Deeper Than Melo

Was als Fußball-Fest begann, endete im Chaos. Am Sonntagabend kam es in der türkischen Süper Lig zum ersten Istanbuler Derby der Saison, Tabellenführer Besiktas empfing den amtierenden Meister Galatasaray. Da das altehrwürdige Inönü-Stadion, in dem Besiktas seine Spiele in der Vergangenheit austrug, derzeit umgebaut wird, fand die Begegnung im Atatürk-Olympiastadion statt, wo Besiktas die Heimpartien vorübergehend austrägt. Das Aufeinandertreffen der Rivalen wurde nicht nur aus sportlichen Gründen mit Spannung erwartet – Meister Galatasaray hatte den Saisonstart verpatzt und hatte unter der Woche eine empfindliche 1:6-Niederlage in der Champions League gegen Real Madrid einstecken müssen, Besiktas dagegen war mit zuvor vier Siegen in vier Spielen die Mannschaft der Stunde – auch die Tatsache, dass das Spiel vor über 76.000 Zuschauern stattfand und damit eine neue Bestmarke im türkischen Fußball setzte, gab der Partie einen besonderen Reiz. Die Besiktas-Anhänger engagierten eigens eine Soundfirma, die den Lautstärkepegel im Stadion messen sollte, man war optimistisch, den Weltrekord von 141 Dezibel zu knacken, den man im Mai diesen Jahres selbst aufgestellt hatte.

Schon vor dem Anpfiff stellte sich aber auch die Sicherheitsfrage, denn in der Türkei ist man es aus der Vergangenheit gewohnt, dass es bei sportlichen Aufeinandertreffen von rivialisierenden Vereinen schnell zu Zwischenfällen kommt. Daher wurden Vorkehrungen getroffen: Wie es bei Derbys seit Jahren gang und gäbe ist, wurden keine Galatasaray-Anhänger ins Stadion gelassen, 2000 Sicherheitskräfte wurden eingesetzt (1500 Ordner, 500 Polizisten), und alle Tribünen wurden mit Videokameras überwacht. Es wurden sogar vier Staatsanwälte unter die Zuschauer gemischt, die bei etwaigen Vorfällen gleich miterleben sollten, was passierte. „Wir sind gewappnet“, erklärte Berkan Gocay, Vorstandsmitglied bei Besiktas, zwei Tage vor dem Spiel.

Lange Zeit schien es gutzugehen. Besiktas spielte eine starke erste Hälfte und ging verdient in Führung, die Zuschauer sorgten für eine laute und schöne Atmosphäre, Publikum und Heimmannschaft peitschten sich gegenseitig an, Gegner Galatasaray schien beeindruckt und fand überhaupt nicht in die Partie. Nach dem Seitenwechsel aber kippte zunächst das Spiel, dann die Stimmung auf den Rängen. Die Galatasaray-Akteure hatten sich auf die Situation eingestellt und agierten wie ausgewechselt, nun war es die Besiktas-Mannschaft, die Ball und Gegner hinterherlief. Die Gäste spielten ihre in den letzten Jahren gewonnene Erfahrung aus, und der Erfahrenste unter ihnen, der 35-jährige Stürmer Didier Drogba, drehte das Spiel mit einem Doppelschlag in der 59. und 72. Minute.

Der Schock über die in wenigen Minuten aus den Händen gegebenen Partie saß tief, und im weiten Rund wurde die Stimmung von Minute zu Minute gefährlicher. Schon während der Schlussphase, in der Besiktas noch einmal alles nach vorne warf, um den Ausgleich zu schaffen, kam es auf den Rängen zu ersten Ausschreitungen. Man sah, wie einige Anhänger auf den Tribünen mit Faustschlägen und Fahnenstöcken aufeinander losgingen, die Ursache blieb zunächst unklar. Das Geschehen auf dem Platz tat wenig dazu bei, um die Menge zu beruhigen, aus Sicht des Heimpublikums kam in der zweiten Halbzeit vieles zusammen. Beim zweiten Treffer von Drogba hatte Vorlagengeber Burak Yilmaz die Hand zur Hilfe genommen, was ungeahndet blieb, Besiktas rannte an, schaffte aber kein Tor mehr, Galatasaray-Torwart Muslera spielte offensichtlich auf Zeit, und schließlich bekam Felipe Melo in der Nachspielzeit die Rote Karte, und hielt beim Verlassen des Spielfeldes den Tribünen provokativ sein Galatasaray-Trikot entgegen.

