Meine Kampfbilanz (1)

Ihr kennt das sicher auch: Da sitzt man in einer ruhigen Minute herum und fragt sich plötzlich, wie viele Kämpfe man in seinem Leben schon absolviert hat. Also richtige Kämpfe, bei denen ein Mensch mindestens einmal auf den anderen einschlägt, und der andere als direkte Reaktion darauf mindestens einmal zurückschlägt. Bei mir waren es nicht sehr viele, deswegen erinnere ich mich an jeden einzelnen noch ziemlich gut. Und deswegen schreibe ich jetzt mal einen davon auf und fange gleich bei meinem ersten richtigen Kampf an.

Dritte Klasse, drei Jungs. Eine kleine Grundschule in einem kleinen Dorf, irgendwo in Süddeutschland. Einer der Jungs war ich, der zweite war Senol, der dritte hieß Chris. Senol und ich kannten uns eigentlich schon seitdem wir denken konnten, da unsere Familien fast direkt nebeneinander wohnten, Chris war seit Beginn der Grundschule unser gemeinsamer Freund. Wir machten so ziemlich alles miteinander, in der Schule und in der Freizeit. Wir waren zwar gute Freunde, aber es wurde oft auch verbissen und hart zwischen uns. Jeder musste jederzeit damit rechnen, auch mal einen auf den Deckel zu bekommen, egal in welcher Form. Mich erwischte es einmal im Schwimmunterricht. Unser Schwimmlehrer war ein alter Mann, der uns meistens in der sicheren Hälfte des Beckens, in der wir alle stehen konnten, einfach eine Weile machen ließ, was wir wollten. Ab und zu machte er auch Übungen mit uns, und wenn ihm einer dabei zu laut war, rief er immer: „Halt deinen roten Mund, oder wie du heißt!“ Ich habe nie verstanden, was dieser Spruch genau bedeuten sollte, und ich kann mit absoluter Sicherheit sagen, dass ich ihn in all den Jahren nie mehr von einem anderen Menschen gehört habe.

Jedenfalls hatten sich Senol und Chris in einer solchen Unterrichtsstunde einen Scherz ausgedacht, auf den ich nicht eingestellt war. Ich stand im Wasser und redete gerade mit einem anderen Klassenkameraden, als mich vier Hände von hinten packten, unter Wasser stießen und dann für eine Weile verhinderten, dass ich wieder nach oben kam. Ich weiß nicht mehr genau, wie lange das dauerte, aber ich erinnere mich noch gut an die Panik, und daran, dass die Zeit unter Wasser mir endlos kam. Mir ging die Luft aus, ich kannte dieses Gefühl noch nicht und dachte, alles ist aus. Irgendwann ließen sie mich wieder hoch, und ich schnappte nach Luft und schubste sie nacheinander weg und schrie herum und war außer mir. Die Jungs nahmen das scheinbar lockerer als ich, denn sie stimmten einen spontan gedichteten Song an. Der Text war recht einfach, er bestand nur aus zwei Wörtern. Das erste war mein Vorname, das zweite war „weint!“. Das Ganze mehrmals wiederholen, fertig war der Song. Heute finde ich den Song ja auch witzig, damals hätte ich beide aber zerreißen können.

Wenig später, vielleicht war es auch ein paar Wochen oder Monate später, diskutierten wir in einer Freistunde darüber, wer von uns der Stärkste war. Worüber man sich eben so als Drittklässler streitet. Jeder proklamierte natürlich den Platz an der Sonne für sich. Senol hatte damit wahrscheinlich am ehesten recht, weil er der drahtigste und verbissenste und durchtriebenste von uns war. Ich hatte ihn schon viele Schlachten schlagen sehen, auf Spielplätzen, auf dem örtlichen Sportplatz, auf dem Marktplatz, und wusste genau wie Chris, dass die Aussichten im Duell gegen ihn eher dürftig waren. Also konnten Chris und ich nur den zweiten Platz unter uns ausmachen. Wir wurden uns aber nicht einig, wer den mittleren Platz auf dem Treppchen der Kampfkünste bekommen sollte, also forderte er mich auf, das Ganze nach der Schule zu klären. Ich sagte sofort zu und weiß noch, wie überrascht sich die beiden danach ansahen. Das Ding war nämlich, dass ich nicht gerade als Raufbold (sagt man das heutzutage noch?) bekannt war, bis dahin war ich ohne jede Rauferei (und das?) durch den Kindergarten und die Schule gekommen. Aber ich hatte die Sache vom Schwimmbad noch gut im Kopf und meinte mich daran erinnern zu können, dass Chris den Wein-Song besonders laut und genüsslich gesungen hatte. Ansonsten mochte ich ihn ja, ich war auch schon einmal bei ihm zu Hause gewesen und da hatte er sich eine Gitarre geschnappt und „Let It Be“ gesungen, was mich ziemlich beeindruckt hatte. Aber jetzt hatten wir nun mal die Sache zu klären, und die Erinnerung ans Schwimmbad machte sich als Motivation ganz gut.

