6 Fragen an Lothar Matthäus

Herr Matthäus, wobei erwischen wir Sie gerade?

Ich bin bei Dieter, meinem Scheidungsanwalt. Wir treffen uns einmal die Woche zum Brunch. Ich bin zurzeit zwar solo, aber der Dieter und ich, wir sind über die Jahre Freunde geworden. Außerdem gibt es da noch ein paar Kleinigkeiten zu klären von der letzten Scheidung, da gibt es noch immer ein paar Ungereimtheiten zwischen mir und der Marijan…Nee, halt, Adriana. Silvana? Herrgottzack. Dieter, wie hieß die nochmal? Ja, genau, Liliana.

Der 1. FC Nürnberg hat Michael Wiesinger entlassen. Wie eigentlich immer, wenn ein Bundesliga-Verein seinen Trainer feuert, geistert Ihr Name durch die Medien. Was sagen Sie dazu?

Nürnberg ist ein toller Verein, da war ich ja vor einigen Jahren schon mal im Gespräch. Zwischen uns war damals eigentlich alles klar, nur noch der Vertrag hätte unterschrieben werden müssen. Die haben dann aber plötzlich rumgezickt, nur weil ich zur Vertragsunterzeichnung eine Champagner-Flasche und zwei Bunte-Fotografen mitgebracht hatte. Aber alles Schnee von gestern, die Aufgabe würde mich begeistern, ja.

Wie würden Sie die Mannschaft wieder auf Vordermann bringen? Was hat der Trainer Matthäus, was andere nicht haben?

Als Trainer musst du heutzutage ein Teamplayer und gleichzeitig ein emotional leader sein. Es reicht nicht mehr, wie früher einfach nur die Hütchen fürs Fünf gegen Zwei aufzustellen, die Anforderungen sind gestiegen. Es gehört inzwischen dazu, dass du an trainingsfreien Tagen mal mit der Mannschaft nach Kitzbühel fliegst oder nach Kiew, und dort mit den Jungs die Sau rauslässt, sag ich mal. Oder mal geschlossen zu einer RTL-Preisverleihung gehen. Solche Sachen. Präsenz zeigen, Profil schärfen. Als ich bei Partizan Belgrad ins Amt kam, da hab ich die Jungs zur Motivation vor einer wichtigen Partie mit nach München zur GQ-Gala genommen. Was glauben Sie, was die Jungs dort auf der Afterparty für Augen gemacht haben? Die sind mir noch heute dankbar für das Erlebnis.

Wie ging das Spiel aus?

0-3, und nach der Dopingkontrolle verlor ich drei meiner wichtigsten Spieler, weil sie es nach der Party im Hotel übertrieben hatten und für jeweils zwei Jahre gesperrt wurden. Kein Wunder, dass es danach nicht mehr lief! Aber solche Hintergründe interessieren in Deutschland ja niemanden, da heißt es nur, der Matthäus hat als Trainer nie Erfolg gehabt.

Warum, glauben Sie, haben Sie bisher noch keinen Bundesliga-Verein trainiert?

Das hat mehrere Gründe, am meisten liegt es sicherlich am fehlenden Respekt, der hier in Deutschland den Idolen entgegengebracht wird. Ich bin keiner, der jammert, aber als Idol und Vorbild einer ganzen Nation hast du es nirgends so schwer wie hier. Meine Karriere als Spieler spricht für sich, und meine Erfolge als Trainer werden viel zu sehr unterschätzt. Das ist außerhalb von Deutschland ganz anders. Es wird zum Beispiel in Deutschland gerne vergessen, dass Atletico Paranaense in meinen vier Wochen dort die zweitfairste Mannschaft der ganzen Liga war. Noch heute werde ich dafür auf Schultern getragen, wenn ich in Brasilien bin. Hier schaut man aber nur auf mein Privatleben.

Ärgert Sie das Bild, das in den deutschen Medien von Ihnen gezeichnet wird?

Durchaus. Es wird ständig gegen mich gehetzt, indem man Sachen erfindet, übertreibt und aufbauscht. Das ist meiner Trainerkarriere sicher nicht förderlich und schlechter Stil. Ein aktuelles Beispiel: Vor kurzem hieß es in einer Meldung, dass ich mit einem Privatsender in Verhandlungen über eine dreiteilige TV-Dokumentation namens „Loddar In Love“ sei, bei der es um meine bisherigen Liebesbeziehungen gehen soll, die ich noch einmal aus meiner Sicht zusammenfasse.
Das ist aber völliger Quatsch, die Sendung wird „Lothar Und Die Frauen“ heißen.

