Meine Kampfbilanz (1)

Ihr kennt das sicher auch: Da sitzt man in einer ruhigen Minute herum und fragt sich plötzlich, wie viele Kämpfe man in seinem Leben schon absolviert hat. Also richtige Kämpfe, bei denen ein Mensch mindestens einmal auf den anderen einschlägt, und der andere als direkte Reaktion darauf mindestens einmal zurückschlägt. Bei mir waren es nicht sehr viele, deswegen erinnere ich mich an jeden einzelnen noch ziemlich gut. Und deswegen schreibe ich jetzt mal einen davon auf und fange gleich bei meinem ersten richtigen Kampf an.

Dritte Klasse, drei Jungs. Eine kleine Grundschule in einem kleinen Dorf, irgendwo in Süddeutschland. Einer der Jungs war ich, der zweite war Senol, der dritte hieß Chris. Senol und ich kannten uns eigentlich schon seitdem wir denken konnten, da unsere Familien fast direkt nebeneinander wohnten, Chris war seit Beginn der Grundschule unser gemeinsamer Freund. Wir machten so ziemlich alles miteinander, in der Schule und in der Freizeit. Wir waren zwar gute Freunde, aber es wurde oft auch verbissen und hart zwischen uns. Jeder musste jederzeit damit rechnen, auch mal einen auf den Deckel zu bekommen, egal in welcher Form. Mich erwischte es einmal im Schwimmunterricht. Unser Schwimmlehrer war ein alter Mann, der uns meistens in der sicheren Hälfte des Beckens, in der wir alle stehen konnten, einfach eine Weile machen ließ, was wir wollten. Ab und zu machte er auch Übungen mit uns, und wenn ihm einer dabei zu laut war, rief er immer: „Halt deinen roten Mund, oder wie du heißt!“ Ich habe nie verstanden, was dieser Spruch genau bedeuten sollte, und ich kann mit absoluter Sicherheit sagen, dass ich ihn in all den Jahren nie mehr von einem anderen Menschen gehört habe.

Jedenfalls hatten sich Senol und Chris in einer solchen Unterrichtsstunde einen Scherz ausgedacht, auf den ich nicht eingestellt war. Ich stand im Wasser und redete gerade mit einem anderen Klassenkameraden, als mich vier Hände von hinten packten, unter Wasser stießen und dann für eine Weile verhinderten, dass ich wieder nach oben kam. Ich weiß nicht mehr genau, wie lange das dauerte, aber ich erinnere mich noch gut an die Panik, und daran, dass die Zeit unter Wasser mir endlos kam. Mir ging die Luft aus, ich kannte dieses Gefühl noch nicht und dachte, alles ist aus. Irgendwann ließen sie mich wieder hoch, und ich schnappte nach Luft und schubste sie nacheinander weg und schrie herum und war außer mir. Die Jungs nahmen das scheinbar lockerer als ich, denn sie stimmten einen spontan gedichteten Song an. Der Text war recht einfach, er bestand nur aus zwei Wörtern. Das erste war mein Vorname, das zweite war „weint!“. Das Ganze mehrmals wiederholen, fertig war der Song. Heute finde ich den Song ja auch witzig, damals hätte ich beide aber zerreißen können.

