Ayvacik (II)

Was vorher geschah: Im Herbst 2015 war ich für eine journalistische Hospitanz in der Türkei. Die meiste Zeit davon arbeitete ich in Istanbul. Gegen Ende meines Aufenthalts fuhr ich für zwei Tage an den Küstenort Ayvacik, der nur wenige Kilometer von der griechischen Insel Lesbos entfernt liegt und deshalb zum Anlaufpunkt für Flüchtlinge und Schleuserbanden geworden war. Ich sollte dort für eine Reportage zum Thema recherchieren. Gleichzeitig war es auch eine Art beruflicher Selbstfindungstrip, denn damals war ich mir noch unschlüssig, ob ich das ganze Journalismusding durchziehen sollte oder nicht. Die Zeit in Istanbul wurde hier schon in drei Teilen behandelt (1,2,3). Die Zeit in Ayvacik auch schon in einem Text. Jetzt kommt der zweite Teil.

Ins Bett ging ich mit dem Vorsatz, so früh aufzustehen wie schon lange nicht mehr, als Erster beim Frühstück zu sein und dann den Tag voller Elan anzugehen. Stattdessen stolperte ich kurz nach elf Uhr schlaftrunken in den leerstehenden Esssaal und kratzte mir von den verbliebenen Resten mein Essen zusammen.

Ich aß schon eine Weile, als der Koch, der gerade aus der Küche gekommen und seine Schürze abgelegt hatte, anfragte, ob er sich dazusetzen könne. War kein Problem. Der Grund dafür, dass er sich zu mir setzte, und nicht an einen der vielen anderen unbesetzten Tische, war der Stapel türkischer Tageszeitungen, der auf dem Tisch lag. Er blätterte die erste Zeitung durch, dann die zweite, danach keine mehr, er schob den Stapel beiseite und steckte sich einen Zahnstocher in den Mund. Außer uns war nur noch eine Putzfrau im Raum, die den Boden wischte. Ich aß fertig und fragte ihn dann, wo und wie ich am besten mit Flüchtlingen ins Gespräch kommen könnte.

„Hier im Hotel gibt es fast nur Flüchtlinge“, sagte er. „Aber die meisten können kein Englisch, da müsstest du mal herumfragen. Um diese Uhrzeit sind sie aber eh alle außer Haus.“
„Und wo?“
„Entweder fahren sie zum Strand, oder sie suchen nach Leuten, die ihre Bootsfahrt organisieren.“

Wir führten dann ein ziemlich ausführliches Gespräch, von dem mir vor allem in Erinnerung geblieben ist, dass es irgendwann um den türkischen Staatspräsidenten ging, und dass der Koch dabei immer wieder ganz selbstverständlich „Tayyip amcam“ sagte, also „mein Onkel Tayyip“, was ich so noch nie gehört hatte. Außerdem erzählte er von einer offiziellen Flüchtlingsunterkunft etwas außerhalb der Stadt, in der alle Flüchtlinge untergebracht wurden, die von den Behörden aufgeschnappt wurden. Als ich den Koch am Ende unseres Gesprächs fragte, ob ich einige seiner Aussagen in meinem Artikel verwerten dürfte, reagierte mit einem Kopfschütteln, das so kurz und beiläufig war, als sollte selbst die Tatsache, dass er in irgendeiner Art auf die Frage reagierte, unbedingt unter uns bleiben.

Die von ihm erwähnte Flüchtlingsunterkunft wollte ich mir ansehen, hatte aber die Ansage des Vize-Bürgermeisters im Hinterkopf, dass ich im Falle eines Anrufs sofort zum Interview antanzen musste. Gleichzeitig hatte er mir ja verboten, selbst anzurufen und nachzufragen, was mich in einen Zwiespalt brachte. Aber das Risiko musste ich eingehen, also ließ ich mir an der Rezeption ein Taxi rufen.

