Rot in Tucumán

Wenn ein Platzverweis aus der vierten Liga in Argentinien um die Welt geht, muss etwas Ungewöhnliches passiert sein.

Dass sich bei Fußballspielen ab und an mal ein Tier auf das Spielfeld verirrt, ist nichts Neues. Normalerweise läuft das dann so ab, dass der Hund/die Katze/der Fuchs für einen Moment die ganze Aufmerksamkeit hat, das Spiel kurz unterbrochen wird, alle Kameras auf das umherrennende Tier halten, die Zuschauer entzückt sind und die Spieler schmunzelnd die Verschnaufpause nutzen.

Auch bei der Partie zwischen San Juan und Belle Vista in der argentinischen Provinz Tucumán lief ein Hund auf das Feld, doch was dann folgte, war kein kurzer Moment der Erheiterung wie sonst. Stattdessen führte der Tierbesuch zu einem Platzverweis, Protesten der Zuschauer und einem Massengerangel zwischen beiden Mannschaften. Jose Jimenez von Belle Vista fühlte sich nämlich seltsamerweise so gestört vom Vierbeiner, dass er ihn kurzerhand am Genick packte, in Richtung Seitenlinie lief, weit ausholte und dann versuchte, den Hund über den Zaun hinweg in die Zuschauerränge zu schleudern.

Der Hunde prallte am Zaun ab und konnte zum Glück unverletzt davonlaufen, für Jimenez gab es die Rote Karte. Ich weiß zwar nicht genau, wie man einen Platzverweis in diesem Fall regeltechnisch begründen kann, bin aber trotzdem sehr mit der Entscheidung einverstanden.

Fröhliche Trauer in Rom

Preisfrage: Welche Art von Beerdigung ist die einzige, bei der alle Anwesenden äußerst gut gelaunt sind?

Die von Fußballfans ausgeführte, symbolische Beerdigung des Erzrivalen, natürlich. Diese Art der zur Schau gestellten Schadenfreude scheint besonders in Italien beliebt zu sein. Vor zwei Jahren stieg Sampdoria Genua aus der Serie A ab, kurz darauf liefen 30.000 Fans des Stadtnachbarn AC durch die Stadt und feierten eine Beerdigung, die Anführungszeichen bitte dazudenken.

Diesmal hat es den AS Rom erwischt. Der hat zwar schon vor zwei Wochen im nationalen Pokalendspiel gegen Stadtrivalen Lazio verloren, musste sich aber erst jetzt von dessen Anhängern verhöhnen lassen. Am Sonntag zogen 4000 Lazio-Fans in einem gestellten Trauerzug durch die Innenstadt und trugen den Rivalen zu Grabe, mit allem Drum und Dran: Falscher Sarg, falsche Priester, falsche Weinkrämpfe, alles dabei.

Wie erklärt man so etwas beim Verlassen des Hauses? „Also Liebling, bis später! Ich geh jetzt zu der gestellten Beerdigung, die Jungs und ich müssen den Sarg durch die Stadt tragen. Nein, es ist niemand gestorben, ist so ein Fußballding. Hättest du vielleicht Lust, mitzukommen? Wir bräuchten noch ein paar schluchzende Trauerwitwen…Na gut, dann nicht. Machst du bitte für heute Abend den Salat mit Mais, ja? Bis dann, ich liebe dich!“

Macht man doch nicht, aber jedem das Seine.

Der Schlusspfiff und das Fragezeichen

Vor kurzem schaltete ich mich in einem Moment der Langeweile gewohnheitshalber durch die ersten 30 Kanäle meines Fernsehers und sah tanzende Senioren, Polit-Talks, eine Hitler-Doku, eine Polizisten-und-ihr-Revier-Serie, Kochshows. Alles nur sekundenlange Eindrücke, da aus Desinteresse schnell weggezappt. Stehen geblieben bin ich dann erst, als ich Zico auf einem Stuhl sitzen und irgendwas erzählen sah, weil man das nun mal so macht, wenn man etwas Fußballrelevantes sieht.

Schau ich mir doch mal an, was der alte Zico so zu sagen hat, dachte ich. Das Nicht-Weiterzappen lohnte, denn was ich da sehen sollte, verwunderte mich doch sehr.

