Istanbul, 2015

Die Türkei ist in diesen Zeiten ja ein ziemlich großes Gesprächsthema. Ich war vor zwei Jahren für längere Zeit dort, und im Rückblick habe ich den Eindruck, dass viele Entwicklungen, die das Land so kontrovers machen, damals entweder gerade ihren Anfang nahmen oder sich gerade an entscheidenden Wendepunkten befanden. Vielleicht ist das aber auch nur eine unbewusst-nostalgische Überhöhung des Erlebten meinerseits. Lest und entscheidet am besten selbst.

Im Herbst 2015 ging ich also für einige Zeit nach Istanbul, um am dortigen Standort eines großen deutschen Medienunternehmens zu arbeiten. Sie hatten dort ein kleines Team, das täglich Nachrichten aus der Türkei nach Deutschland lieferte, und für eine begrenzte Zeit sollte ich dabei als Hospitant mithelfen. Damals spielte ich noch mit dem Gedanken, Journalist zu werden, da war ein Auslandspraktikum eine hilfreiche Erfahrung, die sich auch, wie sagt man so schön, gut im Lebenslauf macht.

Vor meiner Abreise sah ich ein letztes Mal auf meinem Handy nach, was an jenem Tag so los war in der Welt. Die Welt sprach über einen Terroranschlag in der Türkei, wieder einmal. 102 Tote in Ankara. Ich war seit meiner Kindheit schon sehr häufig in der Türkei, doch als ich in den Flieger stieg, wusste ich nicht so recht, auf was für ein Land ich mich einstellen sollte.

Von weitem hatte ich jedenfalls schon gemerkt, dass die Türkei im Ausland mit steigender Aufmerksamkeit beobachtet wurde, auch mit viel Sorge. Im Bahnhofskiosk meines Vertrauens wurde ich schon länger von immer gleichen Titelblättern begrüßt: roter Hintergrund, dunkle Wolken, bedrohlich große Moscheen, darüber ein Halbmond mit Stern, davor ein sonnenbebrillter Erdogan mit grimmiger Miene, darunter ein Titel wie: „Der Ein-Mann-Staat Erdogan“, „Krawallmacher vom Bosporus“ oder einfach nur ein verzweifeltes „Wer kann ihn stoppen?“

Doch es war ja nicht nur Erdogan, die Türkei hatte mit zahlreichen innenpolitischen Konflikten zu tun: AKP gegen den Rest, Militär gegen PKK, IS-Attentäter gegen alle. Dann gab es aber noch ein ganz anderes, großes Problemthema, das auch Europa direkt betraf, nämlich die Flüchtlingskrise. Es waren also brisante Zeiten für das Land, und auch wenn es zynisch klingt, so dachte ich im Flieger sitzend doch, dass es für Nachrichtenmacher ja auch ziemlich aufregende Zeiten sein mussten. Lehrreiche sowieso. Kurz vor der Landung in Istanbul wählte die Zufallsauswahl meines Handys einen Song aus, der „The World Is Yours“ hieß. Das verlieh der Ankunft irgendwie etwas Filmisches, das Gefühl eines beginnenden Abenteuers.

Als ich an meinem ersten Arbeitstag mit dem Bus losfuhr, gab es auf dem Weg so gut wie keine Straße, in der nicht eine überdimensionale türkische Fahne hing, oder ein Spruchband, auf dem die nationale Einigkeit betont und der Terror verdammt wurde. Die Redaktion lag sehr zentral, direkt an der endlos langen Istiklal-Einkaufsstraße in der Stadtmitte. Nach kurzer Begrüßung und Einarbeitung wurde ich auch schon losgeschickt zur ersten Aufgabe. Mit einer Kollegin fuhren wir in einer Fähre über den Bosporus, um eine Trauerveranstaltung der oppositionellen Partei HDP zu besuchen. Sie hatte die Friedensdemonstration in Ankara ausgerichtet, bei der es zum Bombenanschlag kam.

