Titel wie: „Der Ein-Mann-Staat Erdogan“, „Krawallmacher vom Bosporus“ oder einfach nur ein verzweifeltes „Wer kann ihn stoppen?“

Doch es war ja nicht nur Erdogan, die Türkei hatte mit zahlreichen innenpolitischen Konflikten zu tun: AKP gegen den Rest, Militär gegen PKK, IS-Attentäter gegen alle. Dann gab es aber noch ein ganz anderes, großes Problemthema, das auch Europa direkt betraf, nämlich die Flüchtlingskrise. Es waren also brisante Zeiten für das Land, und auch wenn es zynisch klingt, so dachte ich im Flieger sitzend doch, dass es für Nachrichtenmacher ja auch ziemlich aufregende Zeiten sein mussten. Lehrreiche sowieso. Kurz vor der Landung in Istanbul wählte die Zufallsauswahl meines Handys einen Song aus, der „The World Is Yours“ hieß. Das verlieh der Ankunft irgendwie etwas Filmisches, das Gefühl eines beginnenden Abenteuers.

Als ich an meinem ersten Arbeitstag mit dem Bus losfuhr, gab es auf dem Weg so gut wie keine Straße, in der nicht eine überdimensionale türkische Fahne hing, oder ein Spruchband, auf dem die nationale Einigkeit betont und der Terror verdammt wurde. Die Redaktion lag sehr zentral, direkt an der endlos langen Istiklal-Einkaufsstraße in der Stadtmitte. Nach kurzer Begrüßung und Einarbeitung wurde ich auch schon losgeschickt zur ersten Aufgabe. Mit einer Kollegin fuhren wir in einer Fähre über den Bosporus, um eine Trauerveranstaltung der oppositionellen Partei HDP zu besuchen. Sie hatte die Friedensdemonstration in Ankara ausgerichtet, bei der es zum Bombenanschlag kam.

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Wir kamen in einem Vereinshaus an und wurden in den zweiten Stock gebeten. Männer und Frauen waren von einer aufgerichteten Wand getrennt, an den Tischreihen waren die meisten Plätze besetzt. Wir bekamen etwas Warmes zu essen und kamen mit einem älteren Mann ins Gespräch, der uns gegenübersaß. Ein freundlicher Mann mit weichen Gesichtszügen und langsamen Gesten. Er erzählte, dass er Alevite sei und früher selbst einige Zeit in Deutschland gelebt habe. Nach kurzem Smalltalk lenkten wir das Gespräch pflichtbewusst in Richtung der Themen Attentat und Politik. Der Mann beschwerte sich im leisen Ton über die politische Entwicklung des Landes, er sprach immer wieder davon, dass er in einer Diktatur lebe und sich verfolgt fühle. Ich schrieb alles mit, meine Kollegin ging auf der Frauenseite des Raums auf Zitatjagd. Nach einigen Minuten kam sie aber zurück, weil die Frauen nicht in der Stimmung gewesen waren, mit einer Journalistin zu reden. Dann kam Bewegung und Aufregung in den Raum, der Star kam an. Selahattin Demirtas, HDP-Vorsitzender, kam mit viel Begleitpersonal in den Raum, schüttelte den Organisatoren die Hand, nahm an einem vorbereiteten Tisch Platz und gab vor laufender Kamera ein Statement ab, in dem er den Terroranschlag verurteilte. Als Demirtas aufstand und nach draußen ging, liefen ihm alle nach, also taten wir das auch. „Istanbul, 2015“ weiterlesen

Der ereignisreiche Transfer des Tolgay A.

Es war eigentlich klar, dass es so kommen musste. Tolgay Arslan ist ein türkischstämmiger Spieler, der bis vor kurzem Bundesligaverein zu mehr oder minder regelmäßigen Einsatzzeiten kam. Damit erfüllt er grundsätzlich das Beuteschema jedes türkischen Profivereins, denn seitdem man in der Süper Lig nur noch eine begrenzte Zahl an ausländischen Spielern einsetzen darf, werden türkische und türkischstämmige Spieler in aller Welt händeringend gesucht. Wenn ein solcher Spieler dann aus dem hoch angesehenen Deutschland kommt, der Liga des Weltmeisters, ist dann umso mehr ein Grund für die Verpflichtung. Ich habe zwar keine Statistik zur Hand, schätze aber mal grob, dass inzwischen um die 30% aller Spieler in der Süper Lig eine deutsche Vorgeschichte hat. Und wenn dann mal ein Verein aus Istanbul anklopft, hören sich das die meisten Spieler aufgrund der Attraktivität der Stadt zumindest auch an.

