Hoch in Kreuzberg

Micky und ich sitzen bei mir zuhause und fragen uns, wie wir den Abend verbringen sollen. Bei mir zuhause stimmt nicht ganz, ich bin nämlich nur Zwischenmieter und wohne hier nur auf Zeit, für ein halbes Jahr nämlich. Die Wohnung ist ist Berlin-Kreuzberg, aber irgendwie auch in Neukölln, oder zumindest fast. Wenn man aus der Tür geht und ein bisschen herumläuft, befindet man sich meist schon in Neukölln, da sich die Wohnung direkt an der Grenze beider Stadtteile befindet, so hat man mir das erklärt.

Micky ist ein paar Monate länger als ich in Berlin. Wir kommen aus der gleichen Ecke des Landes, weit weg von hier, dort haben wir uns kennengelernt, als wir in die gleiche Fußballmannschaft kamen, und als wir erfuhren, dass unsere Mütter schon seit vielen Jahren befreundet sind, wurden wir auch Kumpels.

Hier in Berlin wurde aus unserer Freundschaft eine Schicksalsgemeinschaft. Er hat hier ein paar Verwandte, bei denen er lebt, und bereitet sich für eine Weiterbildung vor, oder er macht ein Praktikum, so genau weiß ich das nicht. Ich habe hier niemanden und bin gekommen, um genug Zeit und Ruhe zu haben, um endlich mal einen Roman fertigzubringen. Wir haben einige Gemeinsamkeiten: Wir werden Berlin beide in einigen Monaten wieder verlassen, wir kennen kaum jemanden bis niemanden, und wir versuchen beide noch immer, den Wechsel von der Provinz in die Hauptstadt zu verarbeiten. Wir sind hier, ohne dass uns irgendjemand hergebeten oder erwartet hätte. Wir haben beide nicht viel Geld und zuhause im Süden jeweils eine Frau, die auf uns wartet. Wir sind beide froh, schon als arme Schlucker eine Frau gefunden zu haben, die auf uns wartet. Denn so können wir später einmal sicher sein, dass sie uns nicht des Geldes wegen genommen hat. Berlin ist so groß und so lebhaft und so vieles auf einmal, dass es droht, uns zu kauen und auszuspucken oder gleich ganz zu verschlucken. Deswegen erkunden wir die Stadt meist zu zweit, sind oft zusammen auf den Straßen unterwegs. Ihm gefällt es hier in Kreuzberg auch besser als dort, wo seine Verwandten leben, in Mitte und Prenzlauer Berg, hier ist mehr Leben, sagt er.

Meistens sitzen wir dann bei mir, er auf der Couch, ich am Schreibtisch, schauen uns die neuesten Instagram-Storys aus Berlin an und entscheiden dann, wo wir diesmal hingehen. Heute ist Bambi-Verleihung am Potsdamer Platz, sagt Micky, lass da hingehen. Er nimmt sein Handy, beugt sich ganz weit nach vorne, streckt das Handy weit von sich weg und ruft: Herr Clooney, Herr Clooney! Eine Frage nur. Da fällt ihm ein, dass er sich ziemlich sicher ist, letztens Colin Farrell auf der Straße gesehen zu haben. Micky ist verrückt danach, berühmte Leute in Person zu sehen, er ruft mich manchmal an, wenn es wieder passiert ist. Einmal hat er ein Foto davon geschickt, wie dieser Claas von Pro 7 sich bei irgendeinem Event am Ausgang die Schuhe band. Einmal rief er an uns meinte, Gündogan und Ter Stegen seien im Mercedes an ihm vorbeigefahren.

Von den zwei Namen ist es nicht mehr weit zur Diskussion, wer denn nun besser ist: Messi oder Ronaldo. Es wird hitzig. Ich wende eine Taktik an, die ich mir in Polittalkshows abgeschaut habe: Jetzt lass mich bitte diesen Gedanken noch zu Ende bringen, ich habe dich schließlich auch aussprechen lassen. Wir lachen dann und wissen nicht mehr, an welchem Punkt wir waren. Also gehen wir nach draußen in die kalte Nacht.