Wenig später, vielleicht war es auch ein paar Wochen oder Monate später, diskutierten wir in einer Freistunde darüber, wer von uns der Stärkste war. Worüber man sich eben so als Drittklässler streitet. Jeder proklamierte natürlich den Platz an der Sonne für sich. Senol hatte damit wahrscheinlich am ehesten recht, weil er der drahtigste und verbissenste und durchtriebenste von uns war. Ich hatte ihn schon viele Schlachten schlagen sehen, auf Spielplätzen, auf dem örtlichen Sportplatz, auf dem Marktplatz, und wusste genau wie Chris, dass die Aussichten im Duell gegen ihn eher dürftig waren. Also konnten Chris und ich nur den zweiten Platz unter uns ausmachen. Wir wurden uns aber nicht einig, wer den mittleren Platz auf dem Treppchen der Kampfkünste bekommen sollte, also forderte er mich auf, das Ganze nach der Schule zu klären. Ich sagte sofort zu und weiß noch, wie überrascht sich die beiden danach ansahen. Das Ding war nämlich, dass ich nicht gerade als Raufbold (sagt man das heutzutage noch?) bekannt war, bis dahin war ich ohne jede Rauferei (und das?) durch den Kindergarten und die Schule gekommen. Aber ich hatte die Sache vom Schwimmbad noch gut im Kopf und meinte mich daran erinnern zu können, dass Chris den Wein-Song besonders laut und genüsslich gesungen hatte. Ansonsten mochte ich ihn ja, ich war auch schon einmal bei ihm zu Hause gewesen und da hatte er sich eine Gitarre geschnappt und „Let It Be“ gesungen, was mich ziemlich beeindruckt hatte. Aber jetzt hatten wir nun mal die Sache zu klären, und die Erinnerung ans Schwimmbad machte sich als Motivation ganz gut.

Unser Heimatdorf hat um die 6000 Einwohner und ist zweigeteilt, ziemlich genau durch die Mitte geht der Kocher, unser schöner, alter Fluss mit braunem Wasser. Wir wohnten alle drei auf der einen Seite des Kochers, die Schule lag auf der anderen Seite. Auf dem Rückweg mussten wir einen langen Weg für Spaziergänger und Radfahrer durchqueren, der durch ein großes Wiesental führte und uns bis zur Brücke brachte. Mitten an diesem Weg hielten wir diesmal an und warfen unsere Schulränzen ins Gras, denn der Fight stand an. Chris und ich standen uns gegenüber, Senol war der Schiri. Ich weiß noch, dass wir kurz vor dem Kampf gar nicht wie erbitterte Feinde miteinander umgingen, so ernst war es nicht. Es war eher eine lockere Atmosphäre, nach dem Motto: Wir haben es ausgemacht, jetzt müssen wir auch, bringen wir es also hinter uns.

Und dann ging es los, und es dauerte gar nicht so lang. Es war kein Faust-, sondern eher ein Ringkampf. Er war etwas fülliger als ich und hatte mehr Kraft, dafür war ich schneller. Am Anfang warf er mich ein paar Mal zu Boden, dann hatte ich mich darauf eingestellt, entwischte seinem Griff immer öfter und schickte ihn mehrmals hin und her. Ich überraschte mich selbst, denn insgeheim hatte ich doch die ganze Zeit schon befürchtet, überhaupt keine Chance zu haben, und bekam sogar Spaß an der Sache. Wie genau der Kampf endete, ob Senol ihn in echter Ringrichter-Manier auflöste oder es sich eher von selbst ausgekämpft hatte, weiß ich nicht mehr. Ich fühlte mich jedenfalls als klarer Sieger und fühlte mich verdammt stolz, weil ich vorher doch das verborgene Gefühl gehabt hatte, mit meiner Unerfahrenheit den Hintern versohlt zu bekommen. Vielleicht war es aus objektiver Sicht doch eher ein unspektakuläres Unentschieden, dazu müsste man wohl Schiedsrichter Senol auffinden und ihn befragen. Für mich aber war es mindestens der Fight des Jahres, eine Heldengeschichte noch dazu, ganz zufällig mit mir in der Heldenrolle. Meine Erinnerung sagt mir jedenfalls, dass ich Chris viel öfter niedergerungen hatte als er mich, und ich kann nur hoffen, dass es kein verklärendes Wunschdenken ist.

