Istanbul, 2015

Die Türkei ist in diesen Zeiten ja ein ziemlich großes Gesprächsthema. Ich war vor zwei Jahren für längere Zeit dort, und im Rückblick habe ich den Eindruck, dass viele Entwicklungen, die das Land so kontrovers machen, damals entweder gerade ihren Anfang nahmen oder sich gerade an entscheidenden Wendepunkten befanden. Vielleicht ist das aber auch nur eine unbewusst-nostalgische Überhöhung des Erlebten meinerseits. Lest und entscheidet am besten selbst.

Im Herbst 2015 ging ich also für einige Zeit nach Istanbul, um am dortigen Standort eines großen deutschen Medienunternehmens zu arbeiten. Sie hatten dort ein kleines Team, das täglich Nachrichten aus der Türkei nach Deutschland lieferte, und für eine begrenzte Zeit sollte ich dabei als Hospitant mithelfen. Damals spielte ich noch mit dem Gedanken, Journalist zu werden, da war ein Auslandspraktikum eine hilfreiche Erfahrung, die sich auch, wie sagt man so schön, gut im Lebenslauf macht.

Vor meiner Abreise sah ich ein letztes Mal auf meinem Handy nach, was an jenem Tag so los war in der Welt. Die Welt sprach über einen Terroranschlag in der Türkei, wieder einmal. 102 Tote in Ankara. Ich war seit meiner Kindheit schon sehr häufig in der Türkei, doch als ich in den Flieger stieg, wusste ich nicht so recht, auf was für ein Land ich mich einstellen sollte.

Von weitem hatte ich jedenfalls schon gemerkt, dass die Türkei im Ausland mit steigender Aufmerksamkeit beobachtet wurde, auch mit viel Sorge. Im Bahnhofskiosk meines Vertrauens wurde ich schon länger von immer gleichen Titelblättern begrüßt: roter Hintergrund, dunkle Wolken, bedrohlich große Moscheen, darüber ein Halbmond mit Stern, davor ein sonnenbebrillter Erdogan mit grimmiger Miene, darunter ein Titel wie: „Der Ein-Mann-Staat Erdogan“, „Krawallmacher vom Bosporus“ oder einfach nur ein verzweifeltes „Wer kann ihn stoppen?“

Doch es war ja nicht nur Erdogan, die Türkei hatte mit zahlreichen innenpolitischen Konflikten zu tun: AKP gegen den Rest, Militär gegen PKK, IS-Attentäter gegen alle. Dann gab es aber noch ein ganz anderes, großes Problemthema, das auch Europa direkt betraf, nämlich die Flüchtlingskrise. Es waren also brisante Zeiten für das Land, und auch wenn es zynisch klingt, so dachte ich im Flieger sitzend doch, dass es für Nachrichtenmacher ja auch ziemlich aufregende Zeiten sein mussten. Lehrreiche sowieso. Kurz vor der Landung in Istanbul wählte die Zufallsauswahl meines Handys einen Song aus, der „The World Is Yours“ hieß. Das verlieh der Ankunft irgendwie etwas Filmisches, das Gefühl eines beginnenden Abenteuers.

Als ich an meinem ersten Arbeitstag mit dem Bus losfuhr, gab es auf dem Weg so gut wie keine Straße, in der nicht eine überdimensionale türkische Fahne hing, oder ein Spruchband, auf dem die nationale Einigkeit betont und der Terror verdammt wurde. Die Redaktion lag sehr zentral, direkt an der endlos langen Istiklal-Einkaufsstraße in der Stadtmitte. Nach kurzer Begrüßung und Einarbeitung wurde ich auch schon losgeschickt zur ersten Aufgabe. Mit einer Kollegin fuhren wir in einer Fähre über den Bosporus, um eine Trauerveranstaltung der oppositionellen Partei HDP zu besuchen. Sie hatte die Friedensdemonstration in Ankara ausgerichtet, bei der es zum Bombenanschlag kam.

