Die Türkei und ihr Fußball (2)

Weiter geht es mit dem Türkei-Fußball-Tagebuch. Nachdem es im letzten Beitrag um meine Erlebnisse im anatolischen Kütahya ging, stammen die folgenden Notizen von meinem restlichen Türkei-Aufenthalt, den ich in Istanbul verbrachte.

Ausblick auf Istanbul und den Bosporus, aufgenommen vom Galataturm ausAusblick auf Istanbul und den Bosporus, aufgenommen vom Galataturm aus

11.09.

Schwager Kemal, seine Frau/meine Cousine und Cousin Cenk holen mich nach dem Inlandsflug vom Atatürk-Flughafen ab. Auf dem Nachhauseweg ist es lange ruhig, bis Kemal plötzlich zu mir sagt: „Schau dir mal die Häuser dort auf der linken Seite genau an.“ Ich tue es, und sehe recht schöne und idyllisch aussehende, bunte Hausfassaden in einer Reihe. Einige hundert Meter weiter sagt er: „Und jetzt schau nochmal zurück.“ Von hier aus sehe ich, dass die Seitenwände nicht zur vorderen Fassade passen, sie sehen alt und abgenutzt aus. „Die Regierung hat nur die Vorderseiten schön richten lassen, weil auf dieser Strecke alle Touristen zum Flughafen und zurück fahren. Der Rest der Häuser ist der letzte Schrott. Genau so ein Land ist die Türkei. Wie sagt ihr Deutschen? Vorne hui, hinten pfui.“ Auch wenn er das Sprichwort ganz leicht verfälscht, verstehe ich, was er sagen will.

Gegen Abend fahren wir zum Taksim-Platz und schlendern über die anliegende Einkaufsstraße, die Istiklal Caddesi. Wir kommen zufällig an einem großen Gebäude vorbei, an dem zwei riesige Galatasaray-Fahnen angebracht sind. Ich weiß nicht, was es mit dem Gebäude auf sich hat, möchte aber schnell hinein. Dort erfahren wir von einer weiblichen Sicherheitsbeauftragten, dass hier eine Art Kulturzentrum des Vereins beheimatet ist. Für mich als Fan entpuppt sich das Innere des Gebäudes als Goldgrube, es sind alle Pokale der letzten Jahre ausgestellt und weitere, historische Vereinsgegenstände. Ich lasse mich neben einer Wachsfigur von Metin Oktay fotografieren. Metin Oktay ist der erfolgreichste türkische Torschütze aller Zeiten und eine absolute Galatasaray-Ikone. Die nette Sicherheitsbeauftragte erzählt mir, dass in zwei Tagen sein Tod genau zwanzig Jahre her sein wird. Dann muss sie uns herausbitten. „Heute Abend gibt es hier in der Gegend wohl wieder Unruhen, deshalb machen wir früher zu als sonst.“

Die ganz großen Demonstrationen am Taksim haben sich inzwischen zwar gelegt, doch in den letzten Tagen brandeten erneut Unruhen auf, nachdem ein junger Demonstrant in Antakya vermutlich von der Polizei getötet wurde. Ich sehe während unserer Tour keine Ausschreitungen oder Ähnliches, alles scheint ruhig, und die riesige Menschenmenge, die überwiegend aus Touristen besteht, schiebt sich friedlich durch die Gassen. Dann aber stehen wir und viele andere an einer Haltestelle und warten auf die Straßenbahn, und plötzlich entsteht ein unglaublicher Juckreiz im Hals, die Augen tränen, jeder hustet. Man riecht oder sieht zwar nichts davon, doch irgendetwas ist hier in der Luft. Ruhiges Einkaufstreiben vor den Augen, Tränengas in der Luft, dazwischen immer wieder aufmarschierende Polizisten – die Atmosphäre am Taksim wirkt friedlich und bedrohlich zugleich.

12.09.

