Micha

„Ich habe von dir geträumt und konnte nicht aufhören zu weinen.“

Die des Protagonisten in einem Alptraum ist nicht gerade eine Rolle, die man sich wünscht, aber aussuchen kann man es sich ja auch nicht. Meine Mutter nimmt ihre Träume immer sehr ernst und macht sich dann viele Gedanken, was das Geträumte bedeutet haben könnte. Also erzählte sie mir kürzlich von ihrem Traum, in dem sie mich nach sehr langer Zeit zum ersten Mal wiedersah und feststellen musste, dass ihr Sohn zu einem verwahrlosten Drogenabhängigen geworden war. Während für sie eine Welt zusammenbrach, hätte ich sie gar nicht beachtet, da ich gerade zu konzentriert mit einer Spritze rumhantierte.

Nun sind Alpträume ja nichts Außergewöhnliches. Jeder hat sie, keiner mag sie, muss man durch. Doch das von ihr geträumte Szenario machte mich nachdenklich. Warum nehme ich eigentlich keine Drogen? Die Frage kann und muss wohl auf mehreren Ebenen beantworten werden, aber mir fiel sofort eine Geschichte ein, die mir mein Vater erzählte, als ich noch ein kleiner Junge war. Die Geschichte ist nicht besonders lang oder ausgeklügelt und strotzt nicht gerade vor plot twists, soll sich aber genauso zugetragen haben. Er erzählte sie mir, als wir an einem Sommertag im Auto mit offenem Schiebedach irgendwohin fuhren. Und er tat es ganz beiläufig.

Wie wir auf das Thema kamen, weiß ich nicht, doch mein Vater erzählte mir von seiner Schulzeit. Er kam mit 13 nach Deutschland und musste sich an das neue Leben im neuen Umfeld gewöhnen, und der Gradmesser dafür war natürlich die Schule. Das Erste, das ihm dort auf- und beim Erzählen wieder einfiel, waren die ständigen Schlägereien zwischen den Jungs in der Klasse. Es wurde jeden Tag gerungen, gerauft, geboxt. Manchmal aus Spaß, manchmal sehr ernst, und er mischte immer munter mit. Seinen Schilderungen nach muss es bei ihnen in den Pausen wie beim Royal Rumble ausgesehen haben, das ich mir als kleiner großer Wrestling-Fan damals ständig auf Kassette reinzog.

Bei diesen ständigen Großkämpfen im Klassenzimmer und auf dem Pausenhof gab es einen unangefochtetenen King, und der hieß Micha.

Wenn wir beim Wrestling-Vergleich bleiben, war Micha so etwas wie die Schulhofversion von Andre the Giant – viel größer, viel stärker als der Rest. Nur nicht so abschreckend. Den Beschreibungen meines Vaters zufolge muss Micha ein Wahnsinnstyp gewesen sein, denn er war nicht nur seinen Kameraden in den täglichen Raufereien haushoch überlegen, sondern kam auch bei den Mädels der Klasse sehr gut an.

(Vielleicht habe ich sie auch deshalb nie so richtig vergessen, weil der Schritt von der Exposition zur Katastrophe in ihr so abrupt verläuft.Fast ohne Steigerung, ganz ohne Peripetie oder retardierendes Moment, also insgesamt so ziemlich allen Regeln der gängigen Schreibschulen widersprechend. Aber das echte Leben hat eben seinen eigenen Stil. Also weiter.)

Irgendwann war Micha weg, da seine Familie in einen Ort aus der Umgebung zog und er auf eine andere Schule ging. Danach bekam mein Vater nur noch sporadisch mit, wie es mit ihm weiterging. Um genau zu sein, nur noch drei Mal.

Zuerst ging in seinem Freundeskreis das Gerücht um, Micha hänge mit den falschen Leuten ab. Er habe begonnen, härtere Drogen zu nehmen.

Dann traf er Micha eines Tages in der Einkaufsstraße der nächstgrößeren Stadt und war erschrocken. Denn aus dem vorpubertären Muskelpaket war ein völlig zerfallener Teenager geworden, den er kaum wiedererkannte und der von seiner Mutter beim Gehen gestützt werden musste.

Und noch bevor mein Vater 20 Jahre wurde, bekam er mit, dass der gleichaltrige Micha an einer Überdosis gestorben war.

Ich weiß nicht, ob er mir diese Geschichte zufällig erzählte, einfach weil sie ihm gerade einfiel, oder ob es mit Hintergedanken geschah. Es wäre nicht die erste Maßnahme von Seiten meiner Eltern gewesen, mir die Gefahren von Drogen von kleinauf deutlich zu machen. Einmal musste ich das Fußballtraining ausfallen lassen und wurde zu einer „Anti-Drogen-Disco“ in einem Nachbarort gefahren. Es war ein gutgemeintes Event, das aber völlig ins Leere ging. Denn während im Eingangsbereich der Halle ein paar kaum beachtete Infoplakate und Broschüren standen, war die eine Hälfte der Besucher auf der Tanzfläche, die andere draußen beim Rauchen. Als meine Eltern mitbekamen, dass einige meiner türkischen Freunde sehr früh mit dem Rauchen angefangen hatten, wollten sie nicht, dass ich zu viel mit ihnen abhänge. Ganz zu schweigen von Aufklärungen in der Schule über die Gefahren von Drogen. Oder den damals in deutschen Städten sehr präsenten „Keine Macht den Drogen“-Plakaten, bei denen ich immer dachte, irgendjemand habe sich beim Slogan „Keiner macht die Drogen“, der mir aus unerfindlichen Gründen irgendwie plausibler vorkam, gleich mehrere grammatikalische Fehler geleistet.

All diese Anti-Drogen-Maßnahmen und Botschaften waren nichts im Vergleich dazu, was die Geschichte von Micha in mir auslöste. Auch wenn er lange gestorben war, bevor ich geboren wurde, ging mir sein Schicksal nah. Es machte mir auf sehr anschauliche Art bewusst, welchen Einfluss Drogen haben können, wie schnell sie Besitz von Menschen ergreifen können und wie schnell alles zu Ende sein kann, wenn man nicht mehr davon wegkommt. Ich fand es traurig, was ihm passierte, und ich wusste, dass ich keine Lust darauf hatte, eine ähnliche Entwicklung durchzumachen.

Deshalb habe ich die Geschichte von Micha nie vergessen. Sie ist eine der Erinnerungen aus der Kindheit, an die man vielleicht nicht täglich denkt, die einem aber doch immer wieder einfallen und einen auf eher unbewusste Art prägen. Deshalb musste ich auch sofort an die Geschichte von Micha denken, als ich vom Alptraum meiner Mutter mit mir als Drogenabhängigem hörte. Auch wenn beide Szenarien viele Jahre auseinanderliegen und sich vor allem darin unterscheiden, dass das eine wahr ist und das andere nicht, gibt es doch eine direkte Verbindung zwischen ihnen, zumindest aus meiner persönlichen Sicht. Denn das eine war maßgeblich dafür, dass das andere nie eintreffen konnte.

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