Der Blonde am Kotti

Kumpel und ich sind ziemlich neu in Berlin. Immer wenn uns abends nichts einfällt gehen wir erst mal zum Kotti. Der ist gleich um die Ecke und den kennen wir gut aus Youtube-Dokus.

Wir laufen dort so bisschen durch die Gegend, lehnen hier und da Haschisch ab und gehen Köfte essen. Dann suchen wir eine Bar. Direkt an der Straße sehen wir eine im Obergeschoss, aber kein Eingang in Sicht.

Wir finden dann eine schmale Treppe und vermuten, dass sie zur Bar führt. Die Treppe ist aber gerade in der Hand von ein paar Skatern, also warten wir unten am Tor und tun so, als wäre es eine Zigarettenpause.

Während mein Kumpel raucht fällt mir die Wand hinter ihm auf, finde sie schön und großstädtisch. Seitlich an ihr steht ein türkischer Spruch, bei dem ich die Wörter verstehe, die Aussage dahinter aber nicht. Bruder mach hier mal kurz ein Pic, bitte ich meinen Kumpel. Der Spruch solle auch zu sehen sein.

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Die Skater haben die Treppe geräumt und wir können hoch. Sie teilt sich nach einigen Metern auf nach links und rechts. Wir gehen nach links, ich geh voraus. Dann bleiben wir stehen, weil am Ende der Treppe steht ein Typ regungslos da und schaut zu uns runter.

Dieser Typ hat hellblonde Haare und ganz rote Augen und eine beige Jacke an. In jeder Hand eine Bierflasche. Ich glaube, wir sind in eine Falle getappt. Er holt mit der rechten Flasche aus. Für einen von uns wird es in einer halben Sekunde wohl zappenduster.

Später wird es keiner von uns zugeben, aber beide schreien wir kurz verschreckt auf. Wir klammern uns so halb aneinander und drehen uns um und schirmen uns ab. Das hast du vom Rumhängen auf dem Kotti, denk ich. Alles schön cool und aufregend, bis man selbst mal was abbekommt.

Der Blonde aber lässt die Wurfbewegung immer langsamer werden und schließlich auslaufen, ohne die Flasche loszulassen. Dann lacht er laut. Wir lachen bisschen mit, aber trauen ihm noch nicht. Vielleicht ist er ein Perverser, der erst mal mit seinen Opfern spielt.

Wir flüchten also in den Zwischenbereich der Treppe, wo die Skater vorher standen. Der Blonde kommt hinterher und sagt: War doch nur Spaß. Habt euch ja in die Hose gemacht. Aber irgendwas stimmt wohl nicht mit ihm, er kommt einem ganz nah und taumelt und nuschelt und, ja klar, bisschen streng riecht er auch rüber.

Wir wollen gehen, aber er stellt sich in den Weg und fragt, ob wir etwas dabei hätten oder ihm etwas besorgen könnten. Wir wollen weg. Zwei neue Typen kommen die Treppe hoch. Ich sage dem Blonden, dass die zwei bestimmt was hätten. Er fällt drauf rein und wendet sich ihnen zu.

So raffiniert ist er also doch nicht. Wir verlassen die Treppe und sind uns einig, dass es für heute reicht mit dem Kotti. Wir gehen zur Ubahn und warten zehn Minuten vergeblich. Durchsage: Der Zugbetrieb an dieser Station wird eingestellt, die Ausgänge schließen in Kürze.

Also gehen wir wieder nach draußen und holen uns in der Nähe der Station zwei Lidl-Bikes für die Heimfahrt. Fahren los, Kumpel voraus. Nach etwa 50 Metern springt uns der Blonde in den Weg. Ich weiß nicht, wo er herkommt und ob er uns verfolgt hat.

Wir halten nicht an. Er ruft: Halt! Ich weiß doch, dass ihr was habt! Nehmt mich mit! Ich kann es euch auch rollen.
Mir fällt nix passendes ein, also ruf ich nur: Sorry, wir sehen uns morgen.

Er schreit hinterher: Heute wär mir aber lieber!

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Hoch in Kreuzberg

Micky und ich sitzen bei mir zuhause und fragen uns, wie wir den Abend verbringen sollen. Bei mir zuhause stimmt nicht ganz, ich bin nämlich nur Zwischenmieter und wohne hier nur auf Zeit, für ein halbes Jahr nämlich. Die Wohnung ist ist Berlin-Kreuzberg, aber irgendwie auch in Neukölln, oder zumindest fast. Wenn man aus der Tür geht und ein bisschen herumläuft, befindet man sich meist schon in Neukölln, da sich die Wohnung direkt an der Grenze beider Stadtteile befindet, so hat man mir das erklärt.

Micky ist ein paar Monate länger als ich in Berlin. Wir kommen aus der gleichen Ecke des Landes, weit weg von hier, dort haben wir uns kennengelernt, als wir in die gleiche Fußballmannschaft kamen, und als wir erfuhren, dass unsere Mütter schon seit vielen Jahren befreundet sind, wurden wir auch Kumpels.

