Der Zehner macht Zwischenstopp

So, ihr lieben Leute, die bei dem noch jungen Ding hier regelmäßig vorbeischauen, ich fahre jetzt dann mal in Urlaub. Es geht in die Türkei, der Hauptgrund der Reise ist die Notwendigkeit des Wiedersehens aller dortiger Bekannter. Das letzte Mal ist nun schon einige Jahre her, daher werden erst einmal alle Großeltern, Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen und was es sonst noch gibt besucht. Nachdem es dann ein paar Tage ans Meer im Süden geht, werde ich die letzten Tage von insgesamt 18 in Istanbul verbringen und will diesmal so viel von dieser Stadt erleben und aufsaugen, wie es nur geht. Es wird Zeit, den Grund hinter der Faszination, die diese Stadt auf alles und jeden ausübt, zu erkennen und erleben. Ich freue mich sehr. Die Rückkehr nach Deutschland ist am 19. September, und bis dahin wird der Blog erst einmal ruhen, außer ich erlebe etwas Fußballrelevantes und komme in die Nähe eines Laptops, dann werde ich mich gerne mit einigen Zeilen melden. Ansonsten werde ich einfach nach der Rückkehr berichten und hoffe, dass es viel Berichtenserwertes geben wird. Ein großer Traum wäre es, wenn ich live am ersten Champions League-Spieltag bei der Partie Galatasaray gegen Real Madrid dabei sein könnte, wir sind gerade dabei, das abzuchecken, wenn alles klappt, werde ich dabei sein. Hier wird es auf jeden Fall so bald wie möglich weitergehen. Haut rein und macht es gut, bis dahin. Sidan.

Großes, estnisches Kino

Ich hätte ja nie gedacht, dass ich mich einmal in die Fangruppe eines estnischen Drittligisten verlieben würde, und ich bin mir sicher, dass es den meisten ganz genauso geht. Und doch wird wohl keinem nach dem Ansehen des folgenden Videos, aufgenommen vor einer Heimpartie von Welco Elekter, etwas anderes übrig bleiben. Mich hat es jedenfalls schon erwischt.

Man sieht das Stadion des Drittligisten vor einem Heimspiel, es ist eine idyllische, kleine Spielstätte, hinter der Hauptribüne sieht man den anliegenden Wald, der Großteil der Zuschauerplätze ist leer. Nur auf Höhe des Mittelkreises haben sich ein paar Dutzend Anhänger versammelt, doch was die beim Einlaufen der Mannschaften auf die Beine stellen, ist ganz großes Kino. Nichts, was dem modernen Fan an legalen und illegalen Mitteln als Form der Unterstützung zur Verfügung steht, wird ausgelassen: Fahnen, Bengalos, Trommeln, Schlachtrufe, dramatisch klingende Richard Strauss-Sinfonie, und als Highlight ein großes Banner, das im Hintergrund hochgezogen wird.

Heraus kommt: Champions League-Feeling im estnischen Nirgendwo.

So muss das sein! Nur keine falsche Bescheidenheit. Mir gefällt auch sehr, wie die Spieler der Heimmannschaft das auf dem Rasen gelandete Konfetti ganz nüchtern zur Seite räumen – nach dem Motto „Tolle Show, Männer, habt euch echt wieder selbst übertroffen, aber haben heute ’nen strengen Schiri.“

Sercan und Volkan

Als vor drei Jahren Bursaspor in der Türkei sensationell Meister wurde und damit eine 26 Jahre lang währende Phalanx der drei Istanbuler Vereine durchbrechen konnte, hatten zwei junge Offensivspieler daran einen großen Anteil. Sercan Yildirim und Volkan Sen waren zwei Prototypen von jungen Talenten, die bei anatolischen Klubs auftrumpfen, dadurch die vier Großen Galatasaray, Fenerbahce, Besiktas und Trabzonspor auf sich aufmerksam machen und meistens bald darauf ihr Glück bei einem der Spitzenteams versuchen. Dort folgt dann entweder der nächste Karriereschritt oder der Einbruch, oft genug leider letzteres. Oftmals erweist sich der Schritt als zu groß, und wenn ein junger Spieler sich bei den Großen nicht durchsetzen kann, gilt er in der Öffentlichkeit generell als gescheitert und beginnt dann meistens eine Wandertour durch die kleinen Vereine der ersten oder zweiten Liga.

