About Neymar

Oder: Wie die Skepsis weicht.

Wie es sich für einen Fußballblogger so gar nicht gehört, bin ich zurzeit ziemlich auf Fußball-Diät. Kein Training, kein Kicken auf dem Bolzplatz, keine U-21-EM, so gut wie kein Confederations Cup. Ich weiß nur, dass das U21-Turnier von den Spaniern gewonnen wurde, und dass den Confed Cup das gleiche Schicksal ereilen wird, weil Großturniere in den letzten Jahren das nun mal so an sich haben.

Letztens schaltete ich dann aber doch zufällig beim Confed Cup ein, und zwar während der Partie Brasilien gegen Mexiko. Es war die Schlussphase, es waren vielleicht zehn Minuten zu spielen, Brasilien führte mit 1:0 und versuchte, die Führung ins Ziel zu bringen. Es waren also nicht gerade die bedeutendsten zehn Minuten Fußball, doch sie genügten, um mir ein interessantes Fußball-Thema in Erinerrung zu rufen das mich nicht zuletzt in dieser Sommerpause dann doch beschäftigt, nämlich der junge Brasilianer Neymar.

Der Begriff „Thema“ ist ganz bewusst gewählt, denn ein Fußballer im eigentlichen Sinne ist der junge Mann ja schon nicht mehr, es gibt zu viel Hype, in seinem Heimatland und in der Welt, es sind zu viele Fragen offen. Die größte und aktuellste lautet seit dem bekanntgewordenen Wechsel nach Barcelona: Packt er es? Schafft er den großen Schritt nach Europa oder scheitert er an ihm, wird die Weiterentwicklung folgen oder die Stagnation, Weltstar oder gescheitertes Talent?

Womit wir wieder bei der Schlussphase gegen Mexiko wären. Als die zu Ende war, lautete mein erster Gedanke: Vielleicht ist die Aufregung in ihrer Gesamtheit doch gerechtfertigt, vielleicht wird aus dem Jungen tatsächlich das nächste große Ding. Es war einfach schön mitanzusehen, was er da auf dem Feld veranstaltete, und diese wenigen Minuten reichten ihm aus, um die gesamte Palette seiner Fähigkeiten zu demonstrieren. Er ist flink, er hat eine unfassbare Technik, er dribbelt meisterhaft, er hat das Auge und den Abschluss. Nach wenigen Minuten und einigen Aktion von ihm wartete ich nur darauf, dass er wieder die Kugel bekommt und war gespannt, was er dann mit ihr machen würde. Dass ist ja nur bei außergewöhnlichen Spielern der Fall, dass man damit rechnen muss, dass etwas Besonderes passiert, wenn sie den Ball haben, und sie deshalb als Zuschauer mehr wahrnimmt als andere Spieler. Nach einem Einwurf bekam er den Ball, wurde gedoppelt und hob den Ball so über sich und die Gegenspieler, dass er sich blitzschnell ihrer entledigt und freien Raum erklommen hatte. Kurz darauf entschied er dann das Spiel, indem er erneut zwei Spieler mit einem Dribbling an der Grundlinie lächerlich machte, den besser postierten Stürmer Jo sah und ihm zum 2:0 verhalf. Es war ein kurzer Auftritt, der mich überzeugte.

Doch damit wir uns nicht falsch verstehen, dass waren nicht meine ersten Eindrücke von Neymar, denn insgesamt verfolge ich seinen Werdegang schon grob seit dem Sommer 2010. Damals sah ich, wie sich ein Bekannter von mir per Facebook-Post darüber echauffierte, dass der damalige Nationaltrainer Brasiliens einen mir damals nicht bekannten Spieler nicht für die WM nominiert hatte: „Haha Dunga nimmt Neymar nicht mit, der hat doch keine Ahnung! Der Junge ist bombe!“ So in etwa. Der Verfasser war und ist eine Art Fußball-Hipster, der sich immer gern über solche Randthemen auslässt, was das Thema Neymar damals ja auch noch war.

