Hunderennen mit Orhan Amca

Wie einen beträchtlichen Teil junger Männer mit türkischem Migrationshintergrund findet man auch mich häufig im örtlichen Wettbüro. Ich bin zwar kein großer Zocker und wette nur hier und da mal auf ein Spitzenspiel oder den Clasico, aber das Biotop Wettbüro übt irgendwie eine eigene Faszination auf mich aus. Es kommt mir so vor, als hätten Wettbüros die klassischen türkischen Männercafes ersetzt, die ich noch sehr gut aus meiner Kindheit kenne. Da wir in damaligen Zeiten ohne Internet zuhause keine Fußallspiele der türkischen Liga ansehen konnten, ging ich häufig mit meinem Vater ins türkische Cafe, dessen Haupteinnahmequelle fußballaffine Männer waren, die vom dort verfügbaren Pay-TV-Sender angelockt wurden. Dort lernte ich vor allem zwei Dinge:

1. Bei Fußballspielen lassen türkische Amcas (=Onkel, Ansprache für jeden älteren türkischen Bekannten) wirklich alle Gefühle heraus.
2. So gut wie jedes türkische Schimpfwort, das es je gab.

Noch emotionaler geht es in solchen Kreisen zu, wenn vorher auf das Spiel gewettet wurde. Und so kommen wir zu heutigen Wettbüros zurück. Und zu Orhan Amca und Kira-Sarah. Orhan Amca ist ein Rentner, der für sein Alter noch sehr kräftiges, weißes Haar hat und einen weißen Schnauzer dazu trägt. Ich kenne ihn seit meiner Kindheit, und er sah nie anders aus. Orhan Amca ist so gut wie jeden Tag im Wettbüro. Er ist einer der Ältesten dort und bei so gut wie jedem bekannt und beliebt. Häufig setzt er sich an einen Tisch mit uns Jüngeren, hört sich unsere aktuellen Themen an und klinkt sich dann im Scherz in unsere Gespräche ein („Was redest du da? Barococo ist doch keine richtige Disco, im Creme muss man feiern gehen!“, etc.). Oder er erzählt irgendwelche traditionell-türkischen Geschichten mit lustigem Ausgang, die fikra genannt werden. Orhan Amca ist ein Entertainer, neigt aber zwischendurch auch zur Cholerik. Und auch bei ihm drückt sich das am meisten dann aus, wenn ein Sportereignis nicht so verläuft, wie er sich das wünscht.

Vor einiger Zeit saß er alleine an einem Tisch in der Mitte des Wettbüros, werkelte an einem Handy herum und rief nach Hilfe. Sein Anliegen: „Ich muss ganz dringend ein Hunderennen ansehen, es geht gleich los. Wer kann mir das reinmachen?“ Er erzählte, dass er das Handy von seinem Sohn geschenkt bekommen habe und sich dafür mit einem Geschenk revanchieren wolle. Er wolle seinem Sohn einen teuren Fernseher schenken, dafür reiche die monatliche Rente aber nicht aus. Also habe er viel Geld auf eine Hündin namens Kira-Sarah gesetzt, die gleich irgendwo auf der Welt ins Rennen gehen werde.

Jemand fand auf Orhan Amcas Handy kurzerhand einen Livestream und stellte es angelehnt an einen Kugelschreiberbehälter auf den Tisch. Wir alle versammelten uns hinter Orhan Amca und sahen zu, wie auf einer verlassenen Rennbahn die letzten Vorbereitungen getroffen wurden. Er versuchte währenddessen, seine Angespanntheit mit ein paar Witzchen zu überspielen („Türken sind Machos, sagen sie ja immer. Dass ich auf die einzige Hündin im Feld setze, sieht aber keiner“, etc.). Dann ging das Rennen los, und Kira-Sarah, die eine rote Weste mit der Nummer 4 trug, sprintete allen davon. Wir waren alle aus dem Häuschen und jubelten und klatschten und johlten, nur Orhan Amca lehnte sich nach vorne, stützte sein Kinn auf die Hände und sah angespannt zu. Die Runde ging ihrem Ende zu und Kira-Sarah wurde immer langsamer. Als es in die Zielgerade ging, hatten drei der Hunde sie überholt, und sie ging als Verliererin durchs Ziel. Es war auch keinem dramatischem Zwischenfall geschuldet wie in emotionalen Hollywoodfilmen, kein anderer Hund hatte ihr den Fuß gestellt oder das Rennen anderweitig sabotiert. Der guten Kira-Sarah war wohl einfach die Luft ausgegangen.