Unser Heimatdorf hat um die 6000 Einwohner und ist zweigeteilt, ziemlich genau durch die Mitte geht der Kocher, unser schöner, alter Fluss mit braunem Wasser. Wir wohnten alle drei auf der einen Seite des Kochers, die Schule lag auf der anderen Seite. Auf dem Rückweg mussten wir einen langen Weg für Spaziergänger und Radfahrer durchqueren, der durch ein großes Wiesental führte und uns bis zur Brücke brachte. Mitten an diesem Weg hielten wir diesmal an und warfen unsere Schulränzen ins Gras, denn der Fight stand an. Chris und ich standen uns gegenüber, Senol war der Schiri. Ich weiß noch, dass wir kurz vor dem Kampf gar nicht wie erbitterte Feinde miteinander umgingen, so ernst war es nicht. Es war eher eine lockere Atmosphäre, nach dem Motto: Wir haben es ausgemacht, jetzt müssen wir auch, bringen wir es also hinter uns.

Und dann ging es los, und es dauerte gar nicht so lang. Es war kein Faust-, sondern eher ein Ringkampf. Er war etwas fülliger als ich und hatte mehr Kraft, dafür war ich schneller. Am Anfang warf er mich ein paar Mal zu Boden, dann hatte ich mich darauf eingestellt, entwischte seinem Griff immer öfter und schickte ihn mehrmals hin und her. Ich überraschte mich selbst, denn insgeheim hatte ich doch die ganze Zeit schon befürchtet, überhaupt keine Chance zu haben, und bekam sogar Spaß an der Sache. Wie genau der Kampf endete, ob Senol ihn in echter Ringrichter-Manier auflöste oder es sich eher von selbst ausgekämpft hatte, weiß ich nicht mehr. Ich fühlte mich jedenfalls als klarer Sieger und fühlte mich verdammt stolz, weil ich vorher doch das verborgene Gefühl gehabt hatte, mit meiner Unerfahrenheit den Hintern versohlt zu bekommen. Vielleicht war es aus objektiver Sicht doch eher ein unspektakuläres Unentschieden, dazu müsste man wohl Schiedsrichter Senol auffinden und ihn befragen. Für mich aber war es mindestens der Fight des Jahres, eine Heldengeschichte noch dazu, ganz zufällig mit mir in der Heldenrolle. Meine Erinnerung sagt mir jedenfalls, dass ich Chris viel öfter niedergerungen hatte als er mich, und ich kann nur hoffen, dass es kein verklärendes Wunschdenken ist.

Nach der Brücke trennten sich jeden Tag unsere Wege, denn Senol und ich wohnten unten im Altdorf, während Chris noch den steilen Weg zum Neuberg hochlaufen musste. Nachdem wir uns von ihm verabschiedet hatten, kamen wir auf dem weiteren Heimweg noch auf dem Marktplatz vorbei, dem zentralen Punkt der Ortschaft. Dort lief uns Ayhan über den Weg, der ältere Bruder Senols. Den hielt ich damals für den coolsten Jungen der Welt, weil er einmal einen Fahrradschlauch vor meinen Augen mit bloßen Händen zerrissen hatte und ich das unglaublich fand. Er sah uns, genauer mich, etwas verwirrt an und fragte nach, was wir denn getrieben hätten. Und spätestens hier wurde deutlich, wie unverhältnismäßig groß meine Euphorie war. Denn Senol erzählte ihm in ein paar kurzen Sätzen, dass ich und Chris gekämpft hatten. Dann wollten die beiden schon das nächste Thema anschneiden, doch das schien mir sehr unpassend und voreilig. War denn nicht noch ein wenig Zeit für Bewunderung und Lob ihrerseits? Also streute ich immer wieder zusammenhanglose Sätze ein, um das Gespräch irgendwie zurück zum Kampf zu lenken. „Seine Hose war viel zerrissener als meine!“ – „Ach übrigens, ich habe ihn viel öfter zu Boden geworfen als er mich.“ – „Ayhan abi, sei mal ehrlich, hättest du gedacht, dass ich eine Chance gegen den habe?“

Zweihundert Meter später war ich zu Hause. Ich lief die lange Treppe zu unserer Wohnung hoch und wurde wie jeden Tag von meiner Mutter empfangen. Natürlich fiel auch ihr gleich mein zerrissenes und verflecktes Äußeres auf, natürlich fragte sie, was passiert war. Diesmal versuchte ich eine neue Taktik, mit betont wenig Euphorie.