Das Derby

Es wollte mir einfach nicht einfallen. Ich war gestern als Zuschauer auf dem Sportplatz und sah eine Szene, die fast identisch mit derjenigen war, die sich vor Jahren einmal in der Bundesliga zugetragen hatte und die man aus jedem Rückblick kennt. Und während es nach dem Abpfiff auf dem Platz noch drunter und drüber ging, die Leute sich anschrien und herumschubsten, versuchte ich ganz angestrengt, mich an den Namen des Protagonisten der damaligen Situation zu erinnern, es wollte aber nicht klappen.

Meine Mannschaft hatte am Wochenende spielfrei und mein Vater überredete mich, mit zum Spiel des örtlichen türkischen Vereins aus einer unteren Liga zu kommen, der mit um den Aufstieg spielt und auf einen Ortsnachbarn traf. Mein Vater war früher einmal im Vorstand des türkischen Vereins tätig und ünterstützt ihn heute noch hin und wieder als Zuschauer. Die Partie enthielt hohe, lokale Brisanz.

Vor der Saison gab es beim türkischen Verein einen Umbruch, nachdem man in der Vergangenheit immer wieder mal mit diversen Vorfällen bei den Spielen für negative Schlagzeilen gesorgt hatte, wurde ein Teil des Vorstands und der Mannschaft ausgetauscht. Der Vorstandvorsitzende wurde ausgetauscht, ständig Stress machende Spieler mussten gehen. Von nun an wolle man auf eine junge Mannschaft setzen, ließ man vor Saisonbeginn verlauten, und verpflichtete dazu auch gleich einen jungen, aufstrebenden Trainer aus der Region. Der alte Vorstandsvorsitzende begann dagegen ein Engagement beim Ortsnachbarn, diesmal als Trainer. Er besorgte einen spendierfreudigen Geldgeber und bastelte sich dort schnell eine komplett neue Mannschaft zusammen, indem er alles in der Region verpflichtete, was bei drei nicht auf den Bäumen war, wenn man mit ein paar hundert Euro Monatsgehalt in der Hand wedelte. Unter anderem schlossen sich ihm und seinem neuem Verein so gut wie alle Spieler an, die zusammen mit ihm beim türkischen Verein vom Hof gejagt wurden.

Beide Mannschaften gaben den Aufstieg als Ziel aus und gewannen bisher fast alle Spiele, sodass es gestern um die Tabellenführung ging. Ich kenne viele der Jungs, die mit von der Partie waren, und wusste schon vor der Partie, wieviel für sie auf dem Spiel stand. Aufgrund der Vorgeschichte empfindet man auf beiden Seiten Verachtung für die einstigen Weggefährten. Bei Facebook herrschte schon die ganze Woche zuvor ein regelrechter Psycho-Krieg, mit hitzigen Posts, gehässigen Kommentaren und beidseitiger Euch-werden-wir-es-schon-zeigen-Mentalität. Ich war daher recht gespannt auf das Spiel.

Und dann sind wir also dort, und in der Halbzeit scheint das Spiel schon fast gelaufen. Die Gäste um den Ex-Vorstandsvorsitzenden, die sehr defensiv agieren, weil sie den Kunstrasen nicht gewohnt sind, setzen zwei erfolgreiche Konter und ziehen sich danach zurück, lassen die türkische Mannschaft schön anrennen. Das erste Tor erzielte ein erfahrener Stürmer, der mit sehr viel Geld gelockt worden sein muss, denn in der letzten Saison spielte er noch drei Klassen höher. Das zweite geht auf den den Spieler, der letztes Jahr noch bei der türkischen Mannschaft Spielführer war und rausgeschmissen wurde, nachdem ihm bei einer Rudelbildung die Hand ausgerutscht und im Gesicht eines Gegenspielers gelandet war. Ich kenne ihn schon länger, und als ich ihn in der Sommerpause einmal in der Disko getroffen hatte und wir uns über die neue Saison unterhielten, redete er von „den alten Idioten im Vorstand“ und kündigte an, dass er nur weiter Fußball spiele, um es ihnen irgendwie heimzuzahlen. Mit seinem Treffer scheint das nun geschafft, für den Jubel rennt er in den Mittelkreis, legt den Finger auf die Lippen und dreht sich einmal langsam um die eigene Achse. Da ist viel Drama dabei, aber die Botschaft kommt rüber.

Bei den Türken läuft komplett alles schief: Unvermögen im Abschluss, Platzverweis, dazu noch ein verschossener Foulelfmeter. „Die sind besser, kriegen es aber wieder mal nicht gebacken“, sagt mein Vater. Gegen Ende der ersten Hälfte verheddert sich die Heimmannschaft dann auch noch in Diskussionen untereinander und mit dem Schiedsrichter, und bedienen damit genau das alte Klischee der ausländischen Mannschaft, die schnell zu Auflösungserscheinungen neigt, wenn es auf dem Platz nicht läuft.

