Gruß, Poldi

Nachdem sein Wechsel in die Türkei feststand, war es ja irgendwie klar, dass die verschiedenen Social-Media-Auftritte des Lukas Podolski mehr denn je unter Beobachtung stehen würden.

Die Formel ist recht einfach, man nehme:

Hohe Aktivität des Spielers bei Facebook, Twitter und Instagram
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Zeitalter, indem Journalisten in aller Welt aus Gemütlichkeit soziale Medien von Promis als Nachrichtenquelle nutzen
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die türkische Medienlandschaft, in der Privates und Meinungen von bekannten Fußballern kostbares Gut darstellen
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eine generell hohe Affinität in der Türkei zum Internet und zu sozialen Medien, wodurch jeder Eintrag der Fußballprofis umso mehr im Mittelpunkt steht

All das sorgt seit Podolskis Ankunft in Istanbul dafür, dass jede noch so kleine Bemerkung von ihm durch alle türkischen Medien wandert.

Schon in den vergangenen Wochen kam es immer wieder zu Meldungen wie diesen:

„Breaking! Ist das ein Zeichen dafür, dass er tatsächlich zu Galatasaray kommt?“ (Zu einem von Podolski geposteten Bild, das ihn beim Teetrinken im Bodrum-Urlaub zeigt)

„Podolski macht sich über den Erzrivalen lustig!“ (Nach einem Podolski-Tweet, der unmittelbar nach dem Ausscheiden von Fenerbahce in der Champions-League-Quali getwittert hatte, dass er sich auf die Königsklasse freut)

Oder, auch schön: „Podolski dreht nach der Auslosung völlig durch“ (Er hatte lediglich ein Borat-Foto gepostet, nachdem Gala in der CL-Vorrunde mit dem kasachischen Vertreter Astana in eine Gruppe gelost wurde)

Podolski steht also in der Türkei jederzeit im Fokus, auch abseits des Platzes. Und das scheint er ausgiebig und möglichst positiv nutzen zu wollen. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass Poldi einen Beweis liefert, dass er sich voll und ganz mit seinem neuen Verein und seinem neuen Umfeld identifiziert. Das passiert meistens in bildlicher Form: Poldi im GS-Trikot mit der Hand am Herz (bei Galatasaray eine Geste mit großer Signifikanz), Poldi neben einem Löwen, der das Vereinsmaskottchen darstellt, Poldi mit einem Fladenbrot in der Hand, auf dem mit Sesamkörnern sein Name geschrieben wurde, Poldi am Bosporus, in Jubelpose, im Trikot, mit gelb-rot angemalten Wangen.

Es war ebenso zu erwarten, dass diese zur Schau gestellte Offenheit gut ankommen würde.

Denn mit dieser Herangehensweise trifft er in der Türkei, wo die Fans von ihren Stars in allererster Linie volle Identifikation mit ihrem Verein erwarten, auf offene Ohren. Das häufigste Wort, das man unter seinen öffentlichen Posts zu lesen bekommt, ist ein betont groß geschriebenes „ADAM!“ Das Wort allein bedeutet „Mann“, in diesem Zusammenhang soll es dafür stehen, dass man jemandem sein Lob dafür ausspricht, ein besonders ehrenwerter, ehrlicher, gutmütiger Vertreter des männlichen Geschlechts zu sein. Wenn Podolski diese Sympathien mit guten Leistungen untermauern kann, ist er auf dem besten Weg, bei Galatasaray der Nachfolger des abgewanderten Felipe Melo zu werden.

Der war in den letzten Jahren absoluter Fan-Hero, gleichzeitig aber auch der lebende Beweis, dass die Identifikation mit Verein und Anhängern leicht in Übermut umschlagen und damit in den gefährlichen Bereich der Unglaubwürdigkeit geraten kann. Melo ist ein emotional leader vor dem Herrn und war dafür bekannt, das Publikum nach erfolgreichen Grätschen mit ausladenden Gesten zu animieren, er weinte nach dem ersten Titel mit Gala auf dem Platz Tränen und legte sich im Derby gegen Fenerbahce wohl nicht ganz zufällig mit dem erst verlorenen, dann verhassten Sohn Emre Belözoglu an. All das machte ihn bei der Anhängerschaft zum Helden auf Lebenszeit, innerhalb der Mannschaft soll Melo aber immer mehr in Verdacht geraten sein, die Fan-Liebe allzu kalkuliert anzufachen.

Spätestens, als er nach einem im Grunde enttäuschenden 1:1 in der letztjährigen Champions-League-Gruppenphase gegen Kopenhagen alleine in den Mittelkreis ging und mit den Fans feierte, fiel bei seinen Kritikern immer wieder ein Satz, der im türkischen Sprachgebrauch eigens für solche Fälle eingebürgert ist: „Er spielt nur für die Tribüne.“ Nach langem vertraglichen Hin und Her, das sich jährlich in der Sommerpause wiederholte und dafür sorgte, dass auch innerhalb der Anhängerschaft kritische Stimmen über Melo lauter wurden, wechselte er kürzlich zu Inter Mailand. Die in den letzten Jahren von beiden Seiten so innig gelebte Liebe war damit vorbei.