Wir fahren mit der Straßenbahn in den Stadtteil Besiktas, wo der gleichnahmige Verein beheimatet ist, Kemal hat hier ein Meeting mit zwei alten Bekannten. Kemal war früher mal Filmproduzent, als die Geschäfte nicht mehr so gut liefen, versuchte er sich mit Internet-Geschäften, nun möchte er wieder ins Filmbusiness zurückkehren. Wir treffen uns mit einem Zwei-Meter-Schrank, der uns in eine Hintergasse führt, wo in einem kleinen Büro sein Bruder wartet, ein weiterer Zwei-Meter-Schrank. Während die drei ganz aufgeregt über ihre gemeinsamen Pläne reden, male ich mir aus Langeweile aus, wie hoffnungslos unsere Lage hier in diesem verlassenen Büro wäre, wenn sich die zwei Hünen als Banditen herausstellen und uns attackieren sollten. Es geht gut, und wir fahren mit dem Bus nach Hause. Auf dem Weg tippe ich an meinem Handy herum, als Kemal mir auf die Schulter tippt und nach draußen zeigt. Links neben uns tut sich dort ein riesiger, sandbrauner Schlund aus Schutt und Erde auf, es ist das altehrwürdige Inönü-Stadion von Besiktas, das derzeit umgebaut wird. Die Arbeiten haben erst im Juni begonnen und konzentrierten sich bisher wohl auf den Abriss der alten Tribünen, nur noch die zum Bosporus hin gelegene Tribüne lässt im Moment noch erahnen, dass hier vor kurzem ein Stadion stand.

Ich habe viel Zeit, mir die Baustelle anzusehen, denn der Bus hängt im Stau, mal wieder. Neben dem Stadion zieht eine männliche Gruppe meine Aufmerksamkeit auf sich, die zwischen den Autos hin und herspringt und versucht, die Autofahrer dazu zu überreden, die Scheiben ihrer Wagen gegen Geld putzen zu dürfen. „Immer diese Zigeuner“, stöhnt einer im Bus. Die Gruppe besteht aus sieben Personen variierenden Alters, den Ältesten schätze ich so um die 35, der Jüngste ist noch ein Junge. Sie teilen sich immer in kleinere Gruppen auf, treffen sich dann kurz, gehen dann wieder auseinander und versuchen ihr Glück. Ich sitze in der zweiten Reihe und kann sie gut beobachten, da sie sich immer kurz vor dem Bus aufhalten. Sie blitzen bei jedem Autofahrer ab, und irgendwann verliere ich das Interesse an ihnen. Doch auf einmal herrscht helle Aufregung vor dem Bus. Sie haben sich alle an einem weißen VW-Touareg mit abgedunkelten Scheiben versammelt und drängeln wie wild am Fenster des Fahrers, kämpfen untereinander um den besten Platz, schreien durcheinander. Da die Scheiben des Busses offen sind, kann ich sie hören, sie fragen den Fahrer nach Geld. Dann stimmen sie in einen Schlachtruf ein, als seien sie gerade im Stadion: „Besiktas! Besiktas! Besiktas!“ Nun schaut jeder im Bus nach vorne, der Verdacht liegt nahe, dass vor uns ein Fußball-Promi im Auto sitzt. Ein Passagier meint, im Fahrerspiegel den Besiktas-Spieler Necip Uysal zu erkennen. Der Wagen steht inzwischen, da der Verkehr nicht vorangeht, und der Fahrer ist der Truppe am Fenster schutzlos ausgeliefert. Einer bekommt ein paar Scheine in die Hand gedrückt und läuft schnell weg, die anderen laufen ihm hinterher, sie streiten lautstark über die gerechte Verteilung des Geldes, es kommt fast zu einer Schlägerei. Dann laufen sie zurück zum Wagen und machen weiter wie zuvor. Als einer von ihnen erneut am Bus vorbeiläuft, fragt ihn der Busfahrer, wer im Wagen sitzt, und der Junge antwortet stolz: „Bilic!“ Es ist also Slaven Bilic, der seit kurzem Trainer von Besiktas ist. Irgendwann wird er sie los, die Scheibenputzer-Bande, die keine Scheiben putzt, ich weiß nicht, wieviel es ihn am Ende gekostet hat. Das weiter andauernde Stop&Go ermöglicht es mir aber, meine Paparazzi-Ader auszuleben und Bilic und seine weibliche Begleiterin abzuknipsen.

13.09.

Am Abend trifft Galatasaray zuhause auf Antalyaspor, und Kemal hat mir Tickets klargemacht. Über einige Bekannte ist er auf eine Gruppe Dauerkarteninhaber gestoßen, bei denen zwei Tickets verfügbar sind, da die Besitzer heute nicht können. Schon die Anfahrt zum Stadion ist für mich ein Erlebnis. Das liegt daran, dass ich es in meinem Leben in Deutschland gewohnt bin, Stadien als neutraler Zuschauer zu besuchen. Hier ist das anders, hier bin ich ausnahmsweise auch mal richtiger Fan, und ich liebe es. In der U-Bahn zu stehen, mit meinem Trikot und mit Hunderten anderen, die das gleiche Trikot tragen, die ersten Gesänge anstimmen, zusammen in der Riesenmenge zum Stadion laufen, ist aufregend.

