Die Türkei und ihr Fußball (1)

Es ist immer wieder seltsam, nach einer Türkei-Reise zurück nach Deutschland zu kommen. Bei mir diesmal umso mehr, da ich nach vielen Jahren das erste Mal wieder dort war. Gestern bin ich nach 19 Tagen zurückgekommen, und seitdem merke ich noch mehr als während meines dortigen Aufenthalts, wie unterschiedlich das Leben hier und das Leben dort doch ist. Das Wetter, der Verkehr, die Menschen, das Untereinander, es sind zwei Welten, ohne dass ich abwägen wollen würde, welche die bessere und angenehmere ist. Was beide Länder aber verbindet, ist die große Liebe für den Fußball, auch wenn sie in der Türkei noch etwas intensiver ist als hier.

Dass die Türkei ein fußballverrücktes Land ist, ist nichts Neues, doch erst während meiner Reise realisierte ich wirklich, wieviel das Spiel den Menschen dort bedeutet. Der Fußball ist in der Türkei wirklich ein ständiges Thema, Fußball ist Alltag. Selbst wenn nichts Tagesaktuelles passiert, wird er überall thematisiert. Wenn man in der Türkei als Mann erklärt, dass man sich für Fußball nicht interessiert, würde man wohl unter Naturschutz gestellt. Es gibt drei große Themen, die hier immer wieder als Gesprächsthema dienen, egal wo und zwischen wem: Die Politik, der Verkehr, und der Fußball. Und der Fußball hat dann drei große Unterthemen, die alles beherrschen: Besiktas, Fener, „Cimbom“ (umgangssprachlicher Begriff mit umstrittener Herkunft für Galatasaray).

Man kann dem Fußball in der Türkei also kaum aus dem Weg, und das erging auch mir nicht anders, was mir ganz recht war, denn ich fand und finde diese Art der Leidenschaft sehr interessant. Auch deshalb habe ich mir jeden Abend alles notiert, was ich am vergangenen Tag erlebt habe, das mit Fußball zu tun hatte. Ich habe versucht, mich beim Notieren auf den Fußball zu konzentrieren, doch ab und an sind auch generelle Eindrücke über das Land eingestreut. Hier sind die Notizen.

31.08.

Ich lande in Istanbul und werde von meinem Schwager Kemal abgeholt, der dreizehn Jahre älter als ich und mit meiner Cousine verheiratet ist. Wir kennen uns lange und gut, er war schon ein paar Mal in Deutschland zu Besuch. Er ist von Anfang an gesprächig und unterhaltsam wie immer, und fängt schon im Auto an, mir das Leben in der Türkei näherzubringen. „Ich sags dir, wenn du wieder nach Deutschland fährst, wirst du die Türkei gleichzeitig lieben und hassen. Die eine Sekunde macht dieses Land dich Verrückt vor Zorn, die andere willst du auf den Boden fallen und ihn abküssen.“ Ich beobachte die Straßen Istanbuls. Der Verkehr ist die reinste Hölle, die Radiomoderatorin liest die Staus der Stadt vor und lacht nach jeder einzelnen, als hätte sie gerade den Witz ihres Lebens gehört, ich verstehe nicht. Der Fahrer im Auto neben uns hat im stockenden Verkehr eine Zeitung auf dem Lenkrad ausgebreitet und liest sie in aller Ruhe, während er das Auto weiterfährt. Auf dem Heimweg sehe ich mindestens fünf Straßenverkäufer, die Trikots von Galatasaray, Fenerbahce und Besiktas verkaufen, sie sehen gefälscht aus.

Wir fahren direkt zur Wohnung meines Cousins Cenk, wo wir uns auf den Balkon setzen und zum ersten Tee ansetzen. Das Gespräch landet schnell beim Fußball, Kemal und Cenk sind beide glühende Fans von Fenerbahce. Kemal erzählt, wie er seinen Sohn immer mit ins Stadion zu Spielen von Fenerbahce mitnimmt und wie sie vor kurzem nach einem Spiel einfach auf den Rasen gehuscht sind. Die aktuelle Mannschaft sieht er aber kritisch. Er habe Lig TV, den türkischen Pay-TV-Sender, auf dem alle Spiele der Süper Lig zu sehen sind, abbestellt, da die Mannschaft „meistens eh scheiße spielt“. Er hat auch einen Grund parat: Ersun Yanal, der neue Trainer. Der war vor Saisonbeginn nicht erste Wahl und bekam erst dann einen Einjahresvertrag angeboten, als alle anderen, größeren Namen absagten. „Der Trainer ist nix, und mit dem wird es auch nicht besser. Die Spieler müssen vor einem Trainer Angst haben“, sagt auch Cenk.