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Wir kamen in einem Vereinshaus an und wurden in den zweiten Stock gebeten. Männer und Frauen waren von einer aufgerichteten Wand getrennt, an den Tischreihen waren die meisten Plätze besetzt. Wir bekamen etwas Warmes zu essen und kamen mit einem älteren Mann ins Gespräch, der uns gegenübersaß. Ein freundlicher Mann mit weichen Gesichtszügen und langsamen Gesten. Er erzählte, dass er Alevite sei und früher selbst einige Zeit in Deutschland gelebt habe. Nach kurzem Smalltalk lenkten wir das Gespräch pflichtbewusst in Richtung der Themen Attentat und Politik. Der Mann beschwerte sich im leisen Ton über die politische Entwicklung des Landes, er sprach immer wieder davon, dass er in einer Diktatur lebe und sich verfolgt fühle. Ich schrieb alles mit, meine Kollegin ging auf der Frauenseite des Raums auf Zitatjagd. Nach einigen Minuten kam sie aber zurück, weil die Frauen nicht in der Stimmung gewesen waren, mit einer Journalistin zu reden. Dann kam Bewegung und Aufregung in den Raum, der Star kam an. Selahattin Demirtas, HDP-Vorsitzender, kam mit viel Begleitpersonal in den Raum, schüttelte den Organisatoren die Hand, nahm an einem vorbereiteten Tisch Platz und gab vor laufender Kamera ein Statement ab, in dem er den Terroranschlag verurteilte. Als Demirtas aufstand und nach draußen ging, liefen ihm alle nach, also taten wir das auch. „Istanbul, 2015“ weiterlesen

Ein gefühltes Derby

Am Wochenende gab es mal wieder ein Istanbul-Derby, und es war wieder einiges los. Oder um es im Clickbait-Slang zu sagen: Der Schiri pfiff das Spiel an, und was dann alles passierte, wird dich umhauen. Aber so ist das ja häufig, wenn zwei Mannschaften des Istanbuler Spitzenteam-Trios Besiktas, Fenerbahce und Galatasaray aufeinandertreffen. Über die fußballerische Qualität solcher Begegnungen kann man streiten, aber wie sehr und wie häufig die Emotionen bei allen Beteiligten eskalieren, das ist schon immer wieder besonders. Als Zuschauer kann man bei diesen Derbys alle extremen menschlichen Gefühle beobachten, positiv wie negativ, alle auf einmal: Ekstase, Aggression, Rivalität, Hingabe, Provokationen. Es geht nur darum, besser als der Stadtrivale zu sein, die Etikette ist egal.

All das traf auch auf das jüngste Beispiel zu, das Pokal-Achtelfinale am Sonntag zwischen Besiktas und Fenerbahce, das die Gäste mit 1:0 gewannen. Es wurde wieder munter gestritten, geschrien, gejubelt und gelitten. Es gab wieder eine Reihe außergewöhnlicher Szenen, die auch Tage danach noch für heftige Diskussionen in der Türkei sorgen.

Doch wie schneidet das Emotions- und Eskalationslevel in diesem Derby im Vergleich zu vorherigen Istanbul-Derbys ab? Das ist ganz einfach herauszufinden: Man nimmt die wichtigsten Szenen, gibt jeder einzelnen einen Wert zwischen 1 bis 10 auf der Emotionsskala und rechnet errechnet am Ende den Durchschnitt.

Zur Orientierung sind hier zwei Beispiele von beiden Enden der Skala:

Im September 2013 trafen Besiktas und Galatasaray im Olympiastadion aufeinander. Besiktas ging in Führung, Gala drehte die Partie. Felipe Melo sah Rot und hielt beim Verlassen des Rasens den gegnerischen Fans sein Trikot hin, die waren wegen Fehlentscheidungen des Schiedsrichters eh schon auf 180. Der Rasen wurde von hunderten Randalierern gestürmt, der Unparteiische und die Spieler flüchteten, das Spiel wurde abgebrochen. Klarer Fall von 10 Punkten auf der Emotionsskala.