Wir treffen unsere Kontaktperson vor der Türk Telekom Arena, er heißt Mevlüt und ist ganz nett, und nach kurzem Kennenlernen gehen wir gemeinsam rein. Das Stadion gibt es erst seit drei Jahren, es ist eine ganz schmucke, moderne Arena mit steilen Tribünen und roten Sitzen, die oberste Reihe ist rundum gewellt. Unsere Plätze sind in der Kurve, Mittelrang, mit guter Aussicht. Kemal, mein Begleiter und Fener-Fan, ist sich treu geblieben und hat ein neutrales Outfit gewählt, dazu trägt er mit der Auswahl von blauen Schuhen und gelben Socken ganz unauffälig die Vereinsfarben von Fener, eine Art verstecktes Statement.

Da in wenigen Tagen die Partie gegen Real Madrid ansteht, laufen einige Spieler nicht auf, die ich gerne gesehen hätte, Torwart Fernando Muslera, Wesley Sneijder und mein Liebling Selcuk Inan sind nicht dabei, mit Felipe Melo, Didier Drogba oder Burak Yilmaz sind aber noch einige Hochkaräter in der Startelf. Milan Baros, langjähriger Gala-Torjäger, der inzwischen beim heutigen Gegner spielt, wird von den anwesenden Zuschauern lange und ausgiebig gefeiert.

Die Partie sieht aus wie erwartet, Gala macht von Anfang an Druck und will den Führungstreffer, die Gäste mauern. Gala hat in den ersten zehn Minuten vier hundertprozentige Chancen, lässt sie aber alle liegen. Felipe Melo ist in der Anfangsphase der beste Mann, pflügt im Mittelfeld alles weg und verteilt die Bälle mit großer Selbstverständlichkeit. Er wird bejubelt. „Bravo, Melo!“, „Weiter so, Melo!“, „Du bist ein echter Mann, Melo!“. Mit dem ersten Konter erzielt aber Antalya die Führung. Kemal äußert seine Freude darüber dadurch, dass er mir unauffällig in mein Bein zwickt und mir zuzwinkert. Nach dem Treffer folgt der große Bruch bei Gala, es läuft nicht mehr, und das Publikum wird ungeduldig. Spieler aus der zweiten Reihe wie Emre Colak oder Nordin Amrabat, ein Flügelspieler, von dem ich viel halte und der für viel Geld vom Ligakonkurrenten Kayseri geholt wurde, werden ausgebuht. In den Rängen um mich herum fällt mir eine enorme Aggressivität gegenüber der eigenen Mannschaft auf, die sich in Sekunden mit lobendem Applaus abwechselt. Amrabat verliert nach einem ersten Schnitzer im Aufbauspiel das Selbstvertrauen und fällt völlig aus der Partie. Er leistet sich drei Patzer hintereinander, verliert ständig den Ball, und um mich herum wird lautstark seine Mutter beleidigt. Jeder im Stadion weiß, dass Fatih Terim ihn zur Halbzeit auswechseln wird. Die einzigen, die keine negativen Reaktionen von den Rängen zu befürchten haben, sind Drogba und Melo. Bei ihnen werden die guten Aktionen ausgiebig beklatscht, die Fehler dagegen unter den Tisch gekehrt. Ich fühle mich an die Häuserfassaden an der Istanbuler Schnellstraße erinnert.

