Lieber Riquelme

Die Betrachtung eines Fußballers ist häufig von der für ihn empfundenen Sympathie bestimmt. Das ist sicher nicht ideal – wir sind schließlich beim Sport, nicht in irgendeiner Daily-Soap – aber durchaus menschlich. Es ist schließlich nachvollziehbar, wenn man lieber einem Messi zujubelt als einem Ronaldo, weil der eine nach Toren per T-Shirt-Botschaft seiner Mama gratuliert, der andere dagegen sein Hosenbein hochzieht und demonstrativ den Oberschenkelmuskel anspannt.

Bei dir und mir ist es aber anders, hier spielt die Bewertung des Menschen am Ball keine Rolle. Meine Sympathie für dich leitet sich einzig und allein aus deiner Spielweise ab. Dabei kenne ich durchaus die Gründe, die dich zu einem polarisierenden Spieler machen und während deiner Karriere immer wieder zu großer Kritik führten, blende sie für mich aber aus. Dein Spiel bedeutet mir einfach zu viel.

Du warst in Argentinien in sehr jungen Jahren bereits ein Star, das junge Spielmachertalent, das beim letzten Pflichtspiel des großen Maradona bei den Boca Juniors für ihn eingewechselt wurde. Eine Auswechslung mit großer Symbolkraft, denn seit dem Rückzug Maradonas wird bei euch in Argentinien unaufhörlich der eine, richtige Nachfolger gesucht, und du warst mit der erste Kandidat, du spielst die gleiche Position, du bist in jungen Jahren auch von den Argentinos Juniors zu Boca gewechselt, es bot sich an.

Nachdem du mit Boca in sieben Jahren sechs Titel einheimsen und mit deinen Leistungen die europäischen Scouts auf dich aufmerksam machen konntest, folgte der obligatorische Sprung über den großen Teich, zum FC Barcelona. Dort folgte die nächste Parallele zu Maradona, denn genau wie er wurdest du in Barcelona nicht glücklich. Ich weiß nicht, ob der FC Barcelona zu groß für dich war, oder ob es daran lag, dass Louis van Gaal dich einen „politischen Transfer“ nannte und als Linksaußen einsetzte. Der Mann scheint ein Faible dafür zu haben, wichtige Spieler auf falschen Positionen spielen zu lassen, er wollte einige Jahre nach dir aus Ribéry einen Zehner machen.

Jedenfalls ging es dann zum kleineren Ligakonkurrenten FC Villarreal, und es sollte sich als richtiger Schritt heraustellen. Das lag vor allem daran, dass man in Villarreal erkannte, was du brauchst, um zu funktionieren. Du bekamst fünf argentinische Mannschaftskameraden an deine Seite, hinter dir wurde Abräumer Marcos Senna platziert und mit deiner Drecksarbeit beauftragt, du warst gesetzt und in jedem Spiel deiner ersten Saison in der Startaufstellung, kurz: Der ganze Verein wurde nach dir ausgerichtet. „Wann immer wir den Ball haben, spielen wir ihn einfach zu ihm“, sagte Senna damals. Es funktionierte, und du zahltest das Vertrauen zurück. In deiner zweiten Saison wurdest du 13-mal zum Spieler des Tages gewählt, und spätestens in der Spielzeit 2005/2006 nahm man auch im restlichen Europa von dir Notiz, als du Villarreal bis ins Halbfinale der Champions League führen konntest. Im selben Jahr fuhrst du mit der argentinischen Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft in Deutschland und warst auch dort der unumstrittene Anführer auf dem Platz.

Unglücklicherweise wurde beiden Mannschaften ihre Abhängigkeit von dir schlussendlich zum Verhängnis. Als du einen entscheidenden Elfmeter gegen Arsenal und Jens Lehmann nicht verwandeln konntest (du nanntest das kürzlich den traurigsten Moment deiner Karriere), war für Villarreal in der Königsklasse Schluss, nachdem José Pekerman dich im Viertelfinale der WM aus der Partie nahm, um die 1:0-Führung über die Zeit zu retten, drehte Deutschland das Spiel.

Doch bereits nach den ersten zwei Gruppenspielen, in denen du deine Mannschaft zu überzeugenden Siegen gegen die Elfenbeinküste und Serbien und Montenegro dirigiertest, wusste ich, dass du ein in jeder Hinsicht besonderer Spieler bist.

Ich habe dabei vor allem eine kleine, eigentlich unbedeutende, aber doch symbolische Szene in Erinnerung: Cambiasso bekommt im Mittelfeld einen einfachen Pass zugespielt, positioniert bereits seinen Fuß, um ihn zu stoppen, doch wenige Zentimeter, bevor er den Ball hat, gehst du einfach dazwischen und schnappst dir den Ball, weil du eben gerade in der Nähe warst. Lass mal, war die Botschaft, ich bin der Chef, ich mach hier den Spielaufbau, sicher du schön hinter mir ab. Cambiasso verstand und lief nüchtern davon.