Wir verabschieden uns und fahren zur Wohnung von Kemal, wo ich übernachten werde. Bevor es spätabends ins Bett geht, kommen wir noch auf meine geplanten Stadionbesuche in Istanbul zu sprechen. Am nächsten Tag werde ich zur anatolischen Heimatstadt meiner Mutter fahren und eine Woche wieder zurückkehren, doch bis zu meinem Abflug nach Deutschland werden zwei Galatasaray-Heimspiele stattfinden, die ich möglichst live sehen will: Ligaspiel gegen Antalya, Champions League-Auftakt gegen Real Madrid. Kemal meint, dass Antalya kein Problem werden dürfte, Real dagegen fast unmöglich. Er verspricht, sich nach Tickets umzuhören und mich zu den Spiele zu begleiten. Dann wird er ungewöhnlich ernst: „Aber lass mich dann dort bloß nicht als Fenerbahceli (Fener-Anhänger) auffliegen, weil sonst könnte es schnell eskalieren.“

01.09.

Nach kurzem Inlandsflug Ankunft in Kütahya, der mittelanatolischen Stadt im Westen der Türkei, aus der meine Mutter stammt. Ich komme mittags an und lande mitten im Stress, denn abends ist die Hochzeit meines Cousins. Im Haus seiner Eltern sind sowohl seine ganze Familie als auch die der Braut versammelt, die Wohnung platzt aus allen Nähten, es geht hektisch zu. Ich habe die ganzen Verwandten dort seit Jahren nicht gesehen und muss manchmal raten, wer zu den Verwandten gehört und wer zur Familie der Braut. Jedenfalls muss ich alle zwei Minuten die Hand eines Älteren küssen, da man ältere Personen in der Türkei so begrüßt, und alte Bräuche gerade in anatolischen Städten einzuhalten sind.

Irgendwann werde ich mit meinem Cousin Onur, dem großen Bruder des Bräutigams, und Serkan, meinem Cousin zweiten Grades, zwecks Besorgungen ins Stadtzentrum geschickt. Diesmal habe ich es mit zwei Besiktas-Fans zu tun. Die Mannschaft spielt unter dem neuen Trainer Slaven Bilic bisher einen guten Ball und ist mit zwei Siegen in zwei Spielen gut gestartet. Nachdem es in den letzten Jahren nie ganz zur Spitze gereicht hat, wird Besiktas dieses Jahr von vielen der große Wurf zugetraut. „Ich sage nur Manuel Fernandes, mein Freund“, sagt Serkan, der Euphorischste im Wagen. „Der Ball steht dem Jungen einfach gut, oder nicht? Ohne ihn wäre die Mannschaft nur halb so stark.“ Ich stimme ihm zu, da ich auch schon seit längerem von Fernandes begeistert bin. Er spielt im zentralen Mittelfeld und hat bei europäischen Stationen wie Everton und Valencia den Durchbruch nie ganz geschafft, ist in der Süper Lig aber wohl der konstanteste Top-Spieler. So wie er seit zwei Jahren spielt, könnte er es meiner Meinung nach in den Top-Ligen Europas packen. Unser Gespräch geht weiter, sie fragen mich über mein Leben in Deutschland aus, wollen unter anderem wissen, ob ich neben der Uni auch irgendwo arbeite. Ich erzähle, dass ich für eine große deutsche Sportseite über den türkischen Fußball schreibe. „Sehr gut“, sagt Serkan, „kannst du bitte irgendwann auch mal Çarşı erwähnen?“ Çarşı ist die berühmt-berüchtigte Fangruppierung von Besiktas, die unter anderem bei den Demonstrationen in Istanbul eine große Rolle spielte. „Schreib bitte, dass sie die besten Fans überhaupt sind.“ Wir kommen wieder vor dem Haus an, steigen aber nicht gleich aus. Serkan dreht ein Lied, das gerade im Radio kommt, laut auf und bittet uns, es mit ihm anzuhören. Er singt es Wort für Wort mit.

02.09.