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Die Unterkunft lag nur etwa zwei Kilometer vor der Stadt, nach fünf Minuten waren wir da. Die kurze Zeit reichte dem Fahrer aber, leichte Deutschländer-Beute zu riechen. Er verlangte unverschämte 20 Lira, umgerechnet sind das so ungefähr zehn Euro für zwei Kugeln Eis. Ich weigerte mich, es kam zur Diskussion, er sagte: „Für deine Chefs in Istanbul ist das doch eine Kleinigkeit.“ Das war etwas mysteriös, denn von meiner Arbeit in Istanbul hatte ich ihm gar nichts erzählt. Am Ende zahlte ich doch, wohlwissend, dass ich abgezogen wurde. Als Zeichen meiner Wut schlug ich die Tür nach dem Aussteigen mit voller Kraft zu. Das Auto fuhr langsam los. Dem hatte ich es gezeigt.

Dann stand ich vor einem um die drei Meter hohen, am oberen Ende nach innen gebogenen Drahtzaun. Ich kam ihm langsam näher, starrte eine Weile durch den Zaun hindurch und beobachtete das Geschehen im Hofinneren wie ein Zoobesucher. Nur dass auf der anderen Seite keine Tiere waren, sondern Menschen.  Familien, Kinder, Erwachsene, Männer, Frauen. Sie spielten, rannten, lachten, kauerten, saßen, standen, sprachen, schwiegen. Und das alles auf braunen Holzpaletten, die den Boden im ganzen Hof abdeckten. Dann gab es noch eine lange Warteschlange, für was die Menschen anstanden, konnte ich nicht erkennen. Links am Zaun gab es einen schmalen Weg, der den Hof vom anliegenden Haus trennte. Ich ging ihn entlang, kam an einer Tür vorbei, klopfte und trat ein.

Ein schmaler, kleiner Mann saß alleine im Büro und beschäftigte sich mit seinem Handy. Ich fragte ihn, ob er hier der „Zuständige“ sei, weil mir keine spezifischere Frage einfiel. Er fragte zurück, wie er mir helfen könne. „Ich wurde von Istanbul geschickt, um über die Lage von Flüchtlinge in Ayvacik zu berichten. Kann ich mit Flüchtlingen dieser Unterkunft sprechen?“ Er wimmelte mich ab: Der Chef sei gerade nicht da, für die Presse sei nur dieser zuständig, er selbst sei nur der Assistent, er könne das leider nicht alleine entscheiden. Wann denn der Chef anzutreffen wäre, fragte ich. Der sei ja nun leider im Urlaub. Ob ich also mit keinem von den Menschen sprechen dürfe, nicht einmal kurz? Leider nicht. Als ich zurück zur Tür ging, fügte er noch eilig hinzu: Keine Fotos von der Unterkunft.

Ich trat wieder an den Zaun. Die Menschen wirkten gar nicht mal so unglücklich mit ihrer Lage, sie verhielten sich ganz normal, und es schien auch keinen zu stören, dass ich am Zaun stand und sie beobachtete. Irgendwann kam ein kleines Mädchen in meine Nähe, hielt sich mit einer Hand am Zaun fest und wippte spielerisch vor und zurück. Dabei nahm sie nicht die Augen von mir, sie beobachtete mich beim Beobachten, ich konnte es aus dem Augenwinkel sehen, und ihr Blick war streng. Irgendwie deprimierte mich das alles, die eingezäunten Menschen, meine Gaffer-Perspektive, das strenge Mädchen. Ich drehte mich um lief los in Richtung Stadt.

Der Weg zurück bestand aus einer Landstraße, die sich durch karge Felder zog. Es gab kaum schattige Zufluchtsmöglichkeiten vor der auch an diesem Tag wieder erbarmungslosen Mittagssonne. Das Handy klingelte: Der Vize-Bürgermeister. Die Sache war geklärt, die Bestätigung aus Istanbul war reingekommen, ich wurde erwartet und sollte mich beeilen.

