Jahresrückblick (II)

Weiter geht es mit einem Rückblick darauf, was mich als Fußballfan im Jahre 2013 am meisten beschäftigte, beeindruckte, wunderte oder ärgerte. Den ersten Teil findet man hier, einen dritten wird es wohl auch noch geben.

Söldner des Jahres: Der Begriff „Söldner“ ist im Fußball überstrapaziert und wird viel zu oft von enttäuschten Fans und Traditionalisten als Totschlagthese benutzt. Es gibt aber Fälle, da kommt man an ihm einfach nicht vorbei. Zum Beispiel wenn ein Fußballer, der sich auf der Höhe seines Schaffens befindet und sich seinen nächsten Verein praktisch aussuchen kann, die Entscheidung einzig aus finanziellen Gründen trifft. So wie Falcao. In den letzten zwei, drei Jahren gab es kaum einen besseren Stürmer weltweit, seine Anlagen, Torausbeute und Konstanz sind herausragend. Als ich die Gerüchte mit Falcao und AS Monaco zum ersten Mal hörte, hörte ich kaum richtig hin. Zu abwegig schien es, dieser Mann musste um die Weltspitze spielen, er gehört in die Champions League, nicht zu einem neureichen Klub, der sich in den kommenden Jahren allmählich aus der Bedeutlungslosigkeit kaufen wird, bitte nicht.
Und plötzlich stand er dann da, im rosa Jackett, hinter sich waren Yachten zu sehen und das Meer, neben ihm stand ein Anzugsträger, in der Hand hielt er ein Monaco-Trikot, und ich wollte kotzen. Und jetzt? Wann hat ihn jemand das letzte Mal in Aktion gesehen? Das letzte, das ich von ihm hörte und sah, war eine Tätlichkeit in einem Testspiel gegen Augsburg. Es ist einfach nur falsch.

Transfer des Jahres (international): Es hat mich sehr überrascht, als Real Madrid nach zwei Saisonspielen Mesut Özil an Arsenal abgab. Bei seiner Ankunft in Madrid zweifelten viele, auch ich, ob er es bei Real packt und ob der Schritt nicht doch etwas zu groß ist, drei Jahre später ist er ein Weltstar. Özil hat seine Schwächen (mangelnde Konstanz, zu wenig Torgefahr, Defensivarbeit), war aber von der Position und seinem sportlichen Einfluss her nach Ronaldo in den letzten drei Spielzeiten wohl der prägende Offensivspieler Reals. Als Grund für die plötzliche Trennung wurden von den Beteiligten mehrere Szenarien angeboten.

Özil schob es auf die mangelnde Wertschätzung des Trainers, Trainer Ancelotti schob es auf den mangelnden Biss des Spielers, Präsident Perez schob es auf den unsteten Lebenswandel Özils, die Presse brachte noch Özils Vater ins Spiel, der als sein Berater fungiert und eine frühzeitige Vertragsverlängerung mit finanzieller Aufstockung gefordert haben soll. Ich bin mir sicher, dass Özil Real nicht verlassen wollte, woran es nun wirklich lag, darüber kann man nur spekulieren. Oder darauf warten, dass seine Marketingleute in naher Zukunft einen Ghostwriter engagieren und ihn die unumgängliche Autobiographie „Vom Affenkönig in den Fußballolymp – mein Leben“ oder „Voller Durchblick – Mesuts Geschichte“ oder aber das Enthüllungsbuch „Zerbrözilt – Warum meine Beziehung zu Real scheiterte“ schreiben lassen.

Blackout des Jahres: Oh, Josip. Oh, oh, oh, Josip. Josip Simunic. Wie konntest du nur? Du bist jetzt 35 Jahre alt. Du hast mit Kroatien die Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2014 geschafft. Heutzutage zählt man im Fußball mit 29 bereits zum alten Eisen. Bei der Weltmeisterschaft 2018 wirst du 39 Jahre alt sein. All die genannten Fakten führen zu einem deutlichen Ergebnis: So viele Möglichkeiten werden sich dir nicht mehr ergeben, das zu erleben, was der Traum eines jeden Fußballers ist, nämlich dein Land beim größten Turnier der Sportart zu vertreten. Und was machst du, Josip? Du stellst dich nach dem zweiten Playoff-Spiel gegen Island auf den Rasen und machst mal eben auf Feldmarschall, mit Megafon und Parolen aus dem zweiten Weltkrieg und mitgrölenden Zuschauern. Ich gebs ja zu, ich weiß nicht genau, ob deine Schlachtrufe als faschistisch einzuordnen sind oder, wie du unmittelbar nach der Aktion meintest, im kroatischen Volksmund geläufig und eher patriotischer denn radikaler Natur sind. Ist eigentlich auch egal, denn als gestandener Haudegen muss es dir doch bewusst sein, dass die FIFA solche Spielchen nicht mitmachen würde. Und jetzt schau dich an, zehn Spiele Sperre. Keine WM in Brasilien, keine WM nirgendwo, wohl nie mehr. War es das wert?