Er schien mir nicht so gut gelaunt zu sein, der Zico, er hatte beim Erzählen eine gewisse Empörung in seinem Gesicht. Als ich noch nicht genau wusste, um was es da gerade ging, hörte ich ihn sagen, dass er sich sicher sei, dass damals alles anders verlaufen wäre, wenn diese eine Entscheidung nicht getroffen worden wäre. Nachdem diese ominöse Entscheidung und ihre Konsequenz über sie hereingebrochen sei, habe sich in der Mannschaft Unmut breitgemacht, die Sicherheit und das Selbstvertrauen seien auf einmal weggewesen, man habe das in der darauffolgenden Zeit gespürt. Daher stehe für ihn fest, dass auch diese Entscheidung dazu geführt habe, dass er nie den Weltmeisterschaftspokal in die Höhe recken durfte.

Dann Schnitt, Zico aus dem Bild, Ausschnitt aus einer alten Fußballübertragung ins Bild. Alle Spieler in extrem kurzen Hosen, sehr alter Ausschnitt also. Brasilien ist unschwer zu erkennen, der Gegner ist irgendeine europäisch aussehende Mannschaft in blauen Trikots. Alles erwartet einen Eckball, der Schütze steht bereit, doch der Linienrichter bemängelt die Position des Balls, er muss noch einmal hinlaufen und sie korrigieren. Dann läuft er an und flankt den Ball mit dem Außenrist in den Strafraum, wo Zico steht und den Ball aus kurzer Distanz ins Tor köpft. Der brasilianische Jubel hält nichtmal den Bruchteil einer Sekunde, denn als der Ball im Netz landet, pfeift der Schiedsrichter die Partie ab und gibt den Spielern abwinkend zu verstehen, dass das Tor nicht zählt. Statt 2-1 für Brasilien heißt es also Unentschieden, und die gegnerischen Spieler fallen sich in die Arme, sie waren demnach wohl großer Außenseiter. Die Brasilianer fragen kurz beim Schiri nach, was das soll, der Protest fällt aber aus heutiger Sicht äußerst läppisch aus, sie geben schnell auf und begeben sich dann recht unaufgeregt in die Kabine.

Das Gesehene wirkte grotesk und machte keinen Sinn. Warum hat der Schiedsrichter das Tor nicht gegeben? Es gab kein Foul, niemand ging den Torwart an, es gab keinen sonstigen Regelverstoß, nichts. Wenn man annehmen würde, dass er die Spielzeit als abgelaufen bewertete, was mitten in der Ausführung eines Eckballs schon abwegig genug wäre, dann passt die Tatsache nicht dazu, dass der Linienrichter den Eckball-Schützen dazu brachte, den Ball nochmal zurechtzulegen und damit wertvolle Sekunden zu vergeuden. Zudem pfiff er erst nach dem Tor ab, es kann also nicht nach der Spielzeit gefallen sein. Und warum ging er eigentlich kurz vor der Ausführung des Eckballs zum Torwart, um ihm irgendetwas zu sagen? Fragen über Fragen. Klar, die Szene scheint ewig und drei Tage her zu sein, aber es ist alles so seltsam.

Ich schaltete den Fernseher aus, wandte mich sofort an Google und erfuhr, dass es sich um das erste Gruppenspiel der Weltmeisterschaft 1978 handelte, der Gegner war Schweden. In erster Linie hatte die Entscheidung wohl doch keinen Einfluss auf das Turnier aus brasilianischer Sicht, man erreichte die zweite Gruppenphase als Zweiter, schied dort dann aber aus und holte im kleinen Endspiel den dritten Platz. Das erste Spiel in einem Turnier ist natürlich immer wichtig, aber ob ein Sieg gegen Schweden zu einem besseren Turnierverlauf geführt hätte, wie Zico es darstellte, darüber kann man nur spekulieren. Trotzdem eine krasse Sache, vor allem auf solch einer wichtigen und großen Bühne wie einer Fußballweltmeisterschaft.

Eine genaue Erklärung der Entscheidung des Schiedsrichters konnte die Internet-Recherche nicht liefern, weder vom Verantworlichen selbst noch von jemand anderem. In Brasilien existieren aber wohl diverse Verschwörungstheorien, so fand ich einen Ausschnitt aus einem Buch, in dem stand, dass der Schiedsrichter damals bereits beim Ausgleichstreffer für Brasilien verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen habe. Hmmm.

Die einzige Aussage, die ich von Clive Thomas selbst fand, hatte leider gar nichts mit der Szene, sondern mit seiner Unzufriedenheit über die Leistungen der heutigen Schiedsrichter zu tun: „Ich habe das Vertrauen in Schiedsrichter verloren. Ich denke, sie übersehen zu viel.“ Wenn das mal der Zico hört.