Doch es machte sich ein Hindernis auf. Ich näherte mich einem alleinstehenden Haus, vor dem ein riesiger Hund die Straße auf und ab spazierte. Ein imposantes Exemplar mit hellbraunem Fell. Als er mich sah, stoppte er seine Patrouille und blieb stehen. Seine dunklen, spitzen Ohren standen jetzt aufrecht, seine schwarze Schnauze war genau in meine Richtung gerichtet. Nun gab es da noch die Tatsache, dass er angekettet war, was aber nicht viel brachte, da ich nicht sehen konnte, wo das andere Ende der Kette angebracht war und wie groß der Freiraum war, den sie ihm bot. So standen wir also da, etwa dreißig Meter voneinander entfernt, und sahen uns an.

„Geh auf ihn zu“, sagte eine kratzige, fast heisere Männerstimme von irgendwo. Ich sah mich um und sah rechts von mir einen großen Baum, und in dessen Schatten lag ein gut getarnter Mann. Seine für das heiße Wetter viel zu dicken Klamotten hatten fast genau die gleiche Farbe wie der Baumstamm hinter ihm. „Der sieht ganz schön gefährlich aus“, sagte ich. Er winkte ab. „Wenn du ohne Angst direkt auf ihn zugehst, lässt er dich durch. Er beschützt nur sein Haus, mehr will er nicht. Also los, keine Angst.“ Wenn du das sagst, wird da schon was dran sein, fremder Mann, dachte ich und lief los. Nach wenigen Schritten sah ich nochmal über meine Schulter nach hinten, der Mann hatte sich inzwischen aufgerichtet und eine konzentriert beobachtende Position eingenommen. Mit einem Knie und einem Fuß auf dem Boden und verkniffenen Augen sah er nicht etwa auf mich, sondern schon an den Ort, wo das Zusammentreffen zwischen Hund und mir ungefähr zu erwarten war. Irgendwie wollte seine Haltung zu seiner vorher so nonchalanten Einschätzung der Lage nicht passen. Aber sein Plan funktionierte. Als ich etwa zehn Meter von ihm entfernt war, wich der Hund langsam zurück und ging dann zur Seite, ohne einen Ton von sich zu geben. Als ich das Haus und ihn passiert hatte, drehte ich mich um, nickte ich ihm zum Dank zu und schoss ein Abschiedsfoto.

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Eine halbe Stunde später saß ich vor dem Schreibtisch des Bürgermeisters. Er ließ und zwei Tee bringen und wollte dann nochmal in aller Einzelheit wissen, wo ich herkam und was ich wollte. Er entschuldigte sich für die strenge Überprüfung meines Backgrounds durch ihn und seinen Mitarbeiter, aber in der aktuellen Lage sei das nun mal erforderlich.

Hinter ihm an der Wand war ein rechteckiger Rahmen angebracht, der mit etwas gefüllt war, das so aussah wie ein herausgerissenes Stück Ledercouch. Ich sah mich um und sah zahlreiche Bilder an den Wänden. Auf dem größten war der Bürgermeister in jüngeren Jahren zu sehen, die inzwischen angegrauten, aber immer noch vollen Haare damals noch pechschwarz. Neben ihm stand Recep Tayyip Erdogan, ebenfalls jünger und drahtiger als heute. Der Bürgermeister war langjähriges AKP-Mitglied.

Er antwortete sehr ausführlich auf meine Fragen und ich war froh, dass ich das Gespräch mit der Tonaufnahme meines Telefons festhalten durfte, alles mitzuschreiben wäre schwierig gewesen. Es war offensichtlich, dass er die Flüchtlingsthematik als Bürde für seinen Ort empfand, und dass ihre Auswüchse und Ursachen ihn resigniert zurückließen. „Wir haben dieses Problem nicht losgetreten, und wir werden es auch nicht lösen können“, sagte er. Fast täglich besuche er Beerdigungen, oft von ertrunkenen Kindern. Deren Eltern verließen oft tagelang nicht den Strand, da sie darauf hofften, dass ihr Kind es doch irgendwie lebendig aus dem Wasser zurückschaffe. Solche Schicksale aus nächster Nähe mitzubekommen, sei für die Bevölkerung sehr schwer. Auch der Tourismus im Ort werde stark beeinflusst. Auf der einen Seite seien die Geschäfte von Hotels und Restaurant an der Küste quasi eingebrochen, gleichzeitig werde aber die Wirtschaft im Ort angekurbelt, durch Einkäufe und wohlhabendere Flüchtlinge, die in Pensionen übernachteten, das dürfe man auch nicht vergessen.