Ich machte mir daraufhin per Youtube einen Eindruck über den Spieler und merkte zwar schnell, dass er ein herausragendes Talent hatte, war aber doch skeptisch. Er ließ zwar seine Gegenspieler reihenweise stehen und schien auch sehr torgefährlich zu sein, mich störten aber die kleinen Mätzchen. Damit meine ich nicht die extravagante Figur, die hochgezogenen Stutzen oder die bunten Schuhe, denn das ist nunmal der Look der heutigen Nachwuchsgeneration des Fußballs. Ich meine sportliche Mätzchen wie die überflüssigen Showdribblings an der Eckfahne, die Schwalben, das Theatralische, das Überflüssige. Ich mag technische Spieler, aber nur, solange sie sich und ihre Gegenspieler nicht zum Affen machen, und das schien mir bei ihm noch zu sehr der Fall. Er erinnerte mich an Denilson, der 1998 bei der Weltmeisterschaft mein Held war, sich aber nach seinem Wechsel zu Betis Sevilla als eindimensionaler Dribbelkünstler entpuppte und dessen Leistungen nie seinem Talent entsprechen konnten.

Drei Jahre später weiß Neymar nicht mehr nur den Fußball-Hipster aus Facebook hinter sich, inzwischen ist er das globale Fußball-Talent schlechthin. Er wird ab der kommenden Saison beim großen FC Barcelona spielen, er ist der Star der brasilianischen Nationalmannschaft, bei der Weltmeisterschaft im nächsten Jahr wird er einer der großen Hoffnungsträger sein.

Es ist alle paar Jahre der Fall, dass Brasilien ein großes, alles überstrahlendes Talent hervorbringt, das zuerst in jungen Jahren im Heimatland auf sich aufmerksam macht, danach schnell zum Heilsbringer dieser großen Fußballnation aufgebaut wird und schließlich das große Fußball-Europa erobern soll. Eine manchmal vorschnelle Begeisterungsfähigkeit, die seit Jahrzehnten vom großen nationalen Verlangen nach dem nächsten Pelé geleitet wird. Den Spielern, denen diese Rolle zufällt, bleibt eigentlich gar nichts anderes übrig, als zu brillieren. Entweder schlagen sie in Europa voll ein und haben den Erfolg, der von ihnen erwartet wird (Romario, Ronaldo, Rivaldo, Ronaldinho usw.), oder es reicht nicht zum ganz großen Wurf und sie gelten als gescheitert, und schon diese Tatsache zeigt den enormen Druck, der auf ihnen lastet. Neben dem bereits genannten Denilson ist dabei wohl Robinho das große mahnende Beispiel.

Als der noch beim FC Santos spielte und die europäischen Topvereine sich um ihn stritten, nannte der große, immer leicht geschwätzige Pelé ihn öffentlich „meinen Nachfolger“ und prognostizierte eine goldene Zukunft: „Robinho kann mich übertreffen. Wir müssen Gott danken, dass er Santos einen neuen Pelé beschert hat.“ Das ist nun zehn Jahre her, und das einzige, was ich dieser Saison über Robinho gelesen habe, war dass er beim AC Mailand vom Training geflogen ist, und dass man ihn schnellstmöglich loswerden will. Man kann nicht sagen, dass Robinho keine gute Karriere hingelegt hat, er hat bei Real gespielt, bei Manchester City, in Mailand. Doch schon alleine die Erwartungen, die damals an ihn geknüpft wurden, und die Tatsache, dass er nie diese überragende Figur geworden ist, lassen seinen Werdegang als enttäuschend erscheinen.

Mit Neymar steht nun das nächste Wunderkind am Scheideweg, und man darf gespannt sein. Die Beobachter seines Weges sind gespalten, es gibt glühende Verehrer und missmutige Kritiker, und beide Seiten können sich bislang nur auf Indizien stützen, jede Ansicht hat ihre Argumente.

