Rodgers macht es vor

Die seit Jahren geführte Diskussion um Homosexualität im deutschen Profifußball konnte ich in ihrem Umfang nie vollständig nachvollziehen. Wenn ich den Konsens der öffentlichen Diskussion richtig in Erinnerung habe, dann lautete dieser, dass im aktuellen Zustand des Fußballkosmos das Outing eines homosexuellen Profis praktisch unmöglich sei, da das öffentliche Bild des Fußballers schon immer von eher traditionellen Komponenten geprägt sei wie Stärke, Aggressivität und eben echter „Männlichkeit“. Da könne Homosexualität in der Gesellschaft inzwischen noch so akzeptiert sein, dem Fußball wird es nicht zugetraut.

Zunächst einmal ist ein Outing ja kein Muss bzw. etwas, das irgendwann jemandem aufgedrängt werden sollte. Der hohe Grad der Tabuisierung hat ja nun bereits dazu geführt, dass der erste Profi, der sich irgendwann einmal outen sollte, ein unfassbar großes Medienecho handhaben wird müssen. Das ist sicher nicht einfach, und wenn man da als Betroffener keinen Bock drauf hat, ist das verständlich.

Falls es aber Spieler geben sollte, die aufgrund der Schwierigkeit des Themas eine Art Doppelleben führen müssen – und das wird bei den meisten der Fall sein – und für die eine öffentliche Klärung der Tatsache auch eine große Befreiung wäre, dann sehe ich ehrlich gesagt nicht viel, was so stark dagegen sprechen sollte.

Natürlich würde der Spieler neben dem Medienhype mit Beleidigungen und Beschimpfungen von tausenden Trotteln auf den gegnerischen Rängen rechnen müssen, aber wird nicht bereits jetzt jeder Fußball Spielende irgendwann damit konfrontiert? Fußballer an sich sind für manche Zuschauer immer Freiwild, egal ob im großen Stadion oder auf dem Dorfplatz. Das Runtermachen vom Seitenrand ist gang und gäbe, damit muss man leben. Wir haben bei uns in der Liga eine sehr heimstarke Mannschaft, die bei jedem Spiel von einer großen Rentnertruppe unterstützt wird, die immer in der gleichen Ecke steht, während der Partie aus dem Nichts traditionelle Lieder anstimmt und jede Aktion ihrer Jungs bejubelt. Nur leider sind diese Rentner-Fans auch sehr rassistisch eingestellt. So rassistisch, dass einmal sogar neben den gewöhnlichen Beschimpfungen von mir und den anderen südländischen Jungs auch unser blonder, großer Stürmer mit den Worten „Du kannst doch nix, du dummer Ausländer!“ konfrontiert wurde. Eine Anekdote, die bei uns noch immer für Lacher sorgt. Was ich damit sagen will, ist von Zuschauern geäußerte Homophobie wirklich so viel schlimmer als andere Arten der Beleidigung, wie das eben genannte Beispiel Rassismus? Zumal die Profis im Stadion diese Beleidigungen im Normalfall aufgrund der räumlichen Distanz nicht im Einzelnen zu hören bekommen sollten. Wenn ich mir es also überlege, würde die Konsequenz wohl in etwa so aussehen: der erste sich outende Spieler würde bei den nächsten Auswärtsspielen ausgebuht, bis den Buh-Rufern irgendwann die Lust vergeht, danach würde der nächste sich outen, bei dem die Aufregung in den Medien nicht mehr ganz so groß wäre wie bei seinem Vorgänger, dann der nächste, usw. bis es dann irgendwann kein großer Akt mehr wäre.

Sehe ich das vielleicht zu locker? Ich weiß es nicht so genau. Aber seit gestern gibt es ein Beispiel, das meine These zu stützen scheint.

Der US-amerikanische Profi Robbie Rogers hatte vor einigen Monaten für Schlagzeilen gesorgt, als er öffentlich zu seiner Homosexualität stand, gleichzeitig aber mit nur 25 Jahren seinen sofortigen Rücktritt bekannt gab. Inzwischen hat Rogers, der in den letzten Jahren auch in Europa unter anderem beim SC Heerenveen und bei Leeds United unter Vertrag stand, sich aber nie so richtig durchsetzen konnte, mit der Unterschrift bei Los Angeles Galaxy sein Comeback gegeben. Sein erster Einsatz gestern war sportlich nicht besonders spektakulär, er wurde in der 77. Minute eingewechselt, als beim Stand von 3:0 für seine Mannschaft der Sieg schon klar war. Doch aufgrund der Umstände war er im Mittelpunkt des Geschehen und selbst vor seiner Einwechslung waren viele Kameras auf den auf der Bank sitzenden Rogers gerichtet. Als es dann soweit war und er in die Partie kam, gab es lauten Applaus im ganzen Stadion. Nach dem Spiel gab er dann lächelnd ein kurzes Interview und machte einen rundum zufriedenen Eindruck. Er scheint also nun ein als homosexuell bekannter Profifußballer zu sein, der ungestört seinen Beruf weiterhin ausüben kann. Ich sehe einfach nicht, warum das hier bei uns derart unmöglich sein soll.

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