Ein gefühltes Derby

Am Wochenende gab es mal wieder ein Istanbul-Derby, und es war wieder einiges los. Oder um es im Clickbait-Slang zu sagen: Der Schiri pfiff das Spiel an, und was dann alles passierte, wird dich umhauen. Aber so ist das ja häufig, wenn zwei Mannschaften des Istanbuler Spitzenteam-Trios Besiktas, Fenerbahce und Galatasaray aufeinandertreffen. Über die fußballerische Qualität solcher Begegnungen kann man streiten, aber wie sehr und wie häufig die Emotionen bei allen Beteiligten eskalieren, das ist schon immer wieder besonders. Als Zuschauer kann man bei diesen Derbys alle extremen menschlichen Gefühle beobachten, positiv wie negativ, alle auf einmal: Ekstase, Aggression, Rivalität, Hingabe, Provokationen. Es geht nur darum, besser als der Stadtrivale zu sein, die Etikette ist egal.

All das traf auch auf das jüngste Beispiel zu, das Pokal-Achtelfinale am Sonntag zwischen Besiktas und Fenerbahce, das die Gäste mit 1:0 gewannen. Es wurde wieder munter gestritten, geschrien, gejubelt und gelitten. Es gab wieder eine Reihe außergewöhnlicher Szenen, die auch Tage danach noch für heftige Diskussionen in der Türkei sorgen.

Doch wie schneidet das Emotions- und Eskalationslevel in diesem Derby im Vergleich zu vorherigen Istanbul-Derbys ab? Das ist ganz einfach herauszufinden: Man nimmt die wichtigsten Szenen, gibt jeder einzelnen einen Wert zwischen 1 bis 10 auf der Emotionsskala und rechnet errechnet am Ende den Durchschnitt.

Zur Orientierung sind hier zwei Beispiele von beiden Enden der Skala:

Im September 2013 trafen Besiktas und Galatasaray im Olympiastadion aufeinander. Besiktas ging in Führung, Gala drehte die Partie. Felipe Melo sah Rot und hielt beim Verlassen des Rasens den gegnerischen Fans sein Trikot hin, die waren wegen Fehlentscheidungen des Schiedsrichters eh schon auf 180. Der Rasen wurde von hunderten Randalierern gestürmt, der Unparteiische und die Spieler flüchteten, das Spiel wurde abgebrochen. Klarer Fall von 10 Punkten auf der Emotionsskala.

Doch es kann auch harmonischer zugehen: Im vergangenen Dezember schlug Besiktas Galatasaray mit 2:1 und blieb auf Titelkurs. Mario Gomez erzielte ein Tor, Galatasaray hatte kaum eine Torchance, und nach dem Spiel gratulierte Gala-Kapitän Selcuk Inan dem Gegner zu einem verdienten Sieg. Alles also sehr lobenswert, auf der Emotionsskala reicht so etwas aber nur für eine 1.

Nun zur Bewertung des jüngsten Derbys.

Vor Anpfiff: Der Fall Quaresma.

Den Startschuss gab Aziz Yildirim eine Woche vor Anstoß. Der kontroverse Fenerbahce-Präsident behauptete bei einer Mitgliederversammlung, dass Ricardo Quaresma auf Fenerbahce zugekommen sei und um einen Transfer gebeten hätte. Das sorgte für viel Aufsehen, schließlich ist Quaresma absoluter Fan-Liebling bei Besiktas. Besiktas-Präsident Fikret Orman reagierte sofort und erklärte, nicht Quaresma selbst sei auf den Rivalen zugegangen, sondern von einer dritten Person, die sich als sein Berater ausgab. Er kündigte an, den falschen Berater zu verklagen, und ärgerte sich über seinen Amtskollegen, der kurz vor dem Derby Unruhe stiftete: „Wir wollen mit keinem Verein im Streit liegen, mit Fenerbahce ist es leider seit langer Zeit der Fall.“ Solch öffentliche Psychospielchen vor und nach den Derbys sind Standard, durch die Personalie Quaresma bekam der Fall aber erhöhte Brisanz.

Bewertung auf der Emotionsskala: 6.