Ich verbringe ein wenig Zeit mit Okan, meinem Cousin, der am Vorabend geheiratet hat. Wir haben uns bisher kaum unterhalten können und er wird heute nach Ankara fahren, um eine Wohnung für sich und seine neue Frau zu suchen. Ich erzähle ihm, dass ich sehr darauf hoffe, am 17. September bei der Partie Galatasaray gegen Real Madrid im Stadion zu sein. Okan macht mir wenig Hoffnung. „Das Stadion hat um die 50.000 Plätze, und davon sind 40.000 an Dauerkartenverkäufer vergeben.“ Es wird schwer.

03.09.

Ich tingele von Verwandtenwohnung zu Verwandtenwohnung. Da ich sieben Jahre nicht mehr hier war, muss ich mich bei jedem einmal blicken lassen. Ich komme aus dem Essen nicht mehr heraus, da man in der Türkei als Gast sofort an den Tisch gebeten wird, und während man noch die erste Speise verarbeitet, wird schon die nächste nachgeschoben. Mir ist klar, dass die Onkel und Tanten dadurch ihre Zuneigung ausdrücken wollen und weiß es zu schätzen, komme aber kaum hinterher. Heute bin ich zu Besuch bei meinem ältesten von vier Onkel in der Stadt, Zekeriyya, und der zweitälteste Rüstem ist auch gekommen. Am Essenstisch geht es um Fußball. Als Galatasaray-Fan bin ich erneut auf mich allein gestellt, denn die Onkel sind jeweils Besiktas- und Fenerbahce-Fans. Sie meinen zu wissen, warum ich Galatasaray-Fan geworden bin. „Als du noch ein Junge warst, da hatte die Mannschaft gerade ihre besten Zeiten, mit den Erfolgen in Europa, Uefa-Cup-Sieg und alles“, sagt Onkel Rüstem. Ich möchte widersprechen, lasse es aber aus Höflichkeit. Später denke ich darüber nach und merke, dass in Deutschland fast alle Bekannten in meinem Alter Galatasaray-Fans sind. Es könnte also etwas dran sein.

04.09.

Heute bin ich unter anderem bei Onkel Erol zu Besuch, dem drittältesten. Nach dem Essen gehen wir raus auf den Balkon, er wohnt weit oben in einem sehr hohen Mehrfamilienhaus, wie fast alle Verwandten, die ich bisher in Kütahya besucht habe. Die hohen, bunten Häuser prägen hier das Stadtbild. Wir reden über die Rivalität von Fenerbahce und Galatasaray. Onkel Erol ist Fener-Fan und eigentlich jemand, der oft und gerne scherzt, doch als es um den großen Rivalen geht, wird er plötzlich ernst: „Verstehe das bitte nicht falsch, aber alle Cimbom-Fans, die ich kenne, sind Vollidioten. Sie denken immer, ihr Verein wäre allen anderen überlegen, egal um was es geht. Als wir letztens gegen Arsenal ausgeschieden sind, haben sie sich alle gefreut. Als Galatasaray damals die Erfolge im Uefa Cup feierte, nahm ich mir immer extra frei, um die Spiele zu sehen und mitfiebern zu können.“ Wenig später geht es kurz um Basketball, und auch hier schimmert schnell die große Rivalität der zwei Vereine durch. „Fener gewinnt im Basketball meistens gegen Cimbom. Basketball wurde in der Türkei erst beliebt, als Fenerbahce den berühmten Trainer … (mir ist entfallen, welchen Namen er hier genannt hat) geholt und dann sehr gut und erfolgreich gespielt hat.“ Ich weiß nicht, inwieweit das stimmt, da ich den türkischen Basketball nicht verfolge, habe aber den Eindruck, dass Onkel Erol sich in Sachen Objektivität weniger von den von ihm kritisierten Galatasaray-Fans unterscheidet, als ihm lieb ist.

05.09.