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Wir kamen in einem Vereinshaus an und wurden in den zweiten Stock gebeten. Männer und Frauen waren von einer aufgerichteten Wand getrennt, an den Tischreihen waren die meisten Plätze besetzt. Wir bekamen etwas Warmes zu essen und kamen mit einem älteren Mann ins Gespräch, der uns gegenübersaß. Ein freundlicher Mann mit weichen Gesichtszügen und langsamen Gesten. Er erzählte, dass er Alevite sei und früher selbst einige Zeit in Deutschland gelebt habe. Nach kurzem Smalltalk lenkten wir das Gespräch pflichtbewusst in Richtung der Themen Attentat und Politik. Der Mann beschwerte sich im leisen Ton über die politische Entwicklung des Landes, er sprach immer wieder davon, dass er in einer Diktatur lebe und sich verfolgt fühle. Ich schrieb alles mit, meine Kollegin ging auf der Frauenseite des Raums auf Zitatjagd. Nach einigen Minuten kam sie aber zurück, weil die Frauen nicht in der Stimmung gewesen waren, mit einer Journalistin zu reden. Dann kam Bewegung und Aufregung in den Raum, der Star kam an. Selahattin Demirtas, HDP-Vorsitzender, kam mit viel Begleitpersonal in den Raum, schüttelte den Organisatoren die Hand, nahm an einem vorbereiteten Tisch Platz und gab vor laufender Kamera ein Statement ab, in dem er den Terroranschlag verurteilte. Als Demirtas aufstand und nach draußen ging, liefen ihm alle nach, also taten wir das auch.

Unten vor dem Hof warteten bereits sehr viele Journalisten mit Mikrofonen und Kameras, also blieb Demirtas stehen und gab eine spontane Pressekonferenz, mitten auf der engen Straße. Meine Kollegin und ich teilten unsere Aufgaben: Sie drängelte sich bis nach vorne und notierte seine Aussagen mit, ich sollte mir zwischen den Fotografen einen Platz erkämpfen und einige Aufnahmen machen. Es herrschte körperbetonter Kampf um die besten Plätze, und immer wieder kam von den Kameramännern hinter uns die Aufforderung, die Sicht nicht zu versperren, man sei gerade live auf Sendung. Demirtas stand vor Mikrofonen mit den Logos aller bekannten TV-Sender, um ihn herum ein eng gestaffelter, leiser Pulk aus Menschen, alle Augen auf ihn gerichtet. Er sprach eher leise und ruhig, aber doch bestimmt, mit einer Mischung aus Schmerz und Wut und Trotz. Und er griff die Oberen an. Er nannte den Ministerpräsidenten einen „Lügner“, warf der Regierung vor, den IS zu unterstützen, sagte, der Staat habe „blutige Hände“ und werde sich früher oder später vor dem Volk verantworten müssen. „Als Leiter einer Menschenrechtsorganisation können Sie in diesem Land nicht in Ruhe arbeiten, als IS-Mitglied aber schon“, sagte er. Als ich ihn so aus wenigen Metern Abstand beobachtete, konnte ich nachvollziehen, warum die eine Seite ihn als Hoffnungsträger feierte, aber auch, warum er den Anderen ein so großes Dorn im Auge war. Er verkörperte eine Mischung aus jungem Elan und staatsmännischer Abgeklärtheit, die einen dazu eignet, Sprachrohr einer großen, sich nicht anerkannt fühlenden Masse zu werden. Dazu sah er ganz gut aus, was bei Politikern ja auch nicht schaden kann, und so wie ich Gestik und Mimik der leisen Umstehenden deutete, schien sein Wort durchaus Gewicht zu haben. Nach seiner Ansprache verabschiedete er sich und wurde von seinen Bodyguards zu einem Wagen geführt, der umgeben von einem langen Konvoi schwarzer Wägen davonzog. (Etwa ein Jahr später wurde Demirtas verhaftet, unter anderem wegen „Herabwürdigung der türkischen Nation“ und „Terrorpropaganda“. Er sitzt noch immer im Gefängnis.)