Sollen wir es heute nochmal probieren, fragen wir uns gegenseitig. Letzte Woche haben wir uns Marihuana besorgt. Das haben wir in unserer Gegend nie gemacht, aber hier rochen wir es immer wieder in den Straßen, und weil Berlin für uns ja eh einen mehrmonatigen Ausbruch aus dem Alltag darstellt, dachten wir, warum nicht. Am Schlesischen Tor bestellten wir am Straßenrand zwei Gramm, und als wir es bekamen, sagte Micky: Das sind niemals zwei Gramm. Und der Dealer wurde unbequem: Its two grams, you don’t know weed?! Danach schickte ich einem erfahrenen Kumpel in der Heimat ein Foto, und er sagte, da hätte uns jemand über den Tisch gezogen, das sei nicht mal ein Gramm. Egal, zu spät. Auf dem Weg kauften wir in einem Späti das nötige Zubehör, der Besitzer war ein Türke und merkte natürlich, was wir vorhatten, also gaben wir es auch zu. Dann gingen wir heim und versuchten mithilfe von Youtube-Tutorials, zwei Joints zu drehen. Nach einer Stunde hatten wir zwei völlig unsymmetrische und undichte Dinger hingemurkst. Wir gingen raus auf die Straße und rauchten sie in irgendeiner dunklen Ecke. Es schmeckte wie Grillkohle und bereitete Kopfschmerzen. Am nächsten Tag gingen wir in der Neuköllner Moschee zum Freitagsgebet, und schon am Eingang trafen wir auf den Späti-Besitzer, der wissend lächelte und fragte: Ihr auch hier? Beim Gebet war ich ganz aufgeregt und rechnete jede Sekunde damit, dass der Typ aufsteht und die Predigt unterbricht: Liebe Mitbetende, heute sind zwei unter uns, die nicht hierhergehören! Schrecklich war das.

Vielleicht klappt es diesmal besser. Wir versprechen uns, dass es der letzte Versuch ist, und treten in den Park. Die meisten Wege sind schwach beleuchtet, die kleineren Seitengassen gar nicht. Rechts hören wir Stimmen aus einer Nebengasse, können aber nicht erkennen, wer da auf den Bänken sitzt. Also weiter. Links geht es in einen noch kleineren Seitenweg rein, dort steigt ein dunkelhäutiger Mann aus dem Gebüsch und hat ein Walkie-Talkie in der Hand. Der Weg steigt etwas an, dann kommen wir direkt an eine große Wegkreuzung und werden leise begrüßt. An allen Ecken dieser Kreuzung stehen dunkelhäutige Männer in dunklen Klamotten. Sie haben schwarze Jacken an und tragen alle Mützen oder haben wenigstens die Kapuze ihrer Jacke über den Kopf gezogen.

Wir stehen genau in der Mitte, ich grüße in die Runde und bitte um ein Gramm. Von links nickt uns einer in seine Richtung. Er gibt mir ein Tempo in die Hand, zieht einen Beutel aus der Tasche und leert ein paar grüne Knospen drauf. Micky flüstert ehrfürchtig und freudig: Viel mehr als letztes Mal! Wir zahlen zehn Euro und gehen.

Nach etwa zehn Metern machen wir halt, tun so, als wäre uns gerade etwas eingefallen, und drehen wieder um. So war der Plan: Auf Routiniers machen und den Deal abwickeln, dann zurückgehen, sich doch als Anfänger zu erkennen geben und die Jungs bitten, ob sie uns nicht kurz noch zwei Joints drehen könnten. Wir würden auch zehn Euro extra zahlen. Ihnen ist anzumerken, dass sie solche Anfragen selten bekommen, sie rufen ein bisschen durch die Gegend und fragen die verschiedenen Posten in ihrer Sprache durch, die ich nicht ganz identifizieren kann. Dann sagen sie, dass sie uns da leider nicht weiterhelfen können. Wir wollen gehen, doch sie rufen uns nochmal zurück.