Es herrschte kurz eine merkwürdige Ruhe, obwohl der Raum brechend voll war. Bei einem Jüngeren hätte sich jetzt wohl jemand über den erfolglos Wettenden lustig gemacht, nicht aber bei Orhan Amca. Er bewegte sich einige Sekunden lang nicht und schloss kurz die Augen. Dann schnellte er hoch, griff sich das Handy und schleuderte es mit voller Wucht davon. Es krachte auf die Wand gegenüber und fiel mit zersplittertem Display zu Boden. Dann stand er seelenruhig auf, nahm seine Jacke vom Stuhl, zog sie an, nickte auf dem Weg zum Ausgang noch seinem Bekannten an der Kasse zu und verließ den Laden.

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Micha

„Ich habe von dir geträumt und konnte nicht aufhören zu weinen.“

Die des Protagonisten in einem Alptraum ist nicht gerade eine Rolle, die man sich wünscht, aber aussuchen kann man es sich ja auch nicht. Meine Mutter nimmt ihre Träume immer sehr ernst und macht sich dann viele Gedanken, was das Geträumte bedeutet haben könnte. Also erzählte sie mir kürzlich von ihrem Traum, in dem sie mich nach sehr langer Zeit zum ersten Mal wiedersah und feststellen musste, dass ihr Sohn zu einem verwahrlosten Drogenabhängigen geworden war. Während für sie eine Welt zusammenbrach, hätte ich sie gar nicht beachtet, da ich gerade zu konzentriert mit einer Spritze rumhantierte.

Nun sind Alpträume ja nichts Außergewöhnliches. Jeder hat sie, keiner mag sie, muss man durch. Doch das von ihr geträumte Szenario machte mich nachdenklich. Warum nehme ich eigentlich keine Drogen? Die Frage kann und muss wohl auf mehreren Ebenen beantworten werden, aber mir fiel sofort eine Geschichte ein, die mir mein Vater erzählte, als ich noch ein kleiner Junge war. Die Geschichte ist nicht besonders lang oder ausgeklügelt und strotzt nicht gerade vor plot twists, soll sich aber genauso zugetragen haben. Er erzählte sie mir, als wir an einem Sommertag im Auto mit offenem Schiebedach irgendwohin fuhren. Und er tat es ganz beiläufig.

Wie wir auf das Thema kamen, weiß ich nicht, doch mein Vater erzählte mir von seiner Schulzeit. Er kam mit 13 nach Deutschland und musste sich an das neue Leben im neuen Umfeld gewöhnen, und der Gradmesser dafür war natürlich die Schule. Das Erste, das ihm dort auf- und beim Erzählen wieder einfiel, waren die ständigen Schlägereien zwischen den Jungs in der Klasse. Es wurde jeden Tag gerungen, gerauft, geboxt. Manchmal aus Spaß, manchmal sehr ernst, und er mischte immer munter mit. Seinen Schilderungen nach muss es bei ihnen in den Pausen wie beim Royal Rumble ausgesehen haben, das ich mir als kleiner großer Wrestling-Fan damals ständig auf Kassette reinzog.

Bei diesen ständigen Großkämpfen im Klassenzimmer und auf dem Pausenhof gab es einen unangefochtetenen King, und der hieß Micha.

Wenn wir beim Wrestling-Vergleich bleiben, war Micha so etwas wie die Schulhofversion von Andre the Giant – viel größer, viel stärker als der Rest. Nur nicht so abschreckend. Den Beschreibungen meines Vaters zufolge muss Micha ein Wahnsinnstyp gewesen sein, denn er war nicht nur seinen Kameraden in den täglichen Raufereien haushoch überlegen, sondern kam auch bei den Mädels der Klasse sehr gut an.

(Vielleicht habe ich sie auch deshalb nie so richtig vergessen, weil der Schritt von der Exposition zur Katastrophe in ihr so abrupt verläuft.Fast ohne Steigerung, ganz ohne Peripetie oder retardierendes Moment, also insgesamt so ziemlich allen Regeln der gängigen Schreibschulen widersprechend. Aber das echte Leben hat eben seinen eigenen Stil. Also weiter.)

Irgendwann war Micha weg, da seine Familie in einen Ort aus der Umgebung zog und er auf eine andere Schule ging. Danach bekam mein Vater nur noch sporadisch mit, wie es mit ihm weiterging. Um genau zu sein, nur noch drei Mal.