Nach der Brücke trennten sich jeden Tag unsere Wege, denn Senol und ich wohnten unten im Altdorf, während Chris noch den steilen Weg zum Neuberg hochlaufen musste. Nachdem wir uns von ihm verabschiedet hatten, kamen wir auf dem weiteren Heimweg noch auf dem Marktplatz vorbei, dem zentralen Punkt der Ortschaft. Dort lief uns Ayhan über den Weg, der ältere Bruder Senols. Den hielt ich damals für den coolsten Jungen der Welt, weil er einmal einen Fahrradschlauch vor meinen Augen mit bloßen Händen zerrissen hatte und ich das unglaublich fand. Er sah uns, genauer mich, etwas verwirrt an und fragte nach, was wir denn getrieben hätten. Und spätestens hier wurde deutlich, wie unverhältnismäßig groß meine Euphorie war. Denn Senol erzählte ihm in ein paar kurzen Sätzen, dass ich und Chris gekämpft hatten. Dann wollten die beiden schon das nächste Thema anschneiden, doch das schien mir sehr unpassend und voreilig. War denn nicht noch ein wenig Zeit für Bewunderung und Lob ihrerseits? Also streute ich immer wieder zusammenhanglose Sätze ein, um das Gespräch irgendwie zurück zum Kampf zu lenken. „Seine Hose war viel zerrissener als meine!“ – „Ach übrigens, ich habe ihn viel öfter zu Boden geworfen als er mich.“ – „Ayhan abi, sei mal ehrlich, hättest du gedacht, dass ich eine Chance gegen den habe?“

Zweihundert Meter später war ich zu Hause. Ich lief die lange Treppe zu unserer Wohnung hoch und wurde wie jeden Tag von meiner Mutter empfangen. Natürlich fiel auch ihr gleich mein zerrissenes und verflecktes Äußeres auf, natürlich fragte sie, was passiert war. Diesmal versuchte ich eine neue Taktik, mit betont wenig Euphorie.

„Ich habe gekämpft, Mama“, sagte ich im Vorbeigehen. „Und ich habe nicht verloren.“

Damit sieht die Kampfbilanz meines Lebens vorerst so aus:

Kämpfe: 1
Siege: 1
Niederlagen: 0

Nächste Folge: Wie und warum ich in Patricks Schwitzkasten landete

Hunderennen mit Orhan Amca

Wie einen beträchtlichen Teil junger Männer mit türkischem Migrationshintergrund findet man auch mich häufig im örtlichen Wettbüro. Ich bin zwar kein großer Zocker und wette nur hier und da mal auf ein Spitzenspiel oder den Clasico, aber das Biotop Wettbüro übt irgendwie eine eigene Faszination auf mich aus. Es kommt mir so vor, als hätten Wettbüros die klassischen türkischen Männercafes ersetzt, die ich noch sehr gut aus meiner Kindheit kenne. Da wir in damaligen Zeiten ohne Internet zuhause keine Fußallspiele der türkischen Liga ansehen konnten, ging ich häufig mit meinem Vater ins türkische Cafe, dessen Haupteinnahmequelle fußballaffine Männer waren, die vom dort verfügbaren Pay-TV-Sender angelockt wurden. Dort lernte ich vor allem zwei Dinge:

1. Bei Fußballspielen lassen türkische Amcas (=Onkel, Ansprache für jeden älteren türkischen Bekannten) wirklich alle Gefühle heraus.
2. So gut wie jedes türkische Schimpfwort, das es je gab.

Noch emotionaler geht es in solchen Kreisen zu, wenn vorher auf das Spiel gewettet wurde. Und so kommen wir zu heutigen Wettbüros zurück. Und zu Orhan Amca und Kira-Sarah. Orhan Amca ist ein Rentner, der für sein Alter noch sehr kräftiges, weißes Haar hat und einen weißen Schnauzer dazu trägt. Ich kenne ihn seit meiner Kindheit, und er sah nie anders aus. Orhan Amca ist so gut wie jeden Tag im Wettbüro. Er ist einer der Ältesten dort und bei so gut wie jedem bekannt und beliebt. Häufig setzt er sich an einen Tisch mit uns Jüngeren, hört sich unsere aktuellen Themen an und klinkt sich dann im Scherz in unsere Gespräche ein („Was redest du da? Barococo ist doch keine richtige Disco, im Creme muss man feiern gehen!“, etc.). Oder er erzählt irgendwelche traditionell-türkischen Geschichten mit lustigem Ausgang, die fikra genannt werden. Orhan Amca ist ein Entertainer, neigt aber zwischendurch auch zur Cholerik. Und auch bei ihm drückt sich das am meisten dann aus, wenn ein Sportereignis nicht so verläuft, wie er sich das wünscht.

