Istanbul, 2015 (III)

Fortsetzung von Teil 1 und Teil 2.

Wenn ich nicht bei der Arbeit oder Verwandten war, verbrachte ich meine Zeit in Istanbul gerne in den Straßen. Die meisten Sehenswürdigkeiten kannte ich schon von vorherigen Besuchen, also streifte ich einfach durch verschiedene Stadtteile. In Beyoglu setzte ich mich nach Feierabend wahllos in eine Bar, in der nur der Barkeeper und ein Sänger da waren. Ich nahm Platz und bestellte was zu trinken, und als hätte der Sänger nur darauf gewartet, ging er auf die Bühne, griff sich seine Gitarre und das Mikrofon und legte los. Nach einigen Liedern sagte er, bis weitere Gäste kämen, dürfe ich mir Lieder wünschen, gerne auch nicht-türkische. Spontan fiel mir Nothing Else Matters von Metallica ein, und er machte es ganz gut, auch wenn er den nicht den ganzen Text kannte, ich ja auch nicht.

039

Der Stadtteil Fatih fühlte sich an wie einige tausend Kilometer weiter südlich aus dem Boden gerissen und herverfrachtet. Für alle Passanten schien es Pflicht zu sein, den eigenen Glauben schon rein äußerlich zu unterstreichen. Die Männer trugen Vollbart, weite Stoffhosen, viele dazu noch eine Gebetskappe. Frauen, die nicht vollverschleiert oder zumindest mit Kopftuch herumliefen, waren klar in der Unterzahl.

Auch wenn sich die vielen Stadtteile also sehr voneinander unterschieden, eine Gemeinsamkeit hatten sie: So gut wie überall sah man Flüchtlinge. Manche fielen rein äußerlich kaum auf, außer wenn sie miteinander in ihre Sprache sprachen, viele aber sahen ärmlich aus. Immer wieder sah ich Kinder, die den ständigen Stau auf den Straßen dazu nutzten, den Autofahren irgendetwas zu verkaufen, Gebäck, Getränke oder Sonnenbrillen. Einmal lief ich an einer ganzen Familie vorbei, Vater, Mutter, Kinder, die zusammen auf dem Boden kauerten und eine kleine Kiste für Kleingeld hingestellt hatten. An einem anderen Tag blieb ich kurz auf der Straße stehen und trank einen Schluck aus einer Plastikflasche. Ein kleines Mädchen blieb vor mir stehen, streckte die Hände nach oben und sah flehend zu mir hoch.

Ich hielt ihr die Flasche hin, sie riss sie aus meiner Hand und rannte strahlend und irgendetwas rufend davon. Ich sah ihr hinterher, und als sie bei ihrer Mutter ankam, streckte sie die Flasche präsentierend in die Luft, machte aber mit der nächsten Geste klar, dass das Wasser ab jetzt nur ihr gehörte und sonst keinem. Die Flasche hatte mich umgerechnet zwölf Cent gekostet.

Irgendetwas passte nicht zusammen, denn ich wusste, dass sich die Türkei vergleichsweise gut um Flüchtlinge kümmert. Das Land nahm in jenem Jahr 2,5 Millionen Flüchtlinge auf, mehr als jedes andere Land der Welt. Ich wusste, dass es für sie durchaus vorbildliche Einrichtungen gab, in denen sie gut versorgt wurden und die auch von neutralen, ausländischen Beobachtern als vorbildlich gelobt wurden. Von Bekannten und Verwandten bekam ich die Antwort, dass die Meisten, die auf den Straßen lebten, es freiwillig taten, weil so ihre Chance auf eine Flucht Richtung Europa größer war, als wenn sie in den Einrichtungen gemeldet waren.

797

So langsam drängte die Zeit. Wenn meine Hospitanz nicht ganz ohne Reportage enden sollte, brauchte ich dringend ein Thema. Da erhielt ich einen Vorschlag von meinen Vorgesetzten. Es ging um Gaziantep. Die Stadt liegt tief im Südosten des Landes, nur 40 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, und war einer der Hauptanlaufpunkte für Flüchtlinge, die es über die Grenze schafften. Das Gebiet zwischen Stadt und Grenze galt als Rückzugsgebiet für IS-Kämpfer. Ich hatte von syrischen Journalisten gelesen, die nach Gaziantep geflüchtet waren, und dort von IS-Terroristen auf offener Straße erschossen wurden. Die PKK, die sich im Südosten mit der türkischen Armee bekämpfte, übte auch immer wieder Anschläge in der Millionenstadt aus. Aufgrund der geografischen Lage der Stadt kamen dort also alle Probleme zusammen, mit denen die Türkei zu kämpfen hatte.