Doch man muss ihnen zugute halten, dass sie nicht aufgeben. Im zweiten Durchgang rennen sie immer wütender und immer druckvoller an, es sieht jetzt aus wie beim Handball. Die Atmosphäre auf dem Sportplatz wird immer hitziger, vor allem draußen an der Barriere, bei den Zuschauern. So wie sich die Aktiven des Ortsnachbarn aus früheren Mitgliedern des türkischen Vereins zusammensetzen, so setzen sich auch deren Zuschauer aus früheren Unterstützern des jetzigen Rivalen zusammen. Man war einfach mit seinen Bekannten oder Verwandten mitgewechselt und feuert sie nun eben in den neuen Farben an. In der ersten Hälfte hatte ein Zuschauer der Gastmannschaft über einen Abwehrspieler der Türken gesagt: „Dass ihr den noch immer losgeworden seid! Der ist ja noch viel schlechter geworden, der kann garnix!“ In der zweiten Hälfte läuft dann irgendwann ein älterer Mann mit Schnauzbart, der im ersten Durchgang noch auf der anderen Seite stand und sich als Vater des Kritisierten herausstellt, schnellen Schrittes auf den Mann zu, beschimpft ihn und will ihm an den Kragen. Irgendjemand muss ihm inzwischen erzählt haben, was auf der anderen Seite über seinen Sohn gesagt wird. Das Ganze spielt sich wenige Meter von uns entfernt ab, und fast kommt es zur Massenschlägerei, doch nach lautem Geschrei und vielen Ausdrücken wird der Vater von seinen Bekannten fortgeschafft und es kehrt wieder Ruhe ein. Zwei Männer, die sich vor dem Spiel die obligatorisch-orangenen Ordner-Westen angezogen haben, stehen hundert Meter entfernt, schauen sich das Chaos seelenruhig an und rauchen eine dabei.

Dann kommt die Heimmannschaft zum Anschlusstreffer. Der Schütze holt den Ball aus dem Tor und trägt ihn zum Mittelkreis, er glaubt noch an den Ausgleich. Mein Vater bleibt kritisch: „Und wenn es dann eh viel zu spät ist, treffen sie natürlich auf einmal! Immer das Gleiche.“

Nachspielzeit, fünfte Minute. Die Gäste haben inzwischen auch eine Rote Karte gesehen, zehn gegen zehn. Die türkische Mannschaft greift nochmal über rechtsaußen an, langer Ball an den zweiten Pfosten, Kopfballablage auf den Elfmeterpunkt, die Nr.9 steht völlig frei, zieht direkt ab, der Torwart steht zwei Meter vor der Linie und ist geschlagen, nur noch ein Abwehrspieler steht auf der Linie. Der Ball ist auf dem Weg unter die Latte, der Spieler springt hoch, streckt seinen Arm schräg in die Höhe und schlägt den Ball seitlich weg. Und in der nächsten Sekunde kommt es zu einem Lärm, der so wütend und laut und einschüchternd ist, wie ich es selten auf einem Sportplatz erlebt habe. Einige Zuschauer laufen ein paar Meter in das Feld, schreien und gestikulieren in Richtung Ort des Geschehens, alles ist in Bewegung, es geht ab.

Es muss natürlich Rot und Elfmeter geben, klare Sache. Doch der junge Schiedsrichter pfeift nicht, seine Sicht war wohl versperrt. Er braucht einige Sekunden, um sich von der wild protestierenden Spielertraube um sich herum zu befreien, und geht dann zum Spieler, um ihn zu befragen. Die Protestierenden lassen den Schiri nicht in Ruhe, er schickt sie noch einmal weg. Dann kommt es zum kurzen Dialog, der schnell beendet ist, weil der Spieler vehement den Kopf schüttelt. Um mich herum wird er aufs Übelste beleidigt.

Nach der Aktion pfeift der Schiedsrichter ab, die siegreiche Mannschaft findet sich am Mittelkreis zusammen und jubelt schreiend und springend. Der Spieler, der eben den Schiedsrichter belogen hat, jubelt mit am ausgelassensten, klatscht seine Mitspieler ab, streckt die Hände nach oben, springt, lacht.

