Jahresrückblick (I)

Ein Kinoabend mit Freunden ist natürlich schön. Nicht so schön ist es aber, wenn man bei der Filmauswahl an der Kasse einfach mal überstimmt wird. Cut zu: Sidan hockt in „Der Hobbit“ und rafft gar nichts.

Ich versuchte zunächst noch irgendwie zu folgen, war aber aufgrund mangelnder Vorkenntniss absolut verloren. Was hat es mit dem Hobbit auf sich? Warum tragen alle lange Haare? Warum diskutiert eine widersprenstige Kreatur mit einer schwarzen Wolke? Als dann noch das Gesprochene eines nicht identifizierbaren Wesen mit „Bolg!“ untertitelt war, schloss ich innerlich mit dem Film ab. Da waren aber noch zweieinhalb Stunden zu gehen.

Wie es so oft der Fall ist, wenn ich Zeit zum Nachdenken habe, fielen die Gedanken irgendwann auf den Fußball. Angesichts des kommenden Jahreswechsels kamen einige Erinnerungen der vergangenen Monate hoch. Menschen, Bälle, Emotionen. Schnell entwickelte sich die Idee, die Erinnerungen schriftlich zusammenzufassen, und hier sind wir nun. Was folgt, ist ein höchst subjektiver Blick in den Rückspiegel. „Jahresrückblick (I)“ weiterlesen

Neues, altes Chaos

Oh du verrückte, chaotische, unberechenbare Welt namens Süper Lig. Nebenberuflich sehe ich mir ja Woche für Woche jedes Spiel der drei Großen aus Istanbul an. Diese Woche musste ich eine Auszeit nehmen, da ich die Zeit am Wochenende dazu brauchte, mich für eine Klausur vorzubereiten. Keine Spielszenen, keine Berichte, keine Zeit. Auch als gestern Abend Besiktas auf Kasimpasaspor traf, war ich nicht mit von der Partie, sondern zwischen Bücherstapeln in der Versenkung verschwunden.

Es war nicht schön, aber zwingend, und so viel konnte ich ja auch wieder nicht verpassen, oder? 90 Minuten gewöhnlicher Liga-Alltag, 22 Männer treten gegen den Ball, am Ende gibt es ein Ergebnis, und jeder geht geräuschlos seinen weiteren Weg, richtig? Falsch. Stattdessen herrscht noch heute hellste Aufregung, wieder einmal, und man kommt mit den Reaktionen, Meinungen und Konsequenzen kaum hinterher. Ein Zuschauer steht vor Gericht, ein Spieler gibt an, nie wieder in der Türkei spielen zu wollen, und Markus Merk zofft sich mit Diskussionspartnern im TV-Studio, zudem regnet es erneut Verschwörungstheorien.

Besiktas ging früh durch Almeida in Führung, bevor es nach 30 Minuten zum ersten Mal kurios wurde. Einen zweiten Ball, der auf das Feld gerollt war, nahm Ryan Donk von Kasimpasa in die Hände, bevor er merkte, dass er mit seinen Schritten in Richtung des Balls ein mögliches Abseits aufgehoben hatte und sich mit dem Ball in der Hand nun der Möglichkeit eines Gegentors ausgesetzt sah, da inzwischen Almeida den Ball im Strafraum bekommen hatte. Donk löste dieses Problem schnell und kompromisslos, er schleuderte den Ball, den er in der Hand hielt, auf den Ball, den Almeida gerade in Richtung Tor befördern wollte. Der Schiedsrichter stoppte das Spiel, zeigte Donk die Gelbe Karte und ließ per Schiedsrichter-Ball weiterspielen, und ich habe keine Ahnung, wie richtig oder wie falsch er mit diesem Vorgehen lag.

Im zweiten Durchgang drehte Kasimpasa das Spiel. Auf den Rängen drehte ein Zuschauer durch.

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Drogba & Sneijder & Ich

Als Fußballfan eines türkischen Fußballvereins wächst man mit der Prämisse auf, dass ausländische Akteure grundsätzlich ein Segen und ein Versprechen auf schöne, gloriose Zeiten sind. Als der englische Stürmer Darius Vassell im Sommer 2009 zu Verhandlungen mit Ankaragücü ankam, wurde er am Flughafen von 3000 Fans empfangen, und auf dem Weg zu seinem Hotel von 300 hupenden Fahrzeugen begleitet. Vielleicht sollte ich das wiederholen. Darius Vassell. Ein Durchschnittsprofi, der bei Manchester City keinen neuen Vertrag bekommen hatte. In der Hauptstadt des Landes. 3000 Fans, 300 Autos. Der Begriff Gastfreundlichkeit ist in diesem Zusammenhang unzureichend, die Faszination an ausländischen Fußballern grenzt an eine kollektive, tief im Selbstverständnis des türkischen Fußballs verankerte Obsession.

