Özil vs. Chelsea

Man muss kein Fortgeschrittener in Englischkenntnissen sein, um zu verstehen, dass die Partie Arsenal gegen Chelsea mit sehr großer Spannung erwartet wird. In jedem zweiten Satz fallen die Worte „big match“, als Gary Neville, Jamie Carragher, und ein weiterer Herr im TV-Studio stehen und sich über die kommende Spitzenbegegnung unterhalten. In der Tat ist es vor allem für Arsenal ein Aufeinandertreffen mit Signalwirkung. Nach Jahren der Titellosigkeit führte man seit dem fünften Spieltag die Tabelle an und machte durch effektive Spielweise und gute Defensive den Eindruck, als könne man tatsächlich endlich wieder ein Wörtchen bei der Titelvergabe mitreden. Mit einem Sieg gegen Chelsea könnte man sich nicht nur die Tabellenspitze zurückerobern, die Liverpool zwischenzeitlich erklommen hat, man könnte auch ein für alle Mal jedem deutlich machen, dass man es in dieser Saison wirklich ernst meint. Kein Gegner wäre dafür prädestinierter als Chelsea. Der Gegner stand in der jüngeren Vergangenheit immer für all das, was man Arsenal absprach: ergebnisorientiert, nüchtern, rustikal, effektiv. Eigenschaften, die man für Titel braucht. Hinzu kommt, dass Arsene Wenger, der sich mit Jose Mourinho schon während dessen erster Amtszeit bei Chelsea immer wieder öffentliche Scharmützel lieferte, gegen Chelsea unter dessen Leitung noch nie gewonnen hat.

Vieles steht also auf dem Spiel, und vieles wird von einem alten Bekannten abhängen. Mesut Özil hat 50 Millionen Euro gekostet, und er wurde geholt, um den Unterschied zu machen, den Arsenal so bitter benötigt, den entscheidenden Schritt von Schönspielerei zu Erfolgen. In den ersten Wochen nach seiner Ankunft hat das sehr gut geklappt, er war sofort eine entscheidende Figur im Offensivspiel, bereitete Tore vor, traf selbst und sorgte für Begeisterung. In den letzten Wochen ist er dagegen etwas abgetaucht, auch Wenger sprach vor der Chelsea-Partie davon, dass sein Schützling vielleicht eine Pause ganz gut gebrauchen könne. Aufgrund der großen Hoffnungen, die man in ihn bei Arsenal setzt, steht er heute besonders unter Zugzwang, heute muss er liefern. Das sehen auch die Herren im Studio so. „Big match“, heißt es dort nun wieder, „very big match today for Mesut Ozil and Eden Hazard“, sagt Neville. Da die beiden jeweils der teuerste Transfer ihres Vereins in den letzten Jahren sind, stehen sie im Zentrum der Vorberichterstattung. Man sieht einen grafischen Direktvergleich, der ihre Leistungen in den bisherigen Aufeinandertreffen mit Spitzenteams der Premier League auflistet, Özil hat mit 2 Assists und einem Tor die Nase vorn, bei Hazard stehen zwei Nullen.

Dass Özil derart im Blickpunkt steht, macht seinen Auftritt gegen Chelsea schon im Vorfeld deshalb so interessant, weil er sich ja in den letzten Jahren immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt sieht, den sich so gut wie jeder Top-Spieler früher oder später anhören muss: Dass er in den großen Spielen, in denen es darauf ankommt, unter seinen Möglichkeiten bleibt. Diesem Vorwurf kann er eigentlich nur entgegenwirken, indem er heute eine überragende Leistung abliefert, denn mit Durchschnitt gibt man sich auf diesem Niveau nicht mehr zufrieden, nicht von einem 50-Millionen-Mann, nicht von dem Spieler, der die Mannschaft durch seine Klasse zum Titelanwärter umfunktionieren soll.

Aus diesen Gründen schauen wir heute also genau hin, was Özil gegen Chelsea alles macht. Und zwar ganz genau. Jeder noch so unwesentliche Ballkontakt zählt, um sich am Ende einen gerechten und zutreffenden Gesamteindruck machen zu können. 90 Minuten lang, alle Augen auf Mesut.