Bei Sercan und Volkan war ich mir damals sicher, dass sie es packen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie sich nicht bei einem großen Verein durchsetzen würden, wenn nicht sogar den Schritt ins Ausland packen. Trotz ihres jungen Alters – Sercan wurde in der Meistersaison 20 Jahre alt, Volkan 23 – trugen sie in der Offensive die Hauptlast auf ihren Schultern, Sercan als klassischer Mittelstürmer, schnell, beweglich, abschlussstark, Volkan als klassischer Flügelspieler, schnell, technisch klasse, trickreich. Als Gala-Fan war ich damals sehr neidisch auf Bursaspor, die Spieler hatten es mir angetan, alle beide. Meine Mannschaft war damals mit aus dem Ausland geholten Alibi-Stars gepickt, an die sich heute keiner mehr erinnert, und bei denen sorgten zwei junge, türkische Talente mit ihren Leistungen dafür, dass ein anatolischer Verein um die Meisterschaft spielte und sie am Ende auch einfuhr. Nach Abpfiff des letzten Spiels war Sercan der erste, der vor ein Mikrofon gezerrt wurde, der junge, aufstrebende Spieler stand sinnbildlich für den Erfolg seines Vereins, den vor Saisonbeginn niemand auf der Rechnung hatte. Kaufen!, dachte ich, ganz der arrogante Fan des Großstadtvereins.

Ein Jahr später wurde mir der Wunsch erfüllt, Sercan wechselte für 3 läppische Millionen zu Gala. Es wurde zum Fiasko. Seine Ankunft fiel mit der Rückkehr von Trainer Fatih Terim zusammen, und der ist zwar bekannt dafür, dass er jungen Spieler oft die Chance gibt und sie fördert, doch seine Geduld bei der Talentförderung ist meistens schnell erschöpft, man muss die gegebenen Chancen also möglichst schnell nutzen. Sercan wurde zu Beginn der Saison oft genug früh eingewechselt, dann immer später, dann immer seltener, dann gar nicht mehr, und am Ende der Saison stand er gar nicht mehr im Kader. Unzureichende Leistungen bei seinen Kurzeinsätzen plus die eben angesprochene Terim-Ungeduld – das Engagement stand von Anfang an unter schlechten Vorzeichen. Sercan hatte schon früh in seiner Profi-Laufbahn das Glamour-Ding mit schnellen Autos, Nachtleben und Damengeschichten durchgezogen. In Bursa wurden ihm die Skandälchen lange verziehen, in Istanbul wurde er bei jeder schwachen Leistung verrissen. In der Winterpause der vergangenen Saison wurde er dann an Sivasspor verliehen, wo er nach wenigen Wochen suspendiert wurde, weil er das Training geschwänzt und gegen die deswegen verhängte Geldstrafe protestiert hatte. Anfang des Monats folgte eine weitere Leihe, nun ist er in der zweiten Liga bei Sanliurfaspor gelandet. Bei seiner Ankunft wurde er von den Fans des Vereins gefeiert wie ein Heilsbringer, und ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich wirklich darüber gefreut hat.

Kommen wir zu Volkan. Auch bei ihm hielten sich die Wechselgerüchte nach der Meistersaison hartnäckig, auch er war lange bei Galatasaray im Gespräch, und auch bei ihm hoffte ich auf einen Transfer, da er mir als Spielertyp noch mehr gefiel als Sercan. Wenn er mal ins Rollen kam auf seiner rechten Außenbahn, war der Junge nicht zu halten. Ich weiß es noch genau, August 2010, Bursa zu Gast bei Galatasaray, 0-2 Auswärtssieg, bei jedem zweiten Angriff ging es über rechts, über den schnellen kleinen Mann mit der Zehn auf dem Rücken, der immer wieder gedoppelt wurde und sich trotzdem immer wieder durchsetzte. Kaufen!!, dachte ich, diesmal mit zwei Ausrufezeichen. Der Wunsch wurde mir nicht erfüllt, stattdesse schnappte ihn sich Trabzonspor, wenige Wochen nachdem sein Kumpel Sercan Bursa bereits verlassen hatte. Im Gegensatz zu Sercan kam Volkan bei seinem neuen Verein zwar zu ausreichender Einsatzzeit, trotzdem blieb er hinter den Erwartungen zurück. Er war Stammspieler, aber nicht der erhoffte Leistungsträger, keine Säule der Mannschaft. In seiner ersten Saison (2011/2012) wurden seine Leistungen noch als Eingewöhnungszeit abgehakt, die man ihm zugestand, im zweiten Jahr wurde die Kritik in Trabzon lauter, doch er wurde weiterhin eingesetzt. In den letzten Wochen nun schien er endlich in Topform zu kommen, der neue Trainer Mustafa Akcay lobte Volkan in der Vorbereitung auffällig oft, seine Leistungen stimmten, und die aktuelle Spielzeit wurde als seine letzte Chance gesehen, den Sprung zu einem der Top-Spieler der Liga zu schaffen.