Noch in der ersten Woche wurde ich mit einer Kamera und einer Gasmaske ausgerüstet und in den Stadtteil Sirkeci geschickt, wo es eine Demonstration gegen den Terroranschlag und gegen die Regierung gab, ausgerichtet von linken Organisationen und Arbeiter-Gewerkschaften. Auf dem Weg ein kleiner Zwischenfall in der S-Bahn. Ich stand im Gang und versperrte anderen Fahrgästen den Weg zur Tür, die gerade aussteigen wollten. Das merkte ich aber erst, als mir einer von ihnen, ungefähr in meinem Alter, in den Rücken stieß. Es war kein Bitte-Platz-machen-, sondern eher ein Was-denkst-du-wer-du-bist-Stoß. Ich drehte mich um und sah seinen wütenden Blick. Er war etwas kleiner als ich, dafür aber wohl kräftiger, mir fiel auf, wie breit und massiv sein Kopf und sein Hals waren. Wir kamen uns immer näher, gegensätzliche Meinungen zogen sich an. Andere Mitfahrer wollten dazwischen gehen, der Älteste von ihnen hielt sie zurück. Wir standen Kopf an Kopf wie zwei Löwen, die vor dem alles entscheidenden Duell um die schönste Löwin der Savanne standen. Nach einigen Sekunden löste sich die Spannung, unsere Köpfe gingen wieder auseinander, er stieg aus. Die Eskalation blieb zu Recht aus, es stand keine Löwin auf dem Spiel, und auch sonst nichts.

Eine Haltestelle später stieg ich aus der S-Bahn und sah eine Menschenmenge, die zwischen Bahnhof und S-Bahn-Haltestelle eingepfercht zusammenstand. Zwischen den Menschen und der einzigen Öffnung in Richtung Straße standen Polizisten, eng aneinandergereiht, und behielten die Leute im Auge. Ich wollte mich unter die Menge mischen, geriet aber an etwa ein Dutzend junger Teilnehmer, die in einer Reihe standen, ihre Arme ineinander gehakt hatten und den Eingang versperrten. Einer von ihnen löste sich und gab mir zu verstehen, dass er meinen Rucksack kontrollieren müsse. Er tat es, gab mir den Rucksack und ließ mich durch. Ich schloss daraus, dass die Demonstration nicht von den Behörden geschützt war und dass die Teilnehmer sich selbst um die Einlasskontrolle kümmerten, um weitere Anschläge zu verhindern.

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Die Demonstration sollte eigentlich ein Marsch sein, das war aber von der Polizei verhindert worden. Die Gasmaske konnte ich aber im Rucksack lassen, es blieb friedlich. Ich befragte einige Leute und notierte ihre Aussagen. Alle beschwerten sich über die AKP/Erdogan/die Regierung/den Staat, manche mit brachialen Worten, andere etwas vornehmer. Ich sprach mit einem älteren Mann, der etwas verloren herumstand und eine Fahne hielt. Er trug eine randlose Brille, hatte einen dunkelgrauen Schnauzbart und eine rote Kappe auf. Ich fragte ihn, warum er hier sei, und irgendetwas schien ihm an der Frage oder an mir nicht zu gefallen. Danach sah sein Blick jedenfalls aus. Seine Antwort begann so: „Ich, Yasar Mirac,…“ Erst viel später sollte ich realisieren, dass ich es mit einem in der Türkei ziemlich bekannten Schriftsteller zu tun hatte, von dem ich selbst aber noch nie etwas gehört oder gelesen hatte. Und dass er mich deshalb vermutlich für einen ungebildeten Bengel hielt. Dabei hätte ich sein poetisches Talent eigentlich schon an dem Zitat erkennen können, das er mir ins Notizbuch diktierte:

„Ich bin als Zeuge hier. Als ich hörte, dass die Arbeiter für den Frieden marschieren wollen, bin ich auch gekommen. Sie wissen zwar, wie man Paläste baut, aber nicht, wie man sein Volk schützt.“

Einige Monate vor meiner Ankunft hatte es Parlamentswahlen gegeben, bei denen die AKP die absolute Mehrheit verpasst hatte. Da sie sich in der Zwischenzeit mit keiner anderen Partei auf eine Koalition einigen konnte, hatte Präsident Erdogan Neuwahlen ausgerufen, und so kam ich mitten in der Wahlkampfzeit an.

Politik war ein ständiges Thema, vor allem die AKP überall und jederzeit präsent. Auf den Straßen sah man immer wieder das Parteilogo mit der Glühbirne, Erdogan, den damaligen Ministerpräsidenten Davutoglu oder den jeweils örtlichen Abgeordneten. Busse, die komplett mit AKP-Bannern und Slogans überdeckt waren, fuhren durch die Viertel und brachten per Lautsprecher ihr Programm oder den neuesten Parteimarsch an den Mann. Von den anderen Parteien sah man auf den Straßen dagegen kaum etwas, nur hin und wieder hing auch mal ein Plakat der säkularen CHP oder der nationalistischen MHP an einer Wand.

