Durchgehört: Jay Z – The Blueprint

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Erscheinungsdatum: 11.09.2001

Ganz unabhängig von ihrer Musik geben schon das Drumherum ihrer Veröffentlichung dieser CD eine besondere Note: Sie erschien an 09/11 und ging trotzdem weg wie warme Semmeln (420.000 Verkäufe in einer Woche), sie beinhaltete einen Diss-Track gegen Jay Z’s damaligen Erzrivalen Nas und wurde damit ein Teil eines der meistbeachteten Hip-Hop-Konflikte aller Zeiten, und sie verhalf Namen wie Kanye West und Just Blaze zum Durchbruch, die wiederum mit ihrem auf damals sehr ungewöhnlichen Soul-Samples basierenden Sound die Renaissance einer Stilrichtung einläuteten, die in den Folgejahren viele Nachahmer finden sollte.

Über zu wenig Bedeutungsschwangerschaft konnte sich das blaue Album also noch nie beschweren. Mal sehen, wie der Inhalt der CD über 11 Jahre nach der Veröffentlichung daherkommt. Und Kopfhörer auf.

1. The Ruler’s Back

Los geht es mit einer Reminiszenz an einen Pionier, nämlich an Slick Rick, auf dessen 1988 erschienenem Album The Great Adventures Of Slick Rick ein Stück mit dem gleichen Titel zu finden war, bei dessen Textinhalt und Beat sich Jay Z und Produzent Bink bedienen. Ein gut klingender Einstieg, der gegen Ende ankündigt, dass es im Stück danach gleich richtig zur Sache geht. In den letzten Bars nennt Jay Z seine damaligen Rocafella-Kompanen alle beim Namen und streut damit bereits eine erste Antwort auf Nas ein, der eben diese Reimweise in einem an seinen Gegenpart gerichteten Radio-Freestyle benutzt hatte (Rip the Freeway, shoot through Memphis with Moneybags/ Go to Philly, order cheese steak, and eat Beans fast).

2. Takeover

Und dann werden die Waffen gezückt. Kanye West sampelt Five To One von The Doors und bastelt daraus ein aggressiv klingendes Monstrum, das von Stimmfetzen von Jim Morrison unterfüttert wird und ein perfektes Gerüst für das Vorhaben des Protagonisten bietet. Und das lautet Abrechnung, mit alles und jedem. “Watch out! We run New York!” brüllt ein ebenso miteingebautes Vocal-Sample von KRS One. Dementsprechend positioniert sich Jay Z hier als König der New Yorker Rapszene und möchte daher jeden aus dem Weg räumen, der ihm dabei im Weg steht. Im ersten und vierten Vers geht es ganz raptypisch gegen namentlich nicht näher bezeichnete Rapper, die mit Allgemeinplätzen abgefertigt werden („We kill you motherfucking ants with a sledgehammer“ usw.). Im zweiten Vers wird dann das aus Queensbridge stammende Duo Mobb Deep attackiert, da dessen eine Hälfte Prodigy in verschiedenen Interviews gegen Jay Z gestichelt hatte. Der Hauptteil befindet sich aber natürlich im dritten Vers, der auf den großen Rivalen Nas abzielt. Der Konflikt zwischen Jay und Nas zog sich über mehrere Jahre hinweg und wird aufgrund seines Umfangs später hier wohl noch einmal in einem eigenen Beitrag thematisiert werden, daher konzentrieren wir uns nur auf die 32 Zeilen, in denen Jay Z seinen Feind zu diskretieren versucht und die kurz nach Erscheinen von der Allgemeinheit als das Ende von Nas’ Karriere angesehen wurden. Und man muss sagen, die Attacke kommt gut durchdacht daher. Er geht auf die fallende Qualität in Nas’ Musik nach seinem Debüt Illmatic ein, greift die Authentizität seiner Texte an und deutet am Ende sogar eine Affäre mit Nasirs Geliebten an. Ohne Zweifel einer der besten Disstracks überhaupt.