Einer hat sich doch bereit erklärt, er steht rechts an der Kreuzung hinter einer Straßenlaterne im Gras. Ein Stück weiter sitzt eine ältere, auch dunkelhäutige Frau auf einer Bank. Sie trägt ein gelbes Kleid und einen gelben Turban auf dem Kopf. Sie schaut uns ganz unaufgeregt zu, vor ihr steht ein vollbepacktes Fahrrad. Rechts neben der Bank lehnt ein weiterer Mann an einem Baumstamm.

Unser Mann hat eine graue Mütze auf und fragt, ob wir Zigaretten haben. Micky gibt ihm eine, er fängt an. Wir fragen ihn, ob er uns vielleicht zwei Stück drehen könne, er sagt, er habe nur Zeit für einen. Während er mit dem Drehen der Joints beschäftigt ist, wollen wir ihm mit Smalltalkversuchen unser Wohlwollen andeuten. Dafür ist er aber zu abgelenkt oder abgeklärt. Aus den wenigen Satzfetzen erkennt er aber bereits, dass wir weder orts- noch sachkundig sind. In gebrochenem Deutsch sagt er uns, dass das Zeug nichts für uns sei und dass wir erst gar nicht damit anfangen sollten. Unsere Nur-mal-probieren-Schiene nimmt er uns nicht ab. Sagen alle, sagt er. Micky fragt ihn, wie er heißt. Drei Sekunden nichts, dann sagt er: John.

Nach etwa fünf Minuten ist John, der niemals so heißt, fertig. Er ist dann noch so nett, uns auch einen zweiten zu drehen. Hinter uns, an der Ecke, an der wir empfangen wurden, steht alle paar Minuten ein neuer Kunde, das Geschäft läuft. Sie haben aber auch einen idealen Standort im Park erwischt. Ich frage mich, ob sie ihn haben sich erkämpfen müssen. Ein Mann in grauen Sportklamotten joggt zum zweiten Mal vorbei, Micky sagt, das sei bestimmt ein Polizist. Nein, sagt John, die kommen hier nicht her, ihr könnt auch gleich hier im Park rauchen, man darf das hier. Es scheint, als sei John innerhalb der Gruppe hier einer der Wortführer, den er wird immer wieder von seinen Kompanen gerufen und gibt laute Antworten, die wie Kommandos klingen. Als er auch mit dem zweiten Joint fertig ist, danken wir und wollen ihm das Geld geben. Er lehnt ab, verabschiedet sich schnell und hetzt dann rüber in die andere Ecke, wo gerade das nächste Geschäft läuft.

Wir laufen ein Stück weiter in den Park, die Frau in Gelb überholt uns mit ihrem Fahrrad. Eine Bank steht am Gebüsch im Halbdunkel, dort soll es geschehen. Wir rauchen den ersten Joint abwechselnd zusammen, nach etwa zehn Minuten sind wir fertig. Micky ruft in den dunklen Park hinein, dass mal jemand Busta Rhymes laufen lassen soll. Ich hole mein Handy raus, öffne Youtube, lasse den ersten Busta-Rhymes-Song laufen, der mir einfällt: Break ya Neck heißt er. Micky tanzt los, ich tanz mit. Wir sind solche Anfänger, sagt er. Als solche reicht der eine Joint völlig aus, die zweite kommt in Mickys Zigarettenschachtel, die ich in meiner Jackentasche verstaue.

Wir verlassen den Park und treten wieder unter die Lichter der Stadt. Micky spricht schon im Fachjargon: Junge, mich ballert’s. Mich ballert es noch nicht, nur beim Geradeausgehen ist die Selbstverständlichkeit nicht so stark wie sonst. Micky sagt, er habe Hunger wie nie, er will libanesisch essen gehen. Wir gehen in unsere Lieblingsstraße, der wir einen ganz kreativen Namen gegeben haben: Die arabische Straße. Eigentlich heißt sie Sonnenallee. Immer, wenn ich am Straßenschild vorbeilaufe, erinnere ich mich daran, dass es einen Film oder ein Buch über die Sonnenallee gibt, und nehme mir vor, ihn anzuschauen oder es zu lesen, je nachdem.