Anfangsphase: Toroglus Warnung.

Das Spiel geht los, die neue Vodafone Arena ist gut gefüllt und sehr laut. Es geht um den Einzug ins Viertelfinale. Schiedsrichter Ali Palabiyik hat schon in den Anfangsminuten viel zu tun, belässt es aber erst einmal bei Ermahnungen. Erman Toroglu, ehemaliger Schiedsrichter und als Gast-Kommentator für den übertragenden TV-Sender vor Ort, ist das nicht streng genug. Seiner Meinung nach wäre Palabiyik besser beraten, früh Gebrauch von seiner Gelben Karte zu machen, um den Spielern zu signalisieren, dass sie sich unter seiner Leitung nicht alles erlauben dürfen. Was haben Toroglus Einschätzung und düstere Hintergrundmusik in Thrillern gemeinsam? Beide kündigen sie Unheilvolles an, während alles noch harmlos und in Ordnung scheint.

Bewertung auf der Emotionsskala: 6.

12. Minute: Van Persie gegen Özyakup (I).

Nach einem Foul von Fenerbahces Robin van Persie geht Besiktas-Kapitän Oguzhan Özyakup zum Schiedsrichter und fordert eine Gelbe Karte. Das gefällt van Persie gar nicht, er kommt dazu und schubst Oguzhan zweimal weg. Es wird aus kurzer Distanz und mit böser Miene diskutiert, dann ist die Szene vorbei. So etwas hat man hunderte Mal gesehen. Doch an dieser Stelle kommt man nicht drum herum, einen Klassiker aus dem Fußball-Kommentatoren-Lexikon zu bemühen: Ausgerechnet van Persie und Oguzhan! Als Oguzhan es einst zu den Profis beim FC Arsenal schaffte, war van Persie dort Kapitän. Da der Nachwuchsspieler wie er selbst aus Holland stammt, nahm er sich seiner an. Van Persie half Oguzhan bei der Eingewöhnung in London und schob mit ihm Sonderschichten nach dem Training. Oguzhan sagte später über van Persie und seine Ehefrau: „Sie haben sich unglaublich gut um mich gekümmert, ich bin ihnen sehr viel schuldig.“ Sie blieben danach gute Freunde, und als van Persie in die Türkei wechselte, revanchierte sich Özyakup und half den van Persies beim Einleben. Was also wie eine gewöhnliche Diskussion zweier Gegenspieler aussieht, sind erste Risse einer alten Freundschaft, und das in aller Öffentlichkeit. Das letzte Wort zwischen ihnen ist aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesprochen.

Bewertung auf der Emotionsskala: 8.

29. Minute: Van Persie gegen die Tribüne.

Van Persie, an diesem Abend der wohl am häufigsten im Mittelpunkt stehende Spieler, rennt einem langen Ball hinterher, erreicht ihn aber nicht. Es gibt Abstoß für den Gegner. Erst in einer Zeitlupe ist dann eine Aktion von van Persie zu sehen, die danach unaufhörlich in Fußballsendungen im türkischen TV abgespielt und diskutiert wird: Er sieht in Richtung Tribüne hinter dem Tor, streckt für einige Sekunden seine Zunge heraus und präsentiert den gegnerischen Fans die Beweglichkeit seines Schmeckorgans. Harmlose Geste oder Riesenskandal? Wie so häufig Auslegungssache.

Bewertung auf der Emotionsskala: 7.

