Neues, altes Chaos

Oh du verrückte, chaotische, unberechenbare Welt namens Süper Lig. Nebenberuflich sehe ich mir ja Woche für Woche jedes Spiel der drei Großen aus Istanbul an. Diese Woche musste ich eine Auszeit nehmen, da ich die Zeit am Wochenende dazu brauchte, mich für eine Klausur vorzubereiten. Keine Spielszenen, keine Berichte, keine Zeit. Auch als gestern Abend Besiktas auf Kasimpasaspor traf, war ich nicht mit von der Partie, sondern zwischen Bücherstapeln in der Versenkung verschwunden.

Es war nicht schön, aber zwingend, und so viel konnte ich ja auch wieder nicht verpassen, oder? 90 Minuten gewöhnlicher Liga-Alltag, 22 Männer treten gegen den Ball, am Ende gibt es ein Ergebnis, und jeder geht geräuschlos seinen weiteren Weg, richtig? Falsch. Stattdessen herrscht noch heute hellste Aufregung, wieder einmal, und man kommt mit den Reaktionen, Meinungen und Konsequenzen kaum hinterher. Ein Zuschauer steht vor Gericht, ein Spieler gibt an, nie wieder in der Türkei spielen zu wollen, und Markus Merk zofft sich mit Diskussionspartnern im TV-Studio, zudem regnet es erneut Verschwörungstheorien.

Besiktas ging früh durch Almeida in Führung, bevor es nach 30 Minuten zum ersten Mal kurios wurde. Einen zweiten Ball, der auf das Feld gerollt war, nahm Ryan Donk von Kasimpasa in die Hände, bevor er merkte, dass er mit seinen Schritten in Richtung des Balls ein mögliches Abseits aufgehoben hatte und sich mit dem Ball in der Hand nun der Möglichkeit eines Gegentors ausgesetzt sah, da inzwischen Almeida den Ball im Strafraum bekommen hatte. Donk löste dieses Problem schnell und kompromisslos, er schleuderte den Ball, den er in der Hand hielt, auf den Ball, den Almeida gerade in Richtung Tor befördern wollte. Der Schiedsrichter stoppte das Spiel, zeigte Donk die Gelbe Karte und ließ per Schiedsrichter-Ball weiterspielen, und ich habe keine Ahnung, wie richtig oder wie falsch er mit diesem Vorgehen lag.

Im zweiten Durchgang drehte Kasimpasa das Spiel. Auf den Rängen drehte ein Zuschauer durch.

Es lief die 80. Minute, Besiktas war mitten in einem Angriff über den rechten Flügel. Filip Holosko flankte in den Strafraum, genauer in Richtung des gerade in den Sechzehner einlaufenden Mittelfeldspielers Manuel Fernandes. Während der Ball noch in der Luft und der Portugiese auf diesen fixiert war, wurde er per Fußtritt von hinten zum Fallen gebracht. Erst auf dem Boden liegend sah er, dass der Tritt nicht etwa von einem tapsigen Gegenspieler stammte, sondern von einem Zuschauer, der aufs Feld gestürmt war. Der Mann wurde daraufhin von mehreren Spielern auf dem Boden festgehalten, und im Getümmel wurde Fernandes von seinen Kollegen Almeida und Linksverteidiger Ramon Motta gerächt, die auf den Mann eintraten. Der Schiedsrichter zeigte Motta direkt Rot und Almeida Gelb-Rot, warum auch immer.

Am Ende gewann Kasimpasa gegen neun Mann mit 2:1. Und seit dem Abpfiff geht es rund.

-Die Donk-Szene sorgt für derart hitzige Diskussionen, dass sich selbst der immer besonnene Markus Merk dazu gewzungen sah, eine Art Machtwort auszusprechen. Merk saß wie jedes Wochenende als Experte im Studio des türkischen Pay-TV-Senders „Lig TV“. Er kommentierte die strittige Szene dahingehend, dass der Schiedsrichter richtig reagiert habe und dass es Donk nicht vorzuwerfen sei, dass ein Ball in seine Richtung gerollt war. Der einzige Fehler des Schiedsrichters habe darin gelegen, dass er das Spiel nicht sofort unterbrochen habe, als er den zweiten Ball sah. Als Merk dann, zugegebenermaßen nicht ganz nachvollziehbar, davon sprach, dass Donk sogar der Benachteiligte in der Szene gewesen sei, reagierten seine Mitstreiter, darunter Ex-Nationalspieler Tümer Metin, so empört darauf, dass Merk sich gezwungen sah, sich mit deutlichen Worten zu verteidigen. „Ich bin nicht euer Opfer“, sagte Merk, und sein Übersetzer stockte für einen Moment, um sich Worte einzufallen lassen, die das Gesagte nicht direkt übersetzen, sondern abschwächen und besänftigen würden. Ein ungewöhnlicher Moment, der dem kontroversen Diskussionsgegenstand geschuldet ist, denn normalerweise verlaufen die Gespräche zwischen Merk und seinen Partnern immer sehr harmonisch ab.