Mir fällt noch mehr auf als zuvor, wie schnell Micky beim Gehen ist. Es ist mehr ein gedämpftes Rennen, man kommt kaum mit. Ich finde das jetzt auch viel lustiger als sonst, und ich will ihm das erklären, wie witzig es ist, dass er so schnell durch die Straße läuft, aber ich schaffe es nicht ganz.

Wir gehen die arabische Straße entlang. Es gibt kein Gebäude ohne Geschäft im Erdgeschoss. Friseure, Bänke, Supermärkte, Shisha-Bars, vor allem Restaurants. Läden, in denen man goldene Lampen kaufen kann oder frisches Gemüse. Alles hier ist arabisch: Die Menschen, die Beschriftungen, die Gespräche. Ich sollte mich hier mal mit einem Araber anfreunden.

Seit wir aus dem Park gekommen sind, reden Micky und ich kaum. Es ist ein freundliches Schweigen, das nur zwischen Menschen entstehen kann, die aneinander gewohnt sind. Und doch ist es ungewöhnlich, denn sonst reden wir ununterbrochen. Vor allem er, aber auch ich, denn er ist ein Mensch, der andere zum Reden bringen kann. Diese Gabe hat er. Aber ihm ist gerade auch nicht nach Konversation, er wiederholt nur ab und zu, wie groß sein Hunger ist.

Wir laufen durch einen schmalen Tunnel, der durch ein Baugerüst führt und in schwachem Orange beleuchtet ist. Ich bin schon einige Male durch diesen Tunnel gelaufen, er hat es mir irgendwie angetan. Nach dem Tunnel stehen einige Shisha-Bars, die dafür sorgen, dass die Sicht im Tunnel leicht vernebelt ist und die Luft süß riecht. Gegen Ende des Tunnels stehen rechts zwei Männer. Vor ihnen liegen Verkaufsgegenstände auf dem Boden, und sie stehen ganz selbstverständlich dahinter und warten darauf, dass jemand Interesse zeigt. Der erste ist ein dunkelhäutiger Mann, der gefälschte Yeezys anbietet. Zwei Meter weiter steht ein junger Araber vor einem kleinen Berg schwarzer Daunenjacken. Ein älterer Araber ist interessiert und lässt sich vom Jungen dabei helfen, eine der Jacken anzuprobieren. Dieser Tunnel fühlt sich zwielichtig und orientalisch zugleich an, ich hätte nicht gedacht, dass es solche Orte in Deutschland gibt.

Wir sind im Azzam, einem libanesischen Lokal, hier waren wir schon ein paar Mal essen. Der Laden ist voll wie immer, er ist bei arabischen Einheimischen, aber auch bei jungen Studenten und Hipstern beliebt. Wir stehen an der Theke zum Bestellen. Micky übernimmt, denn ich bin immer mehr mit mir selbst beschäftigt. Die Gedanken werden immer freier und schneller. Ich sichere uns einen Tisch, ganz hinten in der Ecke. Ich weiß nicht genau, woran ich bin. Vielleicht geht es jetzt gerade los, vielleicht will mir mein Gehirn aber auch nur das Gefühl vermitteln. Vielleicht reagiert es nur pflichtbewusst auf eine Erwartung, die gestellt wird. Wie das Kind, das von den Eltern ins Wohnzimmer gebeten wird und Geige vorspielen muss, weil gerade Besuch da ist.

Micky baut das Menü auf: Falafeln, Schawarma und unzählige Beilagen in die Mitte, dazu Fladenbrot und je ein leerer Teller für jeden. Wir essen und essen und hören nicht mehr auf. Mickys Teller sieht aus wie ein Schlachtfeld, ich sage ihm das, er hebt die Hände auf Schulterhöhe, sieht auf den Teller und sagt: Ja Mann, was hab ich hier getan.