Gewählt wurde an einem Sonntag, und ich wurde auf die Straße geschickt und sollte Wählerstimmen einsammeln. Eigentlich eine lockere Aufgabe. Ich lief die ganze Istiklal-Einkaufsstraße im Zentrum einmal ab, ich wanderte über den Taksim-Platz, fuhr in mehrere Stadtteile. Doch überall das gleiche Problem: Die Leute wollten mit der Presse nichts zu tun haben. Die große Gastfreundlichkeit der Türken ist kein Klischee, doch vor allem gegenüber ausländischen Journalisten war die Skepsis groß. Sobald ich nach kurzer Begrüßung erklärte, dass ich für ein deutsches Medium gerne ein paar Fragen zur Wahl stellen würde, lehnten die meisten ohne Begründung ab. Ein Mann, den ich ansprach, lief im Schlendertempo einen großen Bogen um mich herum, ohne mich anzusehen. Als sei ich ansteckend.

Es dauerte also etwas länger, aber mit der Zeit kam ich doch zu ein paar Zitaten. Ein überzeugter AKP-Anhänger war mein angenehmster Gesprächspartner. Ich war im Stadtteil Eminönü und legte offiziell eine kleine Pause ein, in Wahrheit genoss ich es, an meinem liebsten Ort der Stadt zu sein. Es gibt dort eine große Moschee, die Yeni Cami, die direkt vor dem Bosporus liegt. Zwischen Moschee und Meer gibt es einen großen, immer lebhaften Platz, mit schöner Aussicht und angenehmem Wind. Man sitzt direkt im Stadtgetümmel, die Menschen strömen umher, die einen gehen in die Moschee, die anderen kommen aus dem Gewürzbasar, der direkt dahinter liegt, in Sichtweite zieht ein riesiger Tanker auf dem Meer langsam vorbei. Diese unmittelbare Nähe aus Stadtleben und Natur kann in noch so vielen Istanbul-Dokumentationen durchgekaut werden, an der Faszination ändert sich nichts.

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Ich saß auf einer Bank und sah durch die Gegend, als sich ein älterer Mann neben mich setzte und nach einer Zigarette fragte. Ich sagte ihm, dass ich nicht rauchte, und er fragte zurück: „Was machst du dann?“ Er lachte dabei, und ich sah, dass ihm schon der eine oder andere Zahn fehlte. Überhaupt sah er ziemlich heruntergekommen aus, seine Kleidung und Schuhe waren zerrissen, die verfilzten Haare standen in alle Richtungen. Ich erzählte ihm, dass ich gerade eine Pause einlegte, und warum sie eher unverdient war.

Er war so nett, sich als Gesprächspartner zur Verfügung zu stellen, also fragte ich, und er antwortete.

Hast du gewählt?
Darf nicht, habe keinen Ausweis mehr, vor kurzem verloren.
Wenn du wählen könntest, wenn würdest du wählen?
AKP.
Warum?
Weil sie die einzigen sind, die sich um uns kümmern.
Was tun sie?
Sie lassen die Menschen nicht alleine. Ich zum Beispiel habe keine Familie mehr, und außer denen im Rathaus hilft mir niemand. Früher war das anders, da warst du auf dich allein gestellt.
Wie genau helfen sie?
Diese Jacke hier haben sie mir im letzten Winter gegeben, weil ich mir keine leisten konnte. In meinem Heimatdorf fahren sie mit Lastern durch den Ort und verschenken Waschmaschinen und andere Geräte an die Leute, oder Heizkohle. Welche Regierung hat so etwas getan?

