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Micha

„Ich habe von dir geträumt und konnte nicht aufhören zu weinen.“

Die des Protagonisten in einem Alptraum ist nicht gerade eine Rolle, die man sich wünscht, aber aussuchen kann man es sich ja auch nicht. Meine Mutter nimmt ihre Träume immer sehr ernst und macht sich dann viele Gedanken, was das Geträumte bedeutet haben könnte. Also erzählte sie mir kürzlich von ihrem Traum, in dem sie mich nach sehr langer Zeit zum ersten Mal wiedersah und feststellen musste, dass ihr Sohn zu einem verwahrlosten Drogenabhängigen geworden war. Während für sie eine Welt zusammenbrach, hätte ich sie gar nicht beachtet, da ich gerade zu konzentriert mit einer Spritze rumhantierte.

Nun sind Alpträume ja nichts Außergewöhnliches. Jeder hat sie, keiner mag sie, muss man durch. Doch das von ihr geträumte Szenario machte mich nachdenklich. Warum nehme ich eigentlich keine Drogen? Die Frage kann und muss wohl auf mehreren Ebenen beantworten werden, aber mir fiel sofort eine Geschichte ein, die mir mein Vater erzählte, als ich noch ein kleiner Junge war. Die Geschichte ist nicht besonders lang oder ausgeklügelt und strotzt nicht gerade vor plot twists, soll sich aber genauso zugetragen haben. Er erzählte sie mir, als wir an einem Sommertag im Auto mit offenem Schiebedach irgendwohin fuhren. Und er tat es ganz beiläufig.

Wie wir auf das Thema kamen, weiß ich nicht, doch mein Vater erzählte mir von seiner Schulzeit. Er kam mit 13 nach Deutschland und musste sich an das neue Leben im neuen Umfeld gewöhnen, und der Gradmesser dafür war natürlich die Schule. Das Erste, das ihm dort auf- und beim Erzählen wieder einfiel, waren die ständigen Schlägereien zwischen den Jungs in der Klasse. Es wurde jeden Tag gerungen, gerauft, geboxt. Manchmal aus Spaß, manchmal sehr ernst, und er mischte immer munter mit. Seinen Schilderungen nach muss es bei ihnen in den Pausen wie beim Royal Rumble ausgesehen haben, das ich mir als kleiner großer Wrestling-Fan damals ständig auf Kassette reinzog.

Bei diesen ständigen Großkämpfen im Klassenzimmer und auf dem Pausenhof gab es einen unangefochtetenen King, und der hieß Micha.

Wenn wir beim Wrestling-Vergleich bleiben, war Micha so etwas wie die Schulhofversion von Andre the Giant – viel größer, viel stärker als der Rest. Nur nicht so abschreckend. Den Beschreibungen meines Vaters zufolge muss Micha ein Wahnsinnstyp gewesen sein, denn er war nicht nur seinen Kameraden in den täglichen Raufereien haushoch überlegen, sondern kam auch bei den Mädels der Klasse sehr gut an.

(Vielleicht habe ich sie auch deshalb nie so richtig vergessen, weil der Schritt von der Exposition zur Katastrophe in ihr so abrupt verläuft.Fast ohne Steigerung, ganz ohne Peripetie oder retardierendes Moment, also insgesamt so ziemlich allen Regeln der gängigen Schreibschulen widersprechend. Aber das echte Leben hat eben seinen eigenen Stil. Also weiter.)

Irgendwann war Micha weg, da seine Familie in einen Ort aus der Umgebung zog und er auf eine andere Schule ging. Danach bekam mein Vater nur noch sporadisch mit, wie es mit ihm weiterging. Um genau zu sein, nur noch drei Mal.

Zuerst ging in seinem Freundeskreis das Gerücht um, Micha hänge mit den falschen Leuten ab. Er habe begonnen, härtere Drogen zu nehmen.