„Ich habe gekämpft, Mama“, sagte ich im Vorbeigehen. „Und ich habe nicht verloren.“

Damit sieht die Kampfbilanz meines Lebens vorerst so aus:

Kämpfe: 1
Siege: 1
Niederlagen: 0

Nächste Folge: Wie und warum ich in Patricks Schwitzkasten landete

Hunderennen mit Orhan Amca

Wie einen beträchtlichen Teil junger Männer mit türkischem Migrationshintergrund findet man auch mich häufig im örtlichen Wettbüro. Ich bin zwar kein großer Zocker und wette nur hier und da mal auf ein Spitzenspiel oder den Clasico, aber das Biotop Wettbüro übt irgendwie eine eigene Faszination auf mich aus. Es kommt mir so vor, als hätten Wettbüros die klassischen türkischen Männercafes ersetzt, die ich noch sehr gut aus meiner Kindheit kenne. Da wir in damaligen Zeiten ohne Internet zuhause keine Fußallspiele der türkischen Liga ansehen konnten, ging ich häufig mit meinem Vater ins türkische Cafe, dessen Haupteinnahmequelle fußballaffine Männer waren, die vom dort verfügbaren Pay-TV-Sender angelockt wurden. Dort lernte ich vor allem zwei Dinge:

1. Bei Fußballspielen lassen türkische Amcas (=Onkel, Ansprache für jeden älteren türkischen Bekannten) wirklich alle Gefühle heraus.
2. So gut wie jedes türkische Schimpfwort, das es je gab.

Noch emotionaler geht es in solchen Kreisen zu, wenn vorher auf das Spiel gewettet wurde. Und so kommen wir zu heutigen Wettbüros zurück. Und zu Orhan Amca und Kira-Sarah. Orhan Amca ist ein Rentner, der für sein Alter noch sehr kräftiges, weißes Haar hat und einen weißen Schnauzer dazu trägt. Ich kenne ihn seit meiner Kindheit, und er sah nie anders aus. Orhan Amca ist so gut wie jeden Tag im Wettbüro. Er ist einer der Ältesten dort und bei so gut wie jedem bekannt und beliebt. Häufig setzt er sich an einen Tisch mit uns Jüngeren, hört sich unsere aktuellen Themen an und klinkt sich dann im Scherz in unsere Gespräche ein („Was redest du da? Barococo ist doch keine richtige Disco, im Creme muss man feiern gehen!“, etc.). Oder er erzählt irgendwelche traditionell-türkischen Geschichten mit lustigem Ausgang, die fikra genannt werden. Orhan Amca ist ein Entertainer, neigt aber zwischendurch auch zur Cholerik. Und auch bei ihm drückt sich das am meisten dann aus, wenn ein Sportereignis nicht so verläuft, wie er sich das wünscht.

Vor einiger Zeit saß er alleine an einem Tisch in der Mitte des Wettbüros, werkelte an einem Handy herum und rief nach Hilfe. Sein Anliegen: „Ich muss ganz dringend ein Hunderennen ansehen, es geht gleich los. Wer kann mir das reinmachen?“ Er erzählte, dass er das Handy von seinem Sohn geschenkt bekommen habe und sich dafür mit einem Geschenk revanchieren wolle. Er wolle seinem Sohn einen teuren Fernseher schenken, dafür reiche die monatliche Rente aber nicht aus. Also habe er viel Geld auf eine Hündin namens Kira-Sarah gesetzt, die gleich irgendwo auf der Welt ins Rennen gehen werde.