Deutschtürkische Fußballer und Istanbul, das ist also eine Art ewiger Flirt.

Und Tolgay Arslan schon seit längerem ein Name, der immer wieder durch die türkischen Gazetten wanderte, und als er gegen Ende der Hinrunde seinen Stammplatz beim Hamburger SV verlor und einem Wechsel nicht abgeneigt schien, nahm das Chaos in der Türkei seinen Lauf. Schlagzeilen, Verhandlungen, Enthüllungen, Skandale, alles war dabei in den letzten Tagen. Der Grund: Fußball ist in der Türkei nie nur Fußball, sondern immer auch Streitthema, Zirkus, Lebensinhalt aller Beteiligten, ständig an der Schwelle zum Politikum. Und deswegen wechselte Tolgay Arslan auch am Wochenende nicht nur in die Türkei – nein, er löste, wohl ohne dies zu beabsichtlichen, ein wochenlanges, mediales Erdbeben aus. Und das gehen wir jetzt Schritt für Schritt einmal durch.

31.12.2014, „Fanatik“ sagt: „Tolgay Arslan wird entweder zu Fenerbahce oder zu Galatasaray gehen…“

Kurz vor Jahreswechsel geht es also los. Die Fanatik, in etwa vergleichbar mit der Sportredaktion der BILD auf Speed, wirft Interesse von Fener und Gala an Tolgay Arslan in den Raum, nimmt also gleich mal die zwei absoluten Big Player am Bosporus mit ins Boot.

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Neues, altes Chaos

Oh du verrückte, chaotische, unberechenbare Welt namens Süper Lig. Nebenberuflich sehe ich mir ja Woche für Woche jedes Spiel der drei Großen aus Istanbul an. Diese Woche musste ich eine Auszeit nehmen, da ich die Zeit am Wochenende dazu brauchte, mich für eine Klausur vorzubereiten. Keine Spielszenen, keine Berichte, keine Zeit. Auch als gestern Abend Besiktas auf Kasimpasaspor traf, war ich nicht mit von der Partie, sondern zwischen Bücherstapeln in der Versenkung verschwunden.

Es war nicht schön, aber zwingend, und so viel konnte ich ja auch wieder nicht verpassen, oder? 90 Minuten gewöhnlicher Liga-Alltag, 22 Männer treten gegen den Ball, am Ende gibt es ein Ergebnis, und jeder geht geräuschlos seinen weiteren Weg, richtig? Falsch. Stattdessen herrscht noch heute hellste Aufregung, wieder einmal, und man kommt mit den Reaktionen, Meinungen und Konsequenzen kaum hinterher. Ein Zuschauer steht vor Gericht, ein Spieler gibt an, nie wieder in der Türkei spielen zu wollen, und Markus Merk zofft sich mit Diskussionspartnern im TV-Studio, zudem regnet es erneut Verschwörungstheorien.

Besiktas ging früh durch Almeida in Führung, bevor es nach 30 Minuten zum ersten Mal kurios wurde. Einen zweiten Ball, der auf das Feld gerollt war, nahm Ryan Donk von Kasimpasa in die Hände, bevor er merkte, dass er mit seinen Schritten in Richtung des Balls ein mögliches Abseits aufgehoben hatte und sich mit dem Ball in der Hand nun der Möglichkeit eines Gegentors ausgesetzt sah, da inzwischen Almeida den Ball im Strafraum bekommen hatte. Donk löste dieses Problem schnell und kompromisslos, er schleuderte den Ball, den er in der Hand hielt, auf den Ball, den Almeida gerade in Richtung Tor befördern wollte. Der Schiedsrichter stoppte das Spiel, zeigte Donk die Gelbe Karte und ließ per Schiedsrichter-Ball weiterspielen, und ich habe keine Ahnung, wie richtig oder wie falsch er mit diesem Vorgehen lag.

Im zweiten Durchgang drehte Kasimpasa das Spiel. Auf den Rängen drehte ein Zuschauer durch.

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