Allein nach Berlin

Sechs Stunden Autobahn sind viel Zeit zum Überlegen. Die Strecke von Heilbronn nach Berlin ist lang, aber einfach. Im Grunde muss man auf den blauen Schildern einfach nur drei Namen hintereinander verfolgen: Nürnberg, Leipzig, dann Berlin.

Ich bin alleine unterwegs, aber die Fragen der anderen fahren mit. Warum Berlin, was willst du dort, ist es nicht viel zu weit, viel zu dreckig, also mich würde das ja jetzt gar nicht reizen. Und dann noch gleich für ein halbes Jahr, ja krass. Das Gute an diesen Fragen ist, dass sie sich mit jedem Kilometer etwas weiter entfernen. Berlin hat für mich schon immer fasziniert, auf eine Art, die nicht so einfach zu erklären ist. Zu den obigen Fragen habe ich immer irgendetwas gestammelt von der Geschichte der Stadt, die ganzen Kulturen, ach und die Mauer damals, alles so groß, so vielfältig, weisch wie ich mein. Und da ich nun mal aus Württemberg komme, entspreche ich genau dem großen Klischee: Irgendwo im Süden hat einer genug von der Provinz, will in die Großstadt und sucht sich die größte aus, will mal rauskommen und was erleben.

Bei mir ist es schon auch so, aber auch irgendwie anders. Es ist ein tieferes Interesse, fast schon ein Verlangen. War schon immer so, könnt ihr jeden fragen. Von weitem habe ich so den Verdacht, dass dort alles zusammenkommt, was Deutschland ausmacht. Wenn ich eine Dokumentation, einen Artikel, einen Film sehe, und Berlin ist entweder Thema oder Ort des Geschehens, muss ich mich damit befassen. Auf Youtube eine neue alte Spiegel-TV-Reportage über die Zustände am Kottbusser Tor, beim Essen nebenher laufen lassen, und ich bin zufrieden.

Es ist nicht meine erste Fahrt nach Berlin. Schon beim ersten Besuch wusste ich nach kurzer Zeit, dass ich eines Tages mal dort leben wollte. Mit der Zeit geriet dieser Gedanke immer weiter in den Hinterkopf, irgendwann verstummte er. Dann schloss er sich mit einem ganz ähnlichen Gedanken zusammen. Gemeinsam arbeiteten sie sich wieder in den Vordergrund, wurden zum Plan. Der zweite Gedanke heißt: Einen Roman sollte man mal schreiben. Nicht nur man, am besten ich. Auch das ist kein neuer Einfall, sondern jetzt schon einige Jahre her. Und er war etwas hartnäckiger als das Berlin-Ding. Ich setzte mich immer wieder mal hin und ging die Sache an, begann zu schreiben, verwarf die Idee, hörte auf, fing Wochen später wieder von vorne an. Dann die Einsicht: Entweder nimmst du dir eine Auszeit und setzt sich Tag für Tag hin und ziehst es durch, oder es wird nie etwas. Also was tun? Da meldete sich die Berlin-Idee wieder aus dem Hintergrund: Ich wüsste da was.  „Allein nach Berlin“ weiterlesen