Jetzt gab es Berichte, dass der nächste große Flüchtlingsandrang anstand, tausende Menschen hatten sich vor der Grenze versammelt und wollten mit aller Macht ins Land. Ich wurde gefragt, ob ich nicht hinfahren, mir das Ganze anschauen und einen Text darüber schreiben wolle. Ich überlegte nicht lange und sagte: Warum nicht. Als ich daheim war, überlegte ich doch länger, und am nächsten Tag ging ich zu meinem Vorgesetzten und sagte ihm, dass mir die Sache doch zu heiß war. Ich übernachtete meistens bei Verwandten, und beim Abendessen waren sie ziemlich erschrocken gewesen, als sie von der möglichen Reise gehört hatten. Sie sagten, dass die Gefahr von Anschlägen dort am höchsten war, und dass die Polizei einen sofort verhafte, wenn man als Unbefugter der Grenze zu nah kam. Zumal ich als aus Europa eingereister junger Mann auch schnell in Verdacht geraten hätte können, ein Möchtegern-Dschihadist zu sein. Und dann würde es natürlich ganz hässlich für mich werden.

Vielleicht waren die Bedenken auch ein erstes Anzeichen dafür, dass ich nicht gerade zum Vollblutjournalisten gemacht war. Neugierde auf die Welt, klar, sich dafür aber auch in Gefahr begeben, eher nicht. Größten Respekt vor den Radossen und Todenhöfers dieser Welt, aber mein Ding war es nicht.

In der Redaktion war das gar kein Problem, ich hätte mir kein verständnisvolleres Arbeitsumfeld wünschen können. Der Fall wurde spontan und ausgiebig diskutiert, mit allen Kollegen standen wir vor einer Wandkarte der Türkei und besprachen die Örtlichkeiten. Zuerst wurde diskutiert, ob einfach ein anderer Kollege fahren soll, dann kam es aber zum Entschluss, dass es zu jener Zeit in der Tat zu gefährlich war, an den Ort des Geschehens zu reisen.

Ein Freund aus Deutschland hatte mir versprochen, mich zu besuchen, und er hielt das Versprechen ein. Er kam für drei Tage und hatte sich gut vorbereitet, mit Reiseführer und Google Maps und allem Drum und Dran. So konnten wir vereinbaren, dass er während meiner Arbeitszeit die Sehenswürdigkeiten abhakte, und ich dann jeweils nach Feierabend dazustieß. Wir gingen ins Stadion (Galatasaray gegen Benfica, 2:1), machten eine Bootstour über den Bosporus, gingen ins Fischrestaurant, solche Sachen.

Für seinen letzten Abend hatten wir einen krönenden Abschluss geplant: einen Besuch im Reina, dem bekanntesten Nachtclub der Stadt. Wir trafen uns auf der Istiklal und kauften uns noch schnell ein Outfit zusammen. Als wir an einem Einkaufszentrum vorbeikamen, sah ich die Gelegenheit gekommen, auf Istanbul-Insider zu tun: „Das Gebäude gehört Yildirim Demirören, Präsident des türkischen Fußballverbands, übertrieben reicher Mann. Zur Eröffnung vor ein paar Jahren hat er Cristiano Ronaldo eingeflogen, da war hier die Hölle los.“ Dass ich das nur zufällig auf Youtube gesehen hatte, ließ ich lieber weg. Wir machten einen Abstecher in Sultanahmet, zogen uns in seinem Hotelzimmer um und fuhren mit dem Taxi los Richtung Reina.

Otto Normaltouris wie wir zwei hätten unter normalen Umständen keine Chance, in diesen Club der Reichen und Schönen zu kommen. Doch es gab einen billigen Trick: Wenn man vorher einen Tisch im clubeigenen Restaurant reservierte, kam man automatisch auf die Gästeliste. So kamen wir also recht früh an und läuteten den Abend mit einem Essen ein. Der Club ist vor allem für seinen schönen Außenbereich bekannt, der schräg unter der Bosporus-Brücke liegt. Draußen regnete es, und um die Aussicht trotzdem für ein paar Fotos zum Blöffen in sozialen Medien nutzen zu können, wählten wir einen Tisch auf der überdachten und beheizten Terrasse. Das Essen schmeckte, die Kellner waren freundlich, der Wein floss. Den hatte mein Freund bestellt, und obwohl ich kein Wein-Trinker bin, trank ich mit. Um uns herum saßen die meisten Besucher in größeren Gruppen, viele Gäste waren etwas älter als wir und edel gekleidet. Die Männer in Anzügen, mit dicken Uhren und Wohlstandsbäuchen, ihre Frauen schmaler und in bunten Kleidern, als erfahrener Zuschauer von TV-Klatschsendungen vermutete ich hier und da einen Hauch Botox in den Gesichtern.

746

Die Männer hatten fast alle Zigarren in der Hand. Weißt du was, sagte ich zu meinem Kumpel, heute machen wir auch auf reich. Also winkte ich einen Kellner heran und fragte, wo und für wieviel ich eine gute Zigarre bekommen könnte. Gar kein Problem, meinte er, er kümmere sich darum. Wir aßen und tranken weiter, und ich hatte die Zigarren-Sache beinahe schon abgehakt, da tauchte der Kellner wieder auf, mit drei weiteren Kellner im Schlepptau, die alle jeweils eine große, schwarze Mappe dabeihatten.

