Hoch in Kreuzberg

Micky und ich sitzen bei mir zuhause und fragen uns, wie wir den Abend verbringen sollen. Bei mir zuhause stimmt nicht ganz, ich bin nämlich nur Zwischenmieter und wohne hier nur auf Zeit, für ein halbes Jahr nämlich. Die Wohnung ist ist Berlin-Kreuzberg, aber irgendwie auch in Neukölln, oder zumindest fast. Wenn man aus der Tür geht und ein bisschen herumläuft, befindet man sich meist schon in Neukölln, da sich die Wohnung direkt an der Grenze beider Stadtteile befindet, so hat man mir das erklärt.

Micky ist ein paar Monate länger als ich in Berlin. Wir kommen aus der gleichen Ecke des Landes, weit weg von hier, dort haben wir uns kennengelernt, als wir in die gleiche Fußballmannschaft kamen, und als wir erfuhren, dass unsere Mütter schon seit vielen Jahren befreundet sind, wurden wir auch Kumpels.

Hier in Berlin wurde aus unserer Freundschaft eine Schicksalsgemeinschaft. Er hat hier ein paar Verwandte, bei denen er lebt, und bereitet sich für eine Weiterbildung vor, oder er macht ein Praktikum, so genau weiß ich das nicht. Ich habe hier niemanden und bin gekommen, um genug Zeit und Ruhe zu haben, um endlich mal einen Roman fertigzubringen. Wir haben einige Gemeinsamkeiten: Wir werden Berlin beide in einigen Monaten wieder verlassen, wir kennen kaum jemanden bis niemanden, und wir versuchen beide noch immer, den Wechsel von der Provinz in die Hauptstadt zu verarbeiten. Wir sind hier, ohne dass uns irgendjemand hergebeten oder erwartet hätte. Wir haben beide nicht viel Geld und zuhause im Süden jeweils eine Frau, die auf uns wartet. Wir sind beide froh, schon als arme Schlucker eine Frau gefunden zu haben, die auf uns wartet. Denn so können wir später einmal sicher sein, dass sie uns nicht des Geldes wegen genommen hat. Berlin ist so groß und so lebhaft und so vieles auf einmal, dass es droht, uns zu kauen und auszuspucken oder gleich ganz zu verschlucken. Deswegen erkunden wir die Stadt meist zu zweit, sind oft zusammen auf den Straßen unterwegs. Ihm gefällt es hier in Kreuzberg auch besser als dort, wo seine Verwandten leben, in Mitte und Prenzlauer Berg, hier ist mehr Leben, sagt er.

Meistens sitzen wir dann bei mir, er auf der Couch, ich am Schreibtisch, schauen uns die neuesten Instagram-Storys aus Berlin an und entscheiden dann, wo wir diesmal hingehen. Heute ist Bambi-Verleihung am Potsdamer Platz, sagt Micky, lass da hingehen. Er nimmt sein Handy, beugt sich ganz weit nach vorne, streckt das Handy weit von sich weg und ruft: Herr Clooney, Herr Clooney! Eine Frage nur. Da fällt ihm ein, dass er sich ziemlich sicher ist, letztens Colin Farrell auf der Straße gesehen zu haben. Micky ist verrückt danach, berühmte Leute in Person zu sehen, er ruft mich manchmal an, wenn es wieder passiert ist. Einmal hat er ein Foto davon geschickt, wie dieser Claas von Pro 7 sich bei irgendeinem Event am Ausgang die Schuhe band. Einmal rief er an uns meinte, Gündogan und Ter Stegen seien im Mercedes an ihm vorbeigefahren.

Von den zwei Namen ist es nicht mehr weit zur Diskussion, wer denn nun besser ist: Messi oder Ronaldo. Es wird hitzig. Ich wende eine Taktik an, die ich mir in Polittalkshows abgeschaut habe: Jetzt lass mich bitte diesen Gedanken noch zu Ende bringen, ich habe dich schließlich auch aussprechen lassen. Wir lachen dann und wissen nicht mehr, an welchem Punkt wir waren. Also gehen wir nach draußen in die kalte Nacht. „Hoch in Kreuzberg“ weiterlesen

Allein nach Berlin

Sechs Stunden Autobahn sind viel Zeit zum Überlegen. Die Strecke von Heilbronn nach Berlin ist lang, aber einfach. Im Grunde muss man auf den blauen Schildern einfach nur drei Namen hintereinander verfolgen: Nürnberg, Leipzig, dann Berlin.