41. Minute: Tosic rastet aus.

Das Spiel bekommt einen klassischen Knackpunkt: Besiktas ist klar überlegen, gerät dann aber durch einen Platzverweis auf die Verliererstraße. Bei einem Angriff wird van Persie eng von Gegenspieler Dusko Tosic gedeckt. Er wehrt sich dagegen mit Händen und Füßen und erwischt Tosic, der kurz zu Boden geht, dann aber aufspringt und van Persie konfrontiert. Der Schiri steht in der Nähe, Tosic verpasst van Persie eine Kopfnuss, der nimmt die Einladung an und geht zu Boden, Tosic sieht Rot. Viele Menschen haben ja einen persönlichen Point-of-no-return, der nicht angegangen werden sollte, wenn es nicht krachen soll. Beim einen ist es das Verunglimpfen seiner Religion, beim anderen die seltene Modell-Eisenbahn, die nicht berührt werden darf. Bei Dusko Tosic lautet der Grunsatz wohl: „Zwinget mich ja nie zu einer Kopfnuss!“ Er rastet völlig aus und will van Persie an den Kragen. Der erreicht in Sachen Troll-Level ungeahnte Höhen, steht in sicherer Entfernung lässig da und steckt sich eine Hand in die Hose. Mit- und Gegenspieler können Tosic nur mit gemeinsamen Kräften zurückhalten, der stemmt sich gegen die Umklammerungen, gestikuliert in van Persies Richtung. Für einen Moment reißt er sich los, wird aber von seinem Mitspieler Atiba Hutchinson zu Boden gerissen. Ein Mann in blinder Wut, völlig außer sich, verloren im Randale-Modus. So in etwa stelle ich mir Horst Seehofer vor, wenn man ihm erzählen würde, dass Angela Merkel gerade „Wir schaffen das, Part 2“ verkündet hat. Alle Beteiligten sollten Tosics Mitspieler Hutchinson danken, dass er mit viel Körpereinsatz eine sichere 10 verhinderte.

Bewertung auf der Emotionsskala: 9.

43. Minute: Die Fans wollen auch mal.

Einige Anhänger am Spielfeldrand springen nach der Szene mit dem Platzverweis über die Absperrung und wollen auf den Rasen, um bei den dort noch immer noch laufenden Auseinandersetzungen mitzumischen. Das weckt böse Erinnerungen, denn in den letzten Jahren sorgten ähnliche Szenen für Riesenskandale. Der frühere Besiktas-Spieler Manuel Fernandes wurde einst während eines Spiels von einem Anhänger angegangen, und in der vergangenen Saison wurde in Trabzon ein Schiedsrichter von einem Jugendlichen während des Heimspiels gegen Fenerbahce attackiert. Diesmal können aber zum Glück Sicherheitskräfte die Randalierer aufhalten und Schlimmeres verhindern.

Bewertung auf der Emotionsskala: 8.

Halbzeit: Royal Rumble.

Die Halbzeit geht zu Ende, doch die Nachwehen von der Szene zwischen van Persie und Tosic sind noch deutlich zu spüren. Es liegt viel Aggression in der Luft. Schon an der Seitenlinie kommt es zur Rudelbildung, Spieler, Trainer und Verantwortliche vermischen sich zu einem unübersichtlichen Gerangel. Der massive Fener-Verteidiger Simon Kjaer steht plötzlich vor dem im Vergleich winzigen Besiktas-Coach Senol Günes, der greift ihm ins Gesicht. Wie Zeitungsfotos später zeigen werden, geht es in den Katakomben weiter und die Spieler müssen sogar von Polizisten auseinander gebracht werden.

Bewertung auf der Emotionsskala: 9.

72. Minute: Van Persie gegen Özyakup (II).

Van Persie, der an diesem Abend in allen Belangen im Mittelpunkt steht, erzielt das 1:0 und entscheidet das Spiel. Beim Torjubel sieht man ihn für einen kurzen Moment mit suchendem Blick: Wo ist Oguzhan? Er findet ihn, sprintet ihn seine Richtung, hebt rechtzeitig ab und rutscht dann auf den Knien an Oguzhan vorbei, gibt ihm dabei noch ein paar Worte mit. Einen Gegenspieler beim Torjubel aufsuchen, weil man vorher im Spiel mit ihm Stress hatte, das gab es schon häufiger. Lukas Podolski hat es getan, Ruud van Nistelrooy in einem Länderspiel gegen Andorra auch. Hier gibt die gemeinsame Vorgeschichte der Szene aber eine tiefere Bedeutung. Nach dem Spiel sagt Oguzhan: „Mit einem heutigen Gegenspieler war ich eng befreundet. Wir hatten ein besonderes Verhältnis, aber nur bis zu diesem Spiel. Der Charakter eines Fußballers zeigt sich auch auf dem Platz.“ Aufmerksame türkische Medien melden kurz darauf: Oguzhan hat umgehend nach dem Spiel alle gemeinsame Fotos mit van Persie auf seinen Social-Media-Kanälen gelöscht. Eine alte Männerfreundschaft findet im Derby ihr Ende.

