N.W.A und ich

(Wer nach den ersten Zeilen denkt: „Warum geht es in dem Text nicht über Fußball? Sidan bleib bei deinen Leisten!“ Bitte kurz in den vorherigen Eintrag reinschauen. Danke)

Vor etwas mehr als zehn Jahren kam es zur Fusion zweier Welten, die zu meinen größten Leidenschaften überhaupt gehören: Grand Theft Auto und HipHop.

Letzteres ist seit meiner Kindheit meine liebste Art der Musik und Unterhaltung, ersteres schon deshalb, weil ich niemanden ernst nehmen kann, der sich irgendetwas aus elektronischer Unterhaltung und Videospielen und Spaß macht, und GTA als Spielreihe nicht völlig anhimmelt. Ich bin kein Spielnerd, aber von GTA ist jede neue Erscheinung einfach immer ein Pflichtkauf.

Und so saß ich damals in meiner Freizeit gerne und lange vor dem Bildschirm und zockte das neu erschienene GTA San Andreas. Die Geschichte spielte im Los Angeles der frühen Neunzigerjahre und konzentrierte sich auf rivalisierende Straßengangs, und HipHop war ein ständiger Begleiter der Story. Der zur Marke gewordene Begriff „Westcoast“, der vor allem während der im Spiel behandelten Jahre nicht nur eine ganz bestimmte Art von Musik, sondern mit Begleiterscheinungen wie hüpfenden Cadillacs, Gangzugehörigkeit und einer Menge Gras ein ganzes Lebensgefühl beschrieb, war in San Andreas hautnah und nachvollziehbar. 1

Nachdem ich schon als Knirps das „W“-Handzeichen eingeübt hatte, das ich aus dem Tupac-Poster an meiner Wand kannte, war diese Art der Zeitreise natürlich genau mein Ding. Wer noch nie GTA San Andreas gezockt hat (Einschub: Was ist los mit euch?): man läuft darin mit der Hauptfigur CJ durch den Staat San Andreas, der Kalifornien nachempfunden ist, und arbeitet sich im Laufe der Story vom Klein- zum Großgangster.

Und bereits früh hat man es mit der Figur Ryder zu tun, einem Kindheitsfreund CJs, der immer eine schwarze Kappe und Sonnenbrille auf hat, ein zugeknöpftes Hemd trägt, ständig Joints raucht und viel mit CJ abhängt, gleichzeitig aber auch ständig gegen ihn stichelt. Er war damals für mich aufgrund seines Aussehens und Verhaltens einer der interessantesten Charaktere, und als ich mir anhand der damals ja schon verfügbaren Quellen wie Google und Wikipedia mehr Informationen über das Spiel einholte, sah ich, dass er an einen der interessantesten Rapper der Vergangenheit angelehnt war.

Das brachte mich wieder dazu, mehr über Eazy-E, der als Vorbild für Ryder diente, und vor allem über seine Gruppe N.W.A herauszufinden, denn deren Musik war in San Andreas für mich allgegenwärtig. Was daran lag, dass man ständig mit geklauten Auto unterwegs war, und ich jedes Mal, nachdem ich den vorherigen Fahrer herausbefördert hatte, als Allererstes das HipHop-Radio einschaltete.

Wir haben ja alle großes Glück, dass wir im Internetzeitalter leben. Das bringt denn unschlagbaren Vorteil mit sich, dass man immer dann, wenn man auf etwas stößt, dass einen aus irgendeinem Grund anzieht oder interessiert, sofort alles darüber erfahren, was es zu erfahren gibt. Deshalb stürzte ich mich damals auch parallel zum GTA-Zocken ins Netz und begann, zu recherchieren. Was machte N.W.A so wichtig, dass man trotz der Tatsache, dass es die Band längst nicht mehr gab, so oft von ihr hörte? Warum wurden sie mitsamt ihres Aussehens und ihrer Musik als Musterbeispiele für die Gangsta-Rap-Ära herangezogen?

