Jahresrückblick (I)

Ein Kinoabend mit Freunden ist natürlich schön. Nicht so schön ist es aber, wenn man bei der Filmauswahl an der Kasse einfach mal überstimmt wird. Cut zu: Sidan hockt in „Der Hobbit“ und rafft gar nichts.

Ich versuchte zunächst noch irgendwie zu folgen, war aber aufgrund mangelnder Vorkenntniss absolut verloren. Was hat es mit dem Hobbit auf sich? Warum tragen alle lange Haare? Warum diskutiert eine widersprenstige Kreatur mit einer schwarzen Wolke? Als dann noch das Gesprochene eines nicht identifizierbaren Wesen mit „Bolg!“ untertitelt war, schloss ich innerlich mit dem Film ab. Da waren aber noch zweieinhalb Stunden zu gehen.

Wie es so oft der Fall ist, wenn ich Zeit zum Nachdenken habe, fielen die Gedanken irgendwann auf den Fußball. Angesichts des kommenden Jahreswechsels kamen einige Erinnerungen der vergangenen Monate hoch. Menschen, Bälle, Emotionen. Schnell entwickelte sich die Idee, die Erinnerungen schriftlich zusammenzufassen, und hier sind wir nun. Was folgt, ist ein höchst subjektiver Blick in den Rückspiegel.

Vize des Jahres: Es ist immer so eine verzwickte Sache mit dem Zweiter-werden. Als Zweitplatzierter weiß man, dass man viel drauf hat und vieles richtig gemacht hat, da man besser als beinahe die ganze Konkurrenz dasteht. Gleichzeitig hat man aber immer die traurige Gewissheit, dass das mühsam Geleistete in naher Zukunft niemanden mehr interessieren wird, weil es nunmal nicht ganz nach oben gereicht hat. Schmerzhaft ist der zweite Platz also eigentlich immer. Einen noch bemitleidenswerteren Zweitplatzierten als Benfica am Ende der vergangenen Saison gab es aber selten. Bis wenige Wochen vor Saisonende gab es wenige Mannschaften in Europa, die auf einen noch erfolgreichere Spielzeit zurückblicken konnten: Tabellenführer in der Liga am vorletzten Spieltag, Pokalfinale erreicht, Europa League-Finale ebenso. Außerdem sorgte Trainer Jesus Jorge dafür, dass wohl keine Mannschaft über einen Trainer mit einem cooler klingenden Namen verfügte. Innerhalb von 15 Tagen war dann aber alles verloren, gleich drei Titel wurden vermasselt. Dass alle drei entscheidenden Spiele durch späte Gegentore verloren wurden, machte das ganze umso schmerzhafter. In der Liga hätte ein Sieg am vorletzten Spieltag gegen den FC Porto die Meisterschaft bedeutet, auch ein Unentschieden hätte alles offen gehalten, stattdessen gab es in der letzten Spielminute den am Ende alles entscheidenden Siegtreffer für den Gegner und späteren Meister. Das Europa League-Finale gegen Chelsea ging in der Nachspielzeit verloren, das Pokalfinale gab man nach Führung durch zwei späte Gegentreffer ebenso aus der Hand. Als Coach Jesus Jorge dann nach der Pokalpleite auch noch so von seinem Spieler angegangen wurde und im Moment der Niederschlagenheit sichtlich nicht wusste, wie er reagieren sollte, konnte er einem nur noch leid tun.

Mannschaft des Jahres: Der FC Bayern. Hier ist ja alles klar.

Transfer des Jahres (national): Auch hier gibt es keine zwei Meinungen. Der Wechsel von Mario Götze zu den Bayern hätte schon allein von der sportlichen Bedeutung her nicht viel aufsehenerregender sein können, dann kam ja aber auch noch die Art und Weise hinzu, wie und wann die Sache öffentlich wurde. Bild haut die Meldung raus, beide Vereine stehen unmittelbar vor wichtigen Halbfinal-Spielen in der Champions League, Spekulationen über die Quelle der Bild, Ungewissheit über die Reaktion der BVB-Fans am folgenden Tag, ganz Deutschland steht Kopf. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie ein solcher Riesensturm an Reaktionen auf einen 20-jährigen Burschen wirken muss. Später erzählte dann Karl-Heinz Rummenigge, wie die Presse von der Sache Wind bekam: ein besoffener Verantwortlicher von Manchester City hatte es ausgeplaudert. Da war aber auch wieder alles dabei.

Sturmduo des Jahres: Max Kruse und Raffael. Am ersten Spieltag war ich vor Ort, als Bayern gegen Gladbach spielte, und auf Seiten der Gäste gefielen mir die zwei genannten Herren mit ihrer Spielweise auf Anhieb sehr. Kruse und Raffael spielen wie zwei Spielmacher, die man einfach an vorderster Front aufgestellt hat, und das gefällt mir. Sie sind technisch überragend, lassen sich oft fallen, bauen das Spiel mit auf, stoßen dann wieder nach vorne und suchen den Abschluss. Zumindest haben sie das so getan, als ich sie im Stadion sah, und um ehrlich zu sein, habe ich ihren weiteren Saisonverlauf nur in Ausschnitten verfolgt. Doch auch wenn ich mal garnichts von einem Gladbach-Spiel sehe, steht meistens der Name Kruse oder Raffael in der Torschützenliste. Das mögen alles keine sehr tiefgründigen Argumente dafür sein, sie zum Sturmduo des Jahres zu wählen, aber deswegen ist das hier ja auch eine höchst subjektive Wahl.