Dann traf er Micha eines Tages in der Einkaufsstraße der nächstgrößeren Stadt und war erschrocken. Denn aus dem vorpubertären Muskelpaket war ein völlig zerfallener Teenager geworden, den er kaum wiedererkannte und der von seiner Mutter beim Gehen gestützt werden musste.

Und noch bevor mein Vater 20 Jahre wurde, bekam er mit, dass der gleichaltrige Micha an einer Überdosis gestorben war.

Ich weiß nicht, ob er mir diese Geschichte zufällig erzählte, einfach weil sie ihm gerade einfiel, oder ob es mit Hintergedanken geschah. Es wäre nicht die erste Maßnahme von Seiten meiner Eltern gewesen, mir die Gefahren von Drogen von kleinauf deutlich zu machen. Einmal musste ich das Fußballtraining ausfallen lassen und wurde zu einer „Anti-Drogen-Disco“ in einem Nachbarort gefahren. Es war ein gutgemeintes Event, das aber völlig ins Leere ging. Denn während im Eingangsbereich der Halle ein paar kaum beachtete Infoplakate und Broschüren standen, war die eine Hälfte der Besucher auf der Tanzfläche, die andere draußen beim Rauchen. Als meine Eltern mitbekamen, dass einige meiner türkischen Freunde sehr früh mit dem Rauchen angefangen hatten, wollten sie nicht, dass ich zu viel mit ihnen abhänge. Ganz zu schweigen von Aufklärungen in der Schule über die Gefahren von Drogen. Oder den damals in deutschen Städten sehr präsenten „Keine Macht den Drogen“-Plakaten, bei denen ich immer dachte, irgendjemand habe sich beim Slogan „Keiner macht die Drogen“, der mir aus unerfindlichen Gründen irgendwie plausibler vorkam, gleich mehrere grammatikalische Fehler geleistet.

All diese Anti-Drogen-Maßnahmen und Botschaften waren nichts im Vergleich dazu, was die Geschichte von Micha in mir auslöste. Auch wenn er lange gestorben war, bevor ich geboren wurde, ging mir sein Schicksal nah. Es machte mir auf sehr anschauliche Art bewusst, welchen Einfluss Drogen haben können, wie schnell sie Besitz von Menschen ergreifen können und wie schnell alles zu Ende sein kann, wenn man nicht mehr davon wegkommt. Ich fand es traurig, was ihm passierte, und ich wusste, dass ich keine Lust darauf hatte, eine ähnliche Entwicklung durchzumachen.

Deshalb habe ich die Geschichte von Micha nie vergessen. Sie ist eine der Erinnerungen aus der Kindheit, an die man vielleicht nicht täglich denkt, die einem aber doch immer wieder einfallen und einen auf eher unbewusste Art prägen. Deshalb musste ich auch sofort an die Geschichte von Micha denken, als ich vom Alptraum meiner Mutter mit mir als Drogenabhängigem hörte. Auch wenn beide Szenarien viele Jahre auseinanderliegen und sich vor allem darin unterscheiden, dass das eine wahr ist und das andere nicht, gibt es doch eine direkte Verbindung zwischen ihnen, zumindest aus meiner persönlichen Sicht. Denn das eine war maßgeblich dafür, dass das andere nie eintreffen konnte.

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Phife

Wenn mir etwas gefällt, will ich alles darüber wissen. Wo die Sache herkommt, wer sie in ihrer Vergangenheit am besten beherrschte, wie es dazu kommen konnte, dass sie sich über die Jahre erhalten und mir wichtig geworden ist.