Galatasaray hat vor Ablauf der Transferperiode von Sporting Lissabon einen jungen portugiesischen Spieler namens Bruma geholt, und der 18-jährige ist schon jetzt ein großer Hoffnungsträger, obwohl er noch keine Sekunde gespielt hat. Aus Portugal hört man, dass er das Zeug zu einem neuen Cristiano Ronaldo hat, und der Verein ließ ihn sich 10 Millionen Euro kosten. Als er zum Warmmachen geschickt wird, löst das großen Jubel aus. Als er eingewechselt wird, ist es noch lauter. Er kommt über den linken Flügel und deutet sein Potenzial an, er ist enorm schnell und gut am Ball, und nach seiner Einwechslung läuft jeder zweite Angriff über ihn. Später fasst er sich aus dreißig Metern ein Herz und zwingt den Torhüter zur Glanzparade. Aus dem Jungen könnte durchaus was werden. Noch auffälliger ist nur Drogba, der die ganze Offensivlast auf seinen Schultern trägt. Mit seinen 35 Jahren setzt er jedem noch so hoffnungslosen Ball nach, läuft ununterbrochen, verarbeitet lange Bälle mühelos, pusht das Publikum und die Mitspieler, und erarbeitet sich etliche Torchancen. Er ist es auch, der den Ausgleich kurz vor Schluss besorgt. Das Spiel endet 1-1, was eigentlich zu wenig ist, doch derzeit denkt eh jeder hauptsächlich an das Aufeinandertreffen mit Madrid. Daher bin ich erstmal froh, dass mein erstes Spiel in der Arena nicht mit einer Niederlage endet. Kurz vor Abpfiff muss ich über ein kleines Mädchen schmunzeln, die ihr Desinteresse am Spiel demonstrativ zur Schau stellt, indem sie als Einzige im Block auf ihrem Platz sitzt und Handyspiele zockt. Ihr Vater steht daneben und brüllt unaufhörlich in Richtung Spielfeld.

Auf dem Nachhauseweg haben Kemal und ich in der Straßenbahn eine Meinungsverschiedenheit über Drogba. Ich bin der Meinung, dass er der beste Mann war, Kemal hat eine andere: „Am Ende der Saison werdet ihr dafür beten, dass er verschwindet. Sein Spiel besteht nur aus Show, und er will jeden Ball. Er wird Neid auf sich ziehen.“ Da ich noch mein Trikot anhabe, werde ich in der Straßenbahn von einem wankenden Mann um die Dreißig angesprochen, der sich das Spiel in einer Kneipe angeschaut und einige Bier zuviel intus hat, er will mit mir das Spiel analysieren. Ich bin nach dem langen Tag zu müde dazu, außerdem erschwert der starke Biergeruch die Gesprächaufnahme, also lass ich ihn seine Beobachtungen lallen. Als wir aussteigen, schenkt er uns eine Handvoll Haselnüsse, die er aus den Hosentaschen kramt.

14.09.

Da Kemal früher selbst ein sehr guter Torwart war, setzt er alles daran, seinen vierjährigen Sohn von kleinauf dazu zu bewegen, es ihm gleichzutun und eine Laufbahn als Fußballtorwart einzuschlagen. Er hat den Kleinen schon einmal in Sachen Fußball in die gewünschten Bahnen gelenkt, der Sohnemann wird seit seiner Geburt mit Fenerbahce-Geschenken überhäuft und ist schon jetzt genauso begeisterter Anhänger wie sein Vater. Kemal erzählte mir einmal, dass seit seinem Großvater jedes Familienmitglied Fenerbahce-Fan gewesen ist und dass es garnicht denkbar sei, dass sein Sohn eine andere Mannschaft unterstützen könnte. In Sachen Torwart-Tätigkeit sieht es aber ein wenig anders aus. Als Kemal und ich am Vortag unterwegs waren, hat er unterwegs eine komplette Torwart-Montur für den Kleinen gekauft, Trikot, Hose, Stutzen, Handschuhe. Vor dem Frühstück übergibt er ihm das Outfit und bittet ihn, es gleich anzuprobieren. „Und? Gefällt es dir?“, fragt er seinen Sohn. „Meine Hände schwitzen“, lautet die Antwort, die er so sicher nicht hören wollte. „Mein Sohn wird ein hervorragender Torwart sein“, sagt er zu mir, der Sohn sagt nichts. Er probiert nun, dem Kleinen die Position schmackhaft zu machen: „Die Torwartposition ist die Wichtigste im Fußball, denn nur wenn der Torwart keine Tore kassiert, kann man gewinnen.“ Der entgegnet: „Stimmt garnicht, man gewinnt nur, wenn man vorne Tore schießt.“ Es erstaunt mich nicht zum ersten Mal, wie aufgeweckt der Kleine mit seinen vier Jahren bereits ist. Kemal bleibt bei seinem Vorhaben. „Ab jetzt werden wir zwei jeden Tag vor dem Abendessen eine Stunde trainieren, du und ich, im Garten, ab morgen geht es los. So, und jetzt frühstücken wir.“ „Darf ich jetzt die Sachen ausziehen?“, fragt der Sohn. „Musst du wissen“, sagt der Vater. Ich wittere einen entstehenden Konflikt.

