Ayvacik

Was vorher geschah: Im Herbst 2015 war ich für eine journalistische Hospitanz in der Türkei. Die meiste Zeit davon arbeitete ich in Istanbul. Gegen Ende meines Aufenthalts fuhr ich für zwei Tage an den Küstenort Ayvacik, der nur wenige Kilometer von der griechischen Insel Lesbos entfernt liegt und deshalb zum Anlaufpunkt für Flüchtlinge und Schleuserbanden geworden war. Ich sollte dort für eine Reportage zum Thema recherchieren. Gleichzeitig war es auch eine Art beruflicher Selbstfindungstrip, denn damals war ich mir noch unschlüssig, ob ich das ganze Journalismusding durchziehen sollte oder nicht. Die Zeit in Istanbul wurde hier schon in drei Teilen behandelt (1,2,3). Im Folgenden geht es um meine Erlebnisse in Ayvacik.

Ich musste um sechs Uhr morgens am Sabiha-Gökcen-Flughafen sein. Der Flughafen liegt sehr weit auf der asiatischen Seite, und um die Uhrzeit fuhren selbst in Istanbul keine Busse oder Taxis. Verwandte hatten mir aber einen Fahrer vermittelt, der vor einer Weile seinen Job verloren und dann die Marktlücke für sich entdeckt hatte, in den frühen Morgenstunden Menschen durch die Gegend zu fahren.

Der Fahrer sprach gerne über die glorreiche Geschichte der Türkei und erzählte von seinem Besuch in der Stadt Canakkale, wo die Türken vor etwa hundert Jahren eine entscheidende Schlacht gewannen. Er zeigte Bilder von Denkmälern auf seinem Handy, und als sich herausstellte, dass ich nicht nur nie dort gewesen war, sondern auch eher wenig über die Schlacht wusste, war er überrascht. Er bat mich, irgendwann einmal dringend hinzugehen, ich versprach aber nur vage: Ja, mal sehen.

Der Flug bis nach Balikesir dauerte nur eine Stunde. Nach der Ankunft stand ich am Kofferband mit den wenigen Mitreisenden, und als alle ihr Gepäck schon entnommen hatten und gegangen waren, stand ich noch immer am Band. Das blieb dann nach einer Weile stehen, ohne dass mein Koffer in Sicht war. Ich fand ein Servicebüro und klagte einer Mitarbeitern mein Leid. Sie meinte, dass der Koffer falsch verladen worden sein musste, und dass es bei der Fluggesellschaft, mit der ich geflogen war, häufiger vorkomme. Ein bis zwei Wochen würde es dauern, bis ich den Koffer am Flughafen in Istanbul abholen könnte, sagte sie.

Als ich danach vor dem Ausgang unter die Vormittagssonne trat, hatte ich so also nur noch meinen Rucksack bei mir. Ich sah, dass der Flughafen außerhalb der Stadt lag, in der mittelbaren Umgebung sah ich eine Landstraße, die vorbeizog, ansonsten nur Felder. Ich lief los in Richtung Landstraße und kam an einer Schranke vorbei, die von zwei Polizisten bewacht wurde. Ich fragte sie schon von weitem, wie ich am besten in die Stadt komme. Der Ältere gab dem Jüngeren ein Zeichen und kam auf mich zu. Er fragte, woher ich gekommen sei und warum, und obwohl ich es besser wusste, bekam ich das spontane Gefühl, etwas Verwerfliches vorzuhaben. Ich erzählte ihm, dass ich aus Deutschland angereist war, und log hinzu, dass ich nach langer Zeit mal wieder meinen Großvater in Balikesir besuchen wollte. Sein Gesichtsausdruck entspannte sich, er lobte mich dafür, auch im Ausland die Heimat und die Familie nicht vergessen zu haben, ich tat ganz bescheiden und hoffte, nicht noch allzu lange schauspielern zu müssen. Ein Wagen fuhr an die Schranke, der jüngere Polizist ließ ihn nach kurzer Nachfrage beim Fahrer durch. Der Ältere schien plötzlich eine Idee zu haben, er drehte sich schnell um, begann zu rennen und rief und pfiff und winkte dem Wagen hinterher, bis der Fahrer anhielt.