Jemand fand auf Orhan Amcas Handy kurzerhand einen Livestream und stellte es angelehnt an einen Kugelschreiberbehälter auf den Tisch. Wir alle versammelten uns hinter Orhan Amca und sahen zu, wie auf einer verlassenen Rennbahn die letzten Vorbereitungen getroffen wurden. Er versuchte währenddessen, seine Angespanntheit mit ein paar Witzchen zu überspielen („Türken sind Machos, sagen sie ja immer. Dass ich auf die einzige Hündin im Feld setze, sieht aber keiner“, etc.). Dann ging das Rennen los, und Kira-Sarah, die eine rote Weste mit der Nummer 4 trug, sprintete allen davon. Wir waren alle aus dem Häuschen und jubelten und klatschten und johlten, nur Orhan Amca lehnte sich nach vorne, stützte sein Kinn auf die Hände und sah angespannt zu. Die Runde ging ihrem Ende zu und Kira-Sarah wurde immer langsamer. Als es in die Zielgerade ging, hatten drei der Hunde sie überholt, und sie ging als Verliererin durchs Ziel. Es war auch keinem dramatischem Zwischenfall geschuldet wie in emotionalen Hollywoodfilmen, kein anderer Hund hatte ihr den Fuß gestellt oder das Rennen anderweitig sabotiert. Der guten Kira-Sarah war wohl einfach die Luft ausgegangen.

Es herrschte kurz eine merkwürdige Ruhe, obwohl der Raum brechend voll war. Bei einem Jüngeren hätte sich jetzt wohl jemand über den erfolglos Wettenden lustig gemacht, nicht aber bei Orhan Amca. Er bewegte sich einige Sekunden lang nicht und schloss kurz die Augen. Dann schnellte er hoch, griff sich das Handy und schleuderte es mit voller Wucht davon. Es krachte auf die Wand gegenüber und fiel mit zersplittertem Display zu Boden. Dann stand er seelenruhig auf, nahm seine Jacke vom Stuhl, zog sie an, nickte auf dem Weg zum Ausgang noch seinem Bekannten an der Kasse zu und verließ den Laden.

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Micha

„Ich habe von dir geträumt und konnte nicht aufhören zu weinen.“

Die des Protagonisten in einem Alptraum ist nicht gerade eine Rolle, die man sich wünscht, aber aussuchen kann man es sich ja auch nicht. Meine Mutter nimmt ihre Träume immer sehr ernst und macht sich dann viele Gedanken, was das Geträumte bedeutet haben könnte. Also erzählte sie mir kürzlich von ihrem Traum, in dem sie mich nach sehr langer Zeit zum ersten Mal wiedersah und feststellen musste, dass ihr Sohn zu einem verwahrlosten Drogenabhängigen geworden war. Während für sie eine Welt zusammenbrach, hätte ich sie gar nicht beachtet, da ich gerade zu konzentriert mit einer Spritze rumhantierte.

Nun sind Alpträume ja nichts Außergewöhnliches. Jeder hat sie, keiner mag sie, muss man durch. Doch das von ihr geträumte Szenario machte mich nachdenklich. Warum nehme ich eigentlich keine Drogen? Die Frage kann und muss wohl auf mehreren Ebenen beantworten werden, aber mir fiel sofort eine Geschichte ein, die mir mein Vater erzählte, als ich noch ein kleiner Junge war. Die Geschichte ist nicht besonders lang oder ausgeklügelt und strotzt nicht gerade vor plot twists, soll sich aber genauso zugetragen haben. Er erzählte sie mir, als wir an einem Sommertag im Auto mit offenem Schiebedach irgendwohin fuhren. Und er tat es ganz beiläufig.

Wie wir auf das Thema kamen, weiß ich nicht, doch mein Vater erzählte mir von seiner Schulzeit. Er kam mit 13 nach Deutschland und musste sich an das neue Leben im neuen Umfeld gewöhnen, und der Gradmesser dafür war natürlich die Schule. Das Erste, das ihm dort auf- und beim Erzählen wieder einfiel, waren die ständigen Schlägereien zwischen den Jungs in der Klasse. Es wurde jeden Tag gerungen, gerauft, geboxt. Manchmal aus Spaß, manchmal sehr ernst, und er mischte immer munter mit. Seinen Schilderungen nach muss es bei ihnen in den Pausen wie beim Royal Rumble ausgesehen haben, das ich mir als kleiner großer Wrestling-Fan damals ständig auf Kassette reinzog.

Bei diesen ständigen Großkämpfen im Klassenzimmer und auf dem Pausenhof gab es einen unangefochtetenen King, und der hieß Micha.