Vor einiger Zeit saß er alleine an einem Tisch in der Mitte des Wettbüros, werkelte an einem Handy herum und rief nach Hilfe. Sein Anliegen: „Ich muss ganz dringend ein Hunderennen ansehen, es geht gleich los. Wer kann mir das reinmachen?“ Er erzählte, dass er das Handy von seinem Sohn geschenkt bekommen habe und sich dafür mit einem Geschenk revanchieren wolle. Er wolle seinem Sohn einen teuren Fernseher schenken, dafür reiche die monatliche Rente aber nicht aus. Also habe er viel Geld auf eine Hündin namens Kira-Sarah gesetzt, die gleich irgendwo auf der Welt ins Rennen gehen werde.

Jemand fand auf Orhan Amcas Handy kurzerhand einen Livestream und stellte es angelehnt an einen Kugelschreiberbehälter auf den Tisch. Wir alle versammelten uns hinter Orhan Amca und sahen zu, wie auf einer verlassenen Rennbahn die letzten Vorbereitungen getroffen wurden. Er versuchte währenddessen, seine Angespanntheit mit ein paar Witzchen zu überspielen („Türken sind Machos, sagen sie ja immer. Dass ich auf die einzige Hündin im Feld setze, sieht aber keiner“, etc.). Dann ging das Rennen los, und Kira-Sarah, die eine rote Weste mit der Nummer 4 trug, sprintete allen davon. Wir waren alle aus dem Häuschen und jubelten und klatschten und johlten, nur Orhan Amca lehnte sich nach vorne, stützte sein Kinn auf die Hände und sah angespannt zu. Die Runde ging ihrem Ende zu und Kira-Sarah wurde immer langsamer. Als es in die Zielgerade ging, hatten drei der Hunde sie überholt, und sie ging als Verliererin durchs Ziel. Es war auch keinem dramatischem Zwischenfall geschuldet wie in emotionalen Hollywoodfilmen, kein anderer Hund hatte ihr den Fuß gestellt oder das Rennen anderweitig sabotiert. Der guten Kira-Sarah war wohl einfach die Luft ausgegangen.

Es herrschte kurz eine merkwürdige Ruhe, obwohl der Raum brechend voll war. Bei einem Jüngeren hätte sich jetzt wohl jemand über den erfolglos Wettenden lustig gemacht, nicht aber bei Orhan Amca. Er bewegte sich einige Sekunden lang nicht und schloss kurz die Augen. Dann schnellte er hoch, griff sich das Handy und schleuderte es mit voller Wucht davon. Es krachte auf die Wand gegenüber und fiel mit zersplittertem Display zu Boden. Dann stand er seelenruhig auf, nahm seine Jacke vom Stuhl, zog sie an, nickte auf dem Weg zum Ausgang noch seinem Bekannten an der Kasse zu und verließ den Laden.

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Durchgehört: Jay Z – The Blueprint

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Erscheinungsdatum: 11.09.2001

Ganz unabhängig von ihrer Musik geben schon das Drumherum ihrer Veröffentlichung dieser CD eine besondere Note: Sie erschien an 09/11 und ging trotzdem weg wie warme Semmeln (420.000 Verkäufe in einer Woche), sie beinhaltete einen Diss-Track gegen Jay Z’s damaligen Erzrivalen Nas und wurde damit ein Teil eines der meistbeachteten Hip-Hop-Konflikte aller Zeiten, und sie verhalf Namen wie Kanye West und Just Blaze zum Durchbruch, die wiederum mit ihrem auf damals sehr ungewöhnlichen Soul-Samples basierenden Sound die Renaissance einer Stilrichtung einläuteten, die in den Folgejahren viele Nachahmer finden sollte.

Über zu wenig Bedeutungsschwangerschaft konnte sich das blaue Album also noch nie beschweren. Mal sehen, wie der Inhalt der CD über 11 Jahre nach der Veröffentlichung daherkommt. Und Kopfhörer auf.