Ich bin alleine unterwegs, aber die Fragen der anderen fahren mit. Warum Berlin, was willst du dort, ist es nicht viel zu weit, viel zu dreckig, also mich würde das ja jetzt gar nicht reizen. Und dann noch gleich für ein halbes Jahr, ja krass. Das Gute an diesen Fragen ist, dass sie sich mit jedem Kilometer etwas weiter entfernen. Berlin hat für mich schon immer fasziniert, auf eine Art, die nicht so einfach zu erklären ist. Zu den obigen Fragen habe ich immer irgendetwas gestammelt von der Geschichte der Stadt, die ganzen Kulturen, ach und die Mauer damals, alles so groß, so vielfältig, weisch wie ich mein. Und da ich nun mal aus Württemberg komme, entspreche ich genau dem großen Klischee: Irgendwo im Süden hat einer genug von der Provinz, will in die Großstadt und sucht sich die größte aus, will mal rauskommen und was erleben.

Bei mir ist es schon auch so, aber auch irgendwie anders. Es ist ein tieferes Interesse, fast schon ein Verlangen. War schon immer so, könnt ihr jeden fragen. Von weitem habe ich so den Verdacht, dass dort alles zusammenkommt, was Deutschland ausmacht. Wenn ich eine Dokumentation, einen Artikel, einen Film sehe, und Berlin ist entweder Thema oder Ort des Geschehens, muss ich mich damit befassen. Auf Youtube eine neue alte Spiegel-TV-Reportage über die Zustände am Kottbusser Tor, beim Essen nebenher laufen lassen, und ich bin zufrieden.

Es ist nicht meine erste Fahrt nach Berlin. Schon beim ersten Besuch wusste ich nach kurzer Zeit, dass ich eines Tages mal dort leben wollte. Mit der Zeit geriet dieser Gedanke immer weiter in den Hinterkopf, irgendwann verstummte er. Dann schloss er sich mit einem ganz ähnlichen Gedanken zusammen. Gemeinsam arbeiteten sie sich wieder in den Vordergrund, wurden zum Plan. Der zweite Gedanke heißt: Einen Roman sollte man mal schreiben. Nicht nur man, am besten ich. Auch das ist kein neuer Einfall, sondern jetzt schon einige Jahre her. Und er war etwas hartnäckiger als das Berlin-Ding. Ich setzte mich immer wieder mal hin und ging die Sache an, begann zu schreiben, verwarf die Idee, hörte auf, fing Wochen später wieder von vorne an. Dann die Einsicht: Entweder nimmst du dir eine Auszeit und setzt sich Tag für Tag hin und ziehst es durch, oder es wird nie etwas. Also was tun? Da meldete sich die Berlin-Idee wieder aus dem Hintergrund: Ich wüsste da was.  „Allein nach Berlin“ weiterlesen

Ayvacik (III)

Was vorher geschah: Im Herbst 2015 war ich für eine journalistische Hospitanz in der Türkei. Die meiste Zeit davon arbeitete ich in Istanbul. Gegen Ende meines Aufenthalts fuhr ich für zwei Tage an den Küstenort Ayvacik, der nur wenige Kilometer von der griechischen Insel Lesbos entfernt liegt und deshalb zum Anlaufpunkt für Flüchtlinge und Schleuserbanden geworden war. Ich sollte dort für eine Reportage zum Thema recherchieren. Die Zeit in Istanbul wurde in drei Teilen behandelt (1,2,3). Die Zeit in Ayvacik auch schon in zwei Texten (1,2). Jetzt kommt der dritte, die ganze Textreihe abschließende Teil.

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Das kleine Dorf vor der Ägäis hieß auf Türkisch zwar Behram, die Anwohner benutzten aber den antiken griechischen Namen Assos. Der Taxifahrer hielt mitten im Ort an und sagte, wir seien da, ich sagte ihm aber, ich müsse an den Strand. Also fuhren wir noch ein paar Kilometer weiter, und erst als ich aus dem Fenster das Meer sah, merkte ich, dass wir uns gerade auf einer Klippe befanden.

Der Fahrer stoppte am Straßenrand und sagte, er müsse mich aussteigen lassen, da es problematisch sei, mit dem Wagen ganz nach unten bis an den Hafen zu fahren. Ich ließ mir noch kurz den Weg erklären und stieg aus. Von der Landstraße ging ein kleiner Seitenweg nach links ab. Ich schlug ihn ein und blieb nach wenigen Metern stehen, denn ich konnte bereits das Meer in seiner vollen Pracht überblicken. Gegenüber, gut zu erkennen, die griechische Insel Lesbos, das Tor nach Europa. Das dunkle Gebirge erinnerte mich in seinen Umrissen an die erste Zeichnung in „Der kleine Prinz“. Sie sah aus wie ein riesiger, breiter Hut, oder eben wie eine Schlange, die einen Elefanten geschluckt hatte. Schräg hinter Lesbos ging die Sonne gerade unter, das ließ die Vorderseite der Insel verdunkeln und gab ihr gleichzeitig einen hell leuchtenden, goldenen Schweif.

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Erst auf den zweiten Blick erkannte ich die vielen Flüchtlingsboote, die gerade auf dem Weg dorthin waren. „Ayvacik (III)“ weiterlesen