Ayvacik (III)

Was vorher geschah: Im Herbst 2015 war ich für eine journalistische Hospitanz in der Türkei. Die meiste Zeit davon arbeitete ich in Istanbul. Gegen Ende meines Aufenthalts fuhr ich für zwei Tage an den Küstenort Ayvacik, der nur wenige Kilometer von der griechischen Insel Lesbos entfernt liegt und deshalb zum Anlaufpunkt für Flüchtlinge und Schleuserbanden geworden war. Ich sollte dort für eine Reportage zum Thema recherchieren. Die Zeit in Istanbul wurde in drei Teilen behandelt (1,2,3). Die Zeit in Ayvacik auch schon in zwei Texten (1,2). Jetzt kommt der dritte, die ganze Textreihe abschließende Teil.

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Das kleine Dorf vor der Ägäis hieß auf Türkisch zwar Behram, die Anwohner benutzten aber den antiken griechischen Namen Assos. Der Taxifahrer hielt mitten im Ort an und sagte, wir seien da, ich sagte ihm aber, ich müsse an den Strand. Also fuhren wir noch ein paar Kilometer weiter, und erst als ich aus dem Fenster das Meer sah, merkte ich, dass wir uns gerade auf einer Klippe befanden.

Der Fahrer stoppte am Straßenrand und sagte, er müsse mich aussteigen lassen, da es problematisch sei, mit dem Wagen ganz nach unten bis an den Hafen zu fahren. Ich ließ mir noch kurz den Weg erklären und stieg aus. Von der Landstraße ging ein kleiner Seitenweg nach links ab. Ich schlug ihn ein und blieb nach wenigen Metern stehen, denn ich konnte bereits das Meer in seiner vollen Pracht überblicken. Gegenüber, gut zu erkennen, die griechische Insel Lesbos, das Tor nach Europa. Das dunkle Gebirge erinnerte mich in seinen Umrissen an die erste Zeichnung in „Der kleine Prinz“. Sie sah aus wie ein riesiger, breiter Hut, oder eben wie eine Schlange, die einen Elefanten geschluckt hatte. Schräg hinter Lesbos ging die Sonne gerade unter, das ließ die Vorderseite der Insel verdunkeln und gab ihr gleichzeitig einen hell leuchtenden, goldenen Schweif.

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Erst auf den zweiten Blick erkannte ich die vielen Flüchtlingsboote, die gerade auf dem Weg dorthin waren. „Ayvacik (III)“ weiterlesen

Ayvacik (II)

Was vorher geschah: Im Herbst 2015 war ich für eine journalistische Hospitanz in der Türkei. Die meiste Zeit davon arbeitete ich in Istanbul. Gegen Ende meines Aufenthalts fuhr ich für zwei Tage an den Küstenort Ayvacik, der nur wenige Kilometer von der griechischen Insel Lesbos entfernt liegt und deshalb zum Anlaufpunkt für Flüchtlinge und Schleuserbanden geworden war. Ich sollte dort für eine Reportage zum Thema recherchieren. Gleichzeitig war es auch eine Art beruflicher Selbstfindungstrip, denn damals war ich mir noch unschlüssig, ob ich das ganze Journalismusding durchziehen sollte oder nicht. Die Zeit in Istanbul wurde hier schon in drei Teilen behandelt (1,2,3). Die Zeit in Ayvacik auch schon in einem Text. Jetzt kommt der zweite Teil.

Ins Bett ging ich mit dem Vorsatz, so früh aufzustehen wie schon lange nicht mehr, als Erster beim Frühstück zu sein und dann den Tag voller Elan anzugehen. Stattdessen stolperte ich kurz nach elf Uhr schlaftrunken in den leerstehenden Esssaal und kratzte mir von den verbliebenen Resten mein Essen zusammen.

Ich aß schon eine Weile, als der Koch, der gerade aus der Küche gekommen und seine Schürze abgelegt hatte, anfragte, ob er sich dazusetzen könne. War kein Problem. Der Grund dafür, dass er sich zu mir setzte, und nicht an einen der vielen anderen unbesetzten Tische, war der Stapel türkischer Tageszeitungen, der auf dem Tisch lag. Er blätterte die erste Zeitung durch, dann die zweite, danach keine mehr, er schob den Stapel beiseite und steckte sich einen Zahnstocher in den Mund. Außer uns war nur noch eine Putzfrau im Raum, die den Boden wischte. Ich aß fertig und fragte ihn dann, wo und wie ich am besten mit Flüchtlingen ins Gespräch kommen könnte.

„Hier im Hotel gibt es fast nur Flüchtlinge“, sagte er. „Aber die meisten können kein Englisch, da müsstest du mal herumfragen. Um diese Uhrzeit sind sie aber eh alle außer Haus.“
„Und wo?“
„Entweder fahren sie zum Strand, oder sie suchen nach Leuten, die ihre Bootsfahrt organisieren.“

Wir führten dann ein ziemlich ausführliches Gespräch, von dem mir vor allem in Erinnerung geblieben ist, dass es irgendwann um den türkischen Staatspräsidenten ging, und dass der Koch dabei immer wieder ganz selbstverständlich „Tayyip amcam“ sagte, also „mein Onkel Tayyip“, was ich so noch nie gehört hatte. Außerdem erzählte er von einer offiziellen Flüchtlingsunterkunft etwas außerhalb der Stadt, in der alle Flüchtlinge untergebracht wurden, die von den Behörden aufgeschnappt wurden. Als ich den Koch am Ende unseres Gesprächs fragte, ob ich einige seiner Aussagen in meinem Artikel verwerten dürfte, reagierte mit einem Kopfschütteln, das so kurz und beiläufig war, als sollte selbst die Tatsache, dass er in irgendeiner Art auf die Frage reagierte, unbedingt unter uns bleiben.

Die von ihm erwähnte Flüchtlingsunterkunft wollte ich mir ansehen, hatte aber die Ansage des Vize-Bürgermeisters im Hinterkopf, dass ich im Falle eines Anrufs sofort zum Interview antanzen musste. Gleichzeitig hatte er mir ja verboten, selbst anzurufen und nachzufragen, was mich in einen Zwiespalt brachte. Aber das Risiko musste ich eingehen, also ließ ich mir an der Rezeption ein Taxi rufen.

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Die Unterkunft lag nur etwa zwei Kilometer vor der Stadt, nach fünf Minuten waren wir da. Die kurze Zeit reichte dem Fahrer aber, leichte Deutschländer-Beute zu riechen. Er verlangte unverschämte 20 Lira, umgerechnet sind das so ungefähr zehn Euro für zwei Kugeln Eis. Ich weigerte mich, es kam zur Diskussion, er sagte: „Für deine Chefs in Istanbul ist das doch eine Kleinigkeit.“ Das war etwas mysteriös, denn von meiner Arbeit in Istanbul hatte ich ihm gar nichts erzählt. Am Ende zahlte ich doch, wohlwissend, dass ich abgezogen wurde. Als Zeichen meiner Wut schlug ich die Tür nach dem Aussteigen mit voller Kraft zu. Das Auto fuhr langsam los. Dem hatte ich es gezeigt.

Dann stand ich vor einem um die drei Meter hohen, am oberen Ende nach innen gebogenen Drahtzaun. Ich kam ihm langsam näher, starrte eine Weile durch den Zaun hindurch und beobachtete das Geschehen im Hofinneren wie ein Zoobesucher. Nur dass auf der anderen Seite keine Tiere waren, sondern Menschen. „Ayvacik (II)“ weiterlesen