Der Polizist lehnte sich runter ans Fahrerfenster, sprach mit dem Mann und winkte mich dann zu sich. Der Fahrer sei auf dem Weg nach Balikesir und werde mich mitnehmen, sagte er, ich bedankte mich, er wünschte mir alles Gute.

Die Freundlichkeit des Polizisten hatte mich in Gesprächslaune gebracht, den Fahrer eher nicht. Er war ein Beamter, der gerade einen Kollegen zum Flughafen gefahren hatte und jetzt zurück zur Arbeit musste, mehr war nicht herauszukriegen. Sein Wagen war alt, aber penibel sauber gehalten. Es gab gab keine Anzeichen von Schmutz, nicht einmal auf den Fußmatten. Erst als ich meine Füße ein wenig bewegte, merkte ich, dass meine Schuhe für zwei braune Umrandungen aus trockener Erde gesorgt hatten. Kurz nachdem wir am Ortsschild vorbeifuhren, mussten wir kurz halten, weil ein alter Mann auf einer Kutsche saß, das von seinem Pferd langsam quer über die Straße gezogen wurde. Dann ließ mich der Mann an einer Ecke aussteigen, erklärte mir den Weg zum Busbahnhof und verabschiedete sich.

Auf dem Weg blieb ich an einer Ampel stehen, neben einer Frau und ihrem kleinen Sohn, den sie an der Hand hielt. „Da ist ein Haw-Haw!“, rief der Kleine. Sie aber übte sich nur im wohlwollenden Ignorieren, wie bei geübten Müttern üblich. Ich dagegen war kurz davor, mich heldenhaft zwischen das anstürmende Ungeheuer und die junge Familie zu stürzen. Kurz bevor er unsere Straßenseite erreicht hatte, verlangsamte der Hund und lief dann gemächlich am Jungen vorbei, der ihm wie zum Gruß kurz über den Rücken tätschelte. Dann schaltete die Ampel auf Grün. Ich lief mit zwei neuen Erkenntnissen weiter: Wau-Wau hieß hier Haw-Haw, und nicht alle Straßenhunde waren so gefährlich, wie sie aussahen.

Ich fand den Busbahnhof, besorgte mir ein Ticket und stieg in einen Kleinbus. Nach Ayvacik waren es 150 Kilometer. Das Ein- und Aussteigen war locker geregelt, wenn einer aussteigen musste, gab er rufend Bescheid. Der Fahrer hatte einen jungen Gehilfen, der neben ihm saß und sich um die Kasse kümmerte. Jeder Passagier gab seine Münzen dem Vordermann, bis das Geld beim Kassierer ankam. Ich ging nach vorne und bat ihn, mir einen Hinweis zu geben, wenn wir Ayvacik erreichten.

Nachdem wir einige kleinere Ortschaften durchfahren hatten, zog sich der Weg fast nur noch direkt am Ufer entlang, auf der linken Seite sah ich zum ersten Mal das Meer. Es lag unberührt da, keine Wellen, keine Menschen oder Schiffe, einfach nur strahlendes Blau bis zum Horizont. Dann ging es steil bergauf, in waldige, kurvige Wege, und etwas später drehte sich der Kassierer um und gab mir ein Zeichen. Ich stieg aus und stand in Ayvacik.

Über diesen Ort wusste ich sehr wenig. Mein Vorgesetzter hatte mir nur erzählt, dass der Busbahnhof, an dem ich eben ausgestiegen war, der Haupttreffpunkt zwischen Schleusern und Flüchtlingen sei, dass hier die Geschäfte abgewickelt und die Flüchtlinge dann darauf warteten, ans Meer gefahren zu werden. Google Maps fügte hinzu, dass die Kleinstadt einige Kilometer von der Ägäis-Küste entfernt liegt, und dass es von dort zur griechischen Insel Lesbos nur wenige Kilometer Luftlinie sind. Die Sonne stand hoch und strahlte ohne Erbarmen auf mein schwarzes T-Shirt, das einzige, das mir geblieben war. Es war hier viel heißer als in Istanbul.