Dann reden wir nochmal über den Bambi. Und bei dem Thema platzt es aus mir heraus. Ich werde ganz blöd:

„Heute haben wir keine Chance, dort reinzukommen, die fragen uns doch, ob wir noch ganz sauber sind. Aber nächstes Jahr, das schwöre ich dir, da werde ich vor dir mein Handy aus der Tasche ziehen, und ich werde dir Whatsapp-Nachrichten zeigen, in denen die mich vom Bambi anbetteln, dass ich auf ihren drecksroten Teppich komme.“

Micky reagiert nicht. Er sagt nichts und isst einfach weiter. Er schaut nicht mal auf, dabei hat er es genau gehört. Ich sage selten so Vollmundiges über meine Zukunft, und wenn, dann eher zum Spaß. Und Micky sagt dann trotzdem immer: Auf jeden Fall, ich glaub fest daran, du schaffst das alles, dein Buch wird der Hammer. Diesmal sagt er aber nichts, und er hat völlig Recht. Mein Monolog machte nicht nur kaum Sinn – was hat der Bambi mit einem Autor zu tun – ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ich so laut geredet habe, dass es alle Leute um uns herum gehört haben. Zwei schwarzhaarige Frauen sitzen gleich links von uns, zwei blonde direkt hinter mir. Außerdem hielt ich die Rede in einer verstellten, schrillen Stimme, wie ein lächerlicher Bösewicht auf RTL2.

Micky sagt jetzt wieder ein paar Sachen, aber ich kann nicht antworten. Ich bin ganz abgelenkt und deprimiert darüber, wie ich gerade herumgetönt habe. Wir essen weiter. Am Anfang löffelte sich jeder noch etwas auf seinen eigenen Teller und aß dann dort weiter. Jetzt aber stechen wir mit den Gabeln in die gleichen Speisen, alle Regeln sind über Bord. Das stört mich erst mal nicht, aber als ich dann eine vollgepackte Gabel gerade in den Mund führen will, meine ich zu hören, dass ich dabei Flüssigkeit von meinem Kumpel Micky auf die Gabel bekommen habe. Ich höre sie meiner Gabel wie eine flüssige Schlange. Ok Junger, denke ich, jetzt geht es wohl los. Das Essen ist für mich vorbei. Der Normalmodus auch.

Während Micky weiterisst, sitze ich ruhig da und lasse mir nichts anmerken, dabei habe ich Mühe, mit meinen Gedanken Schritt zu halten. Ich denke ans Schreiben. Es erscheint mir in diesem Moment als das Sinnvollste, das ich habe. Es ist immerhin ein Ziel. Ein Glück, dass es das Schreiben gibt. Dann denke ich an J.D. Salinger. Daran, wie ich ihn erst kennenlernte, als ich von seinem Tod erfuhr. Ich las damals einen Artikel über sein Leben und seinen Tod, auf Spiegel.de. Dann ging ich in die Universitätsbibliothek und lieh mir den Fänger im Roggen. Salinger, sage ich in Gedanken, du warst ein Großer. Wenn mich jemand vor die Wahl stellen würde, eine Million Euro zu bekommen oder mit dir eine Weile über das Schreiben und über dich und über mich zu sprechen zu können, solange ich will, ich würde mich immer für dich entscheiden.

Mein Kopf baut dieses Szenario weiter. Ich stehe vor einem Moderator mit Mikrofon, der die zwei Wahlmöglichkeiten nochmal wiederholt. Beide stehen neben ihm. Rechts von ihm hält eine Schönheit einen halb offenen Stahlkoffer mit strahlenden Geldscheinen, links von ihm steht der alte Salinger mit grauen Haaren und einem grauen Anzug und herunterhängenden Mundwinkeln, mit beiden Händen in den Hosentaschen. Ich überlege lange. Der Moderator wiederholt immer wieder: Million oder Salinger, Million oder Salinger! Mit der Zeit bildet sich eine neugierige Menschenmasse hinter ihm, denn wir stehen im Freien. Ich kann mich nicht entscheiden. Der Moderator droht: Entweder sofortige Entscheidung, oder beide Möglichkeiten erlöschen für immer. Er stimmt einen verdammten Countdown an, und die Menschen zählen laut mit, von zehn bis null. Bei eins brülle ich sie an: Die Million, ich nehm die verdammte Million! Da habt ihrs!