Doch es kann auch harmonischer zugehen: Im vergangenen Dezember schlug Besiktas Galatasaray mit 2:1 und blieb auf Titelkurs. Mario Gomez erzielte ein Tor, Galatasaray hatte kaum eine Torchance, und nach dem Spiel gratulierte Gala-Kapitän Selcuk Inan dem Gegner zu einem verdienten Sieg. Alles also sehr lobenswert, auf der Emotionsskala reicht so etwas aber nur für eine 1.

Nun zur Bewertung des jüngsten Derbys.

Vor Anpfiff: Der Fall Quaresma.

Den Startschuss gab Aziz Yildirim eine Woche vor Anstoß. Der kontroverse Fenerbahce-Präsident behauptete bei einer Mitgliederversammlung, dass Ricardo Quaresma auf Fenerbahce zugekommen sei und um einen Transfer gebeten hätte. Das sorgte für viel Aufsehen, schließlich ist Quaresma absoluter Fan-Liebling bei Besiktas. Besiktas-Präsident Fikret Orman reagierte sofort und erklärte, nicht Quaresma selbst sei auf den Rivalen zugegangen, sondern von einer dritten Person, die sich als sein Berater ausgab. Er kündigte an, den falschen Berater zu verklagen, und ärgerte sich über seinen Amtskollegen, der kurz vor dem Derby Unruhe stiftete: „Wir wollen mit keinem Verein im Streit liegen, mit Fenerbahce ist es leider seit langer Zeit der Fall.“ Solch öffentliche Psychospielchen vor und nach den Derbys sind Standard, durch die Personalie Quaresma bekam der Fall aber erhöhte Brisanz.

Bewertung auf der Emotionsskala: 6.

Anfangsphase: Toroglus Warnung.

Das Spiel geht los, die neue Vodafone Arena ist gut gefüllt und sehr laut. Es geht um den Einzug ins Viertelfinale. Schiedsrichter Ali Palabiyik hat schon in den Anfangsminuten viel zu tun, belässt es aber erst einmal bei Ermahnungen. Erman Toroglu, ehemaliger Schiedsrichter und als Gast-Kommentator für den übertragenden TV-Sender vor Ort, ist das nicht streng genug. Seiner Meinung nach wäre Palabiyik besser beraten, früh Gebrauch von seiner Gelben Karte zu machen, um den Spielern zu signalisieren, dass sie sich unter seiner Leitung nicht alles erlauben dürfen. Was haben Toroglus Einschätzung und düstere Hintergrundmusik in Thrillern gemeinsam? Beide kündigen sie Unheilvolles an, während alles noch harmlos und in Ordnung scheint.

Bewertung auf der Emotionsskala: 6.

12. Minute: Van Persie gegen Özyakup (I).

Nach einem Foul von Fenerbahces Robin van Persie geht Besiktas-Kapitän Oguzhan Özyakup zum Schiedsrichter und fordert eine Gelbe Karte. Das gefällt van Persie gar nicht, er kommt dazu und schubst Oguzhan zweimal weg. Es wird aus kurzer Distanz und mit böser Miene diskutiert, dann ist die Szene vorbei. So etwas hat man hunderte Mal gesehen. Doch an dieser Stelle kommt man nicht drum herum, einen Klassiker aus dem Fußball-Kommentatoren-Lexikon zu bemühen: Ausgerechnet van Persie und Oguzhan! Als Oguzhan es einst zu den Profis beim FC Arsenal schaffte, war van Persie dort Kapitän. Da der Nachwuchsspieler wie er selbst aus Holland stammt, nahm er sich seiner an. Van Persie half Oguzhan bei der Eingewöhnung in London und schob mit ihm Sonderschichten nach dem Training. Oguzhan sagte später über van Persie und seine Ehefrau: „Sie haben sich unglaublich gut um mich gekümmert, ich bin ihnen sehr viel schuldig.“ Sie blieben danach gute Freunde, und als van Persie in die Türkei wechselte, revanchierte sich Özyakup und half den van Persies beim Einleben. Was also wie eine gewöhnliche Diskussion zweier Gegenspieler aussieht, sind erste Risse einer alten Freundschaft, und das in aller Öffentlichkeit. Das letzte Wort zwischen ihnen ist aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesprochen.