Ich fragte ihn, ob es nicht möglich wäre, die Küste stärker zu kontrollieren und die Boote der Schleuser einfach zu stoppen oder gar nicht ins Wasser zu lassen (zum Zeitpunkt unseres Gesprächs gab es den Deal zwischen der EU und der Türkei, wonach das Land die Küsten stärker abriegeln und dafür finanziell unterstützt werden sollte, noch nicht). Nein, sagte er, denn erstens käme es für die meisten Menschen nicht infrage, in der Türkei zu bleiben. „Sie wollen alle nach Europa“, sagte er über die Flüchtlinge, „Sonst wären sie gar nicht hier“. Außerdem sei es wie bei einem Teig: Wenn man ihn an einer Stelle packe und zusammendrücke, verlagere sich die Masse einfach an einen anderen Ort. Die Flüchtlinge würden also einfach irgendwo anders an der Küste losfahren, was die Strecke verlängern und die Lebensgefahr umso mehr steigern würde.

Die Prognosen des Bürgermeisters waren recht düster. Solange der Westen versuche, in Syrien mit Waffen für Ordnung zu sorgen, werde die Zahl der Flüchtlinge immer weiter steigen, und anstatt diese in der Türkei festsetzen zu wollen, sollte die EU dafür sorgen, dass die Menschen mit Schiffen oder per Flugzeug nach Europa gelangen könnten. Ansonsten würde die Zahl der Toten zunehmen. Bislang schaffe man es noch, alle Leichen aus dem Wasser zu bergen, aber so langsam kämen die Einsatzkräfte nicht mehr nach. „Ich habe Angst, dass die Ägäis auf Dauer zum Friedhof wird.“

Als ich nach unserem Gespräch ein paar Fotos von ihm machte, gab er sich Mühe und nahm auf Kommando immer die gleiche konzentrierte Gerade-bei-der-Arbeit-Haltung ein. Nach dem dritten Versuch war er zufrieden.

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Ich lief los in Richtung Busbahnhof, um mich dort zu erkundigen, wann und wie ich am besten an den Strand fahren könnte. Der Bürgermeister hatte mir mit auf den Weg gegeben, dass es ein kleines Dorf namens Assos gebe, dort träfen sie alle aufeinander, die leeren Hotels, die Schleuserbanden, die Flüchtlinge und die Küstenwache. Auf dem Weg sah ich eine Abkürzung. Vorher war ich immer um den ganzen Park, der zwischen Rathaus und Busbahnhof lag, herumgelaufen. Jetzt aber lief ich eine schmale Treppe herunter und war schon fast am Ziel, nur noch ein leerer Marktplatz stand zwischen mir und dem Bahnhof. Von diesem Marktplatz war mir bereits erzählt worden, dort fand einmal die Woche ein Basar statt, die restlichen Tage diente er als Schlafplatz der Flüchtlinge. Ich sah aber keine Menschen, nur Holzbänke, die in vier rechteckigen, überdachten Gerüsten untergebracht waren, darunter Kiesboden.

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Fast am anderen Ende des Platzes angekommen, sah ich links eine weitere Steintreppe. Auf den breiten Stufen verteilt saßen fünf junge Männer. Links auf den unteren Stufen saßen zwei nebeneinander, beide vornübergebeugt und schlafend. Als ich stehenblieb, verursachten meine Schuhe ein Geräusch im Kies, das den linken von den beiden hochschrecken ließ, er war offensichtlich der Jüngste der Gruppe. Einige Stufen weiter oben saßen wieder zwei nebeneinander, der eine dünn, mit roter Hose und grauer Kapuze über dem Kopf, sein Nebenmann ganz in schwarz gekleidet und mit schwarzer Kappe. Ein paar Stufen schräg versetzt über ihnen saß der Fünfte, er trug eine Brille und hatte schwarze Locken. Ich fragte in die Runde, ob jemand Englisch könne. Der Brillenträger hob die Hand, ich lief die Stufen zu ihm hoch.