Der Busbahnhof war ein quadratischer Betonplatz, auf dem drei Reisebüros in einer Reihe standen. Zu ihrer Rechten standen eine Taxistation und ein kleines Lokal, vor Männer unter Sonnenschirmen saßen und Tee tranken. Zu ihrer Linken gab es eine überdachte Ecke, in der etwa zwei Dutzend Menschen im Schatten standen, lagen oder saßen. Ein kleines Mädchen rannte lachend durch die Reihen und hielt dabei eine Schwimmweste so an einer Schnur fest, dass sie hinter ihr herwedelte wie ein Drachen.

Ich verließ den Platz, lief eine Straße hoch und kam an eine größere Kreuzung, hier musste die Hauptstraße sein. Gegenüber sah ich ein breites Gebäude mit Lokalen, eine andere Straße führte schräg weiter bergauf, dort waren Geschäfte und Läden zu sehen. Direkt an der Kreuzung stand ein größeres Haus mit Vorgarten, über dem Eingang stand geschrieben: „Ögretmen Evi“. Ein etwas dunklerer, untersetzter Herr in einem weißen Hemd saß auf einem Plastikstuhl. In einer Hand hielt er eine Zigarette, mit der winkte er mich herein, als hätte er nur auf mich gewartet. Ich sagte ihm, dass ich eine günstige Unterkunft für eine Nacht suchte. Er fragte, ob ich zufällig Student sei, ich antwortete, dass ich zumindest einen Studentenausweis dabeihätte, und wir gingen rein. Der Mann erklärte mir, dass es solche Ögretmen Evis (wörtlich: Lehrerhäuser) in jeder türkischen Stadt gebe und dass es sich eigentlich um nichts anderes handelt als billige Hotels, mit der Besonderheit, dass sie für Lehrer, Schüler und Studenten noch billiger sind.

Im Empfangsraum kopierte er meinen Ausweis und gab mir den Schlüssel für ein Doppelzimmer im zweiten Stock, das spartanisch eingerichtet war. Zwei Betten, die ihre besten Tage hinter sich hatten, ein Fernseher im Krankenhaus-Format – klein und hoch oben an der Wand angebracht – der nicht funktionierte, ein Fenster mit Ausblick auf die Hauptstraße.

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Ich breitete den Inhalt meines Rucksacks auf dem Bett aus und sah, wie wenig ich ohne den Koffer dabeihatte. Mein Notizheft, meinen Arbeitslaptop, der nicht viel brachte, weil ich das Ladegerät im Koffer gelassen hatte, Zahnbürste, Haarspray, Ladekabel fürs Handy, das wars. Keine Ersatzkleidung, keine Unterwäsche, keine Socken. Ich ging unter die Dusche, Reisestrapazen abwaschen. Da danach noch immer ein Rest übrig war, legte ich mich noch eine Runde hin. Dann verließ ich das Zimmer, ohne einen genauen Plan zu haben. Ich wusste nur, dass ich die nötigen Informationen ziemlich schnell zusammenkriegen musste, denn mein Rückflug war schon am nächsten Abend.

Als ich unten ins Foyer kam, sah ich in einer Sitzecke drei Jugendliche. Einer von ihnen führte in einer arabisch klingenden Sprache eine Video-Unterhaltung auf seinem Telefon, die anderen zwei füllten Formulare aus. Der Hoteldirektor hatte mir schon erzählt, dass sich derzeit sehr viele Flüchtlinge im Haus aufhielten. Ich ging hin und grüßte, sie sahen auf.

„Are you from Syria?“
Freundliches Nicken.
„Can you speak English?“
Freundliches Kopfschütteln.
„Turkish?“
Nochmal Kopfschütteln.
Verlegenes Verabschieden.

Das war also nichts, ab nach draußen. Ich lief die Hauptstraße entlang und kam an einem kleinen Kiosk vorbei. Ein Mann stand hinter der Kasse bei den Zeitungen und Snacks, ein anderer grillte Fleisch. Ich fragte, wo genau ich das Rathaus finden würde, der Mann an der Kasse streckte den linken Arm aus, es stand nur hundert Meter weiter.