Als er seine Zigarette ausgeraucht hatte, fragte er, ob er Schwierigkeiten bekommen könnte, wenn ich seine Aussagen irgendwo veröffentlichen würde. Ich sagte, das sei unwahrscheinlich, dann verabschiedeten wir uns.
Die AKP erreichte bei der Wahl ihr Ziel, anders als bei der vorherigen Wahl holte sie die absolute Mehrheit. Anders als sonst an Wochenenden waren an diesem Sonntag alle Kräfte in der Redaktion gefordert, da ich den längsten Nachhauseweg von allen hatte, durfte ich am Abend als erster gehen. Die Bushaltestelle in Beyoglu, an der ich jeden Tag ein- und ausstieg, bot eine weite Aussicht über die Stadt, unter anderem auf Kasimpasa, den nächstgelegenen und etwas tiefer gelegenen Stadtteil, Heimat Erdogans. In einem Park stieg gerade offensichtlich eine große Party, ich hörte Geschrei und Gesänge, Musik und Freudenschüsse, sah ein Feuerwerk. Um mich herum war es dagegen ruhig und dunkel, ich stand ziemlich verlassen an der Haltestelle und sah und hörte aus sicherer Entfernung zu, bis mein Bus kam. Als ich nachts ins Bett ging, hörte ich noch immer hupende Autos, jubelnde Menschen und schießende Pistolen.

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Ganz am Anfang meiner Hospitanz durfte ich Themenvorschläge für Reportagen machen, der Redaktionsleiter ging sie mit mir durch und suchte aus, was infrage kam. Ein Thema davon, das mich sehr interessierte, wie die türkische Literatur. Ich wusste wenig darüber und wollte viel darüber erfahren, vor allem wie sich das politische Klima auf die Freiheit Kunst und Literatur des Landes auswirkt. Also lief ich los und machte zunächst Halt in der einzigen deutsch-türkischen Buchhandlung in ganz Istanbul, die am südlichen Ende der Istiklal-Straße lag. Der Laden war gut besucht und schön eingerichtet, eine Mischung aus Buchladen und Café, im Erdgeschoss lockerer und lebhafter, im zweiten Stock ruhig. Ich kam mit dem Inhaber und Betreiber ins Gespräch, einem Deutschen, der gutes Türkisch sprach. Er nannte mir einige Namen erfolgreicher junger Autoren, konnte mir aber laut eigener Aussage ansonsten nicht viel weiterhelfen, da er kein Experte türkischer Literatur sei. Als ich das meinem Vorgesetzten erzählte, machte er ein ratloses Gesicht. Das hab ich mir auch gedacht, dachte ich. Ich ging in eine andere, größere Buchhandlung. Alle Mitarbeiter hatten die gleichen blauen Diensthemden an, zwischen ihnen ging ein großgewachsener Mann hin und her und gab offensichtlich Anweisungen. Ich sprach ihn an.

Ich: Guten Tag, ich möchte einen Artikel über den Zustand der türkischen Gegenwartsliteratur schreiben, können Sie –

Er sagte nichts, zeigte nur auf einen Mitarbeiter.

Also nochmal die Guten-Tag-Tour. Der junge Mann schien unter Zeitdruck zu sein, nahm mir mein Notizheft mit den aufgeschriebenen Fragen aus der Hand, legte es auf einen Tisch und griff sich einen Kugelschreiber. Dann ging er die Fragen durch, schrieb stichwortartige Antworten und murmelte Kommentare dazu: „Ich schreibe mal die wichtigsten jungen Autoren auf…Emrah Serbes musst du lesen…die meisten Bestseller sind aber aus dem Ausland…die Leute wollen Knausgard und Murakami.“ Als er eine Frage einfach so durchstrich, musste ich lachen. Er gab mir das Heft zurück und sagte, um das Thema richtig zu diskutieren, benötigte er viel mehr Zeit. Ich schrieb seine Nummer auf, verwendete sie aber nie. Bevor ich ging, sah ich im Buchregal einen Namen, der mir bekannt vorkam. Es war der poetische Demonstrant.

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Im nächsten Buchladen gab es keine Kundschaft, nur drei Mann, die ganz hinten an drei Tischen zusammensaßen. Auf mein Anliegen antworteten sie nur: Gerade keine Zeit. So langsam musste ich mir Gedanken um meine Art der Gesprächsaufnahme machen. So lange legte ich das Thema Literatur erst einmal auf Eis.

Dann stand Fußball auf dem Plan. Ich wollte wissen, wie es sich so als deutscher Profifußballer in der Türkei so lebt. Zwei der großen Istanbuler Clubs hatten sich im Sommer namhafte deutsche Spieler gegönnt: Lukas Podolski spielte bei Galatasaray, Mario Gomez und Andreas Beck bei Besiktas. Ich kontaktierte ihre Berater und fragte ein Treffen an, bei Beck klappte es recht schnell.