Als Junge sah ich mir immer gerne die Wiederholungen verschiedener Jahrhundertspiele des Fußballs an und sah Helden vergangener Epochen wie Maradona, Pele und Beckenbauer so erstmals in Aktion. Ähnlich lief es mit anderen Hobbies ab. Filme wie die ersten zwei Teile des Paten oder Taxi Driver zählen heute zu meinen absoluten Favoriten, alle Bücher und Erzählungen von Kafka ebenso. Das Prinzip funktioniert auch im Hip Hop. In ganz jungen Jahren war ich nur von Rap, ohne richtig zu wissen, wo diese Musikrichtung und die dazugehörige Kultur herkommt und was sie ausmacht. Also begann ich nach einiger Zeit, mich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und mir vor allem Alben zu besorgen, die als absolute Klassiker des Genres gelten. Es brachte viele Erkenntnisse mit sich: Biggie war wirklich so unfassbar gut, wie alle immer sagen. Run-D.M.C klangen wirklich ganz anders als alles andere vor ihnen. Und ja, Rakim ist ein unglaublicher Poet.

Genauso stieß ich auch auf die Gruppe A Tribe Called Quest, die Anfang der neunziger Jahre maßgeblich für den typischen New Yorker Sound stand und vor allem mit zwei Alben in Erinnerung geblieben ist: The Low End Theory und Midnight Marauders. Ich hörte beide Alben über zwanzig Jahre nach ihrem Erscheinen und merkte, was ich verpasst hatte. Ich weiß nicht, ob es nur bei mir so ist, aber es gibt Songs und Alben, die am besten in eine bestimmte Jahreszeit passen. Wenn wir im Bereich Hip Hop bleiben, fallen mir spontan Liquid Swords von GZA oder Vom Bordstein bis zur Skyline von Bushido ein, die mit ihren düsteren, dunklen Beats noch düsterer und dunkler klingen, wenn man sie nicht bei Sonnenschein, sondern in einer Winternacht anhört.

ATCQ ist das Gegenteil, denn ATCQ ist Sommermusik. Ihre Songs bestanden aus einem gutelaunemachenden Zusammenspiel von dominantem Bass und unzähligen Jazz-Samples, das ich mir am liebsten anhöre, wenn ich an einem warmen Tag im Frühling oder Sommer durch die Straßen fahre.

Es gab zwei MCs, die den rappenden Part der Gruppe übernahmen, den recht bekannten Q-Tip und den eher unbekannten Phife Dawg. Letzterer machte mich mit einem einzigen Part zum Fan. Auf The Low End Theory ist Phife Dawg auf dem ersten Song nicht zu hören, sondern nur sein Partner Q-Tip. Auf dem zweiten Song (Buggin‘ Out) aber stellt er sich dann aber auf eine Art und Weise vor, die ich nach dem ersten Anhören nie vergessen habe. Zuerst hört man nur ein paar Sekunden lang nur den Bass, dann greift er zeitgleich mit den Drums ein und legt los:

Yo, microphone check one, two, what is this?
The five foot assassin with the roughneck business…

Danach folgen 16 weitere Zeilen gekonnter Rap im gleichen selbstbewussten Grundton. Er hatte eine unverkennbare Stimme und haute ständig Punchlines aus, in denen er in klassischer Hip-Hop-Manier vermeintliche Schwächen und Nachteile zu Argumenten seiner eigenene Unbezwingbarkeit umbaute. Seine Diabeteserkrankung etwa war für ihn als Rapper kein Grund zum Lamentieren, sondern zu der Zeile: When’s the last time you heard a funky diabetic?

Dass ihm die Krankheit mit den Jahren aber doch zu schaffen machte, kann man in der Dokumentation sehen, die der Schauspieler und Fan Michael Rapaport vor einigen Jahren über ATCQ veröffentlichte. Zu jenem Zeitpunkt hatte sich die Gruppe schon längst aufgelöst, vor allem weil es zwischen den zwei Frontmännern Q-Tip und Phife Dawg immer wieder zu Reibereien gekommen war. Da sich Phife aber einer Nierentransplantation unterziehen musste und auf finanzielle Hilfe angewiesen war, schloss man sich für eine weitere Tour zusammen. Bei der kam es dann aber zum endgültigen Bruch. Wer mehr über A Tribe Called Quest, ihre Bedeutung für Hip Hop und das schwierige Verhältnis der zwei Protagonisten erfahren möchte, dem kann ich den sehenswerten Film nur empfehlen.