Ich besorgte mir die zwei Alben „Straight Outta Compton“ (1988) und „Niggaz4Life“ (1991), informierte mich durch Google, Wikipedia und Co. über die Bandgeschichte, lernte vieles über sie dazu und merkte, dass ich auf ein interessantes Phänomen gestoßen war. Durch Hören von Songs, Lesen von Texten und Ansehen von Videos holte ich all das nach, das passiert war, als sich meine kindlichen Gedanken hauptsächlich noch darum drehten, wann denn die Mama endlich mit dem nächsten Babybrei um die Ecke kommt.

Und so wurde ich zum N.W.A-Fan zu einem Zeitpunkt, als N.W.A längst Geschichte waren. Gründe dafür waren meine generelle Schwäche für Gangsta-Rap; die Unverfrorenheit, mit der die fünf Jungs von den Gepflogenheiten der Straße, eigenen Stärken und Schwächen aller anderen rappten; die Verbindung aus Machogehabe, kriminellen Fantasien und Humor; dazu der Mut, einen Song wie „Fuck the Police“ aufzunehmen und dadurch zum Sprachrohr der traditionell von der Staatsmacht mies behandelten Unterschicht in den Ghettos zu werden. Sie klangen und wirkten hart, waren dabei aber unterhaltsam, und das ist meistens eine anziehende Mischung.

Natürlich darf man das Phänomen N.W.A nicht allzu blauäugig betrachten, denn bei all ihrer Bedeutung und Ikonenstatus gab es auch einige Kehrseiten der Medaille. Klar, „the world’s most dangerous group“ wird man nicht durch eine Ansammlung von Knabenchorjungs, da muss man schon liefern, und in der Hinsicht lieferten N.W.A non stop. Es ist zwar bekannt, dass bis auf Gründer Eazy-E keines der Mitglieder wirklich über die Gangsta-Biografie verfügte, die man in den Songs auslebte 2, doch in ihren Songs war das egal, da lebten sie das Gangster-Ding voll aus.

Und natürlich spielten sie dabei auch mit dem beliebten Stilmittel der Übertreibung. Es war von Anfang an ihr Hauptmerkmal, dass sie sich nicht um Erwartungen und Gewohnheiten der Öffentlichkeit scherten, dass sie genau diese durchbrachen, dabei laut, aggressiv und unbekümmert waren und damit sowohl in ihrem eigenen Umfeld, dem sie eine Stimme gaben, als auch bei den weißen Suburbkids, die sich allein durch das Kaufen und Anhören von N.W.A-CDs deren Härte und Coolness aneignen wollten, schnell Heldenstatus erreichten. Und um diesem Image gerecht zu werden, rappte halt der intelligente Cube im Titeltrack von „Straight Outta Compton“ davon, dass er der „Crazy Motherfucker“ sei, der mit seiner Schrotflinte und seinem Finger dafür sorgen kann, dass ganze Leichenberge abtransportiert werden müssen. Am ehesten war dieses Spielen mit Erwartungen an Eazy-E zu erkennen, der im Privaten ein stiller und zurückhaltender Charakter gewesen sein soll, sobald er aber die Sonnenbrille und die schwarze Kappe auf hatte und auf der Bühne, im Studio oder vor einem Reporter-Mikrofon stand, sofort in den Macho-Obergangsta-Modus schaltete. Und diesen Modus überzeichnete er manchmal absichtlich so sehr, dass es fast schon witzig wurde.
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Es geht beim Gangsta-Rap ja auch nicht immer nur darum, wirklich minutiös darüber zu rappen, was man so als Gangster am Tag zuvor an der Straßenecke oder beim letzten Bankraub alles durchgemacht hat. Vielmehr ist es wichtig, sich mit der Materie gut genug auszukennen, sie aus der Nähe zu beobachten und dann auf unterhaltsame Art weiterzugeben. Es kann der Realität also auch Genüge getan werden, wenn man andere Perspektiven einnimmt. Von Ice Cube gibt es eine Aussage aus der Anfangszeit, in der er das Prinzip am Beispiel eines Mannes deutlich macht, der in Cubes Kindheitsviertel lebte. Er beschrieb den Mann als einen in der Nachbarschaft angesehenen Familienvater, der dann den Drogen verfiel und so sehr absackte, dass er seine Familie verlor, im leeren Haus ohne Gegenstände zurückblieb und Autos für ein paar Dollar waschen musste, um über die Runden zu kommen und seine Sucht zu finanzieren. Cube, der ja bis zu seinem Austritt aus der Band hauptverantwortlich für die Texte war, fasste die Grundaussage von N.W.A so zusammen: „We had to let the world know, what the fuck was going on.“ Aus dieser Prämisse und Erinnerungen wie der eben erwähnten entstand etwa der Song „Dopeman“, in dem es um das Zusammenleben von Dealern und Junkies auf engstem Raum geht.