In der 93. Minute schwappte der Frust dann von den Rängen herunter auf den Rasen. Schon gleich nachdem Schiedsrichter Firat Aydinus die Rote Karte für Melo zückte und es zur Rudelbildung zwischen den zwei Mannschaften kam, stürmten die ersten Zuschauer in Richtung Spielfeld. Die Ersten konnten von den Sicherheitskräften noch aufgehalten werden, doch als immer mehr Menschen nachströmten, geriet die Situation außer Kontrolle. Die Spieler und der Schiedsrichter flüchteten in die Kabinen, auch die Ordner kapitulierten und sprinteten in ihren orangenen Westen quer über den Platz in Richtung Katakomben. Es kam zur Anarchie im Stadion, die Zuschauer nahmen in Sekundenschnelle die Macht über das Spielfeld ein, schleuderten Plastikstühle in Richtung Polizisten, belagerten die Tore, ließen sich von Freunden fotografieren. Die Partie wurde nicht mehr angepfiffen, mit großer Wahrscheinlichkeit wird sie in den kommenden Tagen für Galatasaray gewertet werden und eine empfindliche Strafe für Besiktas nach sich ziehen.

Die Frage nach der genauen Ursache der Zwischenfälle ist noch nicht geklärt und wird heftig diskutiert. Zunächst wurden die Ausschreitungen damit erklärt, dass die Tribünen sich durch die Aktion von Melo provoziert gefühlt haben. Doch das allein reicht wohl als Ursache nicht aus. Das lässt sich schon allein daraus ableiten, dass zu dem Zeitpunkt, an dem Melo sein Trikot in die Luft streckte, bereits mehrere Zuschauer auf dem Feld waren. Eine genauere Betrachtung der Umstände lässt vermuten, dass viel mehr dahintersteckt.

In der Fanszene von Besiktas schwelt seit neuestem ein Konflikt. Sie war seit jeher in der Hand von Çarşı, der berühmten, sozialistisch bis links eingestellten Fangruppierung, die bei den Gezi-Demonstrationen gegen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und der Regierungspartei AKP am Taksim-Platz als treibende Kraft diente und sich Auseinandersetzungen mit der Polizei lieferte. Vor kurzem wurde aber eine andere Fangruppe gegründet, die in den letzten Wochen sehr schnell angewachsen ist. Sie nennt sich „1453 Kartallari“ also „1453 Adler“. Der Adler ist das Symbol des Vereins, die Zahl bezieht sich auf das Jahr, in dem Konstantinopel von den Osmanen eingenommen wurde. Der neuen Fangruppierung wird nachgesagt, dass sie von Teilen der AKP mit initiiert wurde, um der einflussreichen Çarşı-Gruppe, die immer wieder gegen Erdogan und die Regierung protestiert, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die 1453-Gruppe profiliert sich ganz klar als Gegenstück zu Çarşı, ist regierungsnah eingestellt und verurteilt die Taksim-Demonstrationen.

In einem Zeitungsinterview erklärte der Vorsitzende von 1453 Kartallari, Askin Aydogmus, warum die Gruppe gegründet wurde: „Es gibt das Vorurteil, dass alle Besiktas-Fans politisch links sind. Nein, das stimmt nicht. Ich liebe mein Land und mein Volk.“ So standen sich also plötzlich zwei Fangruppen gegenüber, die den gleichen Verein unterstützen, sich politisch aber spinnefeind sind. Die neue, stetig anwachsende Gruppe ist patriotisch eingestellt, Çarşı steht für Anti-Establishment. Es war also eine Frage der Zeit, bis es zwischen beiden Seiten krachen würde.