ATCQ standen für intelligenten und kreativen Rap am meisten. Ich bin froh, sie entdeckt zu haben. Und das auch und vor allem wegen Phife Dawg. Neben dem eher lässig rappenden Q-Tip war er mit seinen selbstbewussten Texten und der fast schon schrillen Stimme der klassische Gegenpol, zusammen ergaben sie eine sehr hörenswerte Miscung.

Wie jedes Jahr habe ich heute ihre Alben herausgekramt, also vermeintlich passenderweise zu Zeiten des einsetzenden Frühlings. Vor allem mein Liebling Buggin‘ Out läuft hier in Endlosschleife. Der Anlass ist aber ein trauriger, denn Phife Dawg ist letzte Nacht leider verstorben. Er wurde 45 Jahre alt.

Hunderennen mit Orhan Amca

Wie einen beträchtlichen Teil junger Männer mit türkischem Migrationshintergrund findet man auch mich häufig im örtlichen Wettbüro. Ich bin zwar kein großer Zocker und wette nur hier und da mal auf ein Spitzenspiel oder den Clasico, aber das Biotop Wettbüro übt irgendwie eine eigene Faszination auf mich aus. Es kommt mir so vor, als hätten Wettbüros die klassischen türkischen Männercafes ersetzt, die ich noch sehr gut aus meiner Kindheit kenne. Da wir in damaligen Zeiten ohne Internet zuhause keine Fußallspiele der türkischen Liga ansehen konnten, ging ich häufig mit meinem Vater ins türkische Cafe, dessen Haupteinnahmequelle fußballaffine Männer waren, die vom dort verfügbaren Pay-TV-Sender angelockt wurden. Dort lernte ich vor allem zwei Dinge:

1. Bei Fußballspielen lassen türkische Amcas (=Onkel, Ansprache für jeden älteren türkischen Bekannten) wirklich alle Gefühle heraus.
2. So gut wie jedes türkische Schimpfwort, das es je gab.

Noch emotionaler geht es in solchen Kreisen zu, wenn vorher auf das Spiel gewettet wurde. Und so kommen wir zu heutigen Wettbüros zurück. Und zu Orhan Amca und Kira-Sarah. Orhan Amca ist ein Rentner, der für sein Alter noch sehr kräftiges, weißes Haar hat und einen weißen Schnauzer dazu trägt. Ich kenne ihn seit meiner Kindheit, und er sah nie anders aus. Orhan Amca ist so gut wie jeden Tag im Wettbüro. Er ist einer der Ältesten dort und bei so gut wie jedem bekannt und beliebt. Häufig setzt er sich an einen Tisch mit uns Jüngeren, hört sich unsere aktuellen Themen an und klinkt sich dann im Scherz in unsere Gespräche ein („Was redest du da? Barococo ist doch keine richtige Disco, im Creme muss man feiern gehen!“, etc.). Oder er erzählt irgendwelche traditionell-türkischen Geschichten mit lustigem Ausgang, die fikra genannt werden. Orhan Amca ist ein Entertainer, neigt aber zwischendurch auch zur Cholerik. Und auch bei ihm drückt sich das am meisten dann aus, wenn ein Sportereignis nicht so verläuft, wie er sich das wünscht.

Vor einiger Zeit saß er alleine an einem Tisch in der Mitte des Wettbüros, werkelte an einem Handy herum und rief nach Hilfe. Sein Anliegen: „Ich muss ganz dringend ein Hunderennen ansehen, es geht gleich los. Wer kann mir das reinmachen?“ Er erzählte, dass er das Handy von seinem Sohn geschenkt bekommen habe und sich dafür mit einem Geschenk revanchieren wolle. Er wolle seinem Sohn einen teuren Fernseher schenken, dafür reiche die monatliche Rente aber nicht aus. Also habe er viel Geld auf eine Hündin namens Kira-Sarah gesetzt, die gleich irgendwo auf der Welt ins Rennen gehen werde.