Endlich bin ich nicht mehr alleine! Cousin Caner, fünf Jahre älter als ich und als Polizist im weit entfernten Trabzon tätig, ist in der Stadt, und er ist wie ich von kleinauf Galatasaray-Anhänger. Zum Aufwärmen unterhalten wir uns über die aktuelle Mannschaft und haben die erste kleine Meinungsverschiedenheit: von Albert Riera halte ich nicht viel, doch er ist Caners Lieblingsspieler. Später geht es um deutschtürkische Fußballer. Caner fängt an, zu wettern. „Mesut (Özil) ist doch kein Mann. Wenn er einer wäre, dann würde er für uns spielen. Dass er für Deutschland spielt, sagt doch schon alles.“ Doch wie man es dem lieben Caner als deutschtürkischer Spieler rechtmachen kann, bleibt unklar: „Die meisten, die wir aus Deutschland bekommen haben, taugen nichts. Schau dir doch mal Nuri (Sahin) an, bei dem geht doch auch nicht viel. Der haut einen Ball weit über den Kasten und lächelt dann auch noch. Sei doch mal ernst und konzentrier dich gefälligst beim Schuss, Mann!“ Wir fahren in die Stadt, um ein wenig einzukaufen. Mir fällt auf, dass trotz der großen Hitze kein Mann hier eine kurze Hose trägt. Ich bin der einzige.

06.09.

Ab heute bin ich bei Onkel Birol untergebracht, dem jüngsten. Onkel Birol ist Lehrer und ich hatte schon immer viel für ihn übrig. Er ist gelassen, gebildet, zuvorkommend, immer locker. Und natürlich fußballverrückt. Während seine Frau uns ein leckeres Sucuk-Frühstück serviert, reden wir über Elfmeter. Ich erzähle ihm, dass ich vor ein paar Monaten einen wichtigen versemmelt habe. Er möchte trösten. „Das ist doch nicht schlimm, bei einem Elfmeter gibt es nunmal immer die Möglichkeit, dass er nicht reingehen wird, sonst würde der Schiedsrichter ja nach dem Pfiff direkt zum Anstoßpunkt zeigen und die Mannschaft hätte ein Tor mehr, so ist es aber nicht. Denk doch mal an Baggio. Der war damals der große Star im Weltfußball und hat den entscheidenden Elfer trotzdem nicht reingemacht.“ Ich stimme zu und merke, wie bitter es für Roberto Baggio sein muss, dass er für immer und trotz seiner herausragenden Karriere mit diesem einen Fehlschuss assoziiert werden wird. Onkel Birol redet weiter und nimmt das von Caner am Vortag aufgeworfene Thema auf: „Die Türkei weiß die Nationalspieler, die im Ausland leben und aufgewachsen sind, nicht zu nutzen. Nuri spielt jetzt zwar für uns, aber der ist von denen, die wir hätten haben können, vielleicht der Schlechteste.“ Ich verstehe nicht ganz, ob er die Spieler meint, die sich gegen die Türkei entschieden haben, oder die es getan haben und dann nicht richtig eingesetzt wurden, versäume es aber nachzufragen. Fest steht aber, dass Nuri Sahin in der Türkei nicht den besten Ruf zu haben scheint.

07.09.

Onkel Birol und ich gehen in sein Stammcafé. Café ist hier nicht in dem Sinne zu verstehen, den ich von Deutschland gewohnt bin. Vielmehr handelt es sich dabei um schlicht gehaltene Einrichtungen mit vielen Tischen, die nur von Männern besetzt sind, die rauchen, Karten spielen oder sich unterhalten, Frauen sind hier tabu. Birol spielt mit einigen Kompanen Bridge, ich schaue zu und höre zu. Am Vortag hat die türkische Nationalmannschaft, die in der WM-Quali mit dem Rücken zur Wand steht und neuerdings von Galatasaray-Coach Fatih Terim betreut wird, gegen Andorra deutlich gewonnen. „Das war eine gute Leistung“, sagt Birol. Ein älterer, kleiner Mann mit weißen Haaren, der viel und gestenreich redet und über den ich später von Birol erfahren werde, dass er ein guter Arzt ist, entgegnet: „Wir hätten hier schnell eine Mannschaft unter uns bilden können und auch locker gegen Andorra gewonnen.“ Das gute, alte Stilmittel der Übertreibung. Doch sein Szenario führt zur Idee, sich unter der Woche zum Kicken zu treffen. Es wird ein Teenager an den Tisch gerufen, der hier den Tee serviert. Sie fragen ihn, ob er Kumpels hat, die er für ein Spiel gewinnen könnte, und er erzählt stolz, dass er in einer sehr guten „Hali saha“-Mannschaft spielt.