Bewertung auf der Emotionsskala: 10.

Nachspielzeit: Letzte Unruhen.

Der Schiri kann einem zu diesem Zeitpunkt nur noch leid tun. In der Nachspielzeit gibt es an allen Ecken und Enden des Feldes zu löschende Störfeuer. Er muss sich vorkommen wie ein Babysitter, der ein Haus mit sämtlichen Satansbraten der Stadt hüten soll. Zwei Beispiele: Nachdem ein Fener-Angriff abgepfiffen wird, dribbelt der Ballführende Jeremain Lens noch ein paar Meter weiter. Das missfällt dem gegnerischen Auswechselspieler Aras Özbiliz so sehr, dass er auf den Rasen rennt und den Zweikampf mit Lens sucht, was zu diesem schönen Bild führt. Wenige Sekunden später rennt plötzlich während eines Angriffs ein Zuschauer über den Rasen. Sein Ziel ist wohl Fener-Torwart Volkan Demirel, doch Besiktas-Spieler halten den Mann auf. Während ich all das niederschreibe, fällt mir die perfekte Erfindung für die Schiedsrichter-Ausbildung ein: Eine Kabine, die komplett von einer Videowand umgeben ist, ähnlich wie in einem Flugsimulator. Der angehende Schiri wird in dieser Kabine mit der Schlussphase eines knappen Istanbuler Derbys konfrontiert, muss kühlen Kopf bewahren und auf alle Widrigkeiten richtig reagieren. Wäre wohl ein kostspieliges Ding, aber garantiert effektiv.

Bewertung auf der Emotionsskala: 9.

Nach dem Spiel: Der Milch-Pokal.

Besiktas-Präsident Fikret Orman kommentiert die Niederlage so: „Das ist nur ein Milch-Pokal, nicht so wichtig.“ Und da bin ich mit meinen Türkisch-Kenntnissen leider am Ende, den Begriff „Milch-Pokal“ habe ich zuvor noch nie gehört. Doch allein der zweite Halbsatz reicht aus, um zweifelsfrei zu erkennen, dass der Präsident beleidigt ist. Sein Pressesprecher geht da schon präziser zu Werke und attackiert den Spieler, der in 90 Minuten so ziemlich jeden im Stadion getrollt hat: „Van Persie hat jahrelang bei Arsenal und Manchester United gespielt, hätte er solche Aktionen auch machen können, wenn Martin Atkinson das Spiel geleitet hätte? Er war vielleicht einmal einer der bedeutendsten Stürmer der Welt, aber er hat sich der Türkei und Fenerbahce angepasst.“ Von Verantwortlichen der Gegenseite gab es keine aggressiven Äußerungen, was nicht heißt, dass man nicht auch auf subtilere Art nachtreten kann: Im Fener-Fanshop gibt es jetzt T-Shirts zu kaufen, auf denen van Persie bei seinem Torjubel gegen Besiktas und seinen ehemaligen Freund zu sehen ist.

Bewertung auf der Emotionsskala: 8.

Das Ergebnis: Im Durchschnitt ergibt das alles den hohen Emotionswert 8. Es wird eines der Derbys bleiben, an die sich viele in den nächsten Jahren noch erinnern werden. Um zu den ganz denkwürdigen Derbys zu gehören, hätte es aber in sportlicher Hinsicht einige Highlights mehr geben müssen. Anhänger emotionaler Ausbrüche kamen aber voll auf ihre Kosten, sei es dank des außer sich geratenden Tosic oder seines Gegenübers Robin van Persie, der an den meisten Aufregern unmittelbar beteiligt war. Das Spiel ist vorbei, die Sticheleien von beiden Seiten werden noch ein paar Tage weitergehen, dann wird sich die Lage wieder so langsam beruhigen. Bis zum nächsten Derby.

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