Auch Galatasaray macht das Spiel seit Jahren munter mit. Vor allem seit Gheorghe Hagi Mitte der Neunziger verpflichtet wurde, zum absoluten Fixpunkt im Spiel und Liebling des Publikums avancierte und enormen sportlichen Erfolg brachte, ist der Verein fast schon dazu verpflichtet, den Kader möglichst jedes halbe Jahr mit einem wohlklingenden Namen zu bereichern. Es ging immer öfter schief. Als eine türkische Sendung vor einigen Jahren live von der Ankunft von Jo Alves in Istanbul berichtete, als ich sah, wie Scharen von Gala-Fans im Eingangsbereich des Atatürk-Flughafens tanzten und eigens komponierte Lieder für den Mann sangen, dessen Flieger noch gar nicht gelandet war, und der zuvor in 16 Spielen für Manchester City kein einziges Tor erzielt hatte und suspendiert worden war, da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass hier etwas falsch lief. Als er einige Monate, drei Tore und dutzende Eskapaden später wieder weg war und für den nächsten Versuch Platz machte, war ich mir sicher.

Dass es so selten klappt und meistens im schnellen Abschied und Unmut auf beiden Seiten endet, liegt vor allem an den unterschiedlichen Herangehensweisen und Erwartungen der einheimischen Anhänger und der ausländischen Spieler, wenn es um den Fußball geht. Die Fans der drei Istanbuler Vereine – und da nehme ich mich selbst nicht raus – sind im Verhältnis zu ihrem Verein von einem Fanatismus und einer Hingabe geprägt, die in ihrer Wucht nach europäischen Maßnahmen ungewöhnlich, fast schon gestrig erscheint. Die sportliche Situation des unterstützten Vereins wirkt sich direkt und erheblich auf das persönliche Befinden aus, und da die ausländischen Stars als hauptverantwortlich für die angestrebten Erfolge betrachtet werden, erfahren sie mehr Unterstützung, bekommen mehr Geld und Aufmerksamkeit, müssen aber auch mehr liefern, und das nicht nur auf dem Feld. Es wird umfassende Identifikation mit dem Verein eingefordert, und das völlig unabhängig davon, dass es sich bei den angehimmelten Spielern um Fußballer handelt, die jahrelang in Ländern und Ligen aktiv waren, in denen von allen Beteiligten akzeptiert wird, dass Fußball heutzutage in erster Linie ein Business ist. Dass die Spieler nicht etwa zu Galatasaray, Besiktas oder Fenerbahce wechseln, weil es ihr Kindheitstraum war, sondern vor allem deshalb, weil ihnen ein gutes Gehalt und einige schöne Jahre in einer schönen Stadt winken.

Diese Diskrepanz führt zu vielen Missverständnissen. Als der Galatasaray-Spieler Bruma, ein junges, portugiesisches Talent, unmittelbar nach einer Derby-Niederlage gegen den Erzrivalen Fenerbahce ein Bild bei Instagram hochlud, dass ihn fröhlich mit seiner Freundin zeigte, erntete er dafür wütende Fan-Reaktionen, man interpretierte die Aktion als fehlenden Respekt gegenüber dem Verein und seiner Geschichte. Manuel Fernandes, der Spielmacher von Besiktas, sorgte letztes Jahr für einen handfesten Skandal, als er sich ein Spiel von Fenerbahce in deren Stadion ansah. Als Dean Saunders, ein walisischer Ex-Profi, der in den Neunzigern zwei Jahre bei Galatasaray verbrachte, eine Champions League-Partie seines Ex-Vereins für einen englischen TV-Sender kommentierte, war seinen Erzählungen noch heute das Staunen zu entnehmen, als er berichtete, dass er sich damals nach Niederlagen nicht vor die Tür traute, nach Siegen und guten Leistungen aber in den meisten Läden in seiner Umgebung nichts bezahlen musste.

All diese Vorzeichen, dieses ständige Wechselspiel zwischen Fans, Spielern, Erwartungen, Enttäuschungen, Hingabe und Professionalität muss man kennen, um nachvollziehen zu können, warum ich als Gala-Fan nicht genau wusste, wie ich mich fühlen sollte, als der Verein vor einem Jahr in der Winterpause hintereinander Wesley Sneijder und Didier Drogba verpflichtete.

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