Bewertung auf der Emotionsskala: 8.

29. Minute: Van Persie gegen die Tribüne.

Van Persie, an diesem Abend der wohl am häufigsten im Mittelpunkt stehende Spieler, rennt einem langen Ball hinterher, erreicht ihn aber nicht. Es gibt Abstoß für den Gegner. Erst in einer Zeitlupe ist dann eine Aktion von van Persie zu sehen, die danach unaufhörlich in Fußballsendungen im türkischen TV abgespielt und diskutiert wird: Er sieht in Richtung Tribüne hinter dem Tor, streckt für einige Sekunden seine Zunge heraus und präsentiert den gegnerischen Fans die Beweglichkeit seines Schmeckorgans. Harmlose Geste oder Riesenskandal? Wie so häufig Auslegungssache.

Bewertung auf der Emotionsskala: 7.

41. Minute: Tosic rastet aus.

Das Spiel bekommt einen klassischen Knackpunkt: Besiktas ist klar überlegen, gerät dann aber durch einen Platzverweis auf die Verliererstraße. Bei einem Angriff wird van Persie eng von Gegenspieler Dusko Tosic gedeckt. Er wehrt sich dagegen mit Händen und Füßen und erwischt Tosic, der kurz zu Boden geht, dann aber aufspringt und van Persie konfrontiert. Der Schiri steht in der Nähe, Tosic verpasst van Persie eine Kopfnuss, der nimmt die Einladung an und geht zu Boden, Tosic sieht Rot. Viele Menschen haben ja einen persönlichen Point-of-no-return, der nicht angegangen werden sollte, wenn es nicht krachen soll. Beim einen ist es das Verunglimpfen seiner Religion, beim anderen die seltene Modell-Eisenbahn, die nicht berührt werden darf. Bei Dusko Tosic lautet der Grunsatz wohl: „Zwinget mich ja nie zu einer Kopfnuss!“ Er rastet völlig aus und will van Persie an den Kragen. Der erreicht in Sachen Troll-Level ungeahnte Höhen, steht in sicherer Entfernung lässig da und steckt sich eine Hand in die Hose. Mit- und Gegenspieler können Tosic nur mit gemeinsamen Kräften zurückhalten, der stemmt sich gegen die Umklammerungen, gestikuliert in van Persies Richtung. Für einen Moment reißt er sich los, wird aber von seinem Mitspieler Atiba Hutchinson zu Boden gerissen. Ein Mann in blinder Wut, völlig außer sich, verloren im Randale-Modus. So in etwa stelle ich mir Horst Seehofer vor, wenn man ihm erzählen würde, dass Angela Merkel gerade „Wir schaffen das, Part 2“ verkündet hat. Alle Beteiligten sollten Tosics Mitspieler Hutchinson danken, dass er mit viel Körpereinsatz eine sichere 10 verhinderte.

Bewertung auf der Emotionsskala: 9.

43. Minute: Die Fans wollen auch mal.

Einige Anhänger am Spielfeldrand springen nach der Szene mit dem Platzverweis über die Absperrung und wollen auf den Rasen, um bei den dort noch immer noch laufenden Auseinandersetzungen mitzumischen. Das weckt böse Erinnerungen, denn in den letzten Jahren sorgten ähnliche Szenen für Riesenskandale. Der frühere Besiktas-Spieler Manuel Fernandes wurde einst während eines Spiels von einem Anhänger angegangen, und in der vergangenen Saison wurde in Trabzon ein Schiedsrichter von einem Jugendlichen während des Heimspiels gegen Fenerbahce attackiert. Diesmal können aber zum Glück Sicherheitskräfte die Randalierer aufhalten und Schlimmeres verhindern.