Die Menschen jubeln, Konfetti regnet herunter, die Schönheit gibt mir einen Kuss auf die Wange. Salinger schaut mich nur kurz mit schrägem Kopf an und sagt: Ich hab es sowieso gewusst, du bist einer von ihnen. Er dreht sich um und läuft davon. Ich rufe: Jerry, warte! Weil ich einen Film über sein Leben gesehen habe und weiß, dass seine Bekannten ihn so nannten. Aber er läuft langsam davon und verschwindet.

Ein paar Männer kommen an den Tisch und fragen, ob die Plätze neben uns noch frei seien, wir sagen ja und räumen das Feld. Zurück auf der Straße, schlägt Micky vor, Süßigkeiten im Supermarkt zu holen. Wir gehen los. Die Gedanken werden rustikaler. Ich sehe alle Frauen, die ich jemals begehrt habe, vor mir auf einer riesigen Bühne. Sie sitzen in einer riesigen Wand mit kastenförmigen Öffnungen, die jeweils einer Frau Platz bietet. Die Wand ist in zwei Hälften aufgeteilt: berühmt, nicht-berühmt. Ich sitze mit einigem Abstand vor dieser Bühne im Halbdunkeln und darf mir aussuchen, wer zu mir kommen darf.

Mickys Heißhunger hält es nicht bis zum Supermarkt aus, er stürmt in eine syrische Bäckerei. Ich halte draußen die Stellung. Rechts von mir führt eine ältere Frau gerade ihren Hund aus. Sie schaut zu ihm herunter und erklärt ihm etwas, während er an einem Fahrrad riecht, das nur noch aus seinem Rahmen besteht. Ich sehe der Frau beim Reden zu und höre dazu arabische Wörter, die genau zu ihren Mundbewegungen passen. Als sähe ich gerade einen deutschen Film im arabischen Fernsehen. Die Stimme gehört aber einem Jugendlichen, der links von mir telefoniert. Er ruft in den Hörer: Schade, dass du lügst, denn… Ich bin gespannt, was als nächstes kommt. Doch er sagt den gleichen Satz nochmal, und da merke ich erst, dass es arabische Worte waren, die mein angeschlagenes Hirn der Einfachheit halber in eine ihm vertraute Form umgewandelt hat.

Micky kommt mit leeren Händen wieder raus, zu voll da drinnen. Im Supermarkt kaufen wir die Süßwarenabteilung halb leer: Käsekuchen, Schokolade, Energydrinks, noch mehr Schokolade. Wir haben die Hände voll und wollen gehen, doch ich sehe Muffins, die mich an mein Mädchen erinnern, weil sie gerne solche Sachen backt, und es ist klar, dass die Muffins mitmüssen. Die Gänge sind sehr eng. Auf dem Weg zur Kasse komme ich an einem Paar vorbei, das sich gerade umarmt. Er ist schmächtiger Südländer, sie ist Deutsche, die etwas größer ist als er. Ich will mich vorbeidrücken und berühre sie leicht. Er schaut stressig und muss von ihr zurückgehalten werden. Jawohl Bruder, alle sagen, wir Südländer hätten keinen Respekt vor Frauen, und hier sind wir jetzt, und deine ist dir so wichtig, dass du einen sinnlosen Kampf anzetteln willst. Bin stolz auf dich. Ich sage aber nichts.

Wir gehen raus und suchen eine geeignete Stelle, an der wir das süße Zeug essen können. Sitzbänke sind keine in Sicht, also suche ich uns einen schwarzen, rechteckigen Kasten aus, der am Gehwegrand in Richtung Straße steht. Schwer zu sagen, warum dieser Kasten hier steht, aber jemand hat in weißer Farbe „Sozi 36“ darauf gesprüht.