Jemand fand auf Orhan Amcas Handy kurzerhand einen Livestream und stellte es angelehnt an einen Kugelschreiberbehälter auf den Tisch. Wir alle versammelten uns hinter Orhan Amca und sahen zu, wie auf einer verlassenen Rennbahn die letzten Vorbereitungen getroffen wurden. Er versuchte währenddessen, seine Angespanntheit mit ein paar Witzchen zu überspielen („Türken sind Machos, sagen sie ja immer. Dass ich auf die einzige Hündin im Feld setze, sieht aber keiner“, etc.). Dann ging das Rennen los, und Kira-Sarah, die eine rote Weste mit der Nummer 4 trug, sprintete allen davon. Wir waren alle aus dem Häuschen und jubelten und klatschten und johlten, nur Orhan Amca lehnte sich nach vorne, stützte sein Kinn auf die Hände und sah angespannt zu. Die Runde ging ihrem Ende zu und Kira-Sarah wurde immer langsamer. Als es in die Zielgerade ging, hatten drei der Hunde sie überholt, und sie ging als Verliererin durchs Ziel. Es war auch keinem dramatischem Zwischenfall geschuldet wie in emotionalen Hollywoodfilmen, kein anderer Hund hatte ihr den Fuß gestellt oder das Rennen anderweitig sabotiert. Der guten Kira-Sarah war wohl einfach die Luft ausgegangen.

Es herrschte kurz eine merkwürdige Ruhe, obwohl der Raum brechend voll war. Bei einem Jüngeren hätte sich jetzt wohl jemand über den erfolglos Wettenden lustig gemacht, nicht aber bei Orhan Amca. Er bewegte sich einige Sekunden lang nicht und schloss kurz die Augen. Dann schnellte er hoch, griff sich das Handy und schleuderte es mit voller Wucht davon. Es krachte auf die Wand gegenüber und fiel mit zersplittertem Display zu Boden. Dann stand er seelenruhig auf, nahm seine Jacke vom Stuhl, zog sie an, nickte auf dem Weg zum Ausgang noch seinem Bekannten an der Kasse zu und verließ den Laden.

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Durchgehört: Jay Z – The Blueprint

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Erscheinungsdatum: 11.09.2001

Ganz unabhängig von ihrer Musik geben schon das Drumherum ihrer Veröffentlichung dieser CD eine besondere Note: Sie erschien an 09/11 und ging trotzdem weg wie warme Semmeln (420.000 Verkäufe in einer Woche), sie beinhaltete einen Diss-Track gegen Jay Z’s damaligen Erzrivalen Nas und wurde damit ein Teil eines der meistbeachteten Hip-Hop-Konflikte aller Zeiten, und sie verhalf Namen wie Kanye West und Just Blaze zum Durchbruch, die wiederum mit ihrem auf damals sehr ungewöhnlichen Soul-Samples basierenden Sound die Renaissance einer Stilrichtung einläuteten, die in den Folgejahren viele Nachahmer finden sollte.

Über zu wenig Bedeutungsschwangerschaft konnte sich das blaue Album also noch nie beschweren. Mal sehen, wie der Inhalt der CD über 11 Jahre nach der Veröffentlichung daherkommt. Und Kopfhörer auf.