Spielt Podolski mit seinen gefeierten Posts vielleicht wie Melo auch für die Tribüne, mit dem Unterschied, dass sie in seinem Fall aus Millionen von türkischen Internetnutzern besteht? Podolski ist sicher kein kontroverser, polarisierender Charakter wie Melo, muss aber vorsichtig sein. Denn so wie Melo mit der Zeit immer mehr in die Schusslinie geriet, da er die Identifikations-Nummer konstant an die Spitze trieb und gegen Ende seiner Zeit mit schwindender Glaubwürdigkeit zu kämpfen hatte, so muss auch auch Podolski aufpassen, dass er nicht zwischen die gleichen Fronten gerät.

Heute hat er ein sehr gutes Beispiel dafür geliefert, und zwar mit einem Foto, auf dem er salutierend neben zwei türkischen Fahnen posiert und auf türkisch folgendes dazugeschrieben hat:

„Mein Herz ist mit euch, ihr für die Flagge gefallenen Soldaten! Mein Beileid an das türkische Volk… #Vaterland #Volk #Türkei“

Aufgrund der derzeitigen politischen Lage in der Türkei ist es kein Wunder, dass dieser Post für viel Aufruhr sorgt, noch mehr als alle seine bisherigen Solidaritätsbekundungen. Denn anders als die Fotos am Bosporuns in Fan-Bemalung können diese Aufnahme und ihre Botschaften auf viele verschiedene Arten interpretiert werden.

In türkischen Nachrichten und sozialen Medien wird Podolski für die Geste von fast allen Seiten gefeiert. „Podolskis Aussage zu den gefallenen Soldaten sorgt für Tränen“, twitterte das Sport-Ressort der Hürriyet, unter dem Eintrag in seinem Facebook-Auftritt hat folgender Kommentar eines türkischen Fans nach einer Stunde schon 700 Likes: „Du stellst dich immer mehr als ehrenwerter heraus als dieser Özil“, die „Adam!“-Posts tauchen wieder tausendfach auf.

In der deutschen Medienlandschaft überwiegen derweil Verwirrung und Ablehnung. „Podolski irritiert mit Gruß vor türkischer Fahne“ titelt Spiegel Online und zitiert stellvertretend Tweets wie „grenzwertig“ oder „Den muss man vor sich selbst schützen“. Das Echo hierzulande lautet also: In Zeiten wie diesen sollte Podolski es tunlichst unterlassen, Partei zu ergreifen. Und auch in türkischen Kommentarspalten gibt es nicht nur Jubel, es kommt zu heftigen Diskussionen, radikale Vertreter ziehen Podolski für ihre eigenen Überzeugungen an und stellen sie damit als einzig richtige dar.

Das Bild steht im Mittelpunkt und wird es wohl auch einige Zeit lang bleiben, und zwar genau deshalb, weil es so verschieden interpretierbar ist. Und weil die Gefahr besteht, dass die Botschaft missbraucht wird.

Deshalb tut es gut, vorschnelle und übersteigerte Aufregung aus der Sache zu nehmen.

Vor allem sollte man das Foto in erster Linie als das sehen, was es im Grunde auch ist, nämlich eine Solidaritätsbekundung mit den gefallenen Soldaten. Diese Art des öffentlich ausgedrückten Beileids hat nämlich im türkischen Fußball jahrelange Tradition. Und damit kommen wir zur bereits erwähnten, ungeschriebenen Regel zurück, dass ein jeder bekannterer Fußballer der Türkei, egal ob Türke oder Ausländer, sich mit seinem Arbeitsplatz und seinem Wohnort identifizieren und dies auch zum Ausdruck bringen sollte. Und das nicht nur bezogen auf seinen Verein, sondern auch auf das Land und seine Menschen. Wer das völlig außer Acht lässt, keine Emotionen zeigt und Unnahbarkeit versprüht, der wird über kurz oder lang nicht gut in der Öffentlichkeit ankommen, und wenn die öffentliche Meinung erst mal kippt, dann kann es schnell ungemütlich werden.

Und bei dieser Art von landesspezifischer political correctness, in Verbindung mit der gesellschaftlichen Vorbildfunktion, die jedem Profi der großen Istanbuler Clubs schon aufgrund ihrer Reichweite und Popularität zukommt, sind solche Beileidsbekundungen bei militärischen Verlusten eigentlich fast schon ein Muss. Deshalb sind sich mit der Türkei solidarisierende Fußballer in politisch instabilen Zeiten ein wiederkehrendes Bild. Schon in den Neunzigern war der damals bei Fenerbahce erfolgreiche Torjäger Bülent Uygun dafür bekannt, jedes einzelne seiner Tore an der Seitenlinie salutierend zu feiern. Im Jahre 1994 erreichte der Konflikt zwischen der Türkei und der PKK ihren negativen Höhepunkt, über 1000 türkische Soldaten verloren ihr Leben. Uygun war damals der beste türkische Stürmer, wurde in seinem ersten Jahr bei Fenerbahce gleich Torschützenkönig und feierte jedes seiner Tore mit dem militärischen Gruß, was von ihm selbst als politische Aussage bezeichnet wurde.