„Hali saha“ bedeutet Kunstrasen und steht für eine ganz spezifische Unterart des Fußballs in der Türkei. Hier gibt es keine Bolzplätze, wie wir sie aus Deutschland kennen, die frei für jeden verfügbar und im guten Zustand sind. Stattdessen spielt sich Freizeitfußball auf solchen Kunsträsen ab, die in Käfigform umzäunt oder überdacht und mit Flutlicht ausgestattet sind und geschäftlich betrieben werden. Man mietet den Platz für eine Stunde, meistens unter der Woche und spätabends, bildet im Vorfeld zwei Mannschaften mit einem Torwart und sechs bis sieben Feldspielern, trifft sich zur abgemachten Zeit und tritt gegeneinander an (hier mal ein klassisches Beispiel).

Kurzerhand wird mit dem Jungen ein Termin und Match ausgemacht, am nächsten Abend tritt also eine Auswahl der Bridge-Spieler aus dem Café gegen ihn und sein Team an. Ich soll bei der Bridge-Mannschaft mitspielen und freue mich darauf, nach einer Woche Pause wieder zu kicken.

08.09.

Um 23.30 ist Anpfiff, um Viertel vor treffen beide Mannschaften auf dem Gelände ein. Nach kurzem Hallo geht es in das anliegende kleine Restaurant, wo ein weiterer Grundpfeiler der türkischen Alltagskultur gepflegt wird: der schwarze Tee, der cay (also „Tschai“) genannt wird. Die Leute trinken unentwegt cay, überall, zu jedem Anlass, oder ohne Anlass. Wenn man sich etwas in einem Laden länger anschaut, bekommt man ihn serviert. Wenn man irgendwo zu Besuch ist, sowieso. Eigentlich immer, wenn zwei oder mehr Leute in der Türkei irgendwo in Ruhe sitzen, ist eine Teekanne nicht weit weg. Fünf Minuten, bevor wir herumrennen und schwitzen und keuchen werden, sitzen wir also ganz entspannt zusammen und trinken unseren cay. Onkel Birol hat sich vor dreizehn Jahren das Kreuzband gerissen und seitdem keinen Fußballplatz mehr betreten, operiert wurde das Knie bis jetzt noch nicht. Wann immer seine Kumpels ein Spiel machen, kommt er zuschauen. Jemand, der heute für unsere Mannschaft eingeplant war, ist nicht aufgetaucht, also läuft er nach kurzen Überredungsversuchen der anderen zum Auto und holt seine Fußballklamotten aus dem Kofferraum. Vielleicht hat er immer auf diese Situation gewartet.

Dann geht es los. Wir sind in der Defensive alt und erfahren, im Mittelfeld renne ich herum mit einem Mittzwanziger, der ebenfalls immer mit meinem Onkel und Co. Bridge spielt und dem vor einigen Monaten alle Haare und selbst die Augenbrauen ausgefallen sind. Er ist kampfstark und spielt einen ordentlichen Ball. Außerdem hat er einen Kumpel mitgebracht, von dem ich nach der Partie erfahre, dass er vor sieben Monaten erst in die Türkei gezogen ist. Er ist Anfang 20, ein ganz netter Junge und hat in Deutschland in der Verbandsliga Fußball gespielt, im Spiel aber regt er mich auf. Er ist eigensinnig, sucht ständig aus unmöglichsten Situationen den Abschluss und steht nur vorne herum. Generell sind alle Spieler technisch gut, doch vor allem bei uns mangelt es an Laufbereitschaft. Wer mit nach vorne geht, kommt nur selten schnell mit nach hinten. Am Ende verlieren wir recht deutlich gegen die eingespielten Jungspunde, doch ich habe trotzdem meinen Spaß. Birol ist auf dem Zuhauseweg fast schon euphorisch, es ist ihm anzumerken, wie sehr es ihn gefreut hat, nach so langer Zeit mal wieder gegen die Kugel zu treten. „Ich werde noch diese Woche versuchen, einen Termin für eine OP zu bekommen, damit ich wieder regelmäßig spielen kann. Ich wusste gar nicht, wie sehr ich es vermisst habe“, sagt er.

09.09.