1. The Ruler’s Back

Los geht es mit einer Reminiszenz an einen Pionier, nämlich an Slick Rick, auf dessen 1988 erschienenem Album The Great Adventures Of Slick Rick ein Stück mit dem gleichen Titel zu finden war, bei dessen Textinhalt und Beat sich Jay Z und Produzent Bink bedienen. Ein gut klingender Einstieg, der gegen Ende ankündigt, dass es im Stück danach gleich richtig zur Sache geht. In den letzten Bars nennt Jay Z seine damaligen Rocafella-Kompanen alle beim Namen und streut damit bereits eine erste Antwort auf Nas ein, der eben diese Reimweise in einem an seinen Gegenpart gerichteten Radio-Freestyle benutzt hatte (Rip the Freeway, shoot through Memphis with Moneybags/ Go to Philly, order cheese steak, and eat Beans fast).

2. Takeover

Und dann werden die Waffen gezückt. Kanye West sampelt Five To One von The Doors und bastelt daraus ein aggressiv klingendes Monstrum, das von Stimmfetzen von Jim Morrison unterfüttert wird und ein perfektes Gerüst für das Vorhaben des Protagonisten bietet. Und das lautet Abrechnung, mit alles und jedem. “Watch out! We run New York!” brüllt ein ebenso miteingebautes Vocal-Sample von KRS One. Dementsprechend positioniert sich Jay Z hier als König der New Yorker Rapszene und möchte daher jeden aus dem Weg räumen, der ihm dabei im Weg steht. Im ersten und vierten Vers geht es ganz raptypisch gegen namentlich nicht näher bezeichnete Rapper, die mit Allgemeinplätzen abgefertigt werden („We kill you motherfucking ants with a sledgehammer“ usw.). Im zweiten Vers wird dann das aus Queensbridge stammende Duo Mobb Deep attackiert, da dessen eine Hälfte Prodigy in verschiedenen Interviews gegen Jay Z gestichelt hatte. Der Hauptteil befindet sich aber natürlich im dritten Vers, der auf den großen Rivalen Nas abzielt. Der Konflikt zwischen Jay und Nas zog sich über mehrere Jahre hinweg und wird aufgrund seines Umfangs später hier wohl noch einmal in einem eigenen Beitrag thematisiert werden, daher konzentrieren wir uns nur auf die 32 Zeilen, in denen Jay Z seinen Feind zu diskretieren versucht und die kurz nach Erscheinen von der Allgemeinheit als das Ende von Nas’ Karriere angesehen wurden. Und man muss sagen, die Attacke kommt gut durchdacht daher. Er geht auf die fallende Qualität in Nas’ Musik nach seinem Debüt Illmatic ein, greift die Authentizität seiner Texte an und deutet am Ende sogar eine Affäre mit Nasirs Geliebten an. Ohne Zweifel einer der besten Disstracks überhaupt.

3. Izzo (H.O.V.A.)

Der Titel des dritten Tracks ist eine Kreation aus dem von Snoop Dogg populär gemachten “Izzle”-Slang, sodass der Refrain “H to the Izzo, V to the Izzay” nichts anderes ist als die Buchstabierung des von Jay Z sich selbst verliehenen gegeben Beinamen “Hova” (von Jay-Hova, was wiederum auf den Begriff Jehova abzielt, der Herr sieht sich also als den Gott des Rap…Wie ich merke, verrenne ich mich hier gerade in einer Namenserläuterung nach der anderen) darstellt, nur eben in der coolen Rapper-Version. Von all dem Slang mal abgesehen, habe ich mir nie viel aus dem Lied gemacht, der Beat, für den sich Kanye West diesmal bei den Jackson 5 bedient hat, kam mir immer etwas nervig vor. Das hielt dieses Lied aber nicht davon ab, sich gut zu verkaufen und zum ersten Top 10-Hit in der Karriere des Jay Z zu werden.

4. Girls, Girls, Girls

Der Inhalt wird vom Titel perfekt zusammengefasst. Jay Z widmet jedem Mädel in seinem Leben zwischen zwei und vier Zeilen und beschreibt darin verschiedene Gewohnheiten und Charakterzüge seiner Gespielinnen, was oft genug humorvoll daherkommt. Der Beat stammt von Just Blaze und ist ein souliges, schönes Ding. Mich stört hier nur der recht unbeholfen zusammengestammelte Refrain, auch wenn er jeweils von den Legenden Biz Markie, Q-Tip und Slick Rick eingesungen wurde.