Wir trafen uns in einem riesigen, strahlenden Komplex aus Einkaufszentrum, Cafés und Restaurants, über dem zwei Wolkenkratzer mit Luxus-Wohnungen ragten. Treffpunkt war ein Café, das bei Besiktas-Spielern beliebt war. Als der Kellner erfuhr, mit wem ich verabredet war, sagte er, dieser sei einer seiner Lieblingskunden, viel sympathischer als die meisten anderen Fußball-Profis.

Becks Wechsel zu Besiktas war bis dahin auch ein voller Erfolg, er war Stammspieler und bei den Fans beliebt, am Saisonende sollte er die Meisterschaft mit Besiktas holen, im Jahr darauf gleich die nächste.

Als er ankam, begrüßte er mich auf Türkisch. Es war das erste Mal, dass ich ausführlich mit einem Fußball-Profi sprechen durfte, deshalb hatte ich mich gründlich vorbereitet und viele Fragen aufgeschrieben. Ich war zwar nicht sehr geübt in Sachen Interviewführung, doch er machte es mir einfach und ging auf jede Frage ausführlich ein. Er erzählte interessante Sachen aus seinem Alltag, etwa, dass er auf dem Weg zum Training täglich über die Bosporus-Brücke muss, also täglich zwischen Europa und Asien pendelt. Dass die Tabellenführung mit Besiktas nicht vergleichbar mit dem damaligen Höhenflug mit Hoffenheim im Aufstiegsjahr sei. Da Hoffenheim damals eine Überraschungsmannschaft war, Besiktas aber zu den Spitzenmannschaften der türkischen Liga gehört. Der Umgang mit Fußballern in der türkischen Öffentlichkeit sei auch anders als in Deutschland. Dort sei er es gewohnt gewesen, dass man ihn zwar häufig erkannte, aber eine gewisse Distanz wahrte. Hier dauere es auf der Straße nicht lange, bevor er von Fans umschwärmt und mit Selfie- und Autogrammanfragen bombardiert werde. Selbst beim Autofahren komme es vor, dass Besiktas-Fans nahe heranfahren und ihn am Steuer fotografieren. Ich wusste, dass er sich auch für Literatur interessiert, und erzählte ihm von meiner laufenden Recherche zum Thema. Es stellte sich heraus, dass ihm auch schon der deutsch-türkische Buchladen empfohlen worden war, er es aber noch nicht hingeschafft hatte. Er erzählte das alles mit einer Offenheit, die mir nicht aufgesetzt vorkam, das Gespräch machte Freude.

Die meisten nicht-türkische Fußballer wechseln vor allem deshalb in die Türkei, weil oft schon ein ausländisch klingender Name und eine mittelmäßige Vita ausreicht, um von den Fans wie ein Halbgott empfangen zu werden und gutes Geld mit günstiger Steuer zu verdienen. Früher war das noch häufiger der Fall, die vielen Terroranschläge haben die Liga für ausländische Spieler eher unattraktiv gemacht, locker verdientes Geld hin oder her.

Beck sagte, er wolle vor allem auch eine neue Kultur kennenlernen und möglichst viele Eindrücke mitnehmen. Er hatte sich einen Türkisch-Lehrer organisiert und übte mit einer Sprach-App, weil er es als Bundesliga-Profi selbst immer schätzte, wenn sich aus dem Ausland dazugekommene Mitspieler um ihre Integration bemühten und die Sprache lernten. Zum Abschluss fragte ich ihn, was das schönste Tor seiner Karriere war, ich weiß auch nicht, warum. Er holte sein Handy hervor und zeigte es mir. Beim Abschied wünschte ich Andy Beck alles Gute, und das sagte ich nicht nur so.

Bei Mario Gomez blitzte ich ab, sein Berater meinte, wann anders vielleicht. Nach der Saison sollte Gomez den Verein und das Land verlassen es mit der politischen Lage begründen. Podolskis Management reagierte gar nicht, aber den sollte ich kurz darauf doch noch treffen, wenn auch nur so halb. Es stand nämlich das Istanbul-Derby zwischen Fenerbahce und Galatasaray an, den zwei ewigen Streithähnen des türkischen Fußballs. Für Podolski war es das erste Derby, ich bekam eine Akkreditierung und sollte über das Spiel berichten.

Fortsetzung

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