Ich möchte meiner Freundin eine Goldkette kaufen. Onkel Birol bringt mich zum Händler seines Vertrauens, „Juwelier Sabri“ steht vor dem Laden in großen Lettern geschrieben. Sabri ist ein untersetzter, gemütlicher, älterer Mann mit weißen Haaren und weißem Bart, der viel lächelt. Er sitzt in seinem kleinen Büro, das offen in Richtung des restlichen Ladens ist, von wo aus er seine Mitarbeiter kommandiert und eine Kette nach der anderen hereinbringen lässt. Zwischendrin redet er ununterbrochen. Er hat einiges über Fatih Terim zu erzählen, der nach seiner Rückkehr zur Nationalelf in aller Munde ist. „Ich sag euch etwas über den Mann, der wird hier von der Mafia geschützt. Vor zehn oder fünfzehn Jahren, da gab es Ungereimtheiten zwischen Türkei und Italien, weil die Italiener den Öcalan (Abdullah Öcalan, Chef der Terrororganisation PKK, der seit 1999 in türkischer Haft ist)
nicht ausliefern wollten. Um die ganze Sache zu beruhigen, sorgte der italienische Staat dafür, dass Hakan Sükür (zu Inter Mailand) und Fatih Terim (zum AC Mailand) nach Italien geholt wurden, und…“ In dem Moment wird er von einem fragenden Zwischenruf eines Mitarbeiters aus dem anderen Raum unterbrochen, und weist ihn streng zurecht. Danach fragt er uns seltsamerweise, als wäre er kurz zuvor nicht mitten in einer interessanten Story unterbrochen worden, sondern als würde er uns gerade erst treffen: „Und sonst, euch geht es gut, meine Herren?“ Später ärgere ich mich, dass ich nicht nachgehakt habe, denn das mit Fatih Terim und der Verbindung zur Mafia hörte ich zum ersten Mal, doch es sollte später während meiner Türkei-Reise noch einmal thematisiert werden. Nach einer halben Stunde habe ich mich für eine Kette entschieden und Juwelier Sabri wünscht mir lächelnd noch viel Spaß in der Türkei. Zwischen Begrüßung, Geschäft und Verabschiedung hat er sich nicht einmal bewegen müssen.

10.09.

Am Abend findet das immens wichtige WM-Quali-Spiel zwischen Rumänien und der Türkei statt. Die Türkei ist bei drei verbleibenden Spielen auf dem vierten Platz und drei Punkte hinter dem Gegner, der auf dem zweiten Platz ist. Alles andere als ein Sieg wäre also quasi schon das Aus, und alle sind angespannt. Vor den Kiosken hängen alle Tageszeitungen des Landes, und auf wirklich jeder einzelnen ist Arda Turan zu sehen, der Kapitän und derzeit einzige türkische Spieler, der im Ausland Erfolg hat. Abends trifft sich die ganze Familie, alle Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen im Dorf bei meinen Großeltern, das zehn Kilometer von Kütahya entfernt ist. Das Spiel am Abend ist Höhepunkt des Tages und ein familiäres Event. Meine liebevolle, alte Großmutter erzählt während der ausgeglichenen Anfangsphase, wie in ihrer Kindheit den Kindern der Fußball ausgeredet werden sollte, indem ihnen erzählt wurde, dass die Christen vor Jahrhunderten einem muslimischen Propheten den Kopf abgehackt und damit Fußball gespielt hatten. Die Story sorgt für Unverständnis in der Runde, doch Großmutter verteidigt sich: „Ich erzähle euch doch nur, was uns damals erzählt wurde.“

Das Spiel sieht ganz gut aus, Terims Rückkehr scheint tatsächlich mehr Stabilität in die Mannschaft gebracht zu haben, denn sie verteidigt gut und ist bei schnellen Kontern gefährlich. Unter Vorgänger Abdullah Avci war noch alles eine einzige Katastrophe. Die von meinen Verwandten geäußerte Kritik an Nuri Sahin scheint der Nationaltrainer zu teilen, er sitzt 90 Minuten auf der Bank. Dafür ist mit Gökhan Töre ein anderer aus Deutschland Bekannter in der Startelf, bleibt aber blass. Burak Yilmaz, der Stürmer von Galatasaray, vergibt zwei hundertprozentige Chancen, bringt dann aber einen schweren Kopfball im Tor unter. Dieses Wechselspiel aus Leichtfertigkeit und Torgefahr erklärt ganz gut, warum er in der Türkei sehr umstritten ist, er wird gleichzeitig gefeiert und heftig kritisiert, und das als zweimaliger Torschützenkönig. Rumänien drängt auf den Ausgleich, ist aber im Abschluss harmlos. In der Nachspielzeit besorgt der eingewechselte Stürmer Mevlüt Erdinc von Saint Etienne nach feiner Einzelleistung den so wichtigen Sieg. Fatih Terim hat am nächsten Tag wieder alle Schlagzeilen sicher. Ob die Mafia wirklich einen Anteil daran hat? Schade, dass ich Juwelier Sabri nicht mehr sehen werde. Am nächsten Tag werde ich nach Istanbul abreisen.