5. Jigga That Nigga

Als ich das Album kaufte, war ich noch zarte 15 Jahre alt und HipHop war mir weitestgehend nur in der durch Mainstream-Medien wie Bravo, Viva und Konsorten gefilterten Form bekannt. Ich war also eher mit den kommerziellen Stücken vertraut, die von Rappern in die Alben miteingestreut werden, um sie als Single zu veröffentlichen und bestenfalls hohe Verkaufszahlen und eine größere Bekanntheit abzustauben. Das erklärt auch, warum mir anno 2001 auf Anhieb dieses Stück hier am meisten gefiel. Es ist nämlich in Sachen Sound und Inhalt das mainstreamfreundlichste auf der CD. Aus heutiger Sicht gefällt es mir lange nicht so gut wie damals, das Unspektakuläre überwiegt.

6. U Don’t Know

Und dann dieses Brett. Wer sich etwas aus Hip Hop macht, muss dieses Stück schon allein für die bombastische musikalische Untermalung lieben, für die erneut Just Blaze verantwortlich zeichnet. Ich bin mit der gesamten Diskographie des Jay Z gut vertraut, und es gibt nicht viele Lieder, die mir noch besser gefallen als dieses. Wirklich sehr gut. So gut, dass es auf dem nächsten Ableger der Blueprint-Reihe ein ebenso hörenswerter Remix mit M.O.P. erschien.

7. Hola Hovito

Eine von vielen Kooperationen zwischen Jay Z und Timbaland, deren Qualität sich mit den Jahren leider stetig gen Keller entwickelt hat. Anfangs überging ich das Lied meistens, ohne recht zu wissen warum, inzwischen höre ich es aber gerne. Vor allem bei aufgedrehter Lautstärke im Auto kommt der Beat sehr gut zur Entfaltung, und Jay Z spielt mit variierenden Flows eine seiner größten Stärken aus, auch wenn er dabei nichts Weltbewegendes rappt. Oder halt, da war doch was. “And if I aint better than B.I.G./I’m the closest one”….Will er damit nicht schon andeuten, dass er sich sehr wohl für besser hält? Geschickt verpackte Botschaft, über die sich streiten lässt.

8. Heart Of The City (Ain’t No Love)

Nachdem Just Blaze seit seinem letzten Auftritt zweimal glänzen durfte, streut nun Kanye West wieder zwei von ihm produzierte Tracks ein. Für den ersten bedient er sich bei einem R&B-Hit aus den 70ern und erstellt einen erneut sehr souligen Beat, der stellvertretend für den Sound der ganzen CD steht. Jay Z nutzt die gut klindende Plattform, um auf gewohnt routinierte Art und Weise mit allen Kontrahenten abzurechnen, die aus irgendwelchen Gründen irgendetwas gegen ihn haben. “Sensitive thugs, you all need hugs”. Rundes Ding.

9. Never Change

Never Change ist der Zwillingsbruder vom vorherigen Stück: von Kanye West produziert, Soul-Sample, ebenso hübsch anzuhören. Der Text ist erneut ganz jayztypisch ichbezogen, von der Kindheit über den Drogenverkauf in der Jugend bis hin zum Erfolg als Rapper. Es wird zwischendurch auch witzig, aber eher unfreiwillig: Jay Z behauptet nämlich, in seiner Vergangenheit als Drogendealer einmal 92 Kilo verloren zu haben, sodass er fünf Tage am Stück “arbeiten” (Drogen verchecken) musste, um die entstandenen Schulden abzubezahlen. Ich habe irgendwo im Internet mal einen witzigen Kommentar zu jener Stelle gelesen, dass es nicht einmal einen Cheat in GTA gibt, um sich aus solch einer Situation schadenlos zu befreien.