Die Musik von N.W.A war also nicht nur Musik, nicht nur legten sie ihr Augenmerk auf Imagepflege und Entertainment, sondern lieferten mit ihren Songs sowohl Erfahrungsberichte als auch Diagnosen gesellschaftlicher Missstände. Sie hielten fest, wie eine in sich geschlossene Welt funktionierte, wie die von den USA selbst mit heraufbeschworene Crack-Epidemie 4 der Achtzigerjahre dem eigenen Volk zusetzte und aus Compton und vielen anderen Vierteln des Landes ein soziales Haifischbecken machte.

Bei einer solchen Herangehensweise, die keine Kompromisse duldet und das Nicht-zimperlich-sein zur Kunst erheben will, entstehen für den gemäßigtere Gemüter hin und wieder Kollateralschäden, mit denen man als N.W.A-Hörer leben muss. Nehmen wir das zweite Album „Niggaz4Life“, das dem so aufsehenerregenden Debüt „Straight Outta Compton“ in Sachen Produktion wohl sogar überlegen ist. Denn vor allem den Beats von Dr. Dre ist dessen Weiterentwicklung als Produzent anzumerken, mit musikalischen Höhepunkten wie „Always Into Something“ nahm er darauf den später von ihm selbst popularisierten G-Funk bereits vor. Der textliche Inhalt des Albums ist aber ein einziges Festival an moralischen Grenzüberschreitungen, von denen auch der toleranteste Hörer nicht alle gutheißen kann.

In „To Kill a Hooker“ wird eine Prostituierte in den Wagen gelockt und von den Gruppenmitgliedern grundlos erschossen, in „One Less Bitch“ darf jeder am Ende seines Verses vom Mord an einer Frau erzählen, und in „She Swallowed It“ schießt der durchaus talentierte MC Ren den Vogel ab. Da rappt er nämlich davon, dass er in einem Autokino mal schnell sein Date im Wagen zurücklässt, um sich lieber ein paar Kumpels anzuschließen, die sich in ihrem Auto beim Gruppensex mit einer Dame begnügen. Ren steigt direkt mit ein und bemerkt erst während des Geschlechtsverkehrs, dass es sich dabei um die 14-jährige Tochter des örtlichen Priester handelt, was nicht heißt, dass er deswegen aufhört, im Gegenteil. Der Song ist der Beweis dafür, dass das offensichtliche Übertreten der Grenzen des guten Geschmacks und die Überhöhung der eigenen Gangster-Persona auch N.W.A nicht immer schadlos gelang.

Rens Vers ist ein Fehltritt und nicht zu verteidigen, klar. Doch wer bin ich schon, um zu behaupten, dass solche Dinge damals in Compton nicht passierten? Wie ging und geht es denn in dieser Stadt damals wirklich zu? Und genau dieser Gedanke ist es, den N.W.A auslöst. Man ist irgendwie von den Songs fasziniert, irgendwie eingeschüchtert, wird neugierig auf sie, auf ihre Geschichte, ihre Heimat.

Schon allein dadurch, dass sie den Namen ihrer Heimatstadt in den Titel des Debütalbums setzten und immer und immer wieder als Standort ihrer Geschichten nannten, machten sie ihre Heimat zu einem sagenumworbenen, faszinierenden Ort. Sie gaben Compton ein weltweit bekanntes Gesicht und machten die Situation seiner Einwohner greifbar, und allein das machte und macht mir die Gruppe sympathisch. Denn genau darum geht es im HipHop ja, die Stimmlosen sollen eine Stimme bekommen, mit der sich von ihrem Schicksal berichten, und das möglichst ungeschönt.