Hier in Berlin wurde aus unserer Freundschaft eine Schicksalsgemeinschaft. Er hat hier ein paar Verwandte, bei denen er lebt, und bereitet sich für eine Weiterbildung vor, oder er macht ein Praktikum, so genau weiß ich das nicht. Ich habe hier niemanden und bin gekommen, um genug Zeit und Ruhe zu haben, um endlich mal einen Roman fertigzubringen. Wir haben einige Gemeinsamkeiten: Wir werden Berlin beide in einigen Monaten wieder verlassen, wir kennen kaum jemanden bis niemanden, und wir versuchen beide noch immer, den Wechsel von der Provinz in die Hauptstadt zu verarbeiten. Wir sind hier, ohne dass uns irgendjemand hergebeten oder erwartet hätte. Wir haben beide nicht viel Geld und zuhause im Süden jeweils eine Frau, die auf uns wartet. Wir sind beide froh, schon als arme Schlucker eine Frau gefunden zu haben, die auf uns wartet. Denn so können wir später einmal sicher sein, dass sie uns nicht des Geldes wegen genommen hat. Berlin ist so groß und so lebhaft und so vieles auf einmal, dass es droht, uns zu kauen und auszuspucken oder gleich ganz zu verschlucken. Deswegen erkunden wir die Stadt meist zu zweit, sind oft zusammen auf den Straßen unterwegs. Ihm gefällt es hier in Kreuzberg auch besser als dort, wo seine Verwandten leben, in Mitte und Prenzlauer Berg, hier ist mehr Leben, sagt er.

Meistens sitzen wir dann bei mir, er auf der Couch, ich am Schreibtisch, schauen uns die neuesten Instagram-Storys aus Berlin an und entscheiden dann, wo wir diesmal hingehen. Heute ist Bambi-Verleihung am Potsdamer Platz, sagt Micky, lass da hingehen. Er nimmt sein Handy, beugt sich ganz weit nach vorne, streckt das Handy weit von sich weg und ruft: Herr Clooney, Herr Clooney! Eine Frage nur. Da fällt ihm ein, dass er sich ziemlich sicher ist, letztens Colin Farrell auf der Straße gesehen zu haben. Micky ist verrückt danach, berühmte Leute in Person zu sehen, er ruft mich manchmal an, wenn es wieder passiert ist. Einmal hat er ein Foto davon geschickt, wie dieser Claas von Pro 7 sich bei irgendeinem Event am Ausgang die Schuhe band. Einmal rief er an und meinte, Gündogan und Ter Stegen seien im Mercedes an ihm vorbeigefahren.

Von den zwei Namen ist es nicht mehr weit zur Diskussion, wer denn nun besser ist: Messi oder Ronaldo. Es wird hitzig. Ich wende eine Taktik an, die ich mir in Polittalkshows abgeschaut habe: Jetzt lass mich bitte diesen Gedanken noch zu Ende bringen, ich habe dich schließlich auch aussprechen lassen. Wir lachen dann und wissen nicht mehr, an welchem Punkt wir waren. Also gehen wir raus in die kalte Nacht. „Hoch in Kreuzberg“ weiterlesen

Ayvacik (III)

Was vorher geschah: Im Herbst 2015 war ich für eine journalistische Hospitanz in der Türkei. Die meiste Zeit davon arbeitete ich in Istanbul. Gegen Ende meines Aufenthalts fuhr ich für zwei Tage an den Küstenort Ayvacik, der nur wenige Kilometer von der griechischen Insel Lesbos entfernt liegt und deshalb zum Anlaufpunkt für Flüchtlinge und Schleuserbanden geworden war. Ich sollte dort für eine Reportage zum Thema recherchieren. Die Zeit in Istanbul wurde in drei Teilen behandelt (1,2,3). Die Zeit in Ayvacik auch schon in zwei Texten (1,2). Jetzt kommt der dritte, die ganze Textreihe abschließende Teil.

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Das kleine Dorf vor der Ägäis hieß auf Türkisch zwar Behram, die Anwohner benutzten aber den antiken griechischen Namen Assos. Der Taxifahrer hielt mitten im Ort an und sagte, wir seien da, ich sagte ihm aber, ich müsse an den Strand. Also fuhren wir noch ein paar Kilometer weiter, und erst als ich aus dem Fenster das Meer sah, merkte ich, dass wir uns gerade auf einer Klippe befanden.

Der Fahrer stoppte am Straßenrand und sagte, er müsse mich aussteigen lassen, da es problematisch sei, mit dem Wagen ganz nach unten bis an den Hafen zu fahren. Ich ließ mir noch kurz den Weg erklären und stieg aus. Von der Landstraße ging ein kleiner Seitenweg nach links ab. Ich schlug ihn ein und blieb nach wenigen Metern stehen, denn ich konnte bereits das Meer in seiner vollen Pracht überblicken. Gegenüber, gut zu erkennen, die griechische Insel Lesbos, das Tor nach Europa. Das dunkle Gebirge erinnerte mich in seinen Umrissen an die erste Zeichnung in „Der kleine Prinz“. Sie sah aus wie ein riesiger, breiter Hut, oder eben wie eine Schlange, die einen Elefanten geschluckt hatte. Schräg hinter Lesbos ging die Sonne gerade unter, das ließ die Vorderseite der Insel verdunkeln und gab ihr gleichzeitig einen hell leuchtenden, goldenen Schweif.

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Erst auf den zweiten Blick erkannte ich die vielen Flüchtlingsboote, die gerade auf dem Weg dorthin waren. „Ayvacik (III)“ weiterlesen