Das Derby

Es wollte mir einfach nicht einfallen. Ich war gestern als Zuschauer auf dem Sportplatz und sah eine Szene, die fast identisch mit derjenigen war, die sich vor Jahren einmal in der Bundesliga zugetragen hatte und die man aus jedem Rückblick kennt. Und während es nach dem Abpfiff auf dem Platz noch drunter und drüber ging, die Leute sich anschrien und herumschubsten, versuchte ich ganz angestrengt, mich an den Namen des Protagonisten der damaligen Situation zu erinnern, es wollte aber nicht klappen.

Meine Mannschaft hatte am Wochenende spielfrei und mein Vater überredete mich, mit zum Spiel des örtlichen türkischen Vereins aus einer unteren Liga zu kommen, der mit um den Aufstieg spielt und auf einen Ortsnachbarn traf. Mein Vater war früher einmal im Vorstand des türkischen Vereins tätig und ünterstützt ihn heute noch hin und wieder als Zuschauer. Die Partie enthielt hohe, lokale Brisanz.

Vor der Saison gab es beim türkischen Verein einen Umbruch, nachdem man in der Vergangenheit immer wieder mal mit diversen Vorfällen bei den Spielen für negative Schlagzeilen gesorgt hatte, wurde ein Teil des Vorstands und der Mannschaft ausgetauscht. Der Vorstandvorsitzende wurde ausgetauscht, ständig Stress machende Spieler mussten gehen. Von nun an wolle man auf eine junge Mannschaft setzen, ließ man vor Saisonbeginn verlauten, und verpflichtete dazu auch gleich einen jungen, aufstrebenden Trainer aus der Region. Der alte Vorstandsvorsitzende begann dagegen ein Engagement beim Ortsnachbarn, diesmal als Trainer. Er besorgte einen spendierfreudigen Geldgeber und bastelte sich dort schnell eine komplett neue Mannschaft zusammen, indem er alles in der Region verpflichtete, was bei drei nicht auf den Bäumen war, wenn man mit ein paar hundert Euro Monatsgehalt in der Hand wedelte. Unter anderem schlossen sich ihm und seinem neuem Verein so gut wie alle Spieler an, die zusammen mit ihm beim türkischen Verein vom Hof gejagt wurden.

Beide Mannschaften gaben den Aufstieg als Ziel aus und gewannen bisher fast alle Spiele, sodass es gestern um die Tabellenführung ging. Ich kenne viele der Jungs, die mit von der Partie waren, und wusste schon vor der Partie, wieviel für sie auf dem Spiel stand. Aufgrund der Vorgeschichte empfindet man auf beiden Seiten Verachtung für die einstigen Weggefährten. Bei Facebook herrschte schon die ganze Woche zuvor ein regelrechter Psycho-Krieg, mit hitzigen Posts, gehässigen Kommentaren und beidseitiger Euch-werden-wir-es-schon-zeigen-Mentalität. Ich war daher recht gespannt auf das Spiel.

Und dann sind wir also dort, und in der Halbzeit scheint das Spiel schon fast gelaufen. Die Gäste um den Ex-Vorstandsvorsitzenden, die sehr defensiv agieren, weil sie den Kunstrasen nicht gewohnt sind, setzen zwei erfolgreiche Konter und ziehen sich danach zurück, lassen die türkische Mannschaft schön anrennen. Das erste Tor erzielte ein erfahrener Stürmer, der mit sehr viel Geld gelockt worden sein muss, denn in der letzten Saison spielte er noch drei Klassen höher. Das zweite geht auf den den Spieler, der letztes Jahr noch bei der türkischen Mannschaft Spielführer war und rausgeschmissen wurde, nachdem ihm bei einer Rudelbildung die Hand ausgerutscht und im Gesicht eines Gegenspielers gelandet war. Ich kenne ihn schon länger, und als ich ihn in der Sommerpause einmal in der Disko getroffen hatte und wir uns über die neue Saison unterhielten, redete er von „den alten Idioten im Vorstand“ und kündigte an, dass er nur weiter Fußball spiele, um es ihnen irgendwie heimzuzahlen. Mit seinem Treffer scheint das nun geschafft, für den Jubel rennt er in den Mittelkreis, legt den Finger auf die Lippen und dreht sich einmal langsam um die eigene Achse. Da ist viel Drama dabei, aber die Botschaft kommt rüber.