Ich wurde von einer jungen Empfangsdame begrüßt und sagte ihr, dass ich aus Istanbul gekommen war und mit dem Bürgermeister darüber sprechen wollte, wie sich die Flüchtlingskrise auf Ayvacik auswirkte. Sie lief mit mir die Treppe hoch und ging in ein Büro, ich musste vor der Tür warten und nahm auf einem Stuhl Platz. Sie kam wieder raus und sagte lächelnd, ich würde gleich hereingelassen, und ging wieder nach unten. An der Wand hinter mir hingen mehrere Bilderrahmen in einer Reihe, jedes mit einem Porträt desselben Mannes, der von Rahmen zu Rahmen ein wenig älter wurde. Die Beschriftungen dieser Porträts verrieten seinen Namen, bezeichneten ihn als Bürgermeister Ayvaciks, und nannten die Amtsperiode, in der das jeweilige Bild aufgenommen wurde, beginnend im Jahr 2004. Das war er also, mein dringend benötigter Wunsch-Gesprächspartner. Ich wusste jetzt schon mal, wie er aussah, und dass er es offensichtlich verstand an der Macht zu bleiben. Weil ich mir gerne typisch-schmalzige Titel für Autobiografien ausdenke, hatte ich auch für den Bürgermeister schnell einen parat: „Keine Eintagsfliege – Wie ich Ayvacik prägte und umgekehrt“.

Dann wurde ich hereingebeten. Ein hagerer Mann mit schwarzen Haaren und schmalem Gesicht wies mir einen Stuhl zu, der vor seinem Schreibtisch stand. Das Büro war auch ein Vorzimmer, seitlich gab es eine geschlossene Doppeltür, die mit „Belediye Baskani“, also Bürgermeister, betitelt war. Der Mann nahm sein schwarzes Jackett, das an einem Kleiderständer hing, zog es an und setzte sich in seinem jetzt wieder kompletten Anzug an seinen Schreibtisch. Er stellte sich als der Assistent des Bürgermeisters vor, dann fragte er mich aus.

Er wollte wissen, was ich erfahren wollte und warum.
Er fragte, wer mein Auftraggeber sei.
Er googelte an seinem Computer meinen Namen und meinen Auftraggeber, dann fragte er, warum er keine Artikel von mir finden könne.
Und warum eigentlich gerade Ayvacik?

Ich antwortete auf jede Frage ausführlich.

„Ok“, sagte er, „Versuchen wir es anders. Können Sie mir einen Presseausweis zeigen?“

Das hatte ich befürchtet. Ich musste verneinen, er griff sich ans Kinn und sah mich immer nachdenklicher an. (Liebe Grüße an dieser Stelle an den Deutschen Journalistenverbund, der mir den Ausweis verweigert hatte, mit der Begründung, dass ich meinen Lebensunterhalt nicht mit Journalismus verdiente.)

Er bot mir dann an, dass er mir einige Sachen erzählen könnte, stellvertretend für seinen Chef. Damit wollte ich mich nicht zufrieden geben, hörte mir aber trotzdem mal an, was er berichtete. Er schilderte, dass die Stadt sehr bemüht sei, den Flüchtlingen zu helfen und vor allem die gefährlichen Bootsfahrten nach Griechenland zu unterbinden, da die Anzahl aber sehr groß sei und immer weiter wachse, sei das aber sehr schwer. Dann komme auch noch hinzu, dass die Flüchtlinge selbst häufig nicht daran interessiert seien, sich helfen zu lassen, da es für sie gar nicht in Frage komme, in der Türkei zu bleiben.

„Stellen Sie sich vor“, sagte er und lehnte sich nach vorne, „Sie arbeiten für die Küstenwache und sollen ein Boot stoppen. Und als sie sich dem Boot nähern, packt ein Vater sein Kleinkind, hält es über den Bootsrand und droht damit, es ertrinken zu lassen, wenn sie es wagen, noch näherzukommen. Was würden Sie tun?“

„Das passiert wirklich?“

„Natürlich passiert das.“

Die Doppeltür zum anliegenden Büro öffnete sich, zwei Männer erschienen. Einen von ihnen erkannte ich sofort, es war der Mann von den Bilderrahmen im Flur. Er verabschiedete einen Gast, dann hatten wir einen kurzen Blickkontakt. Ich nickte ihm zu und schaute so vertrauenswürdig wie nur möglich, er schloss die Tür wieder.

