Sport Bild Watch

Ja ja, Sport Bild. Wir zwei kennen uns gut. Als Kind führte meine Faszination mit Fußball dazu, dass ich sie mir jeden Mittwoch kaufte. Sport Bild war mir damals so wichtig, dass ich ein eigenes Ritual hatte: Einmal komplett durchblättern, die Bilder ansehen und einen Eindruck von den aktuellen Themen bekommen, dann erst anfangen zu lesen. Ich sammelte die Zeitschrift sogar, und irgendwann lagen so viele Exemplare in meinem Schrank, dass der Platz für Kleidung eng wurde. Alle Bemühungen meiner Mutter, das viele Papier endlich entsorgen zu dürfen, wehrte ich lange ab.

Vermutlich ist ja mein damaliges Alter auch das geeignetste, um Sport Bild genießen zu können. Wenn man sich noch eher wenig Gedanken beim Lesen macht, wenn man unterhalten werden will, auf bunte Seiten und große Bilder steht. Mit der Zeit ließ sich das Denken beim Lesen aber nicht mehr komplett ausschalten, und so wurde mir immer mehr bewusst, wie berechnend, manipulierend und unehrlich Sport Bild arbeitet.

So kam es irgendwann zur Reihe „Sport Bild Watch“. In der befasste ich mich jede Woche mit der neuen Ausgabe der Zeitschrift, ging auf einzelne Artikel ein und versuchte darzustellen, mit welchen Mitteln in der Sport Bild getrickst und gepfuscht wird. Das machte Spaß, doch nach einiger Zeit musste ich damit aufhören. Denn eines Tages standen dunkle Gestalten vor meiner Tür und forderten mich auf, es zur eigenen Sicherheit zu unterlassen irgendwann wurde es neben der Uni leider doch zu zeitaufwendig. Wer die damaligen Artikel im Internet sucht, wird sie nicht finden, da ich aufgrund eigener Nachlässigkeit die Domainrechte für die damalige Seite und damit auch ihre Daten verlor.

Das alles ist nun schon einige Jahre her, danach gingen Sport Bild und ich uns lange aus dem Weg. Diese Woche strahlte sie mich dann beim Vorübergehen an einem Kiosk an, und ich griff spontan zu. Vor allem aus Neugier: Ist Sport Bild in der Zwischenzeit vielleicht etwas zur Vernunft gekommen? Hat sie sich in all den Jahren gemäßigt, oder poltert und hetzt und verdreht sie Tatsachen wie damals?

Der Blick in die aktuelle Ausgabe und ihre Artikel lieferte ernüchternde Antworten, also entschied ich mich, sie ein weiteres Mal aufzuschreiben. Dass die Veröffentlichung des Textes nun genau in die Zeit fällt, in der die Bild zusammen mit der Bundesliga im Zentrum hitziger Diskussionen steht, ist eigentlich eher Zufall. Aber vielleicht auch ganz passend, denn es kann nie schaden, sich nochmal zu erinnern, warum Bild (und Sport Bild) den Ruf genießt, den sie verdient.

Nach der längsten Einleitung ever, kann es nun ja losgehen.

Die Dilettanten

Das erste große Thema im Heft sind die Schiedsrichter der Bundesliga. „Schiris immer schlechter?“, schreit einen die über zwei Seiten gehende Überschrift in schwarzen Buchstaben an, gleich darunter ist von einer „Zunahme der Schiedsrichter-Patzer“ die Rede. Ob es eine solche Zunahme tatsächlich gibt, wird im Artikel selbst aber nicht etwa statistisch belegt, geschweige denn angesprochen. Im Zentrum steht allein die Fehlentscheidung von Knut Kircher, der im Spiel zwischen dem FC Bayern und dem FC Augsburg einen unberechtigten Elfmeter gab. Zunächst kommen die benachteiligten Augsburger zu Wort, dann wird die ewig diskutierte Frage um die Notwendigkeit des Videobeweises erörtert. Aber was ist mit der Frage in der Überschrift? Werden die Unparteiischen wirklich immer schlechter? Ob Kirchers Fehlentscheidung ein Einzelfall ist oder einen derzeitigen Trend bestätigt, bleibt unbeantwortet. Stattdessen gibt es neben dem Artikel einen bissigen Kommentar des „Chefreporters“. „Sport Bild Watch“ weiterlesen

„Straight Outta Compton“ und ich

Eines meiner größten Laster war es ja immer schon, am Ende eines Textes den Hinweis „Bald kommt eine Fortsetzung“ hinzuklatschen – und dann nie eine Fortsetzung folgen zu lassen. Doch, nie mehr! Denn siehe da, nachdem ich mich kürzlich ja bereits über das Phänomen N.W.A ausgelassen hatte, werde ich nun noch von meinen Eindrücken beim Besuch des Kinofilms „Straight Outta Compton“ berichten.