3. Izzo (H.O.V.A.)

Der Titel des dritten Tracks ist eine Kreation aus dem von Snoop Dogg populär gemachten “Izzle”-Slang, sodass der Refrain “H to the Izzo, V to the Izzay” nichts anderes ist als die Buchstabierung des von Jay Z sich selbst verliehenen gegeben Beinamen “Hova” (von Jay-Hova, was wiederum auf den Begriff Jehova abzielt, der Herr sieht sich also als den Gott des Rap…Wie ich merke, verrenne ich mich hier gerade in einer Namenserläuterung nach der anderen) darstellt, nur eben in der coolen Rapper-Version. Von all dem Slang mal abgesehen, habe ich mir nie viel aus dem Lied gemacht, der Beat, für den sich Kanye West diesmal bei den Jackson 5 bedient hat, kam mir immer etwas nervig vor. Das hielt dieses Lied aber nicht davon ab, sich gut zu verkaufen und zum ersten Top 10-Hit in der Karriere des Jay Z zu werden.

4. Girls, Girls, Girls

Der Inhalt wird vom Titel perfekt zusammengefasst. Jay Z widmet jedem Mädel in seinem Leben zwischen zwei und vier Zeilen und beschreibt darin verschiedene Gewohnheiten und Charakterzüge seiner Gespielinnen, was oft genug humorvoll daherkommt. Der Beat stammt von Just Blaze und ist ein souliges, schönes Ding. Mich stört hier nur der recht unbeholfen zusammengestammelte Refrain, auch wenn er jeweils von den Legenden Biz Markie, Q-Tip und Slick Rick eingesungen wurde.

5. Jigga That Nigga

Als ich das Album kaufte, war ich noch zarte 15 Jahre alt und HipHop war mir weitestgehend nur in der durch Mainstream-Medien wie Bravo, Viva und Konsorten gefilterten Form bekannt. Ich war also eher mit den kommerziellen Stücken vertraut, die von Rappern in die Alben miteingestreut werden, um sie als Single zu veröffentlichen und bestenfalls hohe Verkaufszahlen und eine größere Bekanntheit abzustauben. Das erklärt auch, warum mir anno 2001 auf Anhieb dieses Stück hier am meisten gefiel. Es ist nämlich in Sachen Sound und Inhalt das mainstreamfreundlichste auf der CD. Aus heutiger Sicht gefällt es mir lange nicht so gut wie damals, das Unspektakuläre überwiegt.

6. U Don’t Know

Und dann dieses Brett. Wer sich etwas aus Hip Hop macht, muss dieses Stück schon allein für die bombastische musikalische Untermalung lieben, für die erneut Just Blaze verantwortlich zeichnet. Ich bin mit der gesamten Diskographie des Jay Z gut vertraut, und es gibt nicht viele Lieder, die mir noch besser gefallen als dieses. Wirklich sehr gut. So gut, dass es auf dem nächsten Ableger der Blueprint-Reihe ein ebenso hörenswerter Remix mit M.O.P. erschien.

7. Hola Hovito

Eine von vielen Kooperationen zwischen Jay Z und Timbaland, deren Qualität sich mit den Jahren leider stetig gen Keller entwickelt hat. Anfangs überging ich das Lied meistens, ohne recht zu wissen warum, inzwischen höre ich es aber gerne. Vor allem bei aufgedrehter Lautstärke im Auto kommt der Beat sehr gut zur Entfaltung, und Jay Z spielt mit variierenden Flows eine seiner größten Stärken aus, auch wenn er dabei nichts Weltbewegendes rappt. Oder halt, da war doch was. “And if I aint better than B.I.G./I’m the closest one”….Will er damit nicht schon andeuten, dass er sich sehr wohl für besser hält? Geschickt verpackte Botschaft, über die sich streiten lässt.

8. Heart Of The City (Ain’t No Love)

Nachdem Just Blaze seit seinem letzten Auftritt zweimal glänzen durfte, streut nun Kanye West wieder zwei von ihm produzierte Tracks ein. Für den ersten bedient er sich bei einem R&B-Hit aus den 70ern und erstellt einen erneut sehr souligen Beat, der stellvertretend für den Sound der ganzen CD steht. Jay Z nutzt die gut klindende Plattform, um auf gewohnt routinierte Art und Weise mit allen Kontrahenten abzurechnen, die aus irgendwelchen Gründen irgendetwas gegen ihn haben. “Sensitive thugs, you all need hugs”. Rundes Ding.