Die Pose hat überdauert und ist bis heute ein gern genutztes Mittel, mit dem Fußballer ihre Solidarität bei Verlusten des türkischen Militärs ausdrücken, und dabei handelt es sich oft genug auch um nicht-türkische Spieler. Ein jüngstes Beispiel dafür war die Begegnung zwischen Besiktas und Mersin Idman Yurdu am ersten Spieltag der neuen Saison. In den ersten zwanzig Minuten der Partie erzielte jede Mannschaft jeweils einen Treffer, beide Tore wurden jeweils in Anlehnung an Bülent Uygun und angesichts der aktuellen Entwicklungen mit dem militärischen Gruß gefeiert. Bei Mersin wurde er vom aus Burkina Faso stammenden Torschützen Prejuce Nakoulma gezeigt, bei Besiktas salutierte nach dem Ausgleich durch Cenk Tosun die halbe Startelf, darunter auch Neuzugang Andreas Beck.

Das sind nur zwei Beispiele von unzähligen aktiven oder auch früher in der Türkei spielenden Fußballern, die auf verschiedene Arten ihr Mitgefühl für die gestorbenen Soldaten äußerten und äußern. Fenerbahce-Legende Alex de Souza meldete sich zuletzt aus dem fernen Brasilien, postete die türkische Flagge per Instagram und schrieb dazu: „Mein Beileid dem türkischen Volk, ich wünsche allen Soldaten, die ihre Flagge verteidigen, sehr viel Kraft.“ Dazu versammelte sich so gut wie jede Mannschaft in den letzten Tagen vor dem Training, um mit einer großen türkischen Fahne zu posieren, unter anderem Galatasaray mit Neuzugang Kevin Großkreutz.

Die Fußballvereine und die Spieler fügen sich damit in die derzeit national vorherrschende Stimmung. Die Türkei hat im Kurdenkonflikt die größten Verluste seit über zwanzig Jahren erlitten, das sorgt für große Trauer, Resignation, aber auch Trotz und Wut. Der in solchen Zeiten oft gehörte Grundsatz „Şehitler Ölmez Vatan Bölünmez“, der soviel bedeutet wie „Märtyer sterben nicht, das Vaterland wird nicht geteilt“, ist überall präsent und wird es in nächster Zeit auch bleiben.

Und wenn man das Podolski-Foto in diesem Kontext, bestehend aus historischem Konflikt, aktueller Eskalation und der Bedeutung von Fußballstars in der Türkei betrachtet, bietet es sich an, das Ganze nicht ganz so dramatisch zu sehen und zu viel politische Aussagekraft hineinzuinterpretieren.

Wenn ich mich festlegen müsste, würde ich Podolskis Bewegungsgrund darin sehen, dass er die derzeit von der Bevölkerung in seiner neuen Heimat empfundene Trauer als solche wahrgenommen hat, und dass er sie teilen und sein Beileid ausdrücken möchte. Ob das von Herzem kommt und auf einer persönlichen Entscheidung beruht oder aber, was durchaus Anlass für Kritik wäre, eher von einem PR-Team gelenkt ist, kann man nicht wissen. Es bleibt jedoch zu hoffen, dass seine öffentlich dargestellte Annäherung an das türkische Leben aus aufrichtigen Gründen erfolgt, dass er nicht berechnend agiert und nicht seine Handlungen darauf ausrichtet, die Fan-Liebe zu multiplizieren.

Und um ehrlich zu sein, ist Podolski diese natürliche Freundlichkeit zuzutrauen. Er kommt als herzensgute Person herüber und müsste schon ein sehr guter Schauspieler sein, wenn es sich dabei um auch nur im Ansatz geheuchelte Sympathie handeln sollte. Ich glaube nicht daran und denke deshalb auch, dass das heutige Foto eben so gemeint war: Der nette Poldi fühlt mit dem Land, in dem er derzeit lebt. Nicht mehr, und nicht weniger. Dass die Veröffentlichung zu einer Zeit erfolgt, in der die Gemüter auf allen Seiten sehr erhitzt sind und es absehbar war, dass sie nicht bei jedem gut ankommen und womöglich auch falsch verstanden werden könnte, ist auch klar.

Doch trotz der großen Symbolik und möglicher Assoziationen sollte man die Aufnahme wohl nicht in das ganz große Bild rücken, es in unmittelbare Verbindung mit der türkischen Innepolitik und dem Kurdenkonflikt bringen und Podolski womöglich dabei sogar eine Parteiergreifung unterstellen. Denn in dem Zusammenhang fällt dieses Bild vermutlich doch aus dem Rahmen.

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