Teil 2

7 Gedanken zu „Die Türkei und ihr Fußball (1)“

  1. Hi Sidan, danke für den schönen Bericht, ich freue mich schon auf die Fortsetzung (als Barça-Fan war ich über das Galatasaray-Ergebnis in der CL natürlich alles andere als glücklich). Das mit den kurzen Hosen war in Spanien übrigens vor 20 Jahren auch noch so. Hat sich inzwischen sehr geändert, für mich habe ich es beibehalten: kurze Hosen gehen nur am Strand, im Schwimmbad oder beim Wandern in der Wildnis, aber nicht in der Stadt. 😉

    Ansonsten frage ich mich nach Deinem Bericht umso mehr, warum der türkische Fußball (sowohl die Clubs als auch das Nationalteam) abgesehen von seltenen Ausnahmen international unter ferner liefen rangiert, das Potenzial für deutlich mehr müsste doch vorhanden sein: eineinhalbmal so viele Einwohner wie Spanien (Tendenz steigend), eine unübertroffen fußballverrückte Bevölkerung, und ökonomisch ist das Land auf starkem Wachstumskurs. Warum geht da nicht mehr?

    1. In warmen ländern keine kurzen Hosen zu tragen führt auch dazu, dass man nicht gleich als Tourist erkannt wird 😉

      Als ich vor ein paar Jahren in Barcelona war fiel mir auch gleich auf wieviel präsenter dort der Fussball im Vergleich zu Deutschland (oder vielleicht eher Berlin ist). Im Fernsehen auf mehreren Kanälen Berichte obwohl gerade gar keine Spiele sind, beim Bäcker gibt es Barca-Kuchen und überall Leute in Trikots.

      Zu Nuri Sahin bin ich mal gespannt wie er sich entwickelt. In der Form vor dem Wechsel nach Madrid gab es eigentlich nur eine handvoll Nationalmannschaften bei denen er nicht in der Startelf wäre.

      PS: Kleiner Fehler: Das letzte Datum sollte wohl 10.9. sein nicht 10.10.

    2. @Guybrush: Danke für den Hinweis, hab es geändert.

      Sahin konnte ich bei seinen letzten Einsätzen für Dortmund leider nicht beobachten, hoffe aber sehr für ihn, dass er sich beim BVB wieder aufrappeln kann. Der Wechsel zu Real war im Nachhinein ein großer Fehler, es hätte aber genauso andersrum verlaufen können.

      Den Fußball in Spanien möchte ich auch sehr gern einmal näher erleben, eine Reise zu einem Clasico ist in der Zukunft anvisiert.

      @Bern: Nach ein, zwei Tagen hab ich das mit den kurzen Hosen dann auch gelassen, weil ich es leid war, dadurch sofort als „Almanci“ aufzufallen, wie man dort die in Deutschland lebenden Türken nennt. Wie gesagt war das aber nur in Anatolien ein Thema, in Istanbul ist das natürlich ganz anders.

      Die Frage nach dem mangelnden internationalen Erfolg des türkischen Fußballs ist schwer zu beantworten. Eine große Rolle spielt sicherlich die nicht ideale Jugendarbeit, die großen Vereine schaffen es seit Jahren nicht oder kaum, junge Spieler geschweige denn Spieler aus der eigenen Jugend dauerhaft in die Mannschaft einzubinden. Arda Turan ist so ziemlich der Einzige, der sich in den letzten Jahren aus der Jugend eines Istanbuler Vereins zu einem echten Top-Spieler entwickelt hat. Jetzt gibt es eine neue Regelung, die die Vereine dazu zwingt, mehr türkische Spieler und weniger ausländische Spieler im Kader und sogar in der Stammformation zu haben (6+0+4 Regel, sechs Ausländer dürfen in die Startelf, auf der Bank darf keiner sein, vier müssen auf die Tribüne, Ausländeranzahl im Kader auf zehn beschränkt), die im Grunde ziemlich schwachsinnig ist, der Jugendproblematik aber eventuell zu Gute kommen könnte, das bleibt abzuwarten.

      Die Sache mit der schlechten Jugendarbeit ist sicherlich mit ein Grund, erklärt aber sicher nicht allein die Misere der letzten Jahre, das Thema ist wohl noch komplexer. Ich muss zugeben, dass ich selbst dazu näher recherchieren müsste.

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