Bewertung auf der Emotionsskala: 8.

Halbzeit: Royal Rumble.

Die Halbzeit geht zu Ende, doch die Nachwehen von der Szene zwischen van Persie und Tosic sind noch deutlich zu spüren. Es liegt viel Aggression in der Luft. Schon an der Seitenlinie kommt es zur Rudelbildung, Spieler, Trainer und Verantwortliche vermischen sich zu einem unübersichtlichen Gerangel. Der massive Fener-Verteidiger Simon Kjaer steht plötzlich vor dem im Vergleich winzigen Besiktas-Coach Senol Günes, der greift ihm ins Gesicht. Wie Zeitungsfotos später zeigen werden, geht es in den Katakomben weiter und die Spieler müssen sogar von Polizisten auseinander gebracht werden.

Bewertung auf der Emotionsskala: 9.

72. Minute: Van Persie gegen Özyakup (II).

Van Persie, der an diesem Abend in allen Belangen im Mittelpunkt steht, erzielt das 1:0 und entscheidet das Spiel. Beim Torjubel sieht man ihn für einen kurzen Moment mit suchendem Blick: Wo ist Oguzhan? Er findet ihn, sprintet ihn seine Richtung, hebt rechtzeitig ab und rutscht dann auf den Knien an Oguzhan vorbei, gibt ihm dabei noch ein paar Worte mit. Einen Gegenspieler beim Torjubel aufsuchen, weil man vorher im Spiel mit ihm Stress hatte, das gab es schon häufiger. Lukas Podolski hat es getan, Ruud van Nistelrooy in einem Länderspiel gegen Andorra auch. Hier gibt die gemeinsame Vorgeschichte der Szene aber eine tiefere Bedeutung. Nach dem Spiel sagt Oguzhan: „Mit einem heutigen Gegenspieler war ich eng befreundet. Wir hatten ein besonderes Verhältnis, aber nur bis zu diesem Spiel. Der Charakter eines Fußballers zeigt sich auch auf dem Platz.“ Aufmerksame türkische Medien melden kurz darauf: Oguzhan hat umgehend nach dem Spiel alle gemeinsame Fotos mit van Persie auf seinen Social-Media-Kanälen gelöscht. Eine alte Männerfreundschaft findet im Derby ihr Ende.

Bewertung auf der Emotionsskala: 10.

Nachspielzeit: Letzte Unruhen.

Der Schiri kann einem zu diesem Zeitpunkt nur noch leid tun. In der Nachspielzeit gibt es an allen Ecken und Enden des Feldes zu löschende Störfeuer. Er muss sich vorkommen wie ein Babysitter, der ein Haus mit sämtlichen Satansbraten der Stadt hüten soll. Zwei Beispiele: Nachdem ein Fener-Angriff abgepfiffen wird, dribbelt der Ballführende Jeremain Lens noch ein paar Meter weiter. Das missfällt dem gegnerischen Auswechselspieler Aras Özbiliz so sehr, dass er auf den Rasen rennt und den Zweikampf mit Lens sucht, was zu diesem schönen Bild führt. Wenige Sekunden später rennt plötzlich während eines Angriffs ein Zuschauer über den Rasen. Sein Ziel ist wohl Fener-Torwart Volkan Demirel, doch Besiktas-Spieler halten den Mann auf. Während ich all das niederschreibe, fällt mir die perfekte Erfindung für die Schiedsrichter-Ausbildung ein: Eine Kabine, die komplett von einer Videowand umgeben ist, ähnlich wie in einem Flugsimulator. Der angehende Schiri wird in dieser Kabine mit der Schlussphase eines knappen Istanbuler Derbys konfrontiert, muss kühlen Kopf bewahren und auf alle Widrigkeiten richtig reagieren. Wäre wohl ein kostspieliges Ding, aber garantiert effektiv.

Bewertung auf der Emotionsskala: 9.

Nach dem Spiel: Der Milch-Pokal.