In einer Zeit, in der die Modernisierung des Fußballs um sich griff, warst du so etwas wie der klassische Spielmacher aus den 70er Jahren, der während einer Partie aus Versehen in eine Zeitmaschine gedribbelt war, sich drinnen eine etwas längere Hose angezogen hatte, dreißig Jahre später wieder ausgespuckt wurde und einfach weiter sein Spiel spielte. Während um dich herum immer mehr flinke Modellathleten hin und herschwirrten, liefst du immer unaufgeregt und mit hängenden Schultern über den Platz, bis du den Ball hattest, um dich dann ganz oldschool und alleinverantwortlich dem Spielaufbau zu widmen. Ohne Ball nahmst du gar nicht am Spiel teil, mit Ball war jede Aktion richtig, deine Standards, deine Dribblings, das Behaupten des Balls auf engstem Raum, die haargenauen Zuspiele. Ich habe selten einen Spieler gesehen, der das Spiel seiner Mannschaft und das Tempo einer Begegnung derart prägen konnte wie du. Du bist ein Fußballer im wahrsten Sinne des Wortes, denn ohne den Ball am Fuß bringst du eigentlich nur das mit, was man als Fußballer eben nicht mitbringen sollte, du bist lauffaul, du hast mit Defensivverhalten nichts am Hut, du grätschst nicht und warst schon immer langsam. Wenn ich mir vorstelle, dass dir jemand mit Begriffen wie Vollsprint, Umschaltspiel oder aggressivem Pressing kommt, sehe ich dich wortlos deinen Blick gen Horizont abwenden, bevor du dann einfach wegläufst.

Bei all der Begeisterung ist mir klar, dass deine Spielweise und deine Art viel Angriffsfläche für Kritik bietet, und sie wurde während deiner Karriere großzügig genutzt. Riquelme ist viel zu langsam, zu unkonstant, so einer hat im modernen Fußball nichts verloren, hieß es jahrelang aus dem Lager deiner Kritiker, auch in deiner argentinischen Heimat. Nach dem Rückspiel im Champions League Viertelfinale 2006 lieferte ich mir eine hitzige Diskussion mit einem Klassenkameraden, er nannte dich eine „Riesenschlafmütze“, ich schwärmte von deiner Leistung und stand für dich ein. Warum bedeutet mir dein Spiel so viel?

Es liegt wohl daran, dass der Mensch sich immer mit demjenigen identifiziert, in dem er ein Stück seiner selbst erkennen kann. Als aktuelles Beispiel fallen mir meine Eltern und eine aktuelle Serie im türkischen Fernsehen ein, die das Leben in der Türkei in den achtziger Jahren auf humorvolle Weise porträtiert. Sie verpassen keine Folge und freuen sich immer auf die nächste, denn sie kennen das, was dort gezeigt wird, bestens aus eigener Erfahrung. Ihr absoluter Liebling ist die Figur des jungen, in die Türkei zurückgekehrten Deutschtürken mit Vokuhila und brüchigen Türkischkenntnissen, sie lieben diese Figur und lachen bei ihr am meisten, da sie vor dreißig Jahren in ihrer Nachbarschaft hätte leben können.

Und das ist auch bei dir und mir der springende Punkt, denn als selbst aktiver Fußballer bin ich ein kleiner Amateur-Riquelme. Wie du schätze ich am Fußballspielen vor allem den ästhetischen Aspekt, ich will, dass mir das Spielen Spaß macht, dass es schön ist, dass ich meine technischen Stärken ausspielen darf. Wenn ich mit den Kumpels auf dem Bolzplatz bin, bin ich immer derjenige, der vorne stehen bleibt und seinen Kollegen beim Verteidigen zuschaut. Wie du bin ich ein sensibler Spieler, der das Vertrauen des Umfelds spüren muss, um Leistung zu bringen. Mein alter Trainer nannte mich in einer Trainingseinheit den „größten Alibi-Kicker, den er je gesehen hat“, unter ihm brachte ich kaum einen Ball an den Mann. Sein Nachfolger versicherte mir, dass ich bei ihm gesetzt sein würde, egal was passieren sollte, und alles wurde gut.

Das ist der Grund, warum ich noch immer deine Spiele bei den Boca Juniors verfolge, wo du mit deinen inzwischen fast 35 Lenzen immer noch tätig bist, und dir noch immer die Daumen drücke. Unsere letzte Parallele ist etwas bitter und fast schon ironisch, vor einer Woche vergabst du im Viertelfinale der Copa Libertadores einen Elfmeter und deine Mannschaft schied aus, wenige Tage später vergab ich in einem Pokalfinale ebenfalls einen Strafstoß und verlor das Spiel.

Wir sollten eine Runde gemeinsam üben gehen. Danach könnten wir ja etwas für die Fitness tun und eine Sondereinheit Lauftraining einlegen. Kennt ihr in Argentinien den Cooper-Test? Kleiner Scherz, Riquelme! Wenn du nicht schon weggelaufen bist.

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