1. The Ruler’s Back

Los geht es mit einer Reminiszenz an einen Pionier, nämlich an Slick Rick, auf dessen 1988 erschienenem Album The Great Adventures Of Slick Rick ein Stück mit dem gleichen Titel zu finden war, bei dessen Textinhalt und Beat sich Jay Z und Produzent Bink bedienen. Ein gut klingender Einstieg, der gegen Ende ankündigt, dass es im Stück danach gleich richtig zur Sache geht. In den letzten Bars nennt Jay Z seine damaligen Rocafella-Kompanen alle beim Namen und streut damit bereits eine erste Antwort auf Nas ein, der eben diese Reimweise in einem an seinen Gegenpart gerichteten Radio-Freestyle benutzt hatte (Rip the Freeway, shoot through Memphis with Moneybags/ Go to Philly, order cheese steak, and eat Beans fast).

2. Takeover

Und dann werden die Waffen gezückt. Kanye West sampelt Five To One von The Doors und bastelt daraus ein aggressiv klingendes Monstrum, das von Stimmfetzen von Jim Morrison unterfüttert wird und ein perfektes Gerüst für das Vorhaben des Protagonisten bietet. Und das lautet Abrechnung, mit alles und jedem. “Watch out! We run New York!” brüllt ein ebenso miteingebautes Vocal-Sample von KRS One. Dementsprechend positioniert sich Jay Z hier als König der New Yorker Rapszene und möchte daher jeden aus dem Weg räumen, der ihm dabei im Weg steht. Im ersten und vierten Vers geht es ganz raptypisch gegen namentlich nicht näher bezeichnete Rapper, die mit Allgemeinplätzen abgefertigt werden („We kill you motherfucking ants with a sledgehammer“ usw.). Im zweiten Vers wird dann das aus Queensbridge stammende Duo Mobb Deep attackiert, da dessen eine Hälfte Prodigy in verschiedenen Interviews gegen Jay Z gestichelt hatte. Der Hauptteil befindet sich aber natürlich im dritten Vers, der auf den großen Rivalen Nas abzielt. Der Konflikt zwischen Jay und Nas zog sich über mehrere Jahre hinweg und wird aufgrund seines Umfangs später hier wohl noch einmal in einem eigenen Beitrag thematisiert werden, daher konzentrieren wir uns nur auf die 32 Zeilen, in denen Jay Z seinen Feind zu diskretieren versucht und die kurz nach Erscheinen von der Allgemeinheit als das Ende von Nas’ Karriere angesehen wurden. Und man muss sagen, die Attacke kommt gut durchdacht daher. Er geht auf die fallende Qualität in Nas’ Musik nach seinem Debüt Illmatic ein, greift die Authentizität seiner Texte an und deutet am Ende sogar eine Affäre mit Nasirs Geliebten an. Ohne Zweifel einer der besten Disstracks überhaupt.

3. Izzo (H.O.V.A.)

Der Titel des dritten Tracks ist eine Kreation aus dem von Snoop Dogg populär gemachten “Izzle”-Slang, sodass der Refrain “H to the Izzo, V to the Izzay” nichts anderes ist als die Buchstabierung des von Jay Z sich selbst verliehenen gegeben Beinamen “Hova” (von Jay-Hova, was wiederum auf den Begriff Jehova abzielt, der Herr sieht sich also als den Gott des Rap…Wie ich merke, verrenne ich mich hier gerade in einer Namenserläuterung nach der anderen) darstellt, nur eben in der coolen Rapper-Version. Von all dem Slang mal abgesehen, habe ich mir nie viel aus dem Lied gemacht, der Beat, für den sich Kanye West diesmal bei den Jackson 5 bedient hat, kam mir immer etwas nervig vor. Das hielt dieses Lied aber nicht davon ab, sich gut zu verkaufen und zum ersten Top 10-Hit in der Karriere des Jay Z zu werden.