Besiktas-Präsident Fikret Orman kommentiert die Niederlage so: „Das ist nur ein Milch-Pokal, nicht so wichtig.“ Und da bin ich mit meinen Türkisch-Kenntnissen leider am Ende, den Begriff „Milch-Pokal“ habe ich zuvor noch nie gehört. Doch allein der zweite Halbsatz reicht aus, um zweifelsfrei zu erkennen, dass der Präsident beleidigt ist. Sein Pressesprecher geht da schon präziser zu Werke und attackiert den Spieler, der in 90 Minuten so ziemlich jeden im Stadion getrollt hat: „Van Persie hat jahrelang bei Arsenal und Manchester United gespielt, hätte er solche Aktionen auch machen können, wenn Martin Atkinson das Spiel geleitet hätte? Er war vielleicht einmal einer der bedeutendsten Stürmer der Welt, aber er hat sich der Türkei und Fenerbahce angepasst.“ Von Verantwortlichen der Gegenseite gab es keine aggressiven Äußerungen, was nicht heißt, dass man nicht auch auf subtilere Art nachtreten kann: Im Fener-Fanshop gibt es jetzt T-Shirts zu kaufen, auf denen van Persie bei seinem Torjubel gegen Besiktas und seinen ehemaligen Freund zu sehen ist.

Bewertung auf der Emotionsskala: 8.

Das Ergebnis: Im Durchschnitt ergibt das alles den hohen Emotionswert 8. Es wird eines der Derbys bleiben, an die sich viele in den nächsten Jahren noch erinnern werden. Um zu den ganz denkwürdigen Derbys zu gehören, hätte es aber in sportlicher Hinsicht einige Highlights mehr geben müssen. Anhänger emotionaler Ausbrüche kamen aber voll auf ihre Kosten, sei es dank des außer sich geratenden Tosic oder seines Gegenübers Robin van Persie, der an den meisten Aufregern unmittelbar beteiligt war. Das Spiel ist vorbei, die Sticheleien von beiden Seiten werden noch ein paar Tage weitergehen, dann wird sich die Lage wieder so langsam beruhigen. Bis zum nächsten Derby.

Meine Kampfbilanz (1)

Ihr kennt das sicher auch: Da sitzt man in einer ruhigen Minute herum und fragt sich plötzlich, wie viele Kämpfe man in seinem Leben schon absolviert hat. Also richtige Kämpfe, bei denen ein Mensch mindestens einmal auf den anderen einschlägt, und der andere als direkte Reaktion darauf mindestens einmal zurückschlägt. Bei mir waren es nicht sehr viele, deswegen erinnere ich mich an jeden einzelnen noch ziemlich gut. Und deswegen schreibe ich jetzt mal einen davon auf und fange gleich bei meinem ersten richtigen Kampf an.

Dritte Klasse, drei Jungs. Eine kleine Grundschule in einem kleinen Dorf, irgendwo in Süddeutschland. Einer der Jungs war ich, der zweite war Senol, der dritte hieß Chris. Senol und ich kannten uns eigentlich schon seitdem wir denken konnten, da unsere Familien fast direkt nebeneinander wohnten, Chris war seit Beginn der Grundschule unser gemeinsamer Freund. Wir machten so ziemlich alles miteinander, in der Schule und in der Freizeit. Wir waren zwar gute Freunde, aber es wurde oft auch verbissen und hart zwischen uns. Jeder musste jederzeit damit rechnen, auch mal einen auf den Deckel zu bekommen, egal in welcher Form. Mich erwischte es einmal im Schwimmunterricht. Unser Schwimmlehrer war ein alter Mann, der uns meistens in der sicheren Hälfte des Beckens, in der wir alle stehen konnten, einfach eine Weile machen ließ, was wir wollten. Ab und zu machte er auch Übungen mit uns, und wenn ihm einer dabei zu laut war, rief er immer: „Halt deinen roten Mund, oder wie du heißt!“ Ich habe nie verstanden, was dieser Spruch genau bedeuten sollte, und ich kann mit absoluter Sicherheit sagen, dass ich ihn in all den Jahren nie mehr von einem anderen Menschen gehört habe.