Ihr kultureller Wert und Erbe darf also nicht unterschätzt werden. N.W.A erfanden Gangsta-Rap zwar nicht 5, machten ihn aber mit Millionen von verkauften Platten erstmals zum ganz großen Geschäft. Außerdem schwappte das von ihnen perfektionierte Prinzip des Problemvierteln-eine-Bühne-Gebens nach ihnen auch ins Kino und brachte mit „Boyz n the Hood“ (1991) 6

Es ist also nur passend, dass nun auch N.W.A einen eigenen Film bekommt. Denn neben der bisher beschriebenen Bedeutung der Band und ihrer Musik machten sie eben auch abseits des Tonstudios eine Geschichte durch, die alles mitbringt: interessante Zufälle, unterschiedliche Charaktere, überraschende Entwicklungen, dramatische Auseinandersetzungen, dramatischer Aufstieg, dramatisches Ende.

Als ich mitbekam, dass die Geschichte verfilmt werde, war ich also wenig überrascht, aber umso mehr erfreut und gespannt. Und natürlich war es keine Frage, dass ich mir den Film schnellstmöglich im Kino ansehen würde.

(Es geht bald weiter.)


  1. Ich weiß, diese Fußnote wirft jetzt einige Fragen auf, doch keine Angst, ich habe die Antworten. Ja, ich experimentiere ab sofort mit dieser Art von Anmerkungen, da ich sie auf einer großen Webseite abgeschaut habe und cool finde. Und warum es in dieser Fußnote keinerlei weiterführende Infos zum Text gibt, ist einfach: Wir wollen nichts überstürzen. Damit zurück zum Text.

  2. Eazy war Drogendealer, bevor er sich entschloss, sein Geld ins Musikgeschäft zu investieren, Ice Cube studierte Architektur, Dr. Dre machte Disco-Beats und trat in Glitzerklamotten auf, DJ Yella als sein Sidekick genauso, MC Ren müsste ich nochmal nachschauen

  3. Angesprochen auf seine mitunter sehr frauenfeindliche Texte (die er meistens nicht selbst schrieb), und warum er ständig gegen „Bitches“ lästere, und was er mit dem Begriff überhaupt meine, sagte er einst: „A bitch is someone who fucks everybody except me.” Auch schön: Dieses Gruppeninterview bei Arsenio Hall, bei dem er einfach nur in einer Zwangsjacke und Maske dabeisaß und seinen Kollegen das Reden überließ

  4. Es mag wie eine Verschwörungstheorie klingen, ist aber keine. Denn es ist erwiesen, dass die CIA wusste und duldete, dass nicaraguanische Guerilla-Kämpfer Kokain in die USA schmuggelten, um den Kampf gegen ihre linksgerichtete Regierung zu finanzieren

  5. Die Ehre gehört Schoolly D aus Philadelphia, und auch Ice-T war vor N.W.A mit gerappten Gangsta-Geschichten am Start und beeinflusste die Gruppe sehr

  6. Der Film ist passenderweise nach dem ersten Song benannt, den N.W.A veröffentlichten, nämlich das von Eazy-E eingerappte „Boyz-n-the-Hood“ im Jahre 1987) und „Menace 2 Society“ (1993) Nachfolger im Geiste hervor, die das Leben im Ghetto auch in visueller Form in die weite Welt hinaustrugen.

3 Gedanken zu „N.W.A und ich“

  1. n.w.a. war zwar auch vor meiner zeit, aber der einfluss, den sie damals hatten, ist wirklich respektabel. wenn das fbi dich wegen deiner kunst auf dem zeiger hat, dann weißt du, dass du dein ziel erreicht hast: amerika wirklich mal zu zeigen, wie es in compton zugeht.

    deinen „neuen blog“ finde ich auf jeden fall sehr gut, freue mich besonders auf die hiphop-artikel. lese dich jetzt auch schon seit den sportbild-watch zeiten und irgendwann muss dann eben auch mal noch was anderes als fußball her, oder? :)

  2. Danke fürs treue Mitlesen, Baris! Und du hast Recht, mehr Vielfalt kann nur gut tun. Bin selbst mal gespannt, wie es sich entwickeln wird. Ich denke aber, dass ich dadurch auch wieder mehr veröffentlichen werde.

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