– Der Protagonist der Szene sah das Ganze im Nachhinein nicht so verbissen wie die TV-Experten. Ryan Donk veröffentlichte nach dem Spiel folgenden Tweet, mit dem er wohl auf nicht ganz so subtile Weise seine Schadenfreude und einen gewissen, infantilen Stolz über die Aktion ausdrückte:

-Manuel Fernandes hatte sich im Anschluss des tätlichen Angriffs bereits auf den Weg zur Kabine gemacht, er wollte nicht weiterspielen. An der Seitenlinie kam es dann zum kurzen Gespräch mit Trainer Slaven Bilic, der ihn dazu überreden konnte, bis zum Abpfiff weiterzuspielen. Nach dem Abpfiff verließ er das Stadion schnellstmöglich per Taxi, aber nicht ohne den Verantwortlichen mitzuteilen, dass er nicht mehr für den Verein auflaufen werde und sich generell nicht mehr dazu in der Lage sehe, in der Türkei weiterhin Fußball zu spielen.

-Der Treter von den Rängen gab bei seiner Vernehmung an, der Spieler habe im Laufe der Partie in Richtung der Besiktas-Anhänger, die ihn fast über die gesamte Spielzeit auspfiffen, ausgespuckt und sie mit „Fuck you“ beleidigt. Er habe sich dadurch provoziert gefühlt und es dem Spieler heimzahlen gewollt.

-Ridvan Dilmen, Vereinsikone von Fenerbahce, heute TV-Experte und Kolumnist: „Ich sage das nicht gerne, weil es falsch verstanden werden könnte, aber wenn jemand meinen Mannschaftskameraden vor mir treten würde, dann würde ich ihn ebenso attackieren. Natürlich sollte man keine Gewalt anwenden, aber wenn dein Freund vor deinen Augen angegriffen wird, kannst du nicht tatenlos zusehen.“

-Es ist nicht das erste Mal in dieser Saison, dass bei einem Besiktas-Spiel so etwas passiert. Gegen Galatasaray waren Hunderte Zuschauer auf den Platz gestürmt, die damaligen Ereignisse hatten eine lange Platzsperre für Besiktas nach sich gezogen. Da das Stadion des Vereins derzeit sowieso umgebaut wird, hatte die Sperre zur Folge, dass man die letzten vier Heimspiele im Stadion des gestrigen Gegners Kasimpasa und ohne Zuschauer austragen musste. Damals gab es heftige Spekulationen darüber, dass der Platzsturm von höherer Stelle initiert und angestiftet worden war, um das Szenario zu verhindern, dass die regierungskritische Besiktas-Fangruppe Carsi ihre Protestrufe ausgerechnet im nach dem Regierungschef benannten Erdogan-Stadion ausführen kann.

Diese Sperre von vier Spielen ist inzwischen abgelaufen, und nächste Woche dürfte Besiktas eigentlich wieder mit Zuschauern spielen. Es sei denn, in der Zwischenzeit würde eine weitere Sperre folgen, und einen Grund dafür hätte man ja nun seit gestern wieder. Besiktas-Präsident Fikret Orman hielt heute Mittag eine Pressekonferenz und sagte unter anderem das hier: „Es gibt Menschen, die uns ins Chaos stürzen wollen. Gerade, als wir die Sperre abgesessen haben, ist ihnen das mit den Vorfällen gestern Abend erneut gelungen. Die Person, die auf den Platz gerannt ist, wurde von niemandem aufgehalten. Wenn eine Katze irgendwo aufs Feld rennt, sind gleich fünf Mann hinter ihr her. Hier aber gab es kein Einschreiten. Die Spieler stoppten den Mann, und von den Bediensteten gab es überhaupt keine Reaktion.“

Ich bin wahrlich kein Freund von Verschwörungstheorien, aber es ist nicht schwer, seinen Frust nachvollzuziehen. Es ist in der Tat höchst verwirrend und ungewöhnlich, dass auch Sekunden nach der Attacke kein einziger Sicherheitsbeauftragter zu sehen war. Ich frage mich inzwischen wirklich, ob jemand tatsächlich hinter all diesen Vorfällen steckt und hoffe sehr, dass dem nicht so ist.

-Der Verein hat gleich nach der Partie erklärt, dass man aufgrund der Donk-Sache und der Attacke auf Fernandes Protest einlegen werde und mindestens eine Spielwiederholung anstrebe.

Es ist halt doch immer etwas los.

Eine Zusammenfassung der Partie gibt es hier.

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