4. Girls, Girls, Girls

Der Inhalt wird vom Titel perfekt zusammengefasst. Jay Z widmet jedem Mädel in seinem Leben zwischen zwei und vier Zeilen und beschreibt darin verschiedene Gewohnheiten und Charakterzüge seiner Gespielinnen, was oft genug humorvoll daherkommt. Der Beat stammt von Just Blaze und ist ein souliges, schönes Ding. Mich stört hier nur der recht unbeholfen zusammengestammelte Refrain, auch wenn er jeweils von den Legenden Biz Markie, Q-Tip und Slick Rick eingesungen wurde.

5. Jigga That Nigga

Als ich das Album kaufte, war ich noch zarte 15 Jahre alt und HipHop war mir weitestgehend nur in der durch Mainstream-Medien wie Bravo, Viva und Konsorten gefilterten Form bekannt. Ich war also eher mit den kommerziellen Stücken vertraut, die von Rappern in die Alben miteingestreut werden, um sie als Single zu veröffentlichen und bestenfalls hohe Verkaufszahlen und eine größere Bekanntheit abzustauben. Das erklärt auch, warum mir anno 2001 auf Anhieb dieses Stück hier am meisten gefiel. Es ist nämlich in Sachen Sound und Inhalt das mainstreamfreundlichste auf der CD. Aus heutiger Sicht gefällt es mir lange nicht so gut wie damals, das Unspektakuläre überwiegt.

6. U Don’t Know

Und dann dieses Brett. Wer sich etwas aus Hip Hop macht, muss dieses Stück schon allein für die bombastische musikalische Untermalung lieben, für die erneut Just Blaze verantwortlich zeichnet. Ich bin mit der gesamten Diskographie des Jay Z gut vertraut, und es gibt nicht viele Lieder, die mir noch besser gefallen als dieses. Wirklich sehr gut. So gut, dass es auf dem nächsten Ableger der Blueprint-Reihe ein ebenso hörenswerter Remix mit M.O.P. erschien.

7. Hola Hovito

Eine von vielen Kooperationen zwischen Jay Z und Timbaland, deren Qualität sich mit den Jahren leider stetig gen Keller entwickelt hat. Anfangs überging ich das Lied meistens, ohne recht zu wissen warum, inzwischen höre ich es aber gerne. Vor allem bei aufgedrehter Lautstärke im Auto kommt der Beat sehr gut zur Entfaltung, und Jay Z spielt mit variierenden Flows eine seiner größten Stärken aus, auch wenn er dabei nichts Weltbewegendes rappt. Oder halt, da war doch was. “And if I aint better than B.I.G./I’m the closest one”….Will er damit nicht schon andeuten, dass er sich sehr wohl für besser hält? Geschickt verpackte Botschaft, über die sich streiten lässt.

8. Heart Of The City (Ain’t No Love)

Nachdem Just Blaze seit seinem letzten Auftritt zweimal glänzen durfte, streut nun Kanye West wieder zwei von ihm produzierte Tracks ein. Für den ersten bedient er sich bei einem R&B-Hit aus den 70ern und erstellt einen erneut sehr souligen Beat, der stellvertretend für den Sound der ganzen CD steht. Jay Z nutzt die gut klindende Plattform, um auf gewohnt routinierte Art und Weise mit allen Kontrahenten abzurechnen, die aus irgendwelchen Gründen irgendetwas gegen ihn haben. “Sensitive thugs, you all need hugs”. Rundes Ding.

9. Never Change

Never Change ist der Zwillingsbruder vom vorherigen Stück: von Kanye West produziert, Soul-Sample, ebenso hübsch anzuhören. Der Text ist erneut ganz jayztypisch ichbezogen, von der Kindheit über den Drogenverkauf in der Jugend bis hin zum Erfolg als Rapper. Es wird zwischendurch auch witzig, aber eher unfreiwillig: Jay Z behauptet nämlich, in seiner Vergangenheit als Drogendealer einmal 92 Kilo verloren zu haben, sodass er fünf Tage am Stück “arbeiten” (Drogen verchecken) musste, um die entstandenen Schulden abzubezahlen. Ich habe irgendwo im Internet mal einen witzigen Kommentar zu jener Stelle gelesen, dass es nicht einmal einen Cheat in GTA gibt, um sich aus solch einer Situation schadenlos zu befreien.