Der Assistent gab mir zu verstehen, dass es eher schwierig für mich sein würde, einen Termin zu bekommen. Ich hakte nach: Kommen Sie, ich will ja nichts Böses, so weite Reise, das ist mein Abschlussprojekt, komme eigentlich aus Deutschland, wissen Sie. Müsste dann ganz ohne Reportage zurück, könnten Sie also nicht doch?

Er ließ sich dann doch zu einem Kompromiss erweichen: Wenn ihm die Redaktion in Istanbul mit einem unterschriebenen Fax bestätigte, dass ich wirklich einer von ihnen war, wollte er mal sehen, was er tun konnte. Er schrieb mir die Faxnummer auf und notierte sich meine Nummer. Dann erhielt ich noch eine Bedingung: Sobald er mich anrufen würde, müsste ich sofort zum Büro kommen, ohne Verzögerungen, der Bürgermeister könne nicht warten.

Als ich aufstand, reichte er mir eine Info-Broschüre über den Tisch, was ich nach der Abfragei als Annäherungsangebot zum Abschied verstand und gerne annahm. Ich ging nach draußen, setzte mich auf eine niedrige Mauer und rief in Istanbul an. Die Sekretärin versprach, sich darum zu kümmern. Ich blieb eine Weile sitzen, blätterte in der Broschüre und lernte, dass Ayvacik vor allem für einzigartige Oliven und antike Sehenswürdigkeiten an der Küste bekannt war. Außerdem wusste ich jetzt, dass die nahegelegene Küste „der westlichste Punkt Asiens“ sei.

Bis die Sache mit dem Bürgermeister geregelt war, wollte ich mich mal umhören, was die Bevölkerung über die Situation dachte. Ich lernte den Schuhladenbesitzer Burhan kennen. Er stand alleine vor seinem Laden, zwischen Tischen, auf denen seine Artikel ausgelegt waren, und wartete darauf, dass der erste Kunde des Tages erschien. Als ich vorbeilief, hatte er mich von weitem gründlich gemustert, so wie eigentlich alle Menschen, denen ich in Ayvacik über den Weg lief. Entweder kannten sich alle Einwohner untereinander, oder allein mein Rucksack reichte aus, um mich als Zugereisten zu kennzeichnen. Burhan sprach über die Flüchtlingssituation mit einer Mischung aus Resignation und Wut. Er erzählte, dass die Anwohner versuchten, den Flüchtlingen mit Spenden zu helfen, aber man komme nicht mehr hinterher. Außerdem seien einige von ihnen auch kriminell und hätten einige Häuser ausgeraubt. Jeden Tag höre er Meldungen davon, dass wieder Menschen ertrunken seien, häufig auch Kinder, was ihn sehr belaste. Bei allem Mitgefühl war er aber auch genervt davon, dass sein Heimatort sich nur aufgrund der geografischen Lage mit solchen Problemen herumschlagen musste. „Die Amerikaner und die Europäer haben die Region dort unten durcheinandergebracht, und jetzt bieten sie der Türkei Geld an, damit die Flüchtlinge hier bleiben. Warum sollten sie das?“

Ein vornehm gekleideter Herr mit Aktenkoffer begrüßte Burhan im Vorbeigehen und schloss den Laden neben dem Schuhgeschäft auf. Ein Slogan auf der verglasten Eingangstür verriet, dass er der einzige Anwalt Ayvaciks war. Ich fragte Burhan, wie genau das an der Küste ablief mit der Bootsfahrt, wer sie organisiere und wie sich das alles auf den Tourismus auswirke, und so langsam merkte ich, dass ich gerade fast alle Fragen zum Thema auf einmal ablud, nur weil ich einen ersten Gesprächspartner gefunden hatte. Er konnte wenig dazu sagen, hatte aber einen Tipp: Der Anwalt habe einen eigenen Garten ganz in Strandnähe und fahre öfters dort hin. Ich dankte ihm und klopfte ein paar Meter weiter an die Glastür.