9. Never Change

Never Change ist der Zwillingsbruder vom vorherigen Stück: von Kanye West produziert, Soul-Sample, ebenso hübsch anzuhören. Der Text ist erneut ganz jayztypisch ichbezogen, von der Kindheit über den Drogenverkauf in der Jugend bis hin zum Erfolg als Rapper. Es wird zwischendurch auch witzig, aber eher unfreiwillig: Jay Z behauptet nämlich, in seiner Vergangenheit als Drogendealer einmal 92 Kilo verloren zu haben, sodass er fünf Tage am Stück “arbeiten” (Drogen verchecken) musste, um die entstandenen Schulden abzubezahlen. Ich habe irgendwo im Internet mal einen witzigen Kommentar zu jener Stelle gelesen, dass es nicht einmal einen Cheat in GTA gibt, um sich aus solch einer Situation schadenlos zu befreien.

10. Song Cry

Ein sehr untypischer Track für Jay Z, da die gerappte Geschichte sehr auf die Gefühle des Ich-Erzählers eingeht, und Gefühlsrap eigentlich nicht zu den Tätigkeitsfeldern des Shawn Carter gehört. Und doch funktioniert es. Produzent Just Blaze hat einmal Folgendes erzählt: Nachdem er Jay Z, der seine Raps vor der endgültigen Version des Beats aufgenommen hatte, die nun fertige Version vorspielte, habe der das Telefon genommen, die Nummer von Timbaland gewählt und ihm mitgeteilt, dass er ihn zwar sehr schätze, Just Blaze aber mit Abstand der beste Produzent der Welt sei. Schöne Anekdote, auch wenn der arme Timbaland sich am anderen Ende der Leitung wohl ziemlich seltsam gefühlt haben muss.

11. All I Need

Jay Z rappt über Sachen, die ihm wichtig sind. Rocawear, Armadale, Mädels und die Kameraden aus seiner Crew. Dieses Stück ist wohl das am wenigsten bekannte auf der CD, und das mit Recht. Beim Hörer drängt sich der Gedanke auf, dass man gegen Ende der Deadline noch einen Track gebraucht hat, und daran kann auch die Tatsache nichts ändern, dass die erste Zeile 2011 in der ersten Single von Watch The Throne, dem Kollabo-Album von Jay Z und Kanye West, gesamplet wurde.

12. Renegade

Was wurde und wird über diesen Song diskutiert. Ohne übertreiben zu wollen, kann man ihm ja gewissermaßen eine raphistorische Bedeutung zumessen. Denn heute noch wird bei jeder Zusammenarbeit von zwei oder mehr Rappern stets kurz nach Erscheinen eine Frage heiß diskutiert: Wer war besser? Wer hat die besseren Reime, den besseren Flow, das bessere Gesamtauftreten? Und diese Tradition hat ihren Ursprung in Renegade. Denn als Nas auf den oben besprochenen Takeover-Angriff mit seinem Diss-Track Ether antwortete, beinhaltete dieser neben unzähligen weiteren Beleidigungen auch die Zeile “Eminem murdered you on your own shit”. Ist also der Part von Eminem, der einzige Gast-Akteur auf dem Album, wirklich so viel besser als der von Jay, ist er überhaupt besser? Muss jeder für sich entscheiden, was man dabei aber beachten sollte, ist die Tatsache, dass die Raps von Eminem bereits aufgenommen waren, bevor Jay Z den Beat erhielt und seinen Teil aufnahm. Herausgekommen ist jedenfalls ein hörenswertes Hin und Her, auch wenn ich generell nicht der größte Fan von Eminems Produktion bin.

13. Blueprint (Momma Loves Me)

Alte Jay Z-Tradition: das Album mit einem sehr persönlich gehaltenen Stück beenden. In diesem geht es um seine Kindheit, seine Verwandten, seinen Werdegang. Schönes, ruhiges Ende.

Fazit: The Blueprint ist ein sehr gutes Album. Es gehört sicherlich zu den besten in der Karriere des Jay Z, auch wenn ich sein Debüt Reasonable Doubt wohl doch etwas besser einschätze. Die Produktion klingt auch über ein Jahrzehnt später ansprechend, wobei die von Kanye West und Just Blaze zubereiteten Stücke herausragen. Der rappende Protagonist ist ebenfalls in Top-Form und glänzt durch abwechselnde Flows, clevere Wortspiele und selbstbewusste Präsenz. Es gibt zwar einige kleinere Durchhänger (Jigga That Nigga, All I Need), doch aufgrund der Qualität der meisten Songs und der bahnbrechenden Produktion kann man hier mit gutem Gewissen von einem Klassiker sprechen.