Er hieß Khalid und sagte mir, dass sie fünf Freunde waren, die aus Syrien geflüchtet waren und hier darauf warteten, dass sie von Schleusern zur Bootsüberfahrt gebracht würden. Bezahlt hatten sie schon, aber wann es losgehen sollte, wussten sie nicht. Sie wussten nur, dass sie sich tagsüber nicht allzu weit von dieser Treppe entfernen durften, denn hier war der Treffpunkt für die Fahrt, so hatte man es ihnen gesagt. Bis es so weit war, mussten sie sich Tag und Nacht im Freien herumschlagen, eine Unterkunft hatten sie nicht.

Khalid erzählte, dass er in Syrien als Schauspieler gearbeitet und in einigen Serien aufgetreten war. Mit seinen Freunden war die Verständigung etwas schwieriger, da sie kaum Englisch konnten, aber sie gaben mir lächelnd und mit Gestik und Mimik zu verstehen, dass ich nicht störte.

Was ein Interview sein sollte, entwickelte sich schnell zu einem persönlichen, ungezwungenen Gespräch. Die Jungs konnten untereinander trotz ihrer Lage ihren Spaß haben. Als der Jüngste hastig in seiner Tasche zu suchen begann, wurde er von den lachenden Anderen dabei aufgezogen. Khalid übersetzte mir die Szene: Ihr Jüngster war gleichzeitig der Eitelste und achtete immer auf sein Aussehen, es kam für ihn nicht infrage, dass ihn ein Fremder ohne Schuhe auf einer Steintreppe sah. Irgendwie kam auch das Thema Lieblingsfilme auf. Khalid zählte seine auf, dann ich meine, und als ich „Casino“ nannte, drehte sich der Kappenträger im schwarzen Outfit um, strahlte, hob einen Daumen und rief: „De Niro!“

Als ich mein Notizheft aus dem Rucksack holen wollte, sah Khalid die Fotokamera, die ich von der Redaktion bekommen hatte. Da ich wenig davon verstand, war es für mich immer eine ziemlich gewöhnliche Kamera, doch Khalid war schon von ihrem Anblick begeistert. Er erzählte, dass er genau die gleiche besessen hatte, sie aber bei der Flucht hatte zurücklassen müssen. „Can I?“, fragt er. Ich gab sie ihm, er sprang auf und schoss Fotos von allem und jedem, von seinen Freunden, von mir, vom Marktplatz. Vor und nach den Fotos schraubte er am Objektiv, drückte auf irgendwelchen Knöpfen und präsentierte uns dann seine Aufnahmen mit verschiedenen Effekten. Er verlor sich ganz im Umgang mit der Kamera, das Gerät machte ihn glücklich.

Als ich dann doch mit den anderen Jungs in Gespräch kam, ich glaube, es ging um Fußball, verschwand Khalid hinter einer Ecke. Und jetzt würde ich gerne sagen, dass ich mich weiterhin voll auf das Gespräch mit den Anderen konzentrieren konnte. Die Wahrheit aber ist, dass sich ganz hinten im Hinterkopf der misstrauische Westliche in mir meldete und leise rief: Kennst du ihn schon so gut genug, dass du ihm eine teure Kamera anvertrauen kannst, die nicht mal dir gehört? Ich dachte den Gedanken nicht weiter und hätte es besser gefunden, wenn er gar nicht aufgekommen wäre, aber so ist der Mensch. Khalid tauchte dann auch schnell wieder auf, er war nur um die Ecke gegangen, weil er von dort aus bessere Sicht auf eine Moschee hatte, die etwas in der Ferne stand und die er unbedingt hatte fotografieren wollen.