1. Der Kommentator begleitet den Anpfiff mit folgenden, bedeutungsschwangeren Worten: „Das wohl wichtigste Spiel für Arsenal im Emirates-Stadion, seit man 2006 vom Highbury hierher gezogen ist!“ Dann mal los.
4. Erster Ballkontakt.
7. Jetzt erst der zweite Ballkontakt, da Chelsea hier erstmal die Stimmung und das Tempo rausnehmen will, mit viel Ballbesitz und Ruhe.
8. Kurzer Querpass im Mittelfeld.
11. Ein erfahrener Mitspieler gab mir in jungen Jahren immer wieder den Tipp, im Spiel die ersten zehn Minuten damit zu verbringen, mir Sicherheit am Ball zu holen, indem ich ungefährliche, kurze Pässe zum nächsten Mitspieler spiele. Özil kennt meinen damaligen Mitspieler nicht, hält sich aber an dessen Ratschlag und spielt einen weiteren Querpass in der Zentrale, diesmal auf Ramsey.
13. Erste nach vorne gerichtete Aktion. Ball am Gegenspieler vorbei nach innen gelegt und dann Vertikalpass auf Giroud am Sechzehner. Arsenal jetzt mit mehr Ballbesitz, Özil ist viel unterwegs.
14. Man spielt sich weiterhin ein. Auf halbrechts ein kurzer Doppelpass, dann weiter in die Zentrale auf Arteta.
16. Das erste Dribbling. Özil holt den Ball tief auf halbrechts ab, mit dem Rücken zu Gegenspieler Lampard. Den lässt er mit einem Übersteiger nach außen ins Leere laufen und spielt den Ball dann zum freien Mitspieler. Ganz solider Auftakt ohne Fehler bisher.
17. Den ersten gefährlichen Angriff eingeleitet, per kurzem Außenristpass in den Lauf von Rosicky. Danach in den Strafraum gestoßen, den Ball aber nicht bekommen. Arsenal macht nun Druck, das Publikum wird lauter.
19. Özil weicht oft auf den Flügel heraus und bindet sich dort auf das von Arsenal in allen Mannschaftsteilen gepflegte Kurzpassspiel ein. Diesmal steht er links ganz draußen an der Seitenlinie, wird von Linksverteidiger Gibbs angespielt und schickt ihn direkt die Linie entlang weiter. Gibbs will flanken, trifft aber den Ball nicht.
23. Gute Sequenz, mit zwei Zweikämpfen gegen Lampard, der Özil bei Ballbesitz immer sofort und hautnah attackiert. Beim ersten legt Özil sich den Ball kurz nach innen und spielt erneut aus dem Fußgelenk auf Giroud am Strafraum, kurz darauf bekommt er den Ball erneut, dribbelt an Lampard vorbei und holt gegen diesen einen Freistoß aus guter Position heraus.
24. Özil tritt an und flankt auf den langen Pfosten, Giroud verpasst knapp.
25. Eckball Özil, zu kurz und abgewehrt. Arsenal rennt pausenlos an, ohne dabei gefährlich zu werden. Chelsea spielt überhaupt nicht mit. Die einzige Spitze Fernando Torres mit dem Bewegungsradius eines Supermarkt-Einkaufs.
26. Mourinho hat vermutlich nicht zuletzt wegen Özil ein rustikales und defensiv-orientiertes Mittelfeld aufgeboten, wie er das schon mit Real in den Clasicos gegen Barca oft tat. Ramires und Lampard rennen sich die Lungen aus dem Leib, dahinter gibt Mikel den Pepe. Er handelt originalgetreu und packt gegen Arteta eine Schienbein-Grätsche aus, für die es eigentlich direkt Rot gegen muss. Da die Zentrale also ziemlich bepackt und ruppig ist, weicht Özil weiterhin meistens auf die Flügel aus und hat dort seine meisten Aktionen. Er holte einen Ball von Rechtsverteidiger Sagna ab und lässt gleich zurückprallen.
