Phife

Wenn mir etwas gefällt, will ich alles darüber wissen. Wo die Sache herkommt, wer sie in ihrer Vergangenheit am besten beherrschte, wie es dazu kommen konnte, dass sie sich über die Jahre erhalten und mir wichtig geworden ist.

Als Junge sah ich mir immer gerne die Wiederholungen verschiedener Jahrhundertspiele des Fußballs an und sah Helden vergangener Epochen wie Maradona, Pele und Beckenbauer so erstmals in Aktion. Ähnlich lief es mit anderen Hobbies ab. Filme wie die ersten zwei Teile des Paten oder Taxi Driver zählen heute zu meinen absoluten Favoriten, alle Bücher und Erzählungen von Kafka ebenso. Das Prinzip funktioniert auch im Hip Hop. In ganz jungen Jahren war ich nur von Rap, ohne richtig zu wissen, wo diese Musikrichtung und die dazugehörige Kultur herkommt und was sie ausmacht. Also begann ich nach einiger Zeit, mich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und mir vor allem Alben zu besorgen, die als absolute Klassiker des Genres gelten. Es brachte viele Erkenntnisse mit sich: Biggie war wirklich so unfassbar gut, wie alle immer sagen. Run-D.M.C klangen wirklich ganz anders als alles andere vor ihnen. Und ja, Rakim ist ein unglaublicher Poet.

Genauso stieß ich auch auf die Gruppe A Tribe Called Quest, die Anfang der neunziger Jahre maßgeblich für den typischen New Yorker Sound stand und vor allem mit zwei Alben in Erinnerung geblieben ist: The Low End Theory und Midnight Marauders. Ich hörte beide Alben über zwanzig Jahre nach ihrem Erscheinen und merkte, was ich verpasst hatte. Ich weiß nicht, ob es nur bei mir so ist, aber es gibt Songs und Alben, die am besten in eine bestimmte Jahreszeit passen. Wenn wir im Bereich Hip Hop bleiben, fallen mir spontan Liquid Swords von GZA oder Vom Bordstein bis zur Skyline von Bushido ein, die mit ihren düsteren, dunklen Beats noch düsterer und dunkler klingen, wenn man sie nicht bei Sonnenschein, sondern in einer Winternacht anhört.

ATCQ ist das Gegenteil, denn ATCQ ist Sommermusik. Ihre Songs bestanden aus einem gutelaunemachenden Zusammenspiel von dominantem Bass und unzähligen Jazz-Samples, das ich mir am liebsten anhöre, wenn ich an einem warmen Tag im Frühling oder Sommer durch die Straßen fahre.

Es gab zwei MCs, die den rappenden Part der Gruppe übernahmen, den recht bekannten Q-Tip und den eher unbekannten Phife Dawg. Letzterer machte mich mit einem einzigen Part zum Fan. Auf The Low End Theory ist Phife Dawg auf dem ersten Song nicht zu hören, sondern nur sein Partner Q-Tip. Auf dem zweiten Song (Buggin‘ Out) aber stellt er sich dann aber auf eine Art und Weise vor, die ich nach dem ersten Anhören nie vergessen habe. Zuerst hört man nur ein paar Sekunden lang nur den Bass, dann greift er zeitgleich mit den Drums ein und legt los:

Yo, microphone check one, two, what is this?
The five foot assassin with the roughneck business…

Danach folgen 16 weitere Zeilen gekonnter Rap im gleichen selbstbewussten Grundton. Er hatte eine unverkennbare Stimme und haute ständig Punchlines aus, in denen er in klassischer Hip-Hop-Manier vermeintliche Schwächen und Nachteile zu Argumenten seiner eigenene Unbezwingbarkeit umbaute. Seine Diabeteserkrankung etwa war für ihn als Rapper kein Grund zum Lamentieren, sondern zu der Zeile: When’s the last time you heard a funky diabetic?

Dass ihm die Krankheit mit den Jahren aber doch zu schaffen machte, kann man in der Dokumentation sehen, die der Schauspieler und Fan Michael Rapaport vor einigen Jahren über ATCQ veröffentlichte. Zu jenem Zeitpunkt hatte sich die Gruppe schon längst aufgelöst, vor allem weil es zwischen den zwei Frontmännern Q-Tip und Phife Dawg immer wieder zu Reibereien gekommen war. Da sich Phife aber einer Nierentransplantation unterziehen musste und auf finanzielle Hilfe angewiesen war, schloss man sich für eine weitere Tour zusammen. Bei der kam es dann aber zum endgültigen Bruch. Wer mehr über A Tribe Called Quest, ihre Bedeutung für Hip Hop und das schwierige Verhältnis der zwei Protagonisten erfahren möchte, dem kann ich den sehenswerten Film nur empfehlen.

ATCQ standen für intelligenten und kreativen Rap am meisten. Ich bin froh, sie entdeckt zu haben. Und das auch und vor allem wegen Phife Dawg. Neben dem eher lässig rappenden Q-Tip war er mit seinen selbstbewussten Texten und der fast schon schrillen Stimme der klassische Gegenpol, zusammen ergaben sie eine sehr hörenswerte Miscung.

Wie jedes Jahr habe ich heute ihre Alben herausgekramt, also vermeintlich passenderweise zu Zeiten des einsetzenden Frühlings. Vor allem mein Liebling Buggin‘ Out läuft hier in Endlosschleife. Der Anlass ist aber ein trauriger, denn Phife Dawg ist letzte Nacht leider verstorben. Er wurde 45 Jahre alt.

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