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So unbeschwert unser Umgang auf den ersten Blick auch war, uns allen war natürlich bewusst, was uns an diesem Ort zusammengebracht hatte, und dass ihre Situation alles andere als unbeschwert war. Deshalb schwankte unser Gespräch auch immer wieder zwischen Alltagsunterhaltung und Tragödien, die wie selbstverständlich ins Gespräch eingeflochten werden mussten, weil es ihr Werdegang und ihre Situation nun mal so erforderte. Als Khalid von seiner Schauspielkarriere erzählte, zeigte er mir auf seinem Handy ein Profilfoto, das er für die Webseite seiner Agentur hatte machen lassen. Das Foto hatte ein junger Fotograf aus seiner alten Nachbarschaft gemacht, den sie alle kannten und mit dem sie gut befreundet waren. Sie sprachen eine Weile auf Arabisch über ihren Freund, einige der Anekdoten brachten sie zum Lachen. Dann sagte Khalid: „Er hat nie etwas Anderes gemacht als seine Fotos. Hat nie jemandem etwas angetan. Und sie haben ihn einfach erschossen.“ Später, als ich sie fragte, wo ihre Familien waren, zeigte Khalid mit dem Finger nacheinander auf seine Freunde und sagte leise, ohne dass sie es hören konnten: „Er hat seine Eltern verloren, er seinen kleinen Bruder, bei ihm wurde die ganze Familie umgebracht…“ Dann sagte er nichts mehr, und jedes Wort, das ich dazu gesagt hätte, wäre zu viel gewesen. Als wir über die bevorstehende Bootsüberfahrt sprachen, sagte er, sie hätten keine Angst, auf keinen Fall, das bringe ja nichts. Man könne nur die Hoffnung haben, dass es irgendwie klappt. In welches europäische Land sie es schafften, war ihnen egal, es ging ihnen nur darum, möglichst weit weg vom Chaos in der Heimat zu kommen.

Nach etwa einer Stunde bat ich sie, mir ihre Kontaktdaten mitzugeben, damit ich später in Erfahrung bringen könnte, wie es ihnen ergangen war. Khalid schrieb mir alle ihre Namen ins Heft, dazu seine Email-Adresse. Ich wünschte ihnen zum Abschied alles Gute und verabschiedete mich einzeln von allen, die wach waren. Der eine Kollege auf den unteren Stufen hatte sich während meiner ganzen Zeit auf der Treppe nicht gerührt, er war weiterhin im Tiefschlaf. Als letztes gab ich Khalid die Hand. Er sagte: „Pray for us, my friend. Pray, pray, pray.“

(Diesen letzten Satz habe und werde ich nie vergessen, denn er war das letzte, das ich von Khalid und seinen Freunden mitbekommen habe. Nach meiner Rückkehr aus der Türkei schrieb ich ihm einige Mails, bekam aber nie eine Antwort. Was aus ihnen geworden ist, weiß ich nicht.)

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Ich war froh, endlich mit Menschen ins Gespräch gekommen zu sein, die das ganze Drama, über das ich berichten sollte, selbst durchmachten. Gleichzeitig bedrückte es mich, sie und ihr Schicksal so auf der Treppe zurückzulassen, genau wissend, dass ich nicht das Geringste daran ändern und nichts für sie tun konnte.

So langsam drängte die Zeit. Es war Nachmittag geworden, nachts um elf stand mein Rückflug an. Ich machte einen kurzen Abstecher im Hotel, packte alle meine Sachen in den Rucksack und checkte aus. Dann ging ich zum Busbahnhof, denn bevor es dunkel wurde, musste ich noch an den Strand und sehen, was dort vor sich ging und wie die Schleuser zu Werke gingen. Ich hatte oft genug gehört, dass es gefährlich war, sich dort auch nur aufzuhalten, doch ohne den Versuch hätte sich die ganze Dienstreise hinterher unvollständig angefühlt, das wusste ich. Also saß ich wieder im Taxi, und das Ziel hieß diesmal Assos. Das kleine, so sagenumwobene Dorf am Strand.

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