Wenn man die Tür öffnete, war man auch schon direkt in seinem recht engen Büro. Der Anwalt saß gegenüber an seinem Schreibtisch, links gab es noch einen etwas kleineren Schreibtisch, an dem eine Frau saß, ich erfuhr nicht, ob sie auch Anwältin oder eine Assistentin war. Der Anwalt reagierte freundlich auf mein Anliegen und bat mich auf einen der zwei Gästestühle. Wie viele der Anwohner besaß auch er ein Olivenfeld direkt am Strand, traute sich aber seit Monaten schon nicht mehr hin. Das Küstengebiet wurde nämlich von mehreren Schleuserbanden kontrolliert, die bewaffnet waren, viel Geld mit der Organisation der Bootsfahrten machten und das Gebiet untereinander aufgeteilt hatten.

„Den Tourismus haben diese Banden auch kaputt gemacht“, warf die Frau am anderen Tisch ein. „Ich war vor kurzem mal dort und konnte nicht glauben, wie ausgestorben dort alles war. Die vielen Hotels, Strände und Geschäfte, alles war leer.“

Das klang alles ziemlich gefährlich. Wie gefährlich genau war es?

„Lassen Sie mich das so erklären“, fing der Anwalt an, ein in Sachen Rhetorik und Gesten geübter Mann, man hörte ihm gerne zu. „Ich besitze wie viele andere Anwohner Ayvaciks ein Olivenfeld unten am Strand. Als die Schleuser aber dort auftauchten, teilten sie uns mit, dass es für unsere Sicherheit besser wäre, wenn wir der Küste fernbleiben. Sie nutzen diese Felder jetzt als Schlaf- und Aufenthaltsort für die Flüchtlinge. Uns entgeht dadurch die Olivenernte, und wir können nichts dagegen tun. Um zurück zu Ihrer Frage zu kommen: Ich denke also schon, dass es durchaus gefährlich wäre, denn diese Banden sind bewaffnet und für uns schwer einzuschätzen. Wir kennen diese Leute nicht.“

Ich dankte für die wertvollen Informationen und ging nach draußen. Gegenüber ging es in einen kleinen Grünpark, der nicht mehr allzu grün war. Vor einer Hüpfburg saß ein Mann auf einem kleinen Hocker und beschäftigte sich damit, eine Münze in die Luft zu schnipsen und sie dann wieder zu fangen. Ich fand eine Sitzbank am anderen Ende des Parks, von wo aus ich schräg in den Eingangsspalt der Hüpfburg sehen konnte. Drei Jungs prallten immer wieder mit Anlauf in der Mitte johlend zusammen, hatten die Zeit ihres jungen Lebens.

Mein Handy klingelte, die Sekretärin aus Istanbul. Sie hatte das vom Chef unterschriebene Schreiben gefaxt, danach aber niemanden im Rathaus erreicht. Der Assistent hatte mich gebeten, bis zu seinem Anruf von weiteren Besuchen abzusehen. Ich stellte mich darauf ein, dass das Gespräch, wenn überhaupt, erst am nächsten Tag klappen würde.

Den Rest des Nachmittags verbrachte ich mit loser Recherche, die größtenteils aus planlosem Herumlaufen bestand. Ayvacik war ein sehr in sich gekehrt wirkender Ort, der dem fremden Besucher sein Wesen nicht gleich offenbarte. Es war auch nicht so, wie ich mir vorher vorstellen musste, nämlich dass an jeder Ecke Flüchtlinge anzutreffen waren, überhaupt nicht. Ich lief durch enge, leere Gassen mit kleinen Backsteinhäusern. Hin und wieder fuhr ein Traktor vorbei und wirbelte riesige Erdstaubwolken auf, vor denen ich flüchten musste, um mein einziges Shirt zu schonen. Ich lief die Nebenstraßen so lange ab, bis ich an eines der Ortsenden kam. Vor mir breitete sich eine Landschaft aus riesigen Feldern und vereinzelt herumstehenden Bäumen aus, hinten am Horizont wachten drei Berge in einer Reihe, die gerade noch zu Fuß erklimmbar schienen. Ich kehrte um und lief wieder in Richtung Zentrum.