Hast du die Stelle deshalb ausgesucht, fragt Micky, und zeigt auf die andere Straßenseite. Dort steht ein Krankenwagen mit Blaulicht vor einem mehrstöckigen Haus. Die Eingangstür steht offen. Wir breiten unseren Nachtisch auf dem Kasten aus und fangen an. So etwas habe ich noch nie gesehen, sagt Micky, und er meint das, was wir gerade tun. Wir essen im Stehen und schauen ruhig und konzentriert zu, was auf der anderen Straßenseite passiert. Nichts entgeht uns. Es kommt immer mehr Blaulicht, noch ein Krankenwagen, dann noch die Feuerwehr. Nur die Polizei kommt nicht.

Alle Leute, die an uns vorbeilaufen, werfen uns mindestens einen kurzen abwägenden Blick zu. Wenn wir lang genug hier stehen und einfach zusehen, sage ich zu Micky, bleiben bestimmt bald auch ein paar andere stehen, und irgendwann steht hier eine ganze Menschenmenge und keiner von ihnen weiß, warum. Ein paar Minuten funktioniert es sogar: Ein alter, kleiner Mann läuft vorbei, schaut kurz zu uns und läuft ein paar Meter weiter. Er zieht einen Koffer hinter sich her. Dann bleibt er stehen und schaut minutenlang wie wir auf das Gebäude gegenüber, an dem sich noch immer nichts tut. Ich zeige Micky den Mann und freue mich über meine wahrgewordene Prognose, aber Micky ist zu abgelenkt und kümmert sich nicht sehr darum, das dämpft meinen Triumph etwas.

Erst jetzt sehen wir, dass drüben im dritten Stock ein Fenster geöffnet ist. Eine Person kommt ans Fenster und hat eine Taschenlampe in der Hand, mit der sie das Fenster absucht. Dann geht sie zurück in den dunklen Innenraum, und wir sehen, wie das Licht an der Wand und der Decke umherwandert. Alles klar, sagt Micky, das ist ein Tatort, da ist irgendetwas Mieses passiert. Auch unten am Eingang ist jetzt ein Mann in unauffälligen Klamotten zu sehen. Er läuft hin und her, hat eine Kamera dabei und macht wahllos Fotos vom Eingangsbereich.

Das weiße Licht der Taschenlampe erscheint oben wieder im Fenster, und es strahlt direkt in unsere Richtung. Mir fällt der zweite Joint ein, den ich noch in der Jackentasche habe. Sollen wir lieber gehen, frage ich Micky. Wir machen uns verdächtig, wenn wir hier einfach so herumstehen und zuschauen. Nein Mann, sagt er, der Mörder kehrt nie an den Tatort zurück. Vielleicht denken sie, dass wir genau das denken, sage ich.

Dann schaue ich nach rechts. Ein ziemlich kleiner Typ mit schulterlangen Mähne und Brille läuft in unsere Richtung, ist aber noch gut fünfzehn Meter entfernt. Er überquert gerade die Abbiegung und kommt auf den Gehweg, der ihn an uns vorbeiführen wird. Ruckartig bleibt er stehen, mitten in der Laufbewegung. Er drückt sich an seinem vorderen Bein ab und macht einen Satz zurück, als habe er gerade einen freilaufenden Löwen entdeckt. Der Mann eilt nach links weg und verschwindet hinter dem Gebäude. Ich mache Micky darauf aufmerksam, aber er hat es nicht mitbekommen. Mit der Szene gegenüber kann es nicht zusammenhängen, denn das Blaulicht hätte er schon viel früher sehen müssen. Eingebildet habe ich mir den Typ aber nicht, sicher nicht.

Unten in der Tür ist jetzt ein Krankenbett zu sehen, das von vier Sanitätern nach draußen gebracht wird. Eine Frau liegt darin. Ich fühle mich wie ein Gaffer, und ich hasse Gaffer, also mache ich auf beschäftigt und räume unseren Abfall zusammen. Die Frau wird weggefahren, und wir gehen los.

Auf dem Weg nach Hause weiß ich, dass heute noch Arbeit auf mich wartet, denn ich muss den Abend aufschreiben.