Mich hat wie gesagt sein Auftreten beim Confed Cup recht überzeugt, auch wenn ich ihn nur kurz gesehen habe und im Halbfinale sicherlich intensiver beobachten werde können, so wirkte sein Spiel im Gegensatz zu den frühen Youtube-Schnipseln schon in jenen wenigen Minuten doch direkter und weniger verspielt, zielstrebiger; er wurde einmal hart gefoult und stand schnell wieder auf, anstatt die Sekunden fürs Vortäuschen großer Schmerzen zu nutzen, das sind Kleinigkeiten, die Schlüsse ziehen lassen. Über sein Talent müssen wir nicht mehr reden, und auch die Tatsache, dass Barca auf seiner Position, dem linken offensiven Flügel, großen Bedarf hat, wird ihm zugute kommen.

Erschwerende Wirkung aber könnte der bereits angesprochene ungemeine Druck entfalten, der in Barcelona von der ersten Minute an auf ihm lasten wird, man wird abwarten müssen, wie er als junger Spieler mit Rückschlägen wird umgehen können. Interessant wird auch zu beobachten, wie er mit dem Qualitätssprung seiner Gegner zurechtkommen wird, denn das ist ja das Hauptargument der Neymar-Skeptiker, dass er zwar in Brasilien mit den Abwehrreihen machen konnte, was er wollte, dass die Abwehrspieler in Europa aber um einiges rustikaler und erfahrener sein werden. Zudem wird die Co-Existenz mit Messi mit großer Spannung erwartet. Der Weltfußballer ist sportlich eine dominante Figur, neben der für andere Offensiv-Stars eigentlich nicht viel Raum übrig bleibt. Ich habe mal gelesen, dass damals, als Bojan Krkic mit 16 Jahren zu seinen ersten Einsätzen kam, die damit verbundene Aufmerksamkeit den Neid Messis auf sich zog und Krkic deswegen von diesem komplett ignoriert wurde, sowohl auf als auch neben dem Feld. Ob da was dran ist oder nicht, Messi ist inzwischen trotz seines ruhigen Wesen bei Barcelona auch in der Rangordnung ganz oben und faltet Mitspieler auch mal zusammen, wenn sie ihm den Ball nicht wie gewünscht liefern, man muss sich ihm unterordnen. Auch ein Zlatan Ibrahimovic konnte sich neben Messi nicht gänzlich entfalten.

Es sind also noch viele offenen Variablen, die den Werdegang des Spielers bestimmen werden und die es abzuwarten gilt. Was wird aus dem jungen Neymar, ein Superstar oder eine Enttäuschung? Sein Auftreten beim Confed Cup macht Hoffnung, doch eine genaue Antwort ist noch nicht möglich. Sicher ist wohl nur, dass es keine Antwort zwischen den zwei Extremen gibt.

So, und hier das Update einen Tag später. Nachdem ich das Halbfinale Brasilien gegen Uruguay gesehen habe, muss ich sagen, dass meine Beobachtungen und Schlüsse aus der Schlussphase gegen Mexiko doch leicht vorschnell gewesen sein könnten. Denn der Auftritt bewies, dass es mit den von mir angesprochenen und eigentlich schon der Vergangenheit zugeordneten Mätzchen und überflüssigen Aktionen doch noch nicht ganz vorbei ist. Er packte wieder völlig übertriebene Schwalben aus, er ließ sich von einem Gegenspieler provozieren und schickte ihm einen Handkuss (?), dazu hielt er bei so gut wie jeder Aktion den Ball zu lange, wollte zu viel, verdribbelte sich, verlor den Ball. Auch die Vorlage beim entscheidenden Tor änderte nichts daran, dass es kein guter Auftritt von Neymar war. Das soll alle eingangs geschriebenen Thesen über sein Potenzial über den Haufen werfen, aber es bleibt zu hoffen, dass er die Flausen mit der Zeit sein lässt und sein Spiel zielstrebiger und effektiver wird.

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