Doch das hat sich nun wohl erledigt. Wenn man Volkan einige Mal beim Fußballspielen zugesehen hat, dann weiß man, dass er ein sehr emotionaler Mensch ist und sich das oft genug in seinem Verhalten auf dem Platz ausdrückt, durch heftiges Protestieren gegen Schiedsrichterentscheidungen, Diskussionen mit den Gegenspielern, solche Sachen. Noch letzte Woche beschwerte er sich wild gestikulierend bei Teamkollegen und Neuzugang Florent Malouda, weil der bei einer vielversprechenden Szene den Abschluss gesucht hatte, statt auf den freistehenden Volkan zu passen, und es kam noch auf dem Platz zu einer hitzigen Diskussion. Dazu kommt,dass das Publikum in seiner sportlichen Heimat ebenso bekannt für seine Heißblütigkeit ist, Volkan selbst bekam das in seinen ersten zwei Jahren mit am meisten zu spüren. Die Fans hatten sich sehr viel von ihm erhofft, und da er die Hoffnungen immer öfter nicht erfüllen konnte, wurde er bereits in der letzten Saison bei Heimspielen oft ausgepfiffen, was sich wiederum negativ auf sein Selbstvertrauen und seine Leistungen auswirkte. Die Beziehung zwischen dem von seinen Gefühlen geleiteten Spieler und dem meinungsstarken und kritischen Publikum geriet so immer mehr zum Teufelskreis, und gestern Abend kam es zum endgültigen Bruch.

Trabzon traf am zweiten Spieltag im eigenen Stadion auf Rizespor, und in der 42. Minute flog ein langer Ball auf den rechten Flügel, wo Volkan in ein Luftduell mit seinem Gegenspieler ging. Beide Spieler sprangen am Ball vorbei und es gab Einwurf für den Gegner, bis dahin war also alles gewöhnlich. Dann aber sah man, wie Volkan auf irgendwelche Rufe von der Tribüne aus reagierte, indem er zunächst irgendetwas zurückrief, dann plötzlich in Tränen ausbrach und in Richtung Seitenlinie lief. Es waren keine einzelnen, weggewischten Tränen der Enttäuschung, der Spieler war vielmehr völlig aufgelöst. Mitspieler, Gegenspieler und der Schiedsrichter versuchten noch, ihn zu beruhigen und zurückzuhalten, doch Volkan lief weiter, verließ den Platz und ging direkt in die Kabine. Für ihn kam Malouda in die Partie, und der Spieler, mit dem sich Volkan eine Woche zuvor noch gezofft hatte, besorgte per Traumtor den 2:1-Sieg Trabzons.

Seit dem Vorfall ist Volkan in allen Sportnachrichten in der Türkei Thema Nummer eins. Inzwischen ist bekannt, dass er von einem Zuschauer heftige Beleidigungen unter der Gürtellinie zu hören bekam diese der Anlass für seine Reaktion waren. Während in der Öffentlichkeit noch über Richtigkeit oder Unrichtigkeit von Volkans Verhalten diskutiert wird, steht bereits mit großer Sicherheit fest, dass er sich mit der Aktion seine sportliche Zukunft in Trabzon verbaut hat. Vereinspräsident Ibrahim Haciosmanoglu rief gestern in einer Fussballnachrichtensendung an und erklärte live im TV, was er von der Sache hält: „So etwas sehe ich zum ersten Mal. Das Spielfeld zu verlassen, weil man von außen beschimpft wird, hat mit Professionalität nichts zu tun. So etwas erwartet man von Kindern, die auf den Straßen spielen. Mit so einem Spieler möchte ich nicht zusammenarbeiten.“

Und so steht wohl fest, dass die vor drei Jahren begonnene Geschichte von zwei Talenten kein Happy End nehmen wird. Beide hatten die besten Voraussetzungen, beide haben es probiert und den großen Schritt gewagt, doch beide sind gescheitert. Der eine ist bereits in der Versenkung verschwunden, der andere steht nun vor dem Aus. Dabei hätte ich echt schwören können.