Der Kellner gab ein Zeichen, die anderen drei breiteten ihre Mappen nacheinander vor mir aus, dann zogen sie sich wieder zurück. Der Kellner lächelte mir zu und machte eine präsentierende Handbewegung. Ich tat wissend, mein Gegenüber hielt die Hand vor den Mund, um sein Lachen zu verstecken. Natürlich kannte ich mich überhaupt nicht aus, wollte aber auch nicht wie ein Pfennigfuchser dastehen, indem ich nachfragte, welche denn wohl die günstigste sei. Nachdem ich jedes Exemplar gemustert hatte wie ein wahrer Kenner, zeigte ich auf die Zigarre, die am schlichtesten aussah. Der Preis von vierzig Euro hätte an jedem anderen Tag wehgetan, an diesem Abend spielte ich ja einen Reichen, da war es in Ordnung.

Nach dem Essen wurden die Tische weggeräumt, das Restaurant wurde zum Nachtclub. Ich wunderte mich etwas darüber, dass eine so bekannte Discothek keine traditionelle Tanzfläche besaß, die Leute tanzten in den Lounge-Bereichen oder in den Gängen zwischendrin. Mein Freund war an diesem Abend in Feier- und Spendierlaune, wir waren recht schnell recht gut dabei. Wir lernten zwei Anwälte aus Paris kennen. Einer von ihnen schrie mir ins Ohr, ich solle auf meinen Kumpel aufpassen, der sei ja schon sehr besoffen. Wie mir mein Kumpel später schwörte, hatte er ihm genau das Gleiche ins Ohr geschrien. Anwälte halt. Ein anderes Gespräch zwischen uns und zwei Frauen wurde abrupt von zwei riesenhaften Männern in schwarzen Anzügen beendet, die sich erst zwischen uns und dann die Frauen davonschoben. Es waren offensichtlich zwei Bodyguards, die auch den Rest des Abends nicht von der Seite der Damen wichen und sie selbst beim Tanzen vor anderen Besuchern abschotteten. „Demirörens Zwillingstöchter heute wieder mit eigener Security unterwegs!“, rief mein Kumpel durch die Gegend, und wir lachten beide wie blöd.

Es stellte sich dann schnell heraus, dass wir es mit dem Alkohol übertrieben hatten. Wir beendeten den Abend, stiegen in ein Taxi und fuhren zurück. Er stieg an seinem Hotel in Sultanahmet aus, ich fuhr weiter zu meiner üblichen Bleibe bei Verwandten. Als wir uns am nächsten Tag am Sultanahmet-Platz trafen, war er in einem fast schon grotesk miserablen Zustand. Er hatte die ganze Nacht hindurch kotzen müssen, und da er nach Check-out und Rückflug noch einige Stunden Zeit hatte, kotzte er jetzt im Freien weiter. Bei Sprühregen schlief er aufrecht sitzend schlief er auf einer Bank, die Kapuze seiner Regenjacke tief ins Gesicht gezogen. Als ich ihn weckte, schilderte er die schlimmste Nacht seines Lebens, musste dann aber aufstehen und sich erneut ins Gebüsch hinter der Bank übergeben. Zum Glück war der sonst mit Touristen überfüllte Platz bei dem Wetter ziemlich verlassen. Mein Kumpel stammelte den Verdacht, jemand habe ihm etwas ins Getränk geworfen, was er bis heute felsenfest behauptet. Wer das denn gemacht haben könne, fragte ich ihn, und er sagte nur: „Wahrscheinlich ein zu schüchternes Topmodel.“ Diesmal lachte nur einer von uns, denn er war dazu nicht in der Lage und Laune. Da ich etwas später zur Arbeit musste, verabschiedeten wir uns. An genau den drei Orten, an denen unser Reina-Abenteuer begann und endete – Istiklal-Straße, Reina, Sultanahmet-Platz – sollten in den Monaten danach jeweils Terroranschläge stattfinden.

In der letzten Woche meiner Hospitanz ergab sich endlich ein Thema für meine ersehnte Reportage. Mein Vorgesetzter erzählte mir von einer Kleinstadt in der Westtürkei, direkt an der Ägäis-Küste. Er sagte, die Stadt stehe täglich in den türkischen Nachrichten, da sie zum Hauptanlaufpunkt für Flüchtlinge geworden war, die in die EU wollten. Und dass sie von dort aus in Boote stiegen, um von Schleusern auf die griechische Seite gebracht zu werden. Immer wieder gab es Nachrichten von gekenterten Booten und ertrunkenen Menschen. Ich sollte für zwei Tage hinfahren, die Situation der Flüchtlinge vor Ort recherchieren und nach meiner Rückkehr einen Text dazu schreiben, quasi als Abschluss meiner Hospitanz.

Ich sagte zu, wir planten es durch, alles ging schnell. Für den nächsten Morgen stand mir dann auch schon die Reise bevor. An einen Ort, von dem ich vorher noch nie gehört hatte, nämlich nach Ayvacik.

1 Gedanke zu „Istanbul, 2015 (III)“

  1. Hallo Sidan,

    hoffentlich liest man jetzt wieder häufiger von Dir, gerne auch wieder über Fussball. Auch wenn der Artikel über Istanbul ausgesprochen interessant war.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.