Jedenfalls hatten sich Senol und Chris in einer solchen Unterrichtsstunde einen Scherz ausgedacht, auf den ich nicht eingestellt war. Ich stand im Wasser und redete gerade mit einem anderen Klassenkameraden, als mich vier Hände von hinten packten, unter Wasser stießen und dann für eine Weile verhinderten, dass ich wieder nach oben kam. Ich weiß nicht mehr genau, wie lange das dauerte, aber ich erinnere mich noch gut an die Panik, und daran, dass die Zeit unter Wasser mir endlos kam. Mir ging die Luft aus, ich kannte dieses Gefühl noch nicht und dachte, alles ist aus. Irgendwann ließen sie mich wieder hoch, und ich schnappte nach Luft und schubste sie nacheinander weg und schrie herum und war außer mir. Die Jungs nahmen das scheinbar lockerer als ich, denn sie stimmten einen spontan gedichteten Song an. Der Text war recht einfach, er bestand nur aus zwei Wörtern. Das erste war mein Vorname, das zweite war „weint!“. Das Ganze mehrmals wiederholen, fertig war der Song. Heute finde ich den Song ja auch witzig, damals hätte ich beide aber zerreißen können.

Wenig später, vielleicht war es auch ein paar Wochen oder Monate später, diskutierten wir in einer Freistunde darüber, wer von uns der Stärkste war. Worüber man sich eben so als Drittklässler streitet. Jeder proklamierte natürlich den Platz an der Sonne für sich. Senol hatte damit wahrscheinlich am ehesten recht, weil er der drahtigste und verbissenste und durchtriebenste von uns war. Ich hatte ihn schon viele Schlachten schlagen sehen, auf Spielplätzen, auf dem örtlichen Sportplatz, auf dem Marktplatz, und wusste genau wie Chris, dass die Aussichten im Duell gegen ihn eher dürftig waren. Also konnten Chris und ich nur den zweiten Platz unter uns ausmachen. Wir wurden uns aber nicht einig, wer den mittleren Platz auf dem Treppchen der Kampfkünste bekommen sollte, also forderte er mich auf, das Ganze nach der Schule zu klären. Ich sagte sofort zu und weiß noch, wie überrascht sich die beiden danach ansahen. Das Ding war nämlich, dass ich nicht gerade als Raufbold (sagt man das heutzutage noch?) bekannt war, bis dahin war ich ohne jede Rauferei (und das?) durch den Kindergarten und die Schule gekommen. Aber ich hatte die Sache vom Schwimmbad noch gut im Kopf und meinte mich daran erinnern zu können, dass Chris den Wein-Song besonders laut und genüsslich gesungen hatte. Ansonsten mochte ich ihn ja, ich war auch schon einmal bei ihm zu Hause gewesen und da hatte er sich eine Gitarre geschnappt und „Let It Be“ gesungen, was mich ziemlich beeindruckt hatte. Aber jetzt hatten wir nun mal die Sache zu klären, und die Erinnerung ans Schwimmbad machte sich als Motivation ganz gut.

Unser Heimatdorf hat um die 6000 Einwohner und ist zweigeteilt, ziemlich genau durch die Mitte geht der Kocher, unser schöner, alter Fluss mit braunem Wasser. Wir wohnten alle drei auf der einen Seite des Kochers, die Schule lag auf der anderen Seite. Auf dem Rückweg mussten wir einen langen Weg für Spaziergänger und Radfahrer durchqueren, der durch ein großes Wiesental führte und uns bis zur Brücke brachte. Mitten an diesem Weg hielten wir diesmal an und warfen unsere Schulränzen ins Gras, denn der Fight stand an. Chris und ich standen uns gegenüber, Senol war der Schiri. Ich weiß noch, dass wir kurz vor dem Kampf gar nicht wie erbitterte Feinde miteinander umgingen, so ernst war es nicht. Es war eher eine lockere Atmosphäre, nach dem Motto: Wir haben es ausgemacht, jetzt müssen wir auch, bringen wir es also hinter uns.