27. Jetzt mal eine aktivere Szene. Kurzer Doppelpass mit Rosicky in der Mitte, dann nach vorne gedribbelt und zwischen zwei Gegenspielern hindurch schön in den Lauf von Sagna, der die Kugel dann vertändelt. Sie kombinieren oft ganz schön, kommen aber kaum in den Strafraum.
30. Chelsea zum ersten Mal wieder mit einem Dutzend Pässen hintereinander. Dann sprintet Özil plötzlich 30 Meter in die eigene Hälfte hinein, holt den ballführenden Gegenspieler gerade noch ein und grätscht ihm von der Seite energisch den Ball ab. Tut er natürlich nicht. In Wahrheit beschränkt sich Özils Defensivverhalten darauf, immer mal kurz einen Gegner anzulaufen, bis der den Ball weiterpasst, und sich ansonsten von Höhe der Mittellinie anzuschauen, was so in der eigenen Hälfte passiert.
32. Jetzt steht es im Duell Özil vs. Hazard Eins zu Null, wenn es um entscheidende Aktionen geht. Bei einem Chelsea-Konter chippt Hazard den Ball sehr schön in den Strafraum auf Lampard, der per Direktabnahme die Latte trifft. War sehr knapp, und die beste Chance bisher.
36. Auch Özil hat seine erste richtig gefährliche Aktion, und sie könnte Özil-typischer nicht sein. Zum ersten Mal hat er richtig Platz im letzten Drittel, dringt in den Strafraum, ist in aussichtsreicher Position, spielt dann aber den Querpass auf Walcott, der in weniger aussichtsreicher Sitation steht. In diesen Szenen wünscht man sich manchmal mehr Torgefahr bzw. dass er einfach mal abzieht. Nichtsdestotrotz hätte es Elfmeter geben müssen, da Walcott bei der Ballannahme von Willian deutlich gefoult wurde.
39. Der erste Fehler. Bei einer Kontergelegenheit will er auf links einen Steilpass spielen, der Ball landet in Bedrängnis aber im Aus.
43. Im Zentrum wird Özil von zwei Mann gestellt, legt den Ball nach links und chippt ihn dann schön in den Lauf von Rosicky. Danach sprintet er sofort in die Spitze, wird aber erneut nicht angespielt. Er zieht diese Sprints immer wieder, bis jetzt sind sie aber meistens umsonst.
45. Ich verliere Özil aus den Augen. Wo ist er denn? Ah da, ein langer Diagonalball von Mertesacker nach links außen, wo Özil plötzlich an der Seitenlinie steht und auf einen Mitspieler prallen lässt.
46. Der erste Schuss. Chelsea klärt eine Flanke aus dem Sechzehner direkt auf Özil, der mit rechts gleich abzieht, doch sein Schuss prallt von Cahill ab. Er protestiert auf Handspiel, mit seiner bewährten Protestier-Gestik: rechte Hand auffordernd in die Luft in Richtung Schiedsrichter, dazu der unter Fußballern bekannte und variabel eingesetzte Ausruf: „Ho!“ Schiri Mike Dean ist nicht beeindruckt.