10. Song Cry

Ein sehr untypischer Track für Jay Z, da die gerappte Geschichte sehr auf die Gefühle des Ich-Erzählers eingeht, und Gefühlsrap eigentlich nicht zu den Tätigkeitsfeldern des Shawn Carter gehört. Und doch funktioniert es. Produzent Just Blaze hat einmal Folgendes erzählt: Nachdem er Jay Z, der seine Raps vor der endgültigen Version des Beats aufgenommen hatte, die nun fertige Version vorspielte, habe der das Telefon genommen, die Nummer von Timbaland gewählt und ihm mitgeteilt, dass er ihn zwar sehr schätze, Just Blaze aber mit Abstand der beste Produzent der Welt sei. Schöne Anekdote, auch wenn der arme Timbaland sich am anderen Ende der Leitung wohl ziemlich seltsam gefühlt haben muss.

11. All I Need

Jay Z rappt über Sachen, die ihm wichtig sind. Rocawear, Armadale, Mädels und die Kameraden aus seiner Crew. Dieses Stück ist wohl das am wenigsten bekannte auf der CD, und das mit Recht. Beim Hörer drängt sich der Gedanke auf, dass man gegen Ende der Deadline noch einen Track gebraucht hat, und daran kann auch die Tatsache nichts ändern, dass die erste Zeile 2011 in der ersten Single von Watch The Throne, dem Kollabo-Album von Jay Z und Kanye West, gesamplet wurde.

12. Renegade

Was wurde und wird über diesen Song diskutiert. Ohne übertreiben zu wollen, kann man ihm ja gewissermaßen eine raphistorische Bedeutung zumessen. Denn heute noch wird bei jeder Zusammenarbeit von zwei oder mehr Rappern stets kurz nach Erscheinen eine Frage heiß diskutiert: Wer war besser? Wer hat die besseren Reime, den besseren Flow, das bessere Gesamtauftreten? Und diese Tradition hat ihren Ursprung in Renegade. Denn als Nas auf den oben besprochenen Takeover-Angriff mit seinem Diss-Track Ether antwortete, beinhaltete dieser neben unzähligen weiteren Beleidigungen auch die Zeile “Eminem murdered you on your own shit”. Ist also der Part von Eminem, der einzige Gast-Akteur auf dem Album, wirklich so viel besser als der von Jay, ist er überhaupt besser? Muss jeder für sich entscheiden, was man dabei aber beachten sollte, ist die Tatsache, dass die Raps von Eminem bereits aufgenommen waren, bevor Jay Z den Beat erhielt und seinen Teil aufnahm. Herausgekommen ist jedenfalls ein hörenswertes Hin und Her, auch wenn ich generell nicht der größte Fan von Eminems Produktion bin.

13. Blueprint (Momma Loves Me)

Alte Jay Z-Tradition: das Album mit einem sehr persönlich gehaltenen Stück beenden. In diesem geht es um seine Kindheit, seine Verwandten, seinen Werdegang. Schönes, ruhiges Ende.

Fazit: The Blueprint ist ein sehr gutes Album. Es gehört sicherlich zu den besten in der Karriere des Jay Z, auch wenn ich sein Debüt Reasonable Doubt wohl doch etwas besser einschätze. Die Produktion klingt auch über ein Jahrzehnt später ansprechend, wobei die von Kanye West und Just Blaze zubereiteten Stücke herausragen. Der rappende Protagonist ist ebenfalls in Top-Form und glänzt durch abwechselnde Flows, clevere Wortspiele und selbstbewusste Präsenz. Es gibt zwar einige kleinere Durchhänger (Jigga That Nigga, All I Need), doch aufgrund der Qualität der meisten Songs und der bahnbrechenden Produktion kann man hier mit gutem Gewissen von einem Klassiker sprechen.