Wer im Olympiastadion genau hinhörte, konnte schon vor Beginn der Ausschreitungen erahnen, dass etwas in der Luft lag. Die Tribüne, in der die meisten Çarşı-Mitglieder untergebracht war, skandierte immer wieder: „Taksim ist überall, Widerstand ist überall!“ Dementgegen stimmten Zuschauer, die der 1453-Gruppe angehören, immer wieder einen religiösen Schlachtruf an, der ihre Nähe zur Regierung ausdrücken und sie von Çarşı abgrenzen sollte. „Allah ist groß“, riefen sie immer wieder. So nahm der Konflikt seinen Anfang und mündete wenig später in den vorher erwähnten Schlägereien, die von den Mitgliedern der zwei verfeindeten Gruppen ausgetragen wurden.

Bleibt noch die Frage, warum und von wem genau der Platz gestürmt wurde. Sowohl Çarşı als auch 1453 erklärten in verschiedenen Social Media-Plattformen, dass sie mit der Stürmung des Spielfeldes nichts zu tun haben. Çarşı wird das bislang eher abgenommen als 1453. So sind im Internet seit den Vorfällen Screenshots davon unterwegs, die unter anderem zeigen, wie die Organisation per Twitter mittilte, dass sie beim Derby „Freund und Feind“ zeigen werde, was es bedeute, wahrer Anhänger eines Vereins zu sein. Es wird von einem kommenden „historischen Tag“ gesprochen, an dem man „mit tausenden von Leuten“ zu sehen werden sei. „Wir sind keine Fans, die sitzen oder schweigen. Schaut uns heute zu, dann werdet ihr verstehen“, heißt es. Zudem wurden Kommentare publik, die ein 1453-Mitglied unmittelbar nach dem Spiel per Facebook tätigte. Auf den Aufnahmen sieht man, wie Ismail Er damit prahlt, dass er einer der Ersten war, die auf den Platz stürmten: „Ich bin sofort nach unten gerannt, unsere Kurve war die Erste, die auf dem Platz war.“ Als ein anderer Facebook-Benutzer schreibt: „Wir von 1453 waren sofort unten, Carsi wusste gar nicht, was abgeht. Jetzt sind wir hier!“, antwortet Er mit: „So sieht es aus, mein Bruder.“ Diese Aussagen wurden deshalb bekannt, weil Er ein junges AKP-Mitglied ist, der im Istanbuler Stadtteil Kücükcekmece ein offizielles Amt der Partei innehat. Nachdem seine Äußerungen bekannt wurden, wurde er kurzerhand von der Homepage der Vertretung der AKP in Kücükcekmece entfernt. Zudem waren die „Allahu akbar“-Rufe der 1453-Gruppe auch während des Platzsturms deutlich zu vernehmen.

War der Platzsturm also ein abgekartetes Spiel, das von 1453 von vornherein geplant war? Beweise fehlen, Indizien nicht. Die Vorfälle werden in jedem Fall dazu führen, dass Besiktas über Wochen oder Monate ohne Zuschauer auskommen wird müssen. Die Carsi-Zuschauer werden also ihre regierungskritischen Schlachtrufe nicht mehr vor Millionen von Zuschauern im Fernsehen skandieren können. Noch mehr Brisanz erhält das Ganze durch die Tatsache, dass Besiktas und Carsi in Kürze in das Stadion von Kasimpasaspor umziehen werden. Der Name der neuen sportlichen Heimat: Recep-Tayyip-Erdogan-Stadion.

Man muss deshalb kein großer Verschwörungstheoretiker sein, um einen Verdacht zu hegen. Eine politische Komponente der Vorfälle scheint sicher, und sowohl der Vorfall als auch die aktuelle Lage in der Besiktas-Szene spiegeln sehr gut das derzeitige, politische Klima in der Türkei wieder. Die Situation ist in der Türkei generell derart angespannt, dass es jederzeit zu Auseinandersetzungen kommen kann, egal wo.

Es braucht nur einen Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Was am Taksim-Platz die Pläne um den Gezi-Park waren, war im Olympiastadion eben der provozierende Melo.

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