Ente des Jahres: Mario Balotelli machte – ohne es zu wollen oder irgendwie daran beteiligt zu sein – einmal mehr deutlich, wie vorschnell und aufmerksamkeitsgeil die modernen Medien manchmal sind. Es ist richtig, dass Balotelli immer eine potenzielle Schlagzeile auf zwei Beinen ist, weil er einfach ab und an Sachen macht, die von der Feder eines gewieften Comedy-Drehbuchautoren stammen könnten: aus dem ersten Stock Dartpfeile auf Jugendspieler werfen, Feuerwerkskörper im Badezimmer loslassen, ein Frauengefängnis besuchen, um sich „mal umzuschauen“, solche Sachen. Also schien es auch nicht ganz so abwegig, als vor dem Champions League-Halbfinale folgende Nachricht die Runde machte: Balotelli habe erklärt, dass der ganze Kader von Real Madrid mit seiner Freundin schlafen dürfe, wenn man die 1:4-Niederlage gegen Dortmund im Rückspiel wettmachen würde. Dass Tage später herauskam, dass das Ganze frei erfunden war und er das nie gesagt hat, störte danach niemanden mehr, die Story hatte bereits globale Aufmerksamkeit bekommen und damit ihren Zweck erfüllt.

Nationalmannschaft des Jahres:
Wie es im Sport immer so ist, man fiebert mit dem Underdog und freut sich mit, wenn er das Unterwartete und das vorher nie Geschaffte schafft. Hierzulande muss man niemandem mehr groß erklären, dass Bosnien-Herzegowina seit Jahren über zahlreiche Spieler von Top-Format verfügt, da man die meisten aus der Bundesliga kennt: Dzeko, Ibisevic, Misimovic, Salihovic, Spahic, Bicakcic. Dazu noch Miralem Pjanic vom AS Rom, da ist also schon einiges an Firepower drin im Kader. Dass es dann in den Playoffs 2010 und 2012 jeweils gegen Portugal nicht ganz zur Qualifikation reichte, fand ich schade. Umso schöner war es, als man sich für die WM 2014 sogar als Gruppenerster qualifizierte und damit das ganze, kleine Land mit der so schwierigen jüngeren Geschichte in absolute Ekstase versetzte. Das Interview eines bosnischen TV-Senders mit einigen Spielern nach dem entscheidenden Sieg gegen Lituaen geriet dann auch schnell aus der Hand und machte sehr schön deutlich, was dieser sportliche Erfolg für das Land bedeutet. Wie die Spieler mit ihrer ausgelassenen Freude und ihren Siegestänzen die Reporter derart ansteckten, dass auch diese plötzlich trotz Anzug und Mikro in der Hand und trotz aller gebotenen Professionalität völlig durchdrehten, mit den Spielern herumsprangen und sangen und tanzten, war ein Bild, das man so schnell nicht vergisst. Der wahre Grund für die Wahl Bosnien-Herzegowinas zur Nationalmannschaft des Jahres ist aber, dass ich auf diesem Wege erwähnen kann, dass ich mal gegen Ermin Bicakcic auf einem Gerümpelturnier gespielt habe.

Tor des Jahres: Jetzt hatte ich mir schon alles zusammengedacht, was ich darüber schreiben will, und dann erst merke ich, dass das Ibrahimovic-Super-Duper-Wahnsinns-Jahrhundertfallrückzieher-Tor ja garnicht 2013, sondern schon Ende 2012 stattfand. Aber ich hab eine kleine Geschichte dazu, die raus muss, außerdem wird das Tor ja demnächst höchstwahrscheinlich noch als Tor des Jahres ausgezeichnet, also packen wir es einfach noch mit rein. An dem Abend, als Schweden gegen England spielte, war ich mit einigen Freunden bei einem weiteren Freund zuhause. Wir wollten spätabends zusammen in einen Club gehen, und es ist eine alte Tradition, dass man sich immer bei einem zuhause trifft und den Abend langsam einleitet, mit Vorglühen und Fernsehen und Playstation und Gesprächen und allem, was dazugehört. Früh am Abend brach diesmal ein Streit aus. Erdinc, der Eddy genannt wird, fing eine Diskussion mit Kemal an, es ging um Religion, und es wurde immer hitziger. Wir, der Rest, hatten keine Lust auf eine philosophisch-religiöse Diskussion und wollten eingreifen, doch sie waren nicht aufzuhalten. Eddy ist überzeugter Atheist und hatte schon gut Einen intus, Kemal ist gläubig und verabscheut Eddys Ansichten zu dem Thema, auch wenn sie grundsätzlich befreundet sind. Es schaukelte sich dann hoch, sie schrien sich irgendwann an, sie standen auf und wollten die Konfrontation, und sie mussten voneinander ferngehalten werden. Als wir dann im ZDF die Highlights der Länderspiele vom Abend ansahen, sprach niemand mehr. Und dann kam die Szene mit Ibrahimovic, in hundertfacher Wiederholung, von der keine einzige zu viel war. Ich werde den Ablauf nie vergessen: hoher Ball in Richtung englischer Sechzehner, Joe Hart läuft völlig unnötig heraus und geht per Kopf zum Ball, Ibrahimovic erkennt das früh und stoppt ab, Hart köpft den Ball in seine Reichweite, aber in seinen Rücken, Ibra dreht sich um, fixiert den Ball, und macht etwas, woran kein Normalsterblicher in dem Moment auch nur ansatzweise gedacht hätte. Alles an dem Tor was einmalig und unfassbar: die Distanz zwischen Ball und Tor, der Mut zur Aktion, der körperliche, fast schon surreal wirkende Bewegungsablauf beim Fallrückzieher. Es war ein Tor für die Ewigkeit. Als wir die erste Wiederholung sahen, wich die Stille im Raum und machte Platz für ein Gemisch aus jubelndem und ungläubigen Geschrei, einer stand auf und ging bis einen halben Meter vor den Fernseher heran, als wolle er sich vergewissern, dass das Gesehene echt ist. Als sich der Lärm etwas gelegt hatte, die Szene aber noch immer gezeigt wurde, murmelte jemand: „Mein Gott, mein Gott, so etwas hab ich noch nie gesehen.“ Es war der ungläubige Eddy.

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