15.09.

Im Stadtteil Bakirköy stehe ich mit Cousin Cenk an einer Ampel, schaue nach draußen und sehe zwei große Plakate an einer Wand hängen, die mit einem Abstand von zwei Metern zueinander angebracht sind. Das auf der linken Seite ist in gelb-rot gehalten, und darauf zu lesen ist: „Fatih Terim sucht seine jungen Löwen!“ Auf dem blau-gelben Plakat daneben steht „Fenerbahce Fußballschule Bakirköy“. Der Kampf der zwei großen Rivalen, er tobt auf allen Ebenen.

Später machen wir einen Abstecher in einem Supermarkt. Und hier wird mir bewusst, wie sehr in der Türkei die drei großen Vereine aus Istanbul im Mittelpunkt stehen und wie sehr sie alle anderen Vereine überstrahlen. Ich wundere mich darüber, dass auf einem Ständer mehrere Poster von Yekta Kurtulus angebracht sind, einem Spieler von Galatasaray, an dessen letzten Einsatz ich mich nicht erinnern kann. Yekta ist ein Ergänzungsspieler mit nicht der geringsten Aussicht auf einen Stammplatz, und hier werden Poster von ihm verkauft. Es ist also kein Wunder, dass junge Spieler aus Anatolien immer den großen Traum haben, bei einem der Großen in Istanbul unterzukommen, denn schon allein mit der Vertragsunterzeichnung wird man hier wohl zum Star.

Am Abend ist mein Onkel mit seiner Frau zu Besuch, der ungefähr 300 km außerhalb Istanbuls wohnt und eigens hergefahren ist, da ich auch ihn seit vielen Jahren nicht gesehen habe. Er betreibt seit Jahren einen kleinen Lebensmittelladen, in dem er nicht nur Lebensmittel anbietet. Ich frage ihn, wie es läuft, und er erzählt mir, dass er vor zwei Jahren von Besiktas verklagt wurde und Schadensersatz zahlen musste. Sie hatten ihn dabei ertappt, wie er nicht lizenzierte Fanbekleidung verkaufte. Ironie des Schicksals, denn er ist seit seiner Kindheit großer Fan des Vereins. Ich frage mich, wie sich das anfühlen muss, wenn man von dem Verein verklagt wird, den man sein Leben lang unterstützt hat. Dann frage ich ihn. Seine Frau übernimmt die Antwort: „Also ich war auch schon immer Besiktas-Fan, aber so wie die mit uns umgegangen sind, will ich mit denen nichts mehr zu tun haben. Du hättest ihre Anwälte mal sehen können, arrogante, schmierige Typen, die sie uns an den Hals gehetzt haben. Dagegen saßen wir nur mit unseren wenigen Unterlagen und Belegen da. Ich habe meine Trikots alle verschenkt und seitdem kein einziges Spiel mehr angesehen.“ Mein Onkel wiegelt ab, er redet leise: „Das hat ja nicht nur mit Besiktas etwas zu tun, alle drei Istanbuler Klubs machen das seit ein paar Jahren so, dass sie solche Sachen schärfer verfolgen, ich hätte genausogut von Fenerbahce verklagt werden können. Es war nur Zufall. Ich bin genauso Besiktas-Anhänger wie vorher.“ Während er das sagt, stochert er in seinem Essen herum und schaut kein einziges Mal auf.

16.09.