Wundertüte des Jahres: Erinnern wir uns mal an die Kindheit zurück: Was sind die Charakteristika einer jeden Wundertüte? Man weiß von Mal zu Mal nie, was man bekommen wird, ob das Gebotene für ein freudiges Lächeln sorgt oder für ein verärgertes Kopfschütteln, ob man den Inhalt vor Freude in die Höhe recken oder enttäuscht in die Tonne kloppen wird. Kalt lassen wird sie aber niemanden, schon allein durch die Neugier darauf, was einen diesmal wohl erwartet. Und wer ist derzeit wohl das Pendant dazu im europäischen Fußball? Gestatten, Luis Suarez. Ein schier unglaublicher Fußballer, der aber zu einer neuerliche Kontroverse immer nur schwer nein sagen kann. Handspiel auf der Linie bei der WM 2010, Biss in den Hals eines Gegenspielers, Biss in den Arm eines Gegenspielers, rassistische Beleidigung eines Gegenspielers, jenem Gegenspieler später den Handschlag verweigert, gegnerischen Fans den Stinkefinger gezeigt, Gegenspieler auf den Kopf gehauen, im Sommer mehrmals öffentlich auf einen sofortigen Verkauf und Abschied aus Liverpool gedrängt. Der gute Mann hat ein enormes Temperament, das ihn oft zu schier idiotischen Aktionen führt und dafür sorgt, dass er nicht aus den Schlagzeilen und Sportgerichten kommt. Zwischendurch haut er dann aber halt regelmäßig auch so etwas heraus. Oder sowas. Oder, mein Favorit, so etwas hier. Er hat in dieser Woche seinen Vertrag in Liverpool doch noch verlängert, was eine gute Sache ist, denn er hebt die Mannschaft beinahe im Alleingang über den Durchschnitt und sorgt damit für Vielfalt in der Premier League. Mit der Verlängerung setzt Liverpool ein Zeichen und beweist, dass nicht jeder Top-Star der Premier League früher oder später bei Chelsea, Arsenal oder in Manchester zu landen hat. Stattdessen sorgt Suarez mit seinen Toren beim aktuellen Tabellenzweiten dafür, dass man nach langer Zeit mal wieder im Titelkampf involviert ist. In seinen elf bisherigen Saisoneinsätzen hat er mit 17 Treffern die meisten in der Liga erzielt. Dass es nur elf Einsätze waren, liegt daran, dass er in den ersten fünf Spielen noch gesperrt war. Das ist Luis Suarez.

Torjubel des Jahres: Mensch Robben, ich versuche ja immer, Fußballer nur nach ihren Leistungen zu beurteilen, aber ich werde nicht lügen, bei dir hat mich über die Jahre immer irgendwie irgendetwas gestört, anders kann ich es nicht sagen. Es mag dein Hang zum Fallenlassen gewesen sein, es mag die eher egoistisch geprägte Spielweise gewesen sein, es mag auch an deinen oft durch Gestik für jeden sichtbar gemachten Beschwerden gelegen haben, wenn du von einem Mitspieler in aussichtsreicher Position nicht angespielt wurdest. Auch als Nicht-Bayern-Fan fand ich es zu stur von dir, dass du in der verhängnisvoll endenden Saison 2011/2012 jeden Elfmeter treten wolltest, der nicht bei drei auf dem Stadiondach war, obwohl deine Bilanz dabei immer dürftiger wurde. Trotzdem war ich absolut nicht damit einverstanden, dass du nach dem verlorenen CL-Finale von zahlreichen Bayern-Fans ausgebuht wurdest, und fand auch die Sache von Neven Subotic nach dem verschossenen Elfer gegen Dortmund unangebracht. Dass du meines Wissens nie verbal auf die Subotic-Sache eingegangen bist, selbst dann nicht, als du Dortmund im nächsten Jahr per Traumtor aus dem Pokal befördert hast, sprach dann natürlich für dich, ebenso wie die Leistungen, die du nach dem so verheerenden Saisonende abliefern konntest. Und verdammt nochmal Robben, was hab ich mich als eigentlich völlig neutraler Zuschauer für dich gefreut, als du das Ding in Wembley in den Schlussminuten gemacht hast. Als du es nicht glauben konntest und der ganze Frust der Vorsaison sich mit einem mehrmaligen „Oh mein Gott!“ entlud, bevor du in Richtung der Bayern-Kurve liefst, mit einem Blick, aus dem auch in diesem Moment des größten Triumphs eine gewisse Wut über all das von dir Durchgemachte sprach, über die Kritik, über die Pfiffe und die Buhmann-Rolle, und jedem nochmal deutlich machtest, wer hier gerade den größten Wettbewerb im Vereinsfußball entschieden hat. „Was, was, was“ sagtest du, und bei jedem „Was“ wurde dein Gesichtsausdruck entschlossener. Es war ein großer Moment.

Es geht noch weiter, der zweite Teil folgt die Tage.

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