Es dauert nur eine halbe Minute, bis ein Großteil der Zuschauer auf dem Platz ist. Es ist noch immer sehr laut, einige Zuschauer gehen zum Schiedsrichter und reden auf ihn ein, die Spieler des türkischen Vereins wollen dem Handspieler an den Kragen, seine Kollegen verwehren den Weg zu ihm. Doch einige Spieler kommen durch und stellen ihn dann lautstark zur Rede, schreien ihn an. Aus der Entfernung verstehe ich nicht alles, höre aber, wie der Spieler ruft: „Es hätte doch jeder so gemacht! Ihr hättet es doch auch gemacht! Seid doch mal ehrlich!“

Am Ende gehen die Verantwortlichen dazwischen und sorgen dafür, dass die beiden Mannschaften in sicherer Distanz zueinander sind. Ich frage mich, wo die zwei Ordner sind, und vermute sie beim lockeren Kartenspiel in der Schiri-Kabine. Der Ex-Vorstandsvorsitzende läuft schnell auf den Platz, geht zuerst zum Schiedsrichter, dann zum gegnerischen Trainer, schüttelt beiden die Hand und sieht zufrieden aus.

Auf dem Heimweg fällt mir endlich ein, wer genau das Gleiche getan hatte, wie die Nr.6 der Gastmannschaft heute: Oliver Held! Genau so hieß er. Schalke gegen Köln, 1998, Hand auf Linie, geschworen, dass es der Kopf war, danach das Interview von Toni Polster, der ihm wünschte, dass er nie mehr Glück in seinem Leben haben solle, hunderte Male bei Bundesliga Classics gesehen.

Als wir im Auto sitzen, frage ich meinen Vater, wie er anstelle des Spielers reagiert hätte, und er überlegt. „Wahrscheinlich genauso, gerade weil es ja auch um die Meisterschaft geht. Wenn es eine normale Partie wäre, würde ich es zugeben, so aber nicht. Auch wenn das natürlich nicht so ganz richtig wäre, aber so ist das nun mal.“ Er fragt mich ebenso, und eigentlich will ich sofort antworten, dass sich sowas nicht gehört und dass ich es zugeben würde, muss mir dann aber eingestehen, dass das so sicher doch nicht ist, und antworte deshalb: „Ich weiß es nicht.“

Am Abend klicke ich mich bei Facebook durch die Nachwehen der Partie. Der Ex-Spielführer der Türken, der heute gegen sie den am Ende entscheidenden Treffer erzielte, bejubelt den Sieg mit einem Foto, dass ihn und den anderen Torschützen nach dem Spiel zeigt, sie formen mit den Händen das Spielergebnis und lächeln zufrieden. „Vor dem Spiel wurde viel geredet, jetzt ist alles gesagt“ lautet sein Spruch dazu. Ich bin mir sicher, dass er sich den schon vor Wochen oder Monaten ausgedacht und für genau diesen Moment aufgehoben hat.

Der erste Kommentar zum Bild ist von dem Spieler, der Schütze des Ausgleichstreffers gewesen wäre, wenn die Nr.6 nicht Hand angelegt hätte. „Lieber aufrichtig verlieren, als so verlogen zu gewinnen!“, schreibt er. 35 Personen klicken schon nach fünf Minuten auf „Gefällt mir“.

Wie hättest du reagiert?

Doch nicht Aus

Gestern traf in der türkischen Süper Lig Eskisehirspor in Istanbul bei Kasimpasaspor an. Als das Spiel in die Nachspielzeit ging, führten die Gäste mit 1:0. Und wie das bei einem Ein-Tor-Rückstand in der Nachspielzeit nunmal so ist, rannte Kasimpasa nochmal an, um den Ausgleich zu erzielen. Als die unter Druck geratenen Gäste sich mit einem langen Schlag in die gegnerische Hälfte befreiten, folgte eine Szene, die bei Youtube als „das lustigste Tor aller Zeiten“ bezeichnet wird.

Die Beschreibung übertreibt die Komik der Situation zwar ein wenig, eine interessante Szene war es aber durchaus. Mittelfeldspieler Andre Castro eilte dem langen Ball bis zur Seitenlinie hinterher, und als er davon ausging, dass der Ball ins Aus kullern würde, machte er sich auf in Richtung eines Balljungen, der das nächste Spielgerät bereithielt, Castro hatte es ja eilig. Dumm nur, dass der Ball immer langsamer wurde und sich noch im Spielfeld befand, sodass der hinter Castro lauernde Gegenspieler Necati Ates sich den Ball schnappen konnte und frei in Richtung gegnerisches Tor durch war. Necati legte den Ball in die Mitte zu Mitspieler Diomansy Kamara. Der würzte die Spielszene mit noch etwas mehr Slapstick, als er kurz vor dem Abschluss ausrutschte und auf dem Hosenboden landete, dann schnell wieder aufstand und den Ball doch noch im Tor unterbrachte.

Hier geht es zur beschriebenen Szene.