In der Wohnung von Cousin Cenk schauen wir die Partie Kasimpasaspor gegen Fenerbahce. Kasimpasa ist ein Stadtteil von Istanbul, es ist also eins der kleineren Derbys. Als der Kommentator erwähnt, dass die Partie im „Recep-Tayyip-Erdogan-Stadion“ stattfindet, frage ich meine Kompanen nach dem Regierungschef aus, der in Kasimpasa geboren wurde. Das Gleiche hatte ich im anatolischen Heimatdorf meiner Mutter getan und nur positive Reaktionen gehört. „Gott schütze den Mann,“ hatte meine Großmutter gesagt, „so einen gütigen Politiker gab es in der Türkei noch nie“. „Er hilft denen, die vorher jedem egal waren, den Alten, Schwachen, Kranken, den Armen“, bekam ich von einem alten Nachbar zu hören, bei dem wir zu Besuch gewesen waren. Kemal und Cenk sahen das ganz anders. „Die Regierung ist eine einzige, riesige Mafia, die das Volk verarscht und sich die Taschen vollstopft“, sagte Kemal, dann sagte er das Gleiche nochmal, nur mit mehr Kraftwörtern. Cenk stimmte zu. Als ich ihnen von den Lobeshymnen aus Anatolien erzählte, antwortete Cenk: „Verständlich, dass er ihnen gefällt, doch die Liebe ist gekauft, er macht das nur, um ihre Stimmen zu bekommen. Die Armen in den Dörfern bekommen vor den Wahlen Waschmaschinen geschenkt und wählen dann dafür die AKP.“ Kasimpasa liefert Fener einen heißen Tanz, der Favorit gewinnt erst in der Nachspielzeit, doch das werden wir erst spätert erfahren, da wir losmüssen.

In Istanbul gibt es drei Vereine, und danach lange nichts. Kasimpasa hat davon wohl genug und rührt an einer vielbefahrenen Straße die Werbetrommel (an der Hauswand im Hintergrund)

Wir gehen auch in Istanbul wieder kicken, Cenk ist nämlich ebenfalls in einer Kunstrasen-Freizeitmannschaft tätig, die sich jede Woche trifft und gegen eine Mannschaft antritt, die nur aus Ärzten besteht. Ich werde von den Mitspielern nett begrüßt, und das Spiel macht Spaß, weil die Ärzte-Truppe einen erstaunlichen flotten und guten Ball spielt. Doch nach zwanzig Minuten Spielzeit kommt es zum Eklat: unser Stürmer macht mich lautstark zur Sau, weil ich ihn angeblich die ganze Zeit ignorieren und absichtlich nicht anspielen würde. Er läuft dann nach draußen, wirft sich seine Tasche über und läuft derart ruhigen Schrittes zu seinem Auto, als würde er durch einen Park schlendern. Dann fährt er mit quietschenden Reifen davon. Ich verstehe nicht. „Mach dir nichts draus, Deutscher, der ist immer so kurz angebunden“, sagt ein Mitspieler. Einer der Ärzte geht kurz in das anliegende Lokal und kommt mit einem neuen Spieler in voller Montur zurück. Wie mir später erzählt wird, sind die Betreiber es gewohnt, dass es bei den Spielen zum Streit kommt, sodass immer einer von ihnen auf Abruf bereitstehen muss, um in solchen Fällen aushelfen zu können. Die restliche Partie verläuft friedlich.

Am nächsten Tag findet das große Spiel Galatasaray gegen Real Madrid statt, und ich weiß noch immer nicht, ob ich dabei sein werde oder nicht. Madrid ist inzwischen in der Stadt, die Ankunft am Flughafen läuft auf den Kanälen rauf und runter, das Spiel ist überall das große Thema, und ich bin heiß. Kemal ist seit Tagen nur noch am Telefon, er hängt sich sehr rein, um mir den Wunsch erfüllen zu können. Er erzählt mir, dass er Fatih Terims Fahrer kennt, und dass dieser ihm gesagt habe, dass er ihm erst kurzfristig Bescheid geben kann. Ich weiß nicht, ob ich ihm das glauben kann, denn auch wenn ich ihn sehr mag, weiß ich inzwischen, dass man sich auf derart Aussagen nicht gänzlich verlassen kann. Auf die Schliche kam ich ihm, als wir in einer etwas abgelegenen Einkaufsstraße an einem Mann vorbeiliefen, der seelenruhig dastand und mehrere Packungen Potenzmittel in der Hand hielt, die er dort verkaufte. Kemal erzählte mir dann, dass sein Cousin daran gestorben sei, dass er solche auf den Straßen Istanbuls gekaufte Potenztabletten zu sich genommen hatte. Als er bei mir in Deutschland zu Besuch war, hatte er mir die gleiche Geschichte erzählt, nur mit einem Onkel in der tragischen Hauptrolle. Er ist einer der Menschen, die nie zu hundert Prozent vertrauenswürdig sind, denen man aber auch nicht böse sein kann. Da mir nichts anderes übrig bleibt, hoffe ich sehr, dass er mich irgendwie in dieses Stadion bringt.

Eine Fortsetzung folgt noch.

1 Gedanke zu „Die Türkei und ihr Fußball (2)“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.