Bei den Türken läuft komplett alles schief: Unvermögen im Abschluss, Platzverweis, dazu noch ein verschossener Foulelfmeter. „Die sind besser, kriegen es aber wieder mal nicht gebacken“, sagt mein Vater. Gegen Ende der ersten Hälfte verheddert sich die Heimmannschaft dann auch noch in Diskussionen untereinander und mit dem Schiedsrichter, und bedienen damit genau das alte Klischee der ausländischen Mannschaft, die schnell zu Auflösungserscheinungen neigt, wenn es auf dem Platz nicht läuft.

Doch man muss ihnen zugute halten, dass sie nicht aufgeben. Im zweiten Durchgang rennen sie immer wütender und immer druckvoller an, es sieht jetzt aus wie beim Handball. Die Atmosphäre auf dem Sportplatz wird immer hitziger, vor allem draußen an der Barriere, bei den Zuschauern. So wie sich die Aktiven des Ortsnachbarn aus früheren Mitgliedern des türkischen Vereins zusammensetzen, so setzen sich auch deren Zuschauer aus früheren Unterstützern des jetzigen Rivalen zusammen. Man war einfach mit seinen Bekannten oder Verwandten mitgewechselt und feuert sie nun eben in den neuen Farben an. In der ersten Hälfte hatte ein Zuschauer der Gastmannschaft über einen Abwehrspieler der Türken gesagt: „Dass ihr den noch immer losgeworden seid! Der ist ja noch viel schlechter geworden, der kann garnix!“ In der zweiten Hälfte läuft dann irgendwann ein älterer Mann mit Schnauzbart, der im ersten Durchgang noch auf der anderen Seite stand und sich als Vater des Kritisierten herausstellt, schnellen Schrittes auf den Mann zu, beschimpft ihn und will ihm an den Kragen. Irgendjemand muss ihm inzwischen erzählt haben, was auf der anderen Seite über seinen Sohn gesagt wird. Das Ganze spielt sich wenige Meter von uns entfernt ab, und fast kommt es zur Massenschlägerei, doch nach lautem Geschrei und vielen Ausdrücken wird der Vater von seinen Bekannten fortgeschafft und es kehrt wieder Ruhe ein. Zwei Männer, die sich vor dem Spiel die obligatorisch-orangenen Ordner-Westen angezogen haben, stehen hundert Meter entfernt, schauen sich das Chaos seelenruhig an und rauchen eine dabei.

Dann kommt die Heimmannschaft zum Anschlusstreffer. Der Schütze holt den Ball aus dem Tor und trägt ihn zum Mittelkreis, er glaubt noch an den Ausgleich. Mein Vater bleibt kritisch: „Und wenn es dann eh viel zu spät ist, treffen sie natürlich auf einmal! Immer das Gleiche.“

Nachspielzeit, fünfte Minute. Die Gäste haben inzwischen auch eine Rote Karte gesehen, zehn gegen zehn. Die türkische Mannschaft greift nochmal über rechtsaußen an, langer Ball an den zweiten Pfosten, Kopfballablage auf den Elfmeterpunkt, die Nr.9 steht völlig frei, zieht direkt ab, der Torwart steht zwei Meter vor der Linie und ist geschlagen, nur noch ein Abwehrspieler steht auf der Linie. Der Ball ist auf dem Weg unter die Latte, der Spieler springt hoch, streckt seinen Arm schräg in die Höhe und schlägt den Ball seitlich weg. Und in der nächsten Sekunde kommt es zu einem Lärm, der so wütend und laut und einschüchternd ist, wie ich es selten auf einem Sportplatz erlebt habe. Einige Zuschauer laufen ein paar Meter in das Feld, schreien und gestikulieren in Richtung Ort des Geschehens, alles ist in Bewegung, es geht ab.

Es muss natürlich Rot und Elfmeter geben, klare Sache. Doch der junge Schiedsrichter pfeift nicht, seine Sicht war wohl versperrt. Er braucht einige Sekunden, um sich von der wild protestierenden Spielertraube um sich herum zu befreien, und geht dann zum Spieler, um ihn zu befragen. Die Protestierenden lassen den Schiri nicht in Ruhe, er schickt sie noch einmal weg. Dann kommt es zum kurzen Dialog, der schnell beendet ist, weil der Spieler vehement den Kopf schüttelt. Um mich herum wird er aufs Übelste beleidigt.

Nach der Aktion pfeift der Schiedsrichter ab, die siegreiche Mannschaft findet sich am Mittelkreis zusammen und jubelt schreiend und springend. Der Spieler, der eben den Schiedsrichter belogen hat, jubelt mit am ausgelassensten, klatscht seine Mitspieler ab, streckt die Hände nach oben, springt, lacht.

Es dauert nur eine halbe Minute, bis ein Großteil der Zuschauer auf dem Platz ist. Es ist noch immer sehr laut, einige Zuschauer gehen zum Schiedsrichter und reden auf ihn ein, die Spieler des türkischen Vereins wollen dem Handspieler an den Kragen, seine Kollegen verwehren den Weg zu ihm. Doch einige Spieler kommen durch und stellen ihn dann lautstark zur Rede, schreien ihn an. Aus der Entfernung verstehe ich nicht alles, höre aber, wie der Spieler ruft: „Es hätte doch jeder so gemacht! Ihr hättet es doch auch gemacht! Seid doch mal ehrlich!“

Am Ende gehen die Verantwortlichen dazwischen und sorgen dafür, dass die beiden Mannschaften in sicherer Distanz zueinander sind. Ich frage mich, wo die zwei Ordner sind, und vermute sie beim lockeren Kartenspiel in der Schiri-Kabine. Der Ex-Vorstandsvorsitzende läuft schnell auf den Platz, geht zuerst zum Schiedsrichter, dann zum gegnerischen Trainer, schüttelt beiden die Hand und sieht zufrieden aus.

Auf dem Heimweg fällt mir endlich ein, wer genau das Gleiche getan hatte, wie die Nr.6 der Gastmannschaft heute: Oliver Held! Genau so hieß er. Schalke gegen Köln, 1998, Hand auf Linie, geschworen, dass es der Kopf war, danach das Interview von Toni Polster, der ihm wünschte, dass er nie mehr Glück in seinem Leben haben solle, hunderte Male bei Bundesliga Classics gesehen.

Als wir im Auto sitzen, frage ich meinen Vater, wie er anstelle des Spielers reagiert hätte, und er überlegt. „Wahrscheinlich genauso, gerade weil es ja auch um die Meisterschaft geht. Wenn es eine normale Partie wäre, würde ich es zugeben, so aber nicht. Auch wenn das natürlich nicht so ganz richtig wäre, aber so ist das nun mal.“ Er fragt mich ebenso, und eigentlich will ich sofort antworten, dass sich sowas nicht gehört und dass ich es zugeben würde, muss mir dann aber eingestehen, dass das so sicher doch nicht ist, und antworte deshalb: „Ich weiß es nicht.“

Am Abend klicke ich mich bei Facebook durch die Nachwehen der Partie. Der Ex-Spielführer der Türken, der heute gegen sie den am Ende entscheidenden Treffer erzielte, bejubelt den Sieg mit einem Foto, dass ihn und den anderen Torschützen nach dem Spiel zeigt, sie formen mit den Händen das Spielergebnis und lächeln zufrieden. „Vor dem Spiel wurde viel geredet, jetzt ist alles gesagt“ lautet sein Spruch dazu. Ich bin mir sicher, dass er sich den schon vor Wochen oder Monaten ausgedacht und für genau diesen Moment aufgehoben hat.

Der erste Kommentar zum Bild ist von dem Spieler, der Schütze des Ausgleichstreffers gewesen wäre, wenn die Nr.6 nicht Hand angelegt hätte. „Lieber aufrichtig verlieren, als so verlogen zu gewinnen!“, schreibt er. 35 Personen klicken schon nach fünf Minuten auf „Gefällt mir“.

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2 Gedanken zu „Das Derby“

  1. Natürlich lege ich für niemanden die Hand ins Feuer, auch nicht für mich, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sich die von Dir aufgeworfene Frage für mich nicht gestellt hätte, einfach deshalb, weil ich die Hand nicht zu Hilfe genommen hätte.

    Ich rege mich bei jedem Spaßkick, aber nicht nur da, furchtbar auf, wenn einer sowas macht, und wenn er nur den Konter mit einem Handspiel unterbindet, und frage mich dann auch immer wieder, wie man überhaupt dazu kommt, das zu tun. Das liegt mir sehr, sehr fern – der bewusste Gedanke wie auch der angebliche Reflex.

    Davon ab: schöne Schilderung.

  2. Nunja, dumm gelaufen, dass der Schiri dass nicht gesehen hat. So eine Aktion ist IMHO zwar absolut nicht OK, aber menschlich verständlich. Hinterher darauf noch stolz zu sein, ist aber etwas, was mich wirklich ankotzt, sorry für die Ausdrucksweise.

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