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Die Sonne verabschiedete sich so langsam in Richtung Feierabend, es wurde schnell ziemlich dunkel. In der Einkaufsstraße gegenüber von meiner Unterkunft fand ich einen kleinen Imbiss, in dem es nur einen Mitarbeiter gab, der den Tresen putzte. Er wollte bald schon zumachen, konnte mir aber noch eine Suppe und etwas Salat anbieten. Ich nahm an und aß an einem der zwei Tische vor dem Laden.

Nach einigen Minuten kam eine Gruppe junger Männer vorbei, sie waren zu fünft oder zu sechst, sprachen arabisch miteinander und machten einen hektischen Eindruck. Sie blieben vor dem Eingang stehen, nur einer von ihnen, großgewachsen, mit Brille und Kappe, ging bis zur Tür und rief nach jemandem. Er rief so lange, bis der Mitarbeiter, der inzwischen in einen hinteren Raum gegangen war, wieder auftauchte. Der Kappen- und Brillenträger fragte ihn auf türkisch, wo sie Handykarten finden könnten, es sei sehr dringend, sie hätten nur noch wenig Zeit. Und ob er ihnen noch einige Brotreste in eine Tüte packen und mitgeben könne.

Das war meine Gelegenheit, endlich mit Flüchtlingen ins Gespräch zu kommen. Ich kaute vor mich hin und wog ab, ob ich sie ansprechen sollte. Inzwischen fühlte ich mich aber irgendwie ungut dabei, ständig durch den Ort zu schleichen und nur darauf zu lauern, dass ich einen Flüchtling dazu bekam, mir Zitate zu liefern, damit ich sein Schicksal zu einem Text verarbeiten konnte. Ich wusste, dass ich eigentlich nur deshalb hierhergeschickt worden war, trotzdem. Die für einen Journalisten immer auch notwendige Verwertungsmentalität und der nötige Opportunismus gingen mir ab, da machte ich mir nichts vor. Der Mitarbeiter überreichte den Jungs ein paar Tüten voller Brot und beschrieb den Weg zu einem Telefonladen, sie liefen los. Ein Bild-Reporter hätte sich diese Chance auf Gespräch und Selfies mit Flüchtlingen vor Ort nicht entgehen lassen, dachte ich und aß zu Ende.

In einem kleinen Supermarkt machte ich durch den Kofferverlust sehr nötig gewordene Besorgungen. Socken, mangels anderer Alternativen ein paar waschechter Opa-Unterhosen, ein Spiderman-T-Shirt zum Schlafen.

Zurück im spärlich ausgestatteten Zimmer, wusste ich wenig anzufangen. Ein Gefühl seltsamer Einsamkeit stellte sich ein, die nicht so unverschuldet war, denn ich hatte beim Einchecken das Kästchen angekreuzt, das dem Gast versichert, für einen Aufpreis das Doppelzimmer für sich alleine zu haben.

Ich lag auf dem Bett und wollte gerade den Tag in Gedanken resümieren, als ich durch das offene Fenster lauten Lärm von der Hauptstraße unten hörte. Ich stand auf und sah, dass ein weißer Bus mit AKP-Logos langsam durch die Straße fuhr und ein Mann per Lautsprecher schwer verständliche Slogans rief. Solche Wahlkampfbusse kannte ich aus Istanbul, aber die Wahl war ja schon vorbei.

Als der Bus wieder weg war, legte ich mich zurück aufs Bett und resümierte weiter. Ich hatte mir an diesem ersten Tag zwar einen kleinen Überblick über den Ort und die Zustände verschafft, aber für eine Reportage reichte es noch lange nicht. Ich brauchte dringend die Einschätzungen des Bürgermeisters stellvertretend für die Stadt, dann musste ich natürlich noch erfahren, wie es den Flüchtlingen hier erging, und zwar von ihnen selbst. Das würde wohl doch etwas schwieriger werden, als ich es gedacht und erhofft hatte. Und dann war da noch die Möglichkeit, selbst an die Küste zu fahren und sich selbst ein Bild davon zu machen, was dort passierte. Das war zwar wohl gefährlich, eigentlich konnte ich aber darauf nicht verzichten.

Vor der Rückreise nach Istanbul musste ich also noch einiges in Erfahrung bringen. Und ich hatte nur noch einen Tag Zeit.

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