10. Song Cry

Ein sehr untypischer Track für Jay Z, da die gerappte Geschichte sehr auf die Gefühle des Ich-Erzählers eingeht, und Gefühlsrap eigentlich nicht zu den Tätigkeitsfeldern des Shawn Carter gehört. Und doch funktioniert es. Produzent Just Blaze hat einmal Folgendes erzählt: Nachdem er Jay Z, der seine Raps vor der endgültigen Version des Beats aufgenommen hatte, die nun fertige Version vorspielte, habe der das Telefon genommen, die Nummer von Timbaland gewählt und ihm mitgeteilt, dass er ihn zwar sehr schätze, Just Blaze aber mit Abstand der beste Produzent der Welt sei. Schöne Anekdote, auch wenn der arme Timbaland sich am anderen Ende der Leitung wohl ziemlich seltsam gefühlt haben muss.

11. All I Need

Jay Z rappt über Sachen, die ihm wichtig sind. Rocawear, Armadale, Mädels und die Kameraden aus seiner Crew. Dieses Stück ist wohl das am wenigsten bekannte auf der CD, und das mit Recht. Beim Hörer drängt sich der Gedanke auf, dass man gegen Ende der Deadline noch einen Track gebraucht hat, und daran kann auch die Tatsache nichts ändern, dass die erste Zeile 2011 in der ersten Single von Watch The Throne, dem Kollabo-Album von Jay Z und Kanye West, gesamplet wurde.

12. Renegade

Was wurde und wird über diesen Song diskutiert. Ohne übertreiben zu wollen, kann man ihm ja gewissermaßen eine raphistorische Bedeutung zumessen. Denn heute noch wird bei jeder Zusammenarbeit von zwei oder mehr Rappern stets kurz nach Erscheinen eine Frage heiß diskutiert: Wer war besser? Wer hat die besseren Reime, den besseren Flow, das bessere Gesamtauftreten? Und diese Tradition hat ihren Ursprung in Renegade. Denn als Nas auf den oben besprochenen Takeover-Angriff mit seinem Diss-Track Ether antwortete, beinhaltete dieser neben unzähligen weiteren Beleidigungen auch die Zeile “Eminem murdered you on your own shit”. Ist also der Part von Eminem, der einzige Gast-Akteur auf dem Album, wirklich so viel besser als der von Jay, ist er überhaupt besser? Muss jeder für sich entscheiden, was man dabei aber beachten sollte, ist die Tatsache, dass die Raps von Eminem bereits aufgenommen waren, bevor Jay Z den Beat erhielt und seinen Teil aufnahm. Herausgekommen ist jedenfalls ein hörenswertes Hin und Her, auch wenn ich generell nicht der größte Fan von Eminems Produktion bin.

13. Blueprint (Momma Loves Me)

Alte Jay Z-Tradition: das Album mit einem sehr persönlich gehaltenen Stück beenden. In diesem geht es um seine Kindheit, seine Verwandten, seinen Werdegang. Schönes, ruhiges Ende.

Fazit: The Blueprint ist ein sehr gutes Album. Es gehört sicherlich zu den besten in der Karriere des Jay Z, auch wenn ich sein Debüt Reasonable Doubt wohl doch etwas besser einschätze. Die Produktion klingt auch über ein Jahrzehnt später ansprechend, wobei die von Kanye West und Just Blaze zubereiteten Stücke herausragen. Der rappende Protagonist ist ebenfalls in Top-Form und glänzt durch abwechselnde Flows, clevere Wortspiele und selbstbewusste Präsenz. Es gibt zwar einige kleinere Durchhänger (Jigga That Nigga, All I Need), doch aufgrund der Qualität der meisten Songs und der bahnbrechenden Produktion kann man hier mit gutem Gewissen von einem Klassiker sprechen.