Halbzeit! Özil ist bemüht, viel unterwegs, beinahe fehlerlos, aber trotzdem noch nicht so richtig drin in dieser Partie. Es mangelt vor allem an entscheidenden Aktionen im letzten Drittel, und es fehlt an Bindung zu Stürmer Giroud. Im zweiten Durchgang sollte mehr kommen. Arsenal spielt einen sehenswerten Ball, kann aber das alte Klischee der mangelnden Zielstrebigkeit nicht widerlegen und bringt bisher noch keinen Schuss aufs Tor. Chelsea verweigert sich dem Spiel, hat aber die beste Chance bisher. Der Mourinho-Plan ist offensichtlich: Einen Konter setzen, Mund abputzen, nach Hause fahren.

48. Zusammenspiel auf links mit Gibbs, dann der Sprint nach vorne, aber kein Anspiel zurück. Das kennen wir.
49. Der Kommentator spricht davon, dass Chelsea Özil bis jetzt ganz gut im Griff hat und spekuliert ebenfalls darauf, dass es daran liegt, dass Mourinho ihn ganz genau kennt.
52. Der Poldi! Sitzt auf der Bank, schmeisst einen kleinen Gegenstand auf irgendjemanden und lacht sich dann einen ab. Ach ja, der Lukas.
56. Szene mit Symbolcharakter: Özil bekommt den Ball und sofort angegangen von Lampard, der spitz auf den Ball ist wie Nachbars Lumpi. Lampard hakt, drückt und schiebt, Özil kommt zu Fall, der Ball wird unter seinen Knien begraben, der Schiedsrichter entscheidet auf Schiri-Ball, Özil schaut ihn ratlos an. Welcome to England.
57. Nett anzuschauendes Kurzpassgeplänkel mit Ramsey und Walcott im Dreieck.
58. Der zweite Fehlpass bisher.
64. So, wenn mich nicht alles täuscht, haben wir jetzt sechs Minuten ohne Özil-Ballkontakt hinter uns, eine halbe Ewigkeit. Chelsea wird stärker. Die Gäste haben inzwischen 9 Schüsse auf dem Konto, Arsenal 3, von denen keiner aufs Tor kam. Es wird nun allmählich Zeit, ein, zwei Gänge hochzuschalten.
67. Da ist er! Der Ball kommt lang in den Strafraum, Özil kommt zum Schuss, trifft aber den vor ihm stehenden Gegenspieler. Die Fans werden wieder lauter.
67. Es wird immer offensichtlicher, dass sich Chelsea darauf konzentriert, Özil mit körperlichem Spiel zu neutralisieren. Ein Ball springt auf Özil zu, der will gerade annehmen, als Ivanovic von hinten den Fuß auf Kopfhöhe Özils ausfährt. Dem gefällt das nicht, es kommt zu einer Diskussion, dann kurzes Geschubse, Rudelbildung.
70. Tomas Rosicky sieht Gelb. Er sieht noch immer exakt so aus wie vor dreizehn Jahren auf dem Poster in meiner Bravo Sport.
71. Unglücklich. Sprint auf linksaußen, Ramsey spielt ihm in den Lauf, Özil will zurücklegen, doch der Ball gerät viel zu kurz.
72. Inzwischen muss man es sagen: Wenn heute bei Arsenal einer der Spielgestalter ist, dann ist das Mikel Arteta. Der Spanier zieht das Spiel aus dem Zentrum auf, hat viele Ballkontakte, viel Ruhe am, spielt gute Pässe. Özil steht hier bisher in seinem Schatten. Auch ein Rosicky hat mehr Aktionen.
73. „Es ist unmöglich, ihn über 90 Minuten zu stoppen“, hatte Mourinho vor der Partie über Özil gesagt. „Diese Sorte von Spielern haben immer einen oder mehrere Momente, in denen sie zeigen, warum sie so gut sind.“ Wird Özil noch einen solchen Moment auspacken?
74. Das war er jedenfalls nicht. Özil geht ganz rechts vorne ins Dribbling gegen zwei Mann, verliert aber den Ball.
76. Gut im Ansatz. Zwei, drei kurze Pässe im Zentrum. Dann direkt auf Giroud und zum Doppelpass angeboten. Wenn Giroud prallen lässt, könnte Özil schießen. Girouds Pass ist aber ungenau und landet beim Gegner. Özil und Giroud, das passt heute nicht.
83. Arsenal schafft den ersten Schuss aufs Tor und hat die beste Chance bisher. Giroud vergibt, Özil ist am Angriff nicht beteiligt.
85. Die zweite gute Chance, wieder durch Giroud, wieder ohne Özil-Anteil.
89. Man muss ihm zugute halten, dass er sich nicht hängen lässt. Er sprintet auch in der Schlussphase bei jedem aussichtsreichen Angriff mit in die Spitze, doch das wird heute kein Gala-Auftritt mehr.
91. Ein guter Eckball, Sagna kommt zum Kopfball, der wird aber abgeblockt. Kurz darauf Abpfiff. 0-0.

Wie es meistens so ist, wenn ein Spitzenspiel schon im Vorfeld für Aufregung und Spannung sorgt, war das Spiel an sich nicht das erhoffte Spektakel. Arsenal schafft es erneut nicht, dem Angstgegner den Zahn zu ziehen, und steht punktgleich mit Liverpool auf dem zweiten Platz. Chelsea ist so etwas wie der moralische Sieger, da die defensive Taktik von Mourinho ihren Zweck voll und ganz erfüllt.

Unser Protagonist Özil war bemüht und von Anfang in das Offensivspiel Arsenals eingebunden, hatte relativ viele Ballkontakte, war viel unterwegs, doch die großen Momente, die man sich von ihm bei Arsenal erhofft, die gab es nie. In der ersten Hälfte hatte er noch einige gute Aktionen, im zweiten Durchgang häuften sich für seine Verhältnisse unnötige Fehler, und er tauchte mehr und mehr ab. Man kann sich grundsätzlich darüber streiten, ob und inwiefern die Özil-Kritiker mit ihren These Recht haben. Ist er ein Superstar oder ein Schönspieler? Wie groß ist der Unterschied zwischen schierem Potenzial und abgerufenen Leistungen? Ist er wirklich der Spieler, der Arsenal zu früherem Glanz verhelfen wird, oder sind die in ihn gesetzten Hoffnungen viel zu hoch? Eines ist jedenfalls sicher: Die heutige Leistung wird keinen der Kritiker zum Verstummen bringen.

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