Wenn wir beim Wrestling-Vergleich bleiben, war Micha so etwas wie die Schulhofversion von Andre the Giant – viel größer, viel stärker als der Rest. Nur nicht so abschreckend. Den Beschreibungen meines Vaters zufolge muss Micha ein Wahnsinnstyp gewesen sein, denn er war nicht nur seinen Kameraden in den täglichen Raufereien haushoch überlegen, sondern kam auch bei den Mädels der Klasse sehr gut an.

(Vielleicht habe ich sie auch deshalb nie so richtig vergessen, weil der Schritt von der Exposition zur Katastrophe in ihr so abrupt verläuft.Fast ohne Steigerung, ganz ohne Peripetie oder retardierendes Moment, also insgesamt so ziemlich allen Regeln der gängigen Schreibschulen widersprechend. Aber das echte Leben hat eben seinen eigenen Stil. Also weiter.)

Irgendwann war Micha weg, da seine Familie in einen Ort aus der Umgebung zog und er auf eine andere Schule ging. Danach bekam mein Vater nur noch sporadisch mit, wie es mit ihm weiterging. Um genau zu sein, nur noch drei Mal.

Zuerst ging in seinem Freundeskreis das Gerücht um, Micha hänge mit den falschen Leuten ab. Er habe begonnen, härtere Drogen zu nehmen.

Dann traf er Micha eines Tages in der Einkaufsstraße der nächstgrößeren Stadt und war erschrocken. Denn aus dem vorpubertären Muskelpaket war ein völlig zerfallener Teenager geworden, den er kaum wiedererkannte und der von seiner Mutter beim Gehen gestützt werden musste.

Und noch bevor mein Vater 20 Jahre wurde, bekam er mit, dass der gleichaltrige Micha an einer Überdosis gestorben war.

Ich weiß nicht, ob er mir diese Geschichte zufällig erzählte, einfach weil sie ihm gerade einfiel, oder ob es mit Hintergedanken geschah. Es wäre nicht die erste Maßnahme von Seiten meiner Eltern gewesen, mir die Gefahren von Drogen von kleinauf deutlich zu machen. Einmal musste ich das Fußballtraining ausfallen lassen und wurde zu einer „Anti-Drogen-Disco“ in einem Nachbarort gefahren. Es war ein gutgemeintes Event, das aber völlig ins Leere ging. Denn während im Eingangsbereich der Halle ein paar kaum beachtete Infoplakate und Broschüren standen, war die eine Hälfte der Besucher auf der Tanzfläche, die andere draußen beim Rauchen. Als meine Eltern mitbekamen, dass einige meiner türkischen Freunde sehr früh mit dem Rauchen angefangen hatten, wollten sie nicht, dass ich zu viel mit ihnen abhänge. Ganz zu schweigen von Aufklärungen in der Schule über die Gefahren von Drogen. Oder den damals in deutschen Städten sehr präsenten „Keine Macht den Drogen“-Plakaten, bei denen ich immer dachte, irgendjemand habe sich beim Slogan „Keiner macht die Drogen“, der mir aus unerfindlichen Gründen irgendwie plausibler vorkam, gleich mehrere grammatikalische Fehler geleistet.

All diese Anti-Drogen-Maßnahmen und Botschaften waren nichts im Vergleich dazu, was die Geschichte von Micha in mir auslöste. Auch wenn er lange gestorben war, bevor ich geboren wurde, ging mir sein Schicksal nah. Es machte mir auf sehr anschauliche Art bewusst, welchen Einfluss Drogen haben können, wie schnell sie Besitz von Menschen ergreifen können und wie schnell alles zu Ende sein kann, wenn man nicht mehr davon wegkommt. Ich fand es traurig, was ihm passierte, und ich wusste, dass ich keine Lust darauf hatte, eine ähnliche Entwicklung durchzumachen.

Deshalb habe ich die Geschichte von Micha nie vergessen. Sie ist eine der Erinnerungen aus der Kindheit, an die man vielleicht nicht täglich denkt, die einem aber doch immer wieder einfallen und einen auf eher unbewusste Art prägen. Deshalb musste ich auch sofort an die Geschichte von Micha denken, als ich vom Alptraum meiner Mutter mit mir als Drogenabhängigem hörte. Auch wenn beide Szenarien viele Jahre auseinanderliegen und sich vor allem darin unterscheiden, dass das eine wahr ist und das andere nicht, gibt es doch eine direkte Verbindung zwischen ihnen, zumindest aus meiner persönlichen Sicht. Denn das eine war maßgeblich dafür, dass das andere nie eintreffen konnte.