Zuerst ging in seinem Freundeskreis das Gerücht um, Micha hänge mit den falschen Leuten ab. Er habe begonnen, härtere Drogen zu nehmen.

Dann traf er Micha eines Tages in der Einkaufsstraße der nächstgrößeren Stadt und war erschrocken. Denn aus dem vorpubertären Muskelpaket war ein völlig zerfallener Teenager geworden, den er kaum wiedererkannte und der von seiner Mutter beim Gehen gestützt werden musste.

Und noch bevor mein Vater 20 Jahre wurde, bekam er mit, dass der gleichaltrige Micha an einer Überdosis gestorben war.

Ich weiß nicht, ob er mir diese Geschichte zufällig erzählte, einfach weil sie ihm gerade einfiel, oder ob es mit Hintergedanken geschah. Es wäre nicht die erste Maßnahme von Seiten meiner Eltern gewesen, mir die Gefahren von Drogen von kleinauf deutlich zu machen. Einmal musste ich das Fußballtraining ausfallen lassen und wurde zu einer „Anti-Drogen-Disco“ in einem Nachbarort gefahren. Es war ein gutgemeintes Event, das aber völlig ins Leere ging. Denn während im Eingangsbereich der Halle ein paar kaum beachtete Infoplakate und Broschüren standen, war die eine Hälfte der Besucher auf der Tanzfläche, die andere draußen beim Rauchen. Als meine Eltern mitbekamen, dass einige meiner türkischen Freunde sehr früh mit dem Rauchen angefangen hatten, wollten sie nicht, dass ich zu viel mit ihnen abhänge. Ganz zu schweigen von Aufklärungen in der Schule über die Gefahren von Drogen. Oder den damals in deutschen Städten sehr präsenten „Keine Macht den Drogen“-Plakaten, bei denen ich immer dachte, irgendjemand habe sich beim Slogan „Keiner macht die Drogen“, der mir aus unerfindlichen Gründen irgendwie plausibler vorkam, gleich mehrere grammatikalische Fehler geleistet.

All diese Anti-Drogen-Maßnahmen und Botschaften waren nichts im Vergleich dazu, was die Geschichte von Micha in mir auslöste. Auch wenn er lange gestorben war, bevor ich geboren wurde, ging mir sein Schicksal nah. Es machte mir auf sehr anschauliche Art bewusst, welchen Einfluss Drogen haben können, wie schnell sie Besitz von Menschen ergreifen können und wie schnell alles zu Ende sein kann, wenn man nicht mehr davon wegkommt. Ich fand es traurig, was ihm passierte, und ich wusste, dass ich keine Lust darauf hatte, eine ähnliche Entwicklung durchzumachen.

Deshalb habe ich die Geschichte von Micha nie vergessen. Sie ist eine der Erinnerungen aus der Kindheit, an die man vielleicht nicht täglich denkt, die einem aber doch immer wieder einfallen und einen auf eher unbewusste Art prägen. Deshalb musste ich auch sofort an die Geschichte von Micha denken, als ich vom Alptraum meiner Mutter mit mir als Drogenabhängigem hörte. Auch wenn beide Szenarien viele Jahre auseinanderliegen und sich vor allem darin unterscheiden, dass das eine wahr ist und das andere nicht, gibt es doch eine direkte Verbindung zwischen ihnen, zumindest aus meiner persönlichen Sicht. Denn das eine war maßgeblich dafür, dass das andere nie eintreffen konnte.

Phife

Wenn mir etwas gefällt, will ich alles darüber wissen. Wo die Sache herkommt, wer sie in ihrer Vergangenheit am besten beherrschte, wie es dazu kommen konnte, dass sie sich über die Jahre erhalten und mir wichtig geworden ist.

Als Junge sah ich mir immer gerne die Wiederholungen verschiedener Jahrhundertspiele des Fußballs an und sah Helden vergangener Epochen wie Maradona, Pele und Beckenbauer so erstmals in Aktion. Ähnlich lief es mit anderen Hobbies ab. Filme wie die ersten zwei Teile des Paten oder Taxi Driver zählen heute zu meinen absoluten Favoriten, alle Bücher und Erzählungen von Kafka ebenso. Das Prinzip funktioniert auch im Hip Hop. In ganz jungen Jahren war ich nur von Rap, ohne richtig zu wissen, wo diese Musikrichtung und die dazugehörige Kultur herkommt und was sie ausmacht. Also begann ich nach einiger Zeit, mich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und mir vor allem Alben zu besorgen, die als absolute Klassiker des Genres gelten. Es brachte viele Erkenntnisse mit sich: Biggie war wirklich so unfassbar gut, wie alle immer sagen. Run-D.M.C klangen wirklich ganz anders als alles andere vor ihnen. Und ja, Rakim ist ein unglaublicher Poet.