Wenn dann mal wieder jemand anruft und fragt, was ich in Berlin so mache und ob ich schon irgendwas geschafft habe, kann ich immerhin schon eine Kurzgeschichte vorweisen. Und vielleicht steht später irgendwann in Wikipedia auf meiner Autorenseite: Der Text über einen Abend in Kreuzberg entstand, während er für ein halbes Jahr in Berlin lebte, um an seinem ersten Roman zu arbeiten.

Auf dem Weg nach Hause fällt mir mein Paket ein. Mein verdammtes DHL-Paket. Seit zwei Wochen bin ich auf der Suche danach, es macht mich noch verrückt. Der Postbote hat einen Aufkleber im Flur hinterlassen, auf dem stand, er habe mein Paket dem Nachbarn Cavanelli gegeben. Seitdem klingle ich jeden Tag beim besagten Cavanelli, nie macht er auf. Jetzt fällt mir eine Theorie dazu ein: Vielleicht traf der Bote im Flur einen anderen Nachbarn, der sich einfach als Cavanelli ausgab. Der ist in Wahrheit längst weggezogen, nur noch sein Namensschild hängt an der Tür der leeren Wohnung. So hat sich also ein böser Nachbar mein Paket ergaunert und ich werde in alle Ewigkeit an der verlassenen Tür des Cavanelli klingeln. Als ich Micky das alles fertig erzählt habe, grinst er überfordert ins Leere. Ich sage: Du hast es nicht kapiert, ich habs zu kompliziert erzählt, oder. Er sagt: Klar hab ichs kapiert. Irgendwas mit Cavanelli.

Zuhause setze ich mich wieder an den Schreibtisch, Micky geht zurück auf die Couch. Er referiert über die wahren Hintergründe des 11. September, eines seiner Lieblingsthemen. Ich mache den Fernseher an und sehe Markus Krebs. Den kenne ich noch von Youtube, ist aber schon länger her. Irgendeinen RTL-Wettbewerb hat der doch auch mal gewonnen, glaube ich. Er sitzt in irgendeiner Kneipe und erzählt Witze, aber die kenne ich sogar noch. Wie müssen sich die wahren Fans da erst vorkommen, er bekommt kaum Reaktionen. Das bringt ihn aus dem Konzept, er bricht Witze mittendrin ab, redet sich immer wieder Mut zu: Der dauert etwas, der war bisschen schwerer, es wird noch ein guter Abend heute. Auf seiner Mütze steht Hocker Rocker, in ehemaligem Weiß. Ich frage mich, wie glücklich Markus mit seinem Leben wohl ist. Einmal im Rampenlicht gewesen, halbberühmt geworden, und jetzt durch die Kneipen und Dorffeste des Landes tingeln und abgreifen, was der große RTL-Schatten noch an Tantiemen abwirft. Immerhin fängt er sich noch. Er sagt, dass er kürzlich eine Beziehung beendet habe. Das sei aber ok, es sei ja nicht seine gewesen.

Micky liegt auf dem Rücken, beide Hände in den Hosentaschen, und ist auf dem Weg in Richtung Tiefschlaf. Die Decke, die ich ihm bereitgelegt hatte, nutzt er als Kissen. Das eigentliche Kissen liegt auf seinem Bauch. Sein Handy ruht zwischen Kinn und Brust. Nicht einmal zum Ausziehen der Hausschuhe hat es noch gereicht.

Einschlafende soll man nicht stören, aber bevor es zu spät ist, muss ich ihm noch eine wichtige Frage stellen:

Ich will das alles von heute jetzt kurz aufschreiben, aber nicht mit deinem richtigen Namen. Wie willst du heißen?

Seine Augen bleiben zu. Er sagt leise: Micky.

Ich sage, er solle sich einen anderen Namen aussuchen, Micky sei doch kein guter Name, so heiße doch kein Türke.

Micky, und damit basta, sagt er. Dann sagt er nichts mehr und schläft ein.

Ich öffne eine neue Word-Datei und schreibe los.

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