Und dann ging es los, und es dauerte gar nicht so lang. Es war kein Faust-, sondern eher ein Ringkampf. Er war etwas fülliger als ich und hatte mehr Kraft, dafür war ich schneller. Am Anfang warf er mich ein paar Mal zu Boden, dann hatte ich mich darauf eingestellt, entwischte seinem Griff immer öfter und schickte ihn mehrmals hin und her. Ich überraschte mich selbst, denn insgeheim hatte ich doch die ganze Zeit schon befürchtet, überhaupt keine Chance zu haben, und bekam sogar Spaß an der Sache. Wie genau der Kampf endete, ob Senol ihn in echter Ringrichter-Manier auflöste oder es sich eher von selbst ausgekämpft hatte, weiß ich nicht mehr. Ich fühlte mich jedenfalls als klarer Sieger und fühlte mich verdammt stolz, weil ich vorher doch das verborgene Gefühl gehabt hatte, mit meiner Unerfahrenheit den Hintern versohlt zu bekommen. Vielleicht war es aus objektiver Sicht doch eher ein unspektakuläres Unentschieden, dazu müsste man wohl Schiedsrichter Senol auffinden und ihn befragen. Für mich aber war es mindestens der Fight des Jahres, eine Heldengeschichte noch dazu, ganz zufällig mit mir in der Heldenrolle. Meine Erinnerung sagt mir jedenfalls, dass ich Chris viel öfter niedergerungen hatte als er mich, und ich kann nur hoffen, dass es kein verklärendes Wunschdenken ist.

Nach der Brücke trennten sich jeden Tag unsere Wege, denn Senol und ich wohnten unten im Altdorf, während Chris noch den steilen Weg zum Neuberg hochlaufen musste. Nachdem wir uns von ihm verabschiedet hatten, kamen wir auf dem weiteren Heimweg noch auf dem Marktplatz vorbei, dem zentralen Punkt der Ortschaft. Dort lief uns Ayhan über den Weg, der ältere Bruder Senols. Den hielt ich damals für den coolsten Jungen der Welt, weil er einmal einen Fahrradschlauch vor meinen Augen mit bloßen Händen zerrissen hatte und ich das unglaublich fand. Er sah uns, genauer mich, etwas verwirrt an und fragte nach, was wir denn getrieben hätten. Und spätestens hier wurde deutlich, wie unverhältnismäßig groß meine Euphorie war. Denn Senol erzählte ihm in ein paar kurzen Sätzen, dass ich und Chris gekämpft hatten. Dann wollten die beiden schon das nächste Thema anschneiden, doch das schien mir sehr unpassend und voreilig. War denn nicht noch ein wenig Zeit für Bewunderung und Lob ihrerseits? Also streute ich immer wieder zusammenhanglose Sätze ein, um das Gespräch irgendwie zurück zum Kampf zu lenken. „Seine Hose war viel zerrissener als meine!“ – „Ach übrigens, ich habe ihn viel öfter zu Boden geworfen als er mich.“ – „Ayhan abi, sei mal ehrlich, hättest du gedacht, dass ich eine Chance gegen den habe?“

Zweihundert Meter später war ich zu Hause. Ich lief die lange Treppe zu unserer Wohnung hoch und wurde wie jeden Tag von meiner Mutter empfangen. Natürlich fiel auch ihr gleich mein zerrissenes und verflecktes Äußeres auf, natürlich fragte sie, was passiert war. Diesmal versuchte ich eine neue Taktik, mit betont wenig Euphorie.

„Ich habe gekämpft, Mama“, sagte ich im Vorbeigehen. „Und ich habe nicht verloren.“

Damit sieht die Kampfbilanz meines Lebens vorerst so aus:

Kämpfe: 1
Siege: 1
Niederlagen: 0

Nächste Folge: Wie und warum ich in Patricks Schwitzkasten landete