WER DEN NOCH FILM ANSEHEN WILL: BITTE DEN KOMMENDEN ABSATZ ÜBERLESEN, BIS ZU DER STELLE, AN DER EUCH WIEDER GROSSBUCHSTABEN BEGRÜSSEN. DAZWISCHEN LAUERN NÄMLICH JEDE MENGE SPOILER. DANKE

Die Kurzfassung der Story: Drogendealer Eric Wright entschließt sich Ende der Achtziger, dem lebensgefährlichen Drogenhandel abzusagen, sein Geld ins Musikgeschäft zu investieren und das Label „Ruthless Records“ zu gründen. Eine neue Band soll her, also findet er zunächst Dr. Dre, der in einem Nachtclub mit DJ Yella auftritt, später kommen Ice Cube und MC Ren dazu, und die neue Gruppe steht. Eazy selbst sieht sich als eine Art organisierendes Oberhaupt der Gruppe, nicht als Rapper. Durch einen Zufall nimmt er aber den ersten erfolgreichen Song der Band auf 1. Dann folgt der schnelle Aufstieg zur berühmt-berüchtigten Band, doch kurz darauf verlässt Ice Cube die Band, da er sich unter Wert bezahlt fühlt. Es kommt zu heftigen Diss-Attacken zwischen den verbliebenen Mitgliedern und Cube, bis auch Dre mit der Verteilung der Einnahmen nicht mehr einverstanden ist und die Gruppe ebenfalls verlässt. Damit ist N.W.A Geschichte. Nach einiger Zeit gibt es zwar erste Gespräche über eine Versöhnung und ein Comeback, doch kurz darauf, im Jahr 1995, verstirbt Eazy-E an AIDS.

ALLES WIEDER GUT, HIER IST DER SPOILER ZU ENDE. DIE LUFT IST WIEDER REIN.

An einem Montag in nicht allzu ferner Vergangenheit – es war der letzte richtig heiße Tag des Sommers – saß ich im Kino und war sehr gespannt darauf, wie gut es gelungen war, die Geschichte N.W.As filmisch festzuhalten. Da ich eher der Kinogängertyp Spätvorstellung bin, kam es mir etwas seltsam vor, dass die späteste Vorstellung schon um 19.30 begann. Noch verwunderter war ich darüber, dass der Saal trotz der immensen Hitze an jenem Tag fast restlos gefüllt war, aber der Sprung an die Spitze der Besucher-Ranglisten muss ja seinen Grund gehabt haben.

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Gruß, Poldi

Nachdem sein Wechsel in die Türkei feststand, war es ja irgendwie klar, dass die verschiedenen Social-Media-Auftritte des Lukas Podolski mehr denn je unter Beobachtung stehen würden.

Die Formel ist recht einfach, man nehme:

Hohe Aktivität des Spielers bei Facebook, Twitter und Instagram
+
Zeitalter, indem Journalisten in aller Welt aus Gemütlichkeit soziale Medien von Promis als Nachrichtenquelle nutzen
+
die türkische Medienlandschaft, in der Privates und Meinungen von bekannten Fußballern kostbares Gut darstellen
+
eine generell hohe Affinität in der Türkei zum Internet und zu sozialen Medien, wodurch jeder Eintrag der Fußballprofis umso mehr im Mittelpunkt steht

All das sorgt seit Podolskis Ankunft in Istanbul dafür, dass jede noch so kleine Bemerkung von ihm durch alle türkischen Medien wandert.

Schon in den vergangenen Wochen kam es immer wieder zu Meldungen wie diesen:

„Breaking! Ist das ein Zeichen dafür, dass er tatsächlich zu Galatasaray kommt?“ (Zu einem von Podolski geposteten Bild, das ihn beim Teetrinken im Bodrum-Urlaub zeigt)

„Podolski macht sich über den Erzrivalen lustig!“ (Nach einem Podolski-Tweet, der unmittelbar nach dem Ausscheiden von Fenerbahce in der Champions-League-Quali getwittert hatte, dass er sich auf die Königsklasse freut)

Oder, auch schön: „Podolski dreht nach der Auslosung völlig durch“ (Er hatte lediglich ein Borat-Foto gepostet, nachdem Gala in der CL-Vorrunde mit dem kasachischen Vertreter Astana in eine Gruppe gelost wurde)

Podolski steht also in der Türkei jederzeit im Fokus, auch abseits des Platzes. Und das scheint er ausgiebig und möglichst positiv nutzen zu wollen. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass Poldi einen Beweis liefert, dass er sich voll und ganz mit seinem neuen Verein und seinem neuen Umfeld identifiziert. Das passiert meistens in bildlicher Form: Poldi im GS-Trikot mit der Hand am Herz (bei Galatasaray eine Geste mit großer Signifikanz), Poldi neben einem Löwen, der das Vereinsmaskottchen darstellt, Poldi mit einem Fladenbrot in der Hand, auf dem mit Sesamkörnern sein Name geschrieben wurde, Poldi am Bosporus, in Jubelpose, im Trikot, mit gelb-rot angemalten Wangen.

Es war ebenso zu erwarten, dass diese zur Schau gestellte Offenheit gut ankommen würde. „Gruß, Poldi“ weiterlesen