Genauso stieß ich auch auf die Gruppe A Tribe Called Quest, die Anfang der neunziger Jahre maßgeblich für den typischen New Yorker Sound stand und vor allem mit zwei Alben in Erinnerung geblieben ist: The Low End Theory und Midnight Marauders. Ich hörte beide Alben über zwanzig Jahre nach ihrem Erscheinen und merkte, was ich verpasst hatte. Ich weiß nicht, ob es nur bei mir so ist, aber es gibt Songs und Alben, die am besten in eine bestimmte Jahreszeit passen. Wenn wir im Bereich Hip Hop bleiben, fallen mir spontan Liquid Swords von GZA oder Vom Bordstein bis zur Skyline von Bushido ein, die mit ihren düsteren, dunklen Beats noch düsterer und dunkler klingen, wenn man sie nicht bei Sonnenschein, sondern in einer Winternacht anhört.

ATCQ ist das Gegenteil, denn ATCQ ist Sommermusik. Ihre Songs bestanden aus einem gutelaunemachenden Zusammenspiel von dominantem Bass und unzähligen Jazz-Samples, das ich mir am liebsten anhöre, wenn ich an einem warmen Tag im Frühling oder Sommer durch die Straßen fahre.

Es gab zwei MCs, die den rappenden Part der Gruppe übernahmen, den recht bekannten Q-Tip und den eher unbekannten Phife Dawg. Letzterer machte mich mit einem einzigen Part zum Fan. Auf The Low End Theory ist Phife Dawg auf dem ersten Song nicht zu hören, sondern nur sein Partner Q-Tip. Auf dem zweiten Song (Buggin‘ Out) aber stellt er sich dann aber auf eine Art und Weise vor, die ich nach dem ersten Anhören nie vergessen habe. Zuerst hört man nur ein paar Sekunden lang nur den Bass, dann greift er zeitgleich mit den Drums ein und legt los:

Yo, microphone check one, two, what is this?
The five foot assassin with the roughneck business…

Danach folgen 16 weitere Zeilen gekonnter Rap im gleichen selbstbewussten Grundton. Er hatte eine unverkennbare Stimme und haute ständig Punchlines aus, in denen er in klassischer Hip-Hop-Manier vermeintliche Schwächen und Nachteile zu Argumenten seiner eigenene Unbezwingbarkeit umbaute. Seine Diabeteserkrankung etwa war für ihn als Rapper kein Grund zum Lamentieren, sondern zu der Zeile: When’s the last time you heard a funky diabetic?

Dass ihm die Krankheit mit den Jahren aber doch zu schaffen machte, kann man in der Dokumentation sehen, die der Schauspieler und Fan Michael Rapaport vor einigen Jahren über ATCQ veröffentlichte. Zu jenem Zeitpunkt hatte sich die Gruppe schon längst aufgelöst, vor allem weil es zwischen den zwei Frontmännern Q-Tip und Phife Dawg immer wieder zu Reibereien gekommen war. Da sich Phife aber einer Nierentransplantation unterziehen musste und auf finanzielle Hilfe angewiesen war, schloss man sich für eine weitere Tour zusammen. Bei der kam es dann aber zum endgültigen Bruch. Wer mehr über A Tribe Called Quest, ihre Bedeutung für Hip Hop und das schwierige Verhältnis der zwei Protagonisten erfahren möchte, dem kann ich den sehenswerten Film nur empfehlen.

ATCQ standen für intelligenten und kreativen Rap am meisten. Ich bin froh, sie entdeckt zu haben. Und das auch und vor allem wegen Phife Dawg. Neben dem eher lässig rappenden Q-Tip war er mit seinen selbstbewussten Texten und der fast schon schrillen Stimme der klassische Gegenpol, zusammen ergaben sie eine sehr hörenswerte Miscung.

Wie jedes Jahr habe ich heute ihre Alben herausgekramt, also vermeintlich passenderweise zu Zeiten des einsetzenden Frühlings. Vor allem mein Liebling Buggin‘ Out läuft hier in Endlosschleife. Der Anlass ist aber ein trauriger, denn Phife Dawg